Deadpool the Duck

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Sowohl Deadpool als auch Howard the Duck sind DIE Figuren der neuen Marvel-Generation, die sich humortechnisch weit außerhalb der politischen Korrektheit bewegen und damit einen bis zu ihrem Durchbruch unbeachteten Kreis an Lesern für sich gewonnen haben.

Daher ist es fast schon verwunderlich, dass die beiden bis dato nie ein gemeinsames Abenteuer erleben durften. Nun ist es aber endlich soweit und das vorprogrammierte Chaos kann in „Der Söldner mit dem grossen Schnabel“ seinen Lauf nehmen.

Es beginnt alles damit, dass der beliebte Söldner mit Persönlichkeitsstörung von SHIELD den Auftrag bekommt ein Alien dingfest zu machen, dessen Name dem Leser zunächst nicht verraten wird, beim Schnitt zum extraterrestrischen Erpel Howard aber offenbart wird: Rocket Racoon wurde Weltraum-Rabies (ich schreibe bewusst nicht Tollwut ;-)) injiziert, der ihn Amok laufen lässt. Ursprünglich miteinander befreundet, greift er nach einem zufälligen Zusammentreffen den Enten-Detektiv sofort an.

Da Deadpool dem Waschbären mit Aggressionsproblemen auf der Spur ist, dauert es nicht lange, bis er ihn aufgespürt hat. Bei dem nun stattfindenden Kampf, kommt es zu einem folgenschweren Unfall (zu komplex, um ihn genauer zu beschreiben), der die beiden Großmäuler miteinander verschmelzen lässt (wie auf dem Cover zu erkennen) und Rocket Racoon bewusstlos zurücklässt. Ab diesem Zeitpunkt hat Deadpool die Kontrolle über den Körper von Howard, der aber wie ein Geist über ihn wacht und mit ihm gemeinsam versucht das Ganze rückgängig zu machen. Dabei ziehen sie nicht immer an einem Strang und es ist alles andere als festgelegt, dass Deadpool die Kontrolle behält…

Diese Konstellation stellt sich insbesondere als schwierig heraus, als sie sich auf den Weg zu einer verlassenen Roxxon-Weltraumstation machen, um Rocket Racoon zu heilen dem Grund ihrer Verwandlung auf die Spur zu kommen. Dabei steht sich unser Heldenhybrid nicht nur selbst im Weg, indem er Rocket als potentiell neue Mütze einplant, sondern auch gebrochen deutsch sprechende Hausmeister und rabiate Bewacherinnen tun ihr Übriges, um das Chaos perfekt zu machen. Wie dieses aufgelöst wird, soll aber der geneigte Leser selbst in Erfahrung bringen.

Neben dem Plot sei aber verraten, dass man genau den Humor geboten bekommt, den man sich beim Kauf von „Deadpool the Duck“ erwartet. Ständige Auseinandersetzungen mit der inneren Stimme Deadpools, die mit Howard einen neuen Twist bekommt, die neurotisch-resignierten Monologe unserer Lieblingsente und die ständigen popkulturellen Querverweise bilden den Cocktail, den man sich gerne zu Gemüte führt, egal ob man der Fanfraktion um Deadpool, Howard the Duck oder Rocket Racoon angehört: Wirklich jeder kriegt hier was geboten.

Die von Stuart Moore geschriebene Story wird dabei mit der passenden Visualisierung durch Jacopo Camagni bestens in Szene gesetzt und verleiht den Gags durch die lebendige Dynamik seines Strichs eine noch größere Wucht. Vollgepackt mit Action, aber die subtilen Gags von Mimik und Gestik nicht vernachlässigend, liefert der gebürtige Italiener ein Highlight nach dem nächsten und damit exakt das, was Fans der beiden Anarchos erwarten.

Daher ist „Deadpool the Duck“ definitiv eine Anschaffung wert. Natürlich reißt der Band inhaltlich keine Bäume aus, aber das wird man auch nicht erwarten. Was man bekommt, ist ein Abenteuer, dass mit derbem Humor und rasanter Action zu überzeugen weiß und sich daher als kurzweiliger Snack zwischen zwei Wälzern oder als Lektüre während der Bahnfahrt eignet.

Weihnachten mit den DC-Superhelden

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Vielleicht erinnert sich der ein oder andere von euch an die alten Weihnachtsspecials, die im Fernsehen liefen und die uns bekannten Charaktere aus Serien und Filmen in ein wohlig familiäres Setting setzten. Die wohl bekannteste Version ist die von Star Wars, die bis heute auf Videoplattformen herumgeistert und uns einen gewissen Schauer vor Fremdscham über den Rücken laufen lässt.

In die selbe Kerbe mit einem anderen Medium, schlägt Panini bzw. DC Comics und veröffentlicht mit „Weihnachten mit den DC-Superhelden“ eine ganz eigene Version des Fests der Liebe, bei dem sowohl Schurken als auch Helden zusammenkommen und gemeinsam zumindest für einen kurzen Zeitraum das Kriegsbeil begraben.

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Wie bei den erwähnten Shows, gibt es auch hier einen gemeinsamen Ausgangspunkt für viele unterschiedliche Storys. In diesem Fall führt Harley Quinn ein Gespräch mit dem Leser durch die vierte Wand und leitet uns von einer Geschichte zur nächsten, die jeweils für sich selbst steht und bewusst außerhalb des Kontinuums angesiedelt ist.

Hiervon gibt es 12 an der Zahl, die von unterschiedlichen Teams in Angriff genommen und auf wenigen Seiten in sich geschlossen angefertigt wurden. Dabei setzen sich die Zeichner und Autoren aus einem bunten Gemisch aus Prominenz und Geheimtipps zusammen. Zur ersten Gruppe gehören zum Beispiel niemand geringeres als Paul Dini und Neal Adams.

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© Panini Comics

Inhaltlich hatten aber offensichlich alle Beteiligten ausnahmslose Narrenfreiheit. Wie sonst, könnte man eine Geschichte um ein Team aus Batman und einem Detektiv-Schimpansen namens Bobo kreieren? Wie würde man andernfalls auf die Idee einer Waffenruhe zwischen Flash und dem Team von Captain Cold zur Weihnachtszeit kommen? Und nicht zu vergessen die Jagd nach einer Videospielkonsole für den Superheldennachwuchs!

Ihr seht, es ist das auf Papier wahr gewordene, eben angesprochene Weihnachtsspecial, bei dem sich alle Protagonisten schlussendlich in den Armen liegen. Ich für meinen Teil konnte die aberwitzigen Eskapaden genießen und musste mehrmals herzlich über die ein oder andere Szene lachen, die als deutlicher Seitenhieb auf das Genre der Sueprhelden zu verstehen war. In diesem Sinne ist „Weihnachten mit den DC-Superhelden“ nicht nur für junge Leser geeignet (keine explizite Gewalt, wie sie heutzutage üblich ist!), sondern auch für ältere Semester eine Anschaffung wert.

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© Panini Comics

Passend zum Thema eignet sich der Band auch prima als Geschenk unterm Weihnachtsbaum, da er als Hardcover wertig rüber kommt um mit einem Preis von 14,99€ nicht zu sehr am Konto rüttelt, wenn man sich spontan für eine Kleinigkeit für seine Nächsten entscheidet. Daher eine ganz klare Empfehlung meinerseits!

Bataclan: Wie ich überlebte

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Der 13. November 2015. Ich kann mich genau daran erinnern, wie ich an diesem Abend alleine zuhause saß und mir das aus Paris übertragene Fußball-Spiel „Deutschland gegen Frankreich“ im Fernsehen ansah, als im Hintergrund plötzlich ein tiefes Wummern zu vernehmen war. Es war nur kurz zu hören und schien auf den ersten Blick vielleicht einfach ein Böller gewesen zu sein, der aus dem Block der Ultras geflogen kam. Irgendwas war jedoch seltsam. Die Blicke der Spieler, die plötzlich panischen Gesichter aus der Zuschauermenge. Etwas musste passiert sein und wurde nur Minuten später durch eingeblendete Nachrichten-Ticker und schlussendlich mit dem Abbruch des Spiels bestätigt.

Ein Anschlag hatte sich in der Stadt der Liebe ereignet, die nicht das erste Mal Opfer von verblendeten jungen Männern wurde, die ihr verkorkstes Leben mit dem Tod von Unschuldigen aufzuwerten versuchten. Zunächst  keimte die wage Hoffnung auf, dass ihr Plan gescheitert sein könnte. Es hieß es gäbe keine Toten am Stadion, als die Nachricht von einer Schießerei bei einem Konzert in der Innenstadt bekannt wurde: Das Bataclan, eine legendäre Spielstätte, in der schon unzählige Bands jeder Größe und Bekanntheit gespielt haben, wurde angegriffen, als die „Eagles of Death Metal“ ihren unbeschwerten Rock’n’Roll auf der Bühne zelebrierten. Hatte man zu Anfang die Hoffnung, dass es irgendwie glimpflich ausgegangen sein könnte, stand am Ende eine Zahl von 89 Toten und deutlich mehr Verletzten im Raum, die nicht nur körperliche Wunden davontrugen. Unter Ihnen befand sich an dem verhängnisvollen Abend auch der Zeichner Fred Dewilde, der wie so viele andere einfach eine gute Zeit mit Freunden und Gleichgesinnten erleben wollte.

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© Fred Dewilde / Panini Comics

Hatte man als Betroffener „nur“ die Möglichkeit einer Therapie und vergleichbarer Hilfsmöglichkeiten, konnte sich Dewilde sein Trauma zumindest in Teilen von der Seele schreiben und in einer aufwühlenden Graphic Novel mit dem Zeichenstift verarbeiten, die unter dem Titel „Bataclan: Wie ich überlebte“ bei Panini Comics erschienen ist.

Hier braucht er nicht viele Seiten, um die Schrecken, die er miterleben musste darzustellen. Umso eindrücklicher wirken die Panels, die in ihrer Darstellung dem Leser sofort die Kehle zuschnüren. Kennt man durch Konzertfotos und Mitschnitte der letzten Minuten des Konzerts vom 13.11. den Aufbau der Halle, wird dieser nun mit den Toten, Verletzten, Terroristen und Polizisten gefüllt, die das Geschehene greifbarer für Außenstehende machen. Dabei setzt er nicht auf bitteren Realismus, sondern schafft es zum Beispiel die Terroristen durch ihre Darstellung als Skelette (vier an der Zahl und damit Symbol für die Apokalyptischen Reiter) zu entpersonalisieren und nicht den Raum zu geben, den sie beansprucht haben. Es bleibt nur ihre Tat als Mörder. Dafür rücken die Verletzten, die der Zeichner in dem Chaos getroffen hat in den Vordergrund und thematisieren damit stellvertretend die Hoffnung und den Zusammenhalt in einer schier unvorstellbar schrecklichen Situation, die zuvor völlig Fremde auf ewig zu einer Einheit zusammenschweißte. Hierbei verzichtet Dewilde auf ausufernde Gewaltdarstellungen und konzentriert sich auf für ihn bedeutende Momente, die ein Blick, ein Gefühl oder ein Geräusch sein können, die wiederum ein Gesamtbild ergeben, dass ihn im Verarbeitungsprozess des Traumas leiten konnte. Besonders deutlich wird es auf der letzten Seite des gezeichneten Teils des Bandes, in dem der Künstler alleine auf dem Weg nach Hause und damit real in Sicherheit ist.

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© Fred Dewilde / Panini Comics

Um seine Gedanken beim Entstehungsprozess, seine Gefühlslage in den Tagen und Monaten nach dem Anschlag und seine Gedanken um das soziale, politische und mediale Prozedere, dass diesem Tag folgen sollte zu verstehen, folgt der Graphic Novel ein deutlich längerer Textteil, der genau diese erwähnten Aspekte ergründet. Hierbei wird sehr deutlich, dass die Erlebnisse wie in den Verstand tätowiert sind und sich nur langsam lösen, um ein zumindest im Ansatz normales Leben zu ermöglichen. Dieses muss offensichtlich fast schon neu erlernt werden. Abläufe, Reaktionen und der Umgang mit der Umwelt müssen, wie zum ersten Mal justiert werden. Ein ergreifend ehrliches Porträt des Innenlebens eines Überlebenden, der stellvertretend für zu viele andere Opfer sinnloser Gewalt steht, aber durch sein Talent ein Licht auf etwas eigentlich unbegreifliches wirft und damit der Außenwelt neben Mitleid auch Verständnis abringen kann, dass in seiner Mixtur aus Wort und Bild an Intensität wohl mit keinem anderen Medium vergleichbar ist.

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© Fred Dewilde / Panini Comics

Crossed – Monster Edition: Band 1

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Hart, härter, Crossed. Anders als mit dieser Steigerung, kann man die Eskalation an Gewalt auf den knapp 400 Seiten nicht beschreiben. Aber eins nach dem anderen. Mir fiel die Serie schon früh in der „Panini Vorschau“ dadurch auf, dass die Cover der jeweiligen Ausgaben gerne geschwärzt und mit dem Hinweis auf eine Altersempfehlung von 18+ versehen wurden.

Als großer Fan von Horror- und Splatter-Filmen wurde meine Neugier zwar geweckt, aber aus mir bis heute unerklärlichen Gründen, habe ich mich nie dazu durchgerungen einen Blick in „Crossed“ hinein zu werfen. Natürlich war mir der Name Garth Ennis bekannt, obwohl das bis dato einzige Werk, dass ich von ihm gelesen habe „Rover, Red, Charlie“ war. Aber selbst die seltsam anmutende Geschichte um drei Hunde, die sich durch die Postapokalypse kämpfen, hat schon viel von den typischen Elementen einer Ennis-Erzählung gehabt, die man auch in der berühmtesten Reihe des Iren wiederfindet: beißender schwarzer Humor und Gewalt bis zur Schmerzgrenze.

Worum geht es nun in diesem „Monsterband„, der die Hefte #0 bis #09 von „Crossed“ und #1 bis #07 von „Crossed: Family Values“ umfasst? Zunächst kommt einem das vertraute Gefühl einer Zombie-Apokalypse à la „The Walking Dead“ in den Sinn, welches sich aus überraschten Unbeteiligten und nach Fleisch gierenden Infizierten zusammensetzt. In diesem Fall sind erstere die Besucher eines Diners und den zweiten Part übernimmt ein mit dem Kreuz (das Erkennungszeichen der Kranken) gebrandmarkter Mann, der mit breitem Grinsen im Gesicht einen blutigen Beckenknochen, samt Wirbelsäule auf dem Tresen präsentiert. Nun folgen Ereignisse im Sekundentakt, die darstellen, wie schnell sich die Seuche ausbreitet und nur Momente zuvor friedfertige Mitmenschen in blutrünstige Monster, mit einem unstillbaren Verlangen nach Sex und Tod verwandelt.

In diesen ersten Szenen lernen wir auch einige der Hauptcharaktere kennen, die wir mit dem Beginn der Haupthandlung, einige Monate nach dem Ausbruch, in einem Kampf ums blanke Übeleben erneut begegnen. Diesen bestreiten sie auf dem Weg in den Norden der USA, wo sie sich einen weniger besiedelten und damit sichereren Landstrich erhoffen. Der Weg dorthin scheint jedoch schlimmer zu werden, als jegliche Vorstellung der Hölle. Angefangen bei Erkenntnissen, die die Übertragung der Krankheit betreffen (Körperflüssigkeiten müssen sich offensichtlich nicht nur auf Blut und Speichel beschränken), über die Feststellung, dass die Infizierten ihre Intelligenz und gewisse Kenntnisse beibehalten haben, diese jedoch für den größtmöglichen Schaden nutzen, bis hin zu Gewaltakten, die Snuff-Pornos zu einem Abend mit dem Sandmännchen degradieren – diese Welt ist zum wahr gewordenen Albtraum mutiert, der es sogar schafft, sich bis zum Schluss in allen Belangen zu steigern.

Dabei schreckt Ennis nicht vor Themen zurück, die andere bis zu dieser Lektüre vielleicht noch nicht einmal auf dem Schirm hatten. Ob Kannibalismus und damit in Zusammenhang gebrachter Kindsmord, Gruppenvergewaltigungen, die in Exekutionen münden oder einfach generell die schlimmsten Todesarten, die man sich vorstellen kann. Der Autor entfernt jeden moralischen Filter, den man sich als Schreiber auferlegen könnte und ballert eine perverse Szene nach der anderen raus. Was dabei in meinen Augen aber zu kurz kommt, ist die Charakterentwicklung, die hinter der Splatter-Atmosphäre zu verschwinden droht. Es gibt zwar einzelne Figuren, die offensichtlich einen Ankerpunkt für den Leser darstellen sollen, aber durch ihre recht flache Strukturierung nicht über den Wiedererkennungswert anhand einer Frisur oder eines Accessoires hinweg kommen. Eigentlich ziemlich schade, wenn man bedenkt, wie emotional aufgeladen eine Ennis-Story wie das erwähnte „Rover, Red, Charlie“ sein kann.  Dem kann leider auch nicht der Zeichner Jacen Burrows etwas hinzufügen. Zwar geht der Mann in den Details jedes erschreckenden Panels auf und platziert diese mit einem Augenzwinkern, welches man oft erst bei genauerer Betrachtung entdeckt, aber mehr als das Standardrepertoire, samt fehlender individueller Note ist trotz allem nicht zu finden. Man soll mich dabei bitte nicht falsch verstehen. Burrows beherrscht sein Handwerk, aber die Bilder können die fehlende emotionale Tiefe nicht wett machen. In diesem Sinne ist es vielleicht Jammern auf hohem Niveau, sollte aber erwähnt werden.

Leider sieht es auch im zweiten Teil des Bandes mit dem Titel „Family Values“ nicht anders aus. Da Ennis mit seinem Teil die Geschichte von „Crossed“ als abgeschlossen erachtet hat, übergab er die von ihm erschaffene Welt an andere Autoren und Zeichner, die die Leser mit anderen Figuren und Settings versorgen sollten. In diesem Fall schrieb David Lapham eine mit typischen Horror-Elementen aus dem Mittleren Westen der USA befüllten Story-Strang, der in Teilen sogar in moralisch noch tiefere Abgründe steigt, als man es nach der bisherigen Lektüre annehmen könnte. Das Ganze fängt auf einer Pferderanch an, die von einem tief religiösen Familienoberhaupt geführt wird, der seine sakralen Überzeugungen hinten anstellt, wenn es um seinen Sexualtrieb gegenüber seinen Töchtern geht. Da dieser reale Alptraum nicht reicht, wird die mit dem Kreuz gezeichnete Horde auf die Siedlung um das Gestüt losgelassen. Ein Großteil der Familie überlebt zwar, aber die großen Themen Inzest und Tod beherrschen die Handlung bis zum bitteren Schluss…

Gezeichnet wurde dieser Teil von Javier Barreno, der es durchaus mehr versteht Gefühle in die Mimik und Gestik der Protagonisten zu legen, es aber trotzdem nicht schafft das Korsett aus Blut und Verdammnis auf eine zumindest visuell höhere Ebene zu hieven. Vielleicht ist diesbezüglich meine Anspruchshaltung einfach eine andere, als bei Lesern, die exakt solche Kost suchen. Trotzdem denke ich, dass es möglich gewesen wäre, die Perversion der vorliegenden Geschichten auch mit den beiden Zeichnern in eine interessantere Richtung zu bewegen, die weiterhin schockiert, aber nicht nur vom „hab ich das wirklich gerade gesehen?“-Moment lebt. Man kann sogar sagen, dass man mit jeder Seite etwas weiter abstumpft und daher noch weniger in der Lage ist mit den Helden der Geschichte mitzufiebern oder mit ihnen zu trauern, da sie vom Gefühl her ohnehin jederzeit sterben könnten. Wie das Ganze dann abläuft, verliert selbst bei vollkommen überdrehten Momenten seinen Reiz und driftet in ein Gefühl der Belanglosigkeit ab. Ein passendes Sinnbild wäre wohl einen B-Movie-Splatter anzusehen, der sich über mehrere Stunden hinzieht. Am Anfang vielleicht spannend, aber spätestens bei der Hälfte scheint alles wichtige durch zu sein.

Daher verstehe ich zwar jeden Fan der Reihe, die aufgrund ihrer Extremität auch in heutigen Zeiten schocken kann, würde aber jedem Neueinsteiger empfehlen im nächsten Comicshop in „Crossed – Monsterband: Band 1“ rein zu blättern und sich selbst darüber Gedanken zu machen, ob es dem eigenen Geschmack entspricht. Ich für meinen Teil wurde zwar durchaus gut unterhalten, aber in dieser Masse von über 400 Seiten wird aus dem wohligen Horror-Snack, dann doch schnell eine Übersättigung.

 

Trinity 1: Gemeinsam Stark

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Das Dreiergespann um die drei großen Ikonen von DC-Comics ist wohl den meisten Comic-Lesern bekannt und sollte spätestens mit dem aktuellen Justice League-Film auch bei der breiten Masse angekommen sein. So kann der Zeitpunkt einer Veröffentlichung kaum besser gewählt worden sein, um mit „Trinity: Gemeinsam Stark“ eine Schar an neuen Lesern an die ungleiche Gemeinschaft heranzuführen und alte Hasen mit einer neuen Seite des Teams zu überraschen.

Das geschieht dabei nicht einfach nur mit einer frischen Geschichte, sondern als kompletter Reboot im Zusammenhang mit dem serienübergreifenden „Rebirth„-Event, welches die Uhr auf die Zeit vor den „New 52“ zurück dreht und alte Bekannte in einem neuen Licht erscheinen lässt.

So stammt der „neue“ Superman, der nach dem Tod des aktuellen Manns aus Stahl seinen Platz eingenommen hat, aus einer anderen Realität, die deckungsgleich mit dem Status Quo vor 2011 ist (ergo vor der Rücksetzung aller Nummern auf #1). Im Gegensatz zum Verstorbenen, ist er schon lange mit der Reporterin Lois liiert und zieht mit ihr zurückgezogen auf einer Farm seinen Sohn Jonathan auf.

Um den Neuankömmling genauer in Augenschein zu nehmen, warten Wonder Woman und Batman mit einem Besuch in zivil auf. Dabei loten sie Parallelen und Unterschiede aus, zeigen sich von den aufkeimenden (aber noch kaum zu kontrollierenden) Kräften des Nachwuchses überrascht und tasten sich an eine neue Partnerschaft heran, die schlussendlich wohl zu genau dem gleichen Gebilde führen soll, wie schon Jahre zuvor.

Zunächst scheint alles normal zu verlaufen, aber wir würden ja keine DC-Geschichte lesen, wenn nicht irgendetwas unerwartetes geschehen würde, dass gefühlt die halbe Welt aus den Angeln hebt. Genau das passiert, als die drei einer Stimme in den Schuppen auf dem Gelände der Farm folgen und sich plötzlich in einem entscheidenen Moment in der Vergangenheit des Kryptoniers wiederfinden. Clark begegnet hierbei seinem jüngeren ich und seinem Ziehvater, der das erwachsene Ebenbild seines Sohnes nicht erkennt. Diese Konstellation zieht natürlich einen emotionalen Faden nach sich, der durch die gesamte Geschichte führt, die den Leser und die Figuren daran zweifeln lässt, was real und was Fiktion ist. Dabei bleibt es nicht bei einem Ausflug in Supermans Vergangenheit, sondern auch schicksalhafte Momente des dunklen Ritters und der Amazonen-Prinzessin werden ausführlich behandelt und in den eben erwähnten surrealen Kontext gesetzt, der eine unerwartete Auflösung mit sich bringt…

Dafür verantwortlich ist der Ausnahmekünstler und Autor Francis Manapul, der mit seinem lebendigen Stil, die Story mit dem Leben füllt, dass aufgrund seiner zwei Arbeitsbereiche, genau dem Bild entspricht, welches er zuvor in seinem Kopf hatte. In dem Zusammenhang bin ich ein großer Fan von Projekten, in denen Autor und Zeichner ein und dieselbe Person sind. So wird exakt das vermittelt, was sich vorgestellt wurde und damit die reinste Form dessen, was man Ursprungsidee nennen könnte.

Diese ist in diesem Fall durchaus unterhaltsam gestaltet worden und lässt den emotionalen Tiefen der Figuren schön viel Raum. Trotzdem kommt die ein oder andere Stelle vor, die mehr nach „ich muss irgendwas einfügen, damit es weiter geht“ riecht, als nach durchdachtem Storytelling. Natürlich ist es auch bei einer Superheldengeschichte (mit einigen Ausnahmen) nicht der explizite Anspruch, aber es sollte der Ehrlichkeit halber trotzdem erwähnt werden. Insbesondere die Auflösung des sich zu Anfang aufbauenden Geheimnisses scheint ein wenig konstruiert, macht das Gesamtwerk aber trotzdem nicht weniger kurzweilig.

In diesem Sinne kann ich den ersten „Trinity“-Band den DC-Jüngern durchaus empfehlen. Neueinsteiger sollten zumindest schon eine Ahnung von den drei Hauptfiguren haben, weil sich sonst recht schnell etwas Verwirrung einstellen könnte. Darüber hinaus findet man hier jedoch eine neue und unterhaltsame Serie, die sich auf Altbekanntes verlässt und damit als „crowd-pleaser“ auf Nummer sicher geht!

 

Viel Lärm um Deadpool

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Wer von euch musste nicht schon mal in der Schule oder im Studium mit den Texten von Shakespeare arbeiten? Es ist zumindest ein seltener Fall, wenn man nicht mindestens ein mal im Leben über eines seiner Werke gestolpert ist.

Es ist unbestritten, dass sein Schaffen wichtig, aber insbesondere für jüngere Leser schwer zugänglich ist. Um Abhilfe zu schaffen, machte sich vor geraumer Zeit der Autor Ian Doescher daran, das gesamte Star Wars-Universum durch den verbalen Shakespeare-Fleischwolf zu drehen, an dessen Ende eine urkomische Version der Weltraumsaga herauskam, die in Deutschland die ersten drei Abenteuer umfasst (unbedingte Empfehlung das Ganze auf Englisch zu genießen!).

Nun hat sich Doescher (mit dem Zeichner Bruno Oliveira) das erste Mal an einen Comic gewagt und dafür gleich mal die Figur ausgesucht, die sich wohl am meisten für Klamauk eignet: Deadpool!

Mit dem passendern Titel „Viel Lärm um Deadpool“ (wohlgemerkt ohne Story-Elemente der Orignal-Geschichte „Viel Lärm um nichts„) wacht unser Held(?) in einer überzeichneten Welt des 16. Jahrhunderts aus, die in ihrer Absurdität in Teilen an Alice in Wunderland erinnert. Dabei kann er nicht anders, als in der Art zu sprechen, wie sie für Shakespeares Stücke üblich war und stolpert fast sofort in den Mischmasch der Geschichten, die man wohl auch ohne viele Vorkenntnisse beim Namen kennen sollte. Ob Romeo und Julia, Macbeth oder Hamelt – die groben Züge oder im schlimmsten Fall die Verfilmungen werden bekannt vorkommen und lassen selbst Lesemuffel nicht gleich alt aussehen.

Vor allem wird nicht allzu tief in die Materie eingetaucht und selbst diese ist durch die Verwirrung Deadpools und seine Interaktion zwischen Mordlust und Geilheit so verwischt, dass man der Handlung für sich alleine Folgen kann. Natürlich macht die Lektüre dabei aber nur halb so viel Spaß und weil es den Machern auch aufgefallen zu sein scheint, wurde dem Band ein fülliger Teil an Bonusmaterial spendiert.

Dieser beinhaltet nicht nur ein interessantes Interview mit dem Autoren zur Entstehungsgeschichte des Comics und seiner generellen Arbeit, eine Story auf Shakespeare umzumünzen, sondern auch eine Biografie zu Shakespeare und angenehm detaillierte Informationen zu all den Stücken, auf die im Laufe von „Viel Lärm um Deadpool“ verwiesen wird.

Als Gesamtpaket ist dieser Band daher gleich mehreren Gruppen ans Herz zu legen. Zum einen offensichtlich die Deadpool-Fans, die es ohnehin gewohnt sind dem Charakter in irrwitzigen Situationen zu begegnen. Zum anderen denjenigen, die die originalen Shakespeare-Stücke kennen und daher den ein oder anderen Gag etwas schneller erfassen. Und schlussendlich den zahlreichen Ian Doescher-Lesern, die es nicht erwarten können, bis die restlichen Star Wars-Bücher ihren Weg in deutsche Läden finden und auch offen den ersten Gehversuchen im Bereich der Comics gegenüberstehen. In diesem Sinne lohnt sich faktisch für (fast) jeden ein Blick hinein und lässt auf weitere Veröffentlichungen in diesem Stil hoffen!

 

Old Man Logan – Band 4

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Es ist schon wieder soweit und ich kann mich wirklich nur wiederholen: Die Old Man Logan-Serie (Bd. 1, 2, 3) ist eine der besten Comic-Reihen, die in den letzten Jahren verlagsübergreifend erschienen ist. Es ist schier unglaublich, wie es Jeff Lemire schafft die Qualität der Geschichten auf einem konstant hohen Level zu halten, während der Zeichner Andrea Sorrentino auf jeder Seite die Grenzen dessen ausreizt, was das Medium Comic ausmacht.

In dieser Runde ist der sieben US-Hefte umfassende Band in zwei Story-Stränge unterteilt, die sich bezüglich Stimmung, Optik und Setting extrem unterscheiden, dadurch aber die Bandbreite dessen aufzeigen, was man mit der Figur und ihrer Welt alles anstellen kann.

Im ersten Teil wird Logans alte Freundin Jubilee vermisst, deren Spur ins ferne Rumänien führt. Dort trifft der ehemalige X-Man auf eine Spezialeinheit, die gefühlt einem Kuriositäten-Zirkus entstammt. Ein amphibisches Alien, ein Werwolf (der sich Warwolf nennt), ein zum Killer ausgebildeter Affe und ein paar andere Freaks der selben Größenordnung.  Mit diesen versucht Logan nun seine Freundin aus einem Schloss zu befreien. Nun denkt über den Schauplatz nach und ihr könnt sicherlich erraten, gegen wen die seltsame Gruppe in den Kampf ziehen muss…richtig: Dracula!

Der Plot klingt zunächst wie ein Witz, spielt aber bewusst mit Trash-Klischees und schöpft tatsächlich auch reichlich aus der Marvel-Historie, in dem die ein oder andere Figur aus den längst vergessenen Experimentier-Phasen des Verlags ausgegraben wird. Als Ganzes eine sehr unterhaltsame Story, die als One-Shot überzeugt und Lust auf weitere kleine Episoden aus der Welt des alternden Wolverine macht.

Ihr schließt sich als Kontrast-Programm eine Geschichte aus der „Old Man Logan„-Kontinuität an die, so viel darf man vorausschicken, die Messlatte wieder ein Stück höher hängt. Wir begegnen unserem Helden plötzlich in der ursprünglich zurückgelassenen „Einöde“ wieder, die das Ursprungs-Universum des Charakters darstellt und diesen dementsprechend irritiert zurücklässt. Seine letzten Erinnerungen beziehen sich auf einen Notfalleinsatz auf einer Raumstation. Trotzdem überschneiden sich parallele Erinnerungen einer veränderten Realität der Gegenwart mit Ereignissen aus der Zukunft. Was ist real? Was Fiktion?

Mit diesen Fragen stürzt man sich als Leser mit Logan in eine fast schon an den Film „Inception“ erinnernden Plot, der nichts vom Ausgang vorausnimmt, der die Spannung ersticken könnte. Sorrentinos meisterhafte visuelle Umsetzung tut ihr Übriges, indem Panels gekonnt als Spiegelbilder verschiedener Realitäten vermengt werden, Überschneidungen über das klassische „gleiche Figur im selben Winkel auf verschiedenen Seiten“-Rezept hinaus gehen und Farben nicht als reines Mittel zum Zweck verwendet werden.

Diese Mixtur ergibt eine unglaublich spannende Geschichte, die mich ungeduldig mit den Hufen bis zur Fortsetzung im Februar nächsten Jahres(!) warten lässt. Eine erneut klare Empfehlung an alle bisherigen Leser und die es noch werden wollen. Sollte man sich für eine Anschaffung entscheiden, sollte man jedoch schnell sein. Der vorherige Band ist verlagsvergriffen und das aus gutem Grund!

ÜBER: DAS LETZTE AUFGEBOT – Band 3

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Ich bin wieder da! Entschuldigt bitte die längere Abstinenz, aber die letzten Wochen haben bei mir privat sowohl Zeit als auch Nerven gekostet. Zwar denkt man sich vielleicht, dass Semesterferien die perfekte Zeit sind um zu entspannen und sich von Stress und Verantwortung abzukapseln, aber weit gefehlt.

Ein verpflichtendes Praktikum, kombiniert mit regulärer Arbeit (Miete muss bezahlt werden), resultieren in über 50 Stunden pro Woche, die ich zu keinem Zeitpunkt für mein liebstes Hobby nutzen konnte. Wochenenden fielen aus familiären Gründen regulär flach.

Wenn ich es doch mal versucht habe, endete es meistens in Erschöpfungszuständen wie Übelkeit und Kopfschmerzen, aber hey: Alles ist temporär! 😉

Nun beginnt das neue Semester und damit tatsächlich weniger Stress (klingt verrückt, ich weiß). Nach dem in der Zwischenzeit erfolgten „Rechtsruck“ im Bundestag in Deutschland und dem Nationalrat in Österreich, habe ich mit dem folgenden Band wohl den perfekten Einstieg in eine neue Phase von ZOMBIAC gewählt: Über – Das letzte Aufgebot, welches bei Panini Comics mit dem dritten Band noch tiefer in die fiktiven Geschehnisse eines zweiten Weltkriegs einsteigt, der in der vorliegenden Version wohl als „alternatives Historiendrama“ bezeichnet werden kann.

Um eure Erinnerungen bezüglich der zwei Vorgänger-Bände (Bd.1, Bd.2) aufzufrischen, möchte ich euch einen kleinen Rückblick geben. Die deutsche Wehrmacht hat einen Weg gefunden ihre Soldaten in mit übermenschlichen Kräften ausgestattete „Panzermenschen“ zu verwandeln, die mit ihrer zerstörerischen Macht hunderte „normale“ Kämpfer ersetzen können. Um den „Endsieg“ schneller zu erreichen, versorgen die Nazis darüber hinaus ihre Verbündeten in Japan mit der streng geheimen Rezeptur, die die Alliierten in Zugzwang versetzt. Diese schaffen es durch Spionage und Eigenkreationen ihre eigenen „Monster in Menschengestalt“ zu erschaffen und in die Schlacht ziehen zu lassen.

Diese wird an verschiedenen Orten des realen Kriegsgeschehens ausgetragen und findet immer wieder unterschiedliche Ausgänge, die die Story im Eiltempo vorantreiben.

Auch im dritten Band bleibt Kieron Gillen als Autor seiner Linie treu und treibt den Leser von einer Kampfhandlung zur nächsten, die dazwischen von Enthüllungen und Strategie-Plänen begründet wird. Dabei fällt einem immer wieder auf, wie sehr das Konstrukt kurz davor steht in den Bereich des Trash abzuwandern. Wegen quasi nicht existenter Bezugnahme zu den echten Verbrechen während des Weltkriegs und vollkommen übertriebener Gewaltexszesse (die auf die Kräfte der mutierten Menschen zurück zu führen sind), beschleicht einen regelmäßig ein unangenehmes Gefühl in der Bauchgegend.

Darf man so an die Thematik herangehen? Wo verläuft die Grenze zwischen Entertainment und Respekt vor den Opfern? Wo setzt man die richtigen Akzente, um darzustellen, dass die Nazis die Katastrophe des 20. Jahrhunderts zu verantworten haben?

Beides scheint für Gillen nicht ganz einfach zu sein, da man oft den Eindruck hat, dass man als Zuschauer einem Kampf des Kampfes willen beiwohnt und nicht einer Schlacht um die Zukunft der halben Welt. Insbesondere die Ideologie der Faschisten rückt fast gänzlich in den Hintergrund, während primär mit den Hauptakteuren wie Hitler, Goebbels und Co. hantiert wird. Es ist ein gefährliches Spiel, wenn man sich darauf verlässt, dass der Leser gebildet genug ist, um zu wissen, dass diese Personen unfassbares Leid verursacht haben. Natürlich hat die gesamte Reihe (auf 120 Einzelhefte ausgelegt) nicht den Anspruch ein politisches Medium zu sein, aber eine andere Akzentsetzung hätte dem Ganzen sicherlich gut getan. Zwischen den einzelnen Kapiteln merkt man Gillens Gedanken zum Schaffungsprozess durchaus an, dass ihm seine Gratwanderung bewusst ist, aber eine konsequente Umsetzung seiner Ängste vor der Grenzüberschreitung in Taten bleibt er den Lesern schuldig.

So vergisst man bisweilen, dass es sich bei „Über“ um eine veränderte Geschichtsschreibung des zweiten Weltkriegs handelt, während der Ursprung der „Panzermenschen“ und ihren Abwandlungen erklärt wird.

Es wirkt in dem Zusammenhang wie das Spiel eines vom Gesamtkonzept dieser Zeit faszinierten Teenagers, der sich zwar auf Fakten stützt, aber sich am Ende doch zu sehr in die eigene Fan-Fiction fallen lässt. Hatte man am Anfang der Reihe noch das Gefühl sich im Rahmen realer Ereignisse mit fiktivem Ausgang zu bewegen, könnten die Geschichte aktuell auch auf einem fremden Planeten spielen.

Immer wieder eingesponnene Cliffhanger lassen einen zwar weiterblättern, aber der zu Anfang hochgehaltene Gedanke zur Entstehung der Reihe verliert sich immer mehr. Ich für meinen Teil, werde „Über“ weiterhin verfolgen, hoffe aber, dass die Geschichte zur anfänglichen Stärke zurück findet und sich nicht schlussendlich in belanglosen Massakern und wild eingestreutes Namedropping verirrt, bevor sie in der Bedeutungslosigkeit versinkt.

 

Mark Millar Collection 4: Genosse Superman

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Nachdem wir Mark Millars wahnsinniges Genie in reinen Eigenkreationen wie Wanted und Kick-Ass bewundern durften und sahen wie er auch im Superhelden-Korsett mit Wolverine eine gute Figur macht, kommen Leser endlich in den Genuss das legendäre „Genosse Superman“ in der Mark Millar-Collection von Panini eingeordnet zu sehen.

Wie Fans sicherlich wissen, ist es für Autoren und Zeichner schwierig eigene Ideen in ihre Werke einfließen zu lassen, ohne von Verlagen die Pistole auf die Brust gesetzt zu bekommen. Kein Wunder, wenn bei Figuren wie Superman eine gigantische Maschinerie im Hintergrund läuft, die nur darauf bedacht ist, die breite Masse an Lesern zufrieden zu stellen.

Um dabei nicht als reine Fabriken ohne real kreativen Output zu gelten, wird den Kreativen manchmal ein kleines Fenster in die „Elseworld“ geöffnet, in der sie sich fast gänzlich nach Belieben austoben dürfen und der Fantasie keine Grenzen setzen müssen. So ein Fall liegt auch hier vor. Wie der Titel schon mehr als deutlich zu verstehen gibt, erleben wir den Mann aus Stahl nicht als Vertreter der „Stars and Stripes“, sondern Hüter von Mütterchen Russland oder genauer gesagt der Sowjetunion unter Stalin. Wie kommt es dazu?

Wie Mark Millar mal selbst anmerkte, brauchte es eventuell nur einen späteren Zeitpunkt des Eintritts der Rettungskapsel in die Erdatmosphäre mit dem kleinen Kal-El an Bord, um die Weltgeschichte neu schreiben zu müssen. Wie in einem Spiegelbild des uns bekannten Universums, wird der Kryptonier nicht von Farmern in Kansas, sondern von Bauern in der Ukraine großgezogen. Hier erfährt er ebenso die Liebe einer Familie und stellt seine Kräfte im Erwachsenenalter primär dem Wohle der Menschheit zur Verfügung und erst im zweiten Schritt dem Staat. Das Zünglein an der Waage ist jedoch der Wille Stalins den Stählernen offiziell in den Dienst der UdSSR zu stellen, was Superman gerne annimmt und damit parallel den Zorn der Führungsriege auf sich zieht.

Solche Momente machen unter anderem den Reiz der Geschichte aus, die von jedem anderen Autoren in eine klischeehafte „die bösen Russen/die guten Amerikaner“-Storyline gepresst worden wäre. Millar schafft es jedoch Grautöne einfließen zu lassen, die den brutalen Zwang und die Entbehrungen eines Lebens unter sowjetischer Herrschaft nicht verharmlosen, die Idee des Kommunismus und die Feindschaft mit den USA aber auf eine Ebene jenseits von Propaganda-Schlachten hieven.

Verstrickungen beider Seiten in Machenschaften abseits moralischer Überlegungen und Ausflüge in philosophische Sphären der Moral, tun ihr Übriges um eine ausgewogene Erzählung zu ermöglichen. Als Sahnehäubchen werden reale politische Umstände verändert. Ein Faktum, welches selten in Veröffentlichungen aus dem Haus DC fließt und darum umso mehr hervorzuheben ist. Ein erschossener Nixon, ein mit Marilyn Monroe liierter JFK, sowie ein ihm nachfolgender Lex Luthor bilden dabei nur den äußeren Rahmen einer mit unzähligen Referenzen gefüllten Geschichte.

Auch innerhalb des Kontinuums wird ordentlich der Löffel gerührt, wenn Batman als Rächer im Untergrund gegen das sowjetische Regime kämpft und dabei den ein oder anderen Nachahmungstäter inspiriert, Wonder Womans Sippschaft zumindest anfangs mit Stalin paktiert und Green Lanterns Kräfte einen militärischen Twist spendiert bekommen.

Verdammt ambitioniert und doch erstaunlich funktionsfähig. Es ist immer gefährlich mit realen geschichtlichen Ereignissen zu hantieren, wenn der ursprüngliche Gedanke um eine Figur keine (offen) politischen Färbung hatte. Mark Millar hat sich getraut dort anzusetzen und genau deswegen dürfen wir uns über eine der besten Superman-Storys aller Zeiten freuen, die wohl leider erst außerhalb der üblichen Geschehnisse angesiedelt werden musste, damit sie durchgewunken werden kann. Wenn man so eine spannende und intelligent gestrickte Handlung liest, kommt man nicht umhin den Verlag für seine vorsichtige Herangehensweise zu verfluchen, doch solange regelmäßig ein solcher Diamant auf den Markt geworfen wird, halte ich noch die Füße still. (Einen ähnlichen Weg scheint übrigens auch die DC-Filmsparte eingeschlagen zu haben. So wurde offiziell bestätigt, dass in Zukunft One-Shots außerhalb des Cineverse veröffentlicht werden, an denen sich Regisseure fast nach Belieben austoben dürfen.)

Als Bonus (wie bei all den anderen Collection-Releases) dürfen wir uns über Konzeptzeichnungen und Sketche freuen, sowie einem Vorwort von Tom Desanto, seines Zeichens Regisseur der ersten beiden X-Men-Filme. Alles in allem bekommt ihr damit ein Paket geschnürt, welches sich zum einen als Hardcover wunderbar im Regal macht und zum anderen ein Muss für jeden Comic-Leser darstellt. Auch ich bin kein großer Fan des Boyscouts in blau, wurde aber ab der ersten Seite überzeugt. Also nichts wie hin zum Comic-Shop eures Vertrauens!

SPIDER-MAN PAPERBACK 2: VON SHANGHAI BIS PARIS

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Ich persönlich gehöre noch zu der Generation an Spidey-Fans, die dermaßen mit der immer wieder aufgewärmten Rahmenhandlung um den Netzschwinger verschmolzen sind, dass alles jenseits von „bettelarmer Peter Parker„, „naiv-schrullige Tante May“ und „keifender J. Jonah Jameson“ schier abwegig erscheint. Selbiges gilt für Schurken, die sich nicht aus dem klassischen Kanon bis in die 90er speisen.

Nun ist mir der neueste Spider-Man-Run in Form des aktuellsten Trade-Paperbacks mit dem Namen „Von Shanghai bis Paris“ in die Hände gefallen, welches wohl Puristen und Leute, die sich länger nicht mehr mit der Figur beschäftigt haben, verdammt verwundern sollte, was wiederum nicht über die Qualität des Werks aussagt. Aber eins nach dem anderen.

Wir befinden uns hier schon beim zweiten Sammelband und damit mitten im Geschehen. Peter ist schon seit geraumer Zeit kein am Hungertuch knabbernder Fotograf, sondern Geschäftsführer seines eigenen Unternehmens, welches natürlich „Parker Industries“ heißt. Mit diesem versucht er mit modernster Technik die Welt zu einem besseren Ort zu machen und unterstützt dabei sogar ganz offiziell seinen Alter Ego Spider-Man bei der Verbrechensbekämpfung.

Diese Hilfe kann unser Wandkrabbler in diesem Abenteuer auch dringend gebrauchen, wenn er gegen die Zodiac-Organisation in den Ring steigt, die wie der Name andeutet ihre Outfits und bisweilen Kräfte auf Basis von Sternzeichen fußen lässt. Dabei ist diese Bande unter der Führung von Zodiac (ja, der Anführer wollte wohl seine Duftmarke auch in Bezug auf den Gruppen-Namen setzen) auf der Suche nach einer geheimnissvollen Macht, die ihr nicht nur unermesslichen Reichtum, sondern auch Wissen zur Verfügung stellen soll, welches für unseren Helden auf persönlicher Ebene gefährlich werden könnte. Daher scheut Spidey auch keinen Weltraumausflug mit Nick Fury, um schlimmeres zu verhindern, aber mehr soll aufgrund von Spoiler-Freiheit nicht verraten werden.

Dafür gibt es Infos zur zweiten Storyline, die Mr. Negative in den Mittelpunkt stellt. Dieser chinesische Bösewicht hat die Macht, alle die ihn berühren unter seine Kontrolle zu bringen. Leider gehören dazu auch Cloak und Dagger, die unerbittlich gegen alle Feinde des Superschurken vorgehen. Dabei machen sie auch keine Ausnahmen für die freundliche Spinne aus der Nachbarschaft, die für die Rettung ihrer Freunde auch mal ans andere Ende der Welt reist. Die beiden kriegen im Übrigen demnächst ihre eigene TV-Serie spendiert, also haltet Ausschau! 😉

Geschrieben wurden beide Geschichten von Dan Slott, der geschickt einen kurzweiligen Plot zu spinnen weiß (pun intended), in dem Spider-Man auch in einem neuen Setting funktioniert. Für die uns altbekannte Stimmung sind aber natürlich nicht nur Autoren, sondern auch talentierte Zeichner verantwortlich. Hier wären es Matteo Buffagni und Giuseppe Camuncoli, die beide die für eine solche Geschichte nötige Dynamik in die Panels zaubern. Ohne sie würden wir uns als Leser nicht wie mitten in einem Daumenkino fühlen, welches uns in atemberaubender Geschwindigkeit zwischen Häuserschluchten über die Seiten treibt. Genau so muss sich Spider-Man anfühlen und zwar egal in welcher Ära die Story angesiedelt ist.

Alles in allem ist damit ein Cocktail gemixt worden, der sowohl die eingangs erwähnten Zweifler als auch Neueinsteiger zufrieden stellen sollte. Das altbekannte Feeling wird wie in einem maßgeschneidert neuem Gewand auf den Leser losgelassen und funktioniert dementsprechend einwandfrei! Ich für meinen Teil habe nach der Lektüre wirklich Lust die Abenteuer von Spider-Man auch im Jahr 2017 weiter zu verfolgen!