Jamie Hewlett

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Man spricht oft von zeitgenössischer Kunst und popkulturellen Kreativen, doch selten findet man einen Laien, der fähig ist, konkrete Künstler oder Werke zu benennen.

Ganz anders verhält es sich mit Jamie Hewlett, dessen Kreationen über den klassischen Kunstbetrieb hinaus Fans in aller Welt begeistern und zusammenführen. Dabei zählt die Band Gorillaz (aktuell auf Welttournee) wohl zu seinem bekanntesten Output. In Kooperation mit seinem ehemaligen Mitbewohner und Blur-Sänger Damon Albarn erschuf er einen virtuellen Mittelfinger für die Musikindustrie der ausgehenden 90er Jahre. Musiker und die dahinter stehenden Akteure schienen keine Substanz mehr liefern zu wollen und die beiden Freunde entschieden sich, eine Band zu gründen, deren Musiker keinen realen Personen entsprachen und jederzeit austauschbar waren. Ein greifbarer Kommentar zu der damals frustrierenden und heute kaum veränderten Situation wurde geboren und mit auch im Jahr 2017 ausverkauften Hallen durch die Fans in seiner Relevanz bestätigt.

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Copyright: © Jamie Hewlett; Gorillaz: Russel and Noodle at the old studio 13, 2005

Schlagartig wurde das Projekt weltbekannt, spielte bis dato fünf Alben ein und wurde in der Folge mit mehreren prestigeträchtigen Preisen prämiert. In dem Zusammenhang wurde nun auch Hewlett außerhalb des eingeweihten Kreises an Comic-Nerds ein Begriff für die Massen. Zuvor arbeitete er am legendären Tank Girl, welches in einer postapokalyptischen Welt angesiedelt, durch Einflüsse des Hip-Hop, trashiger Slasher-Filme und des britischen Punk definiert wurde. Bis heute erfreuen sich seine in dem Zug erfundenen Figuren großer Beliebtheit und werden von anderen talentierten Künstlern wie Rufus Dayglo in weitere Abenteuer getrieben.

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Copyright: © Jamie Hewlett; Blue Nips, Ultra Girl and Yuri Tempura, the Sushi Lovers, 2015

Nicht verwunderlich, dass er mit seinem einzigartigen und dementsprechend jederzeit wiedererkennbaren Stil auch der als „seriös“ geltenden Kunst-Szene nicht verborgen blieb. Im Jahr 2006 wurde er sogar vom Londoner Design Museum zum „Designer des Jahres“ gekürt und nur drei Jahre später mit einem Bafta für seinen mit Damon Albarn animierten Affenfilm für die Olympischen Spiele in Beijing ausgezeichnet. Sein Rezept blieb dabei über die Zeit hinweg in seinen Grundzügen gleich aber nicht minder innovativ, da mit jedem Projekt neue Elemente für zukünftige Arbeiten einflossen und bis heute bestehen. Angefangen bei der cartoonhaften Punk-Attitüde von Tank Girl, über den Anime-Einfluss der Gorillaz bis hin zu einer modernen Spielart des Pop-Art in den neuesten Veröffentlichungen – der Jamie Hewlett-Touch modellierte alles auf eine Art und Weise, die fasziniert und unterhält. Dabei setzt er sich selbst keine Grenzen und tobt sich auch außerhalb der Zeichenstube aus. So hat er zum Beispiel ebenfalls mit Albarn die Oper Monkey – Journey to the West nach dem chinesischen Roman Xi Yóu Ji von Wu Cheng’en, die 2007 in Manchester uraufgeführt wurde,  auf die Beine gestellt und dabei die Vorstellung dessen, was ein Künstler zu schaffen vermag wie mit links erweitert.

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Copyright: © Jamie Hewlett; Chums, 2008

Bei seiner umtriebigen Karriere, war es daher nur eine Frage der Zeit, bis sich mit TASCHEN einer der Giganten auf dem Kunstbuchmarkt für sein Portfolio interessieren würde. Nun kam eines zum anderen und damit schlussendlich die erste Monografie über Jamie Hewlett zustande, die wie als Kontrast zu seinen überdrehten Bilderwelten, zurückhaltend nach dem Künstler selbst benannt wurde.

Sie beinhaltet sein gesamtes Werk der letzten 25 reich an Projekten gefüllten Jahre, die noch weit über die schon erwähnten Arbeiten hinaus gehen. Bevor man in seine visualisierten Gedanken abtaucht, kann man sich zunächst das einleitende Interview zwischen dem Künstler und dem französischen Grafiker, Fotografen und Videoregisseur Jean-Baptiste Mondino zu Gemüte führen. Ein angenehm ungezwungenes Gespräch zwischen zwei Generationen, die die Begeisterung für ihr jeweiliges Lebenswerk teilen und dabei humoristisch explizit Hewletts Werdegang rekapitulieren, wobei man nicht umhin kommt den derben Humor, der aus den Bildern des Mannes spricht, auch in seinen Aussagen wieder zu entdecken.

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Copyright: © Jamie Hewlett; Honey, 2015

Nun folgt die geballte Ladung dessen, worauf der geneigte Betrachter schon längst gewartet hat: Bilder über Bilder, die für sich selbst sprechen können, da außer bei dem jeweils einleitenden Text, der jedem der Kapitel vorangestellt wird, keine weiteren Erklärungen beigefügt werden. Nur die nötigsten Informationen wie Titel, Erscheinungsjahr und in Ausnahmefällen ein Satz zur Besonderheit des gezeigten, lenken nicht ab und fungieren als das was sie sein sollen – eine willkommene Ergänzung.

Während des Verlaufs des Buches merkt man recht schnell, wie wandlungsfähig Hewlett auch unabhängig vom Fortschreiten seiner Karriere sein kann. So schwankt sein Stil in den einzelnen Abschnitten zwischen Zeichentrickfiguren, photorealistischen Momentaufnahmen (von seiner Reise nach Bangladesch), Postern fiktiver Filme im Grindhouse-Stil, detailverliebten Tusche-Skizzen von Kiefernbäumen, die nur erahnen lassen mit welcher Engelsgeduld dieser Mann seine Zeichnungen anfertigt und schlussendlich stilecht auf halb durchsichtigem „Butterbrotpapier“ zu bewundernde Sketche, die einen noch Näher an die Arbeitsweise von Jamie Hewlett heranrücken lassen.

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Copyright: © Jamie Hewlett; Original poster for the contemporary opera Monkey. Journey to the West

Seinem lückenlosen Portfolio ist als abschließendes Kapitel die Biografie des Künstlers ans Herz zu legen, die chronologisch seinen Werdegang nachzeichnet und dem Gesamtprodukt damit eine persönliche Note gibt.

Zusammengefasst kann man also sagen, dass Jamie Hewlett auf über 400 Seiten und ebenso vielen Werken eine moderne Koryphäe ehrt und zeitgleich den greifbaren Beweis dafür erbringt, dass Schubladendenken und Kunst nicht vereinbar sind. Eine Pflichtanschaffung für jeden Fan und all jene, die nach einem Blick in diesen Prachtband definitiv welche werden.

Alle Infos zum Buch:

Titel: Jamie Hewlett

Herausgeber: Julius Wiedemann

Hardcover (25 x 31,7 cm), 242 Seiten

Preis: 39,99€

 

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Copyright: © Jamie Hewlett; The Fool, 2015

Ihr habt Lust bekommen, euch Jamie Hewlett persönlich in den Schrank zu stellen? Hier kommt eure Chance, euch das Buch kostenlos zu holen:

Hinterlasst einfach ein Like auf meiner Facebook-, Twitter oder Instagram-Seite und schreibt mir unter dem Beitrag, warum ausgerechnet ihr das Buch haben solltet und schon seid ihr im Lostopf! Der Gewinner wird am 24.11.2017 bekannt gegeben!

Teilnahmebedingungen

  1. Teilnahmeberechtigte

Teilnehmen kann jede(r) Volljährige, ausgenommen Mitarbeiter der TASCHEN GmbH.

Eine Teilnahme über Gewinnspiel-Agenturen oder sonstige Dritte, die den Teilnehmer bei einer Vielzahl von Gewinnspielen anmelden, ist ausgeschlossen.

  1. Teilnahmemöglichkeiten

Eine Teilnahme ist nur über Facebook, Twitter und Instagram möglich, indem die jeweilige Seite mit einem Like versehen wird und ein Kommentar mit der Beantwortung der im Text angegebenen Frage erfolgt. Das Gewinnspiel erfolgt ohne Zusammenarbeit mit Facebook, Twitter oder Instagram.

  1. Teilnahmeschluss

Teilnahmeschluss ist der 23.11.2017 um 23:59 Uhr.

  1. Gewinnermittlung

Der Gewinner wird per Los ermittelt.

  1. Art der Gewinnbenachrichtigung

Der oder die Gewinner/in wird über eine persönliche Nachricht schriftlich kontaktiert.

  1. Veröffentlichung der Gewinner

Der Name des Gewinners wird nach seiner Ermittlung in anonymisierter Form veröffentlicht.

  1. Der Rechtsweg

Eine Barauszahlung der Gewinne ist ebenso wie der Rechtsweg ausgeschlossen.

Old Man Logan – Band 4

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Es ist schon wieder soweit und ich kann mich wirklich nur wiederholen: Die Old Man Logan-Serie (Bd. 1, 2, 3) ist eine der besten Comic-Reihen, die in den letzten Jahren verlagsübergreifend erschienen ist. Es ist schier unglaublich, wie es Jeff Lemire schafft die Qualität der Geschichten auf einem konstant hohen Level zu halten, während der Zeichner Andrea Sorrentino auf jeder Seite die Grenzen dessen ausreizt, was das Medium Comic ausmacht.

In dieser Runde ist der sieben US-Hefte umfassende Band in zwei Story-Stränge unterteilt, die sich bezüglich Stimmung, Optik und Setting extrem unterscheiden, dadurch aber die Bandbreite dessen aufzeigen, was man mit der Figur und ihrer Welt alles anstellen kann.

Im ersten Teil wird Logans alte Freundin Jubilee vermisst, deren Spur ins ferne Rumänien führt. Dort trifft der ehemalige X-Man auf eine Spezialeinheit, die gefühlt einem Kuriositäten-Zirkus entstammt. Ein amphibisches Alien, ein Werwolf (der sich Warwolf nennt), ein zum Killer ausgebildeter Affe und ein paar andere Freaks der selben Größenordnung.  Mit diesen versucht Logan nun seine Freundin aus einem Schloss zu befreien. Nun denkt über den Schauplatz nach und ihr könnt sicherlich erraten, gegen wen die seltsame Gruppe in den Kampf ziehen muss…richtig: Dracula!

Der Plot klingt zunächst wie ein Witz, spielt aber bewusst mit Trash-Klischees und schöpft tatsächlich auch reichlich aus der Marvel-Historie, in dem die ein oder andere Figur aus den längst vergessenen Experimentier-Phasen des Verlags ausgegraben wird. Als Ganzes eine sehr unterhaltsame Story, die als One-Shot überzeugt und Lust auf weitere kleine Episoden aus der Welt des alternden Wolverine macht.

Ihr schließt sich als Kontrast-Programm eine Geschichte aus der „Old Man Logan„-Kontinuität an die, so viel darf man vorausschicken, die Messlatte wieder ein Stück höher hängt. Wir begegnen unserem Helden plötzlich in der ursprünglich zurückgelassenen „Einöde“ wieder, die das Ursprungs-Universum des Charakters darstellt und diesen dementsprechend irritiert zurücklässt. Seine letzten Erinnerungen beziehen sich auf einen Notfalleinsatz auf einer Raumstation. Trotzdem überschneiden sich parallele Erinnerungen einer veränderten Realität der Gegenwart mit Ereignissen aus der Zukunft. Was ist real? Was Fiktion?

Mit diesen Fragen stürzt man sich als Leser mit Logan in eine fast schon an den Film „Inception“ erinnernden Plot, der nichts vom Ausgang vorausnimmt, der die Spannung ersticken könnte. Sorrentinos meisterhafte visuelle Umsetzung tut ihr Übriges, indem Panels gekonnt als Spiegelbilder verschiedener Realitäten vermengt werden, Überschneidungen über das klassische „gleiche Figur im selben Winkel auf verschiedenen Seiten“-Rezept hinaus gehen und Farben nicht als reines Mittel zum Zweck verwendet werden.

Diese Mixtur ergibt eine unglaublich spannende Geschichte, die mich ungeduldig mit den Hufen bis zur Fortsetzung im Februar nächsten Jahres(!) warten lässt. Eine erneut klare Empfehlung an alle bisherigen Leser und die es noch werden wollen. Sollte man sich für eine Anschaffung entscheiden, sollte man jedoch schnell sein. Der vorherige Band ist verlagsvergriffen und das aus gutem Grund!

R. Crumb – Fritz the Cat

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Robert Crumb gilt als DER Vertreter der Underground-Comics, die gerne auch Comix genannt werden. Sein unverkennbarer Stil, der sich in so vielen Details ergießt, dass man auch Jahre nach der ersten Begegnung gerne erneut zu seinen Werken greift, um zuvor übersehene Sachen zu entdecken. Seine schmutzigen Fantasien, die im Kontrast mit seinem unscheinbaren bis schüchternem Auftreten erst ihre ganze Wirkung entfalten. Seine Charaktere, die noch Dekaden nach ihrer Entstehung nichts von ihrem Reiz verloren haben. Das alles und noch viel mehr trug dazu bei, dass Crumb auch außerhalb einer eingeschworenen Szene Bekanntheit erlangte und sich sogar im klassischen Kunstbetrieb seine Sporen verdient hat.

Seine wohl berühmteste Figur, die wie die meisten anderen seinere Kreationen in den 60ern entstand, war Fritz the Cat. Wie der Name schon verrät, handelt es sich um einen Kater und da wir über das Crumbsche Universum sprechen, defintiv kein normaler. Unser Hauptcharakter befindet sich in einer fiktiven, von vermenschlichten Tieren bewohnten Welt, die in ihrer popkulturellen und politischen Ausrichtung ein Spiegelbild der US-amerikanischen Gesellschaft darstellt. Da wir uns in der Entstehungszeit von Fritz befinden, sind die Themen natürlich Sex, Drogen, Hippies, Polizeigewalt, die Bürgerrechtsbewegung und der damit einhergehende Lebensstil. Es wäre aber natürlich keine Crumb-Kreation, wenn der Rahmen dafür nicht aus einem Spiel mit den genannten Elementen bestehen würde, die darauf hinauslaufen, keinerlei Respekt vor nichts zu haben.

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© Reprodukt / R. Crumb

Nun ist die Sache eine ganze Weile her, aber die Figur und ihre Erlebnisse immer noch relevant. Daher haben sich Reprodukt dazu entschlossen eine Neuauflage (Hardcover mit Leinenrücken, 29€) auf den Markt zu bringen, nachdem sie schon zuvor CrumbsMister Nostalgia„, „Mein Ärger mit den Frauen„, „Nausea“ und seine „Kafka„-Adaption veröffentlicht haben.

Schon gleich bei der ersten Geschichte (sowohl im Band als auch real im Jahr 1964), begegnen wir Fritz auf eine Art, die so ziemlich das vorausnimmt, was ihn die nächsten Jahre definieren sollte. Nachdem er seinen Job in der Stadt geschmissen hat, kommt er zu seiner Mutter zu Besuch, die ihm natürlich kostenfrei eine warme Mahlzeit auf den Tisch zaubert. Währenddessen nutzt der heimgekehrte Sohn die Gelegenheit seine nun zu einer Frau gewachsene Schwester zu begutachten und den ein oder anderen Kommentar zu ihrem nun „weiblicheren“ Aussehen abzulassen. Schon hier wird klar, wohin die Reise geht und was Fritz große Ziele im Leben sind: schnorren, saufen, ficken. So kommt es wie es kommen muss und er „vergnügt“ sich bei einem Seeausflug mit seiner Schwester – willkommen in der Gedankenwelt des Robert Crumb!

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© Reprodukt / R. Crumb

In diesem Stil geht es nun weiter, nachdem eine Rahmenhandlung vorgegeben wird: Fritz zieht in eine fiktive Großstadt um zu studieren und mit seinen WG-Kumpels das Leben zu genießen. Dabei konzentriert sich seine Energie hauptsächlich auf den zweiten Teil, der durch ständige Frauen-Geschichten, Drogenkonsum und dem Spaß an Eskalation definiert wird.

Das spannende daran ist der konsequente Opportunismus, mit dem sich der Kater all das erschleicht, was er sich vorstellt. So biedert er sich an Bürgerrechtler an oder erzählt all seinen Eroberungen die gleiche dünne Geschichte um ein Alibi als treuer Single-Mann zu wahren.

So geht es von einer Eskapade in die nächste, wobei die Storys konstant unterhaltsam bleiben und man die stilistische Entwicklung Crumbs fast schon live über die Jahre hinweg verfolgen kann. In der Zeit von 1964 bis Anfang der 70er-Jahre wird der Strich kontrollierter, entfernt sich Stück für Stück mehr von der „Sketchbuch-Ästhetik“ und geht immer mehr in den plastischen Darstellungen auf, die man heutzutage kennt. Nicht zu vergessen, dass ein großer Teil der Abenteuer von Fritz the Cat tatsächlich einem Skizzen-Büchlein entspringt, dass aber ab einem gewissen Zeitpunkt druckreife Zeichnungen beinhaltete.

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© Reprodukt / R. Crumb

Alles in allem bekommt man mit dieser erweiterten Neuauflage (ursprüngliche Veröffentlichung von 1999 mit 76 Seiten, die aktuelle Fassung mit 128) sowohl ein Stück Comic-Geschichte, die Menschen damals wie heute zu provozieren weiß, als auch etwas vom Zeitgeist der wilden 60er, der in der Form nur aus der Feder eines Genies wie Robert Crumb stammen kann. Eine klare Kaufempfehlung für Nostalgiker, Anarchisten und heimliche Perverse – also eigentlich für jeden Comic-Leser, der dem Kindesalter entwachsen ist.

Asterix in Italien

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Offenbar hat sich bei Jean-Yves Ferri und Didier Conrad ein Rhythmus eingeschlichen, auf den sich die Fans verlassen können. Unter dem wachenden Auge von Albert Uderzo haben sich der neue Autor und Zeichner schon zum dritten Mal an die gewaltige Aufgabe gewagt, das französische Kulturerbe in Form von „Asterix“ fortzuführen.

Mit „Asterix in Italien“ wagt sich das Kreativ-Team nach einer politisch angehauchten Geschichte in „Der Papyrus des Cäsar“ nun an den Rennsport heran, der typisch für die Reihe nicht ohne Seitenhiebe auf das aktuelle Zeitgeschehen auskommt.

Trotz in dieser Hinsicht bekannter Elemente, ist doch nicht alles beim Alten. Inzwischen scheinen die neuen Macher den Mut gefunden zu haben, einen realen Bruch mit der Vergangenheit zu vollziehen. Ob dieser nun nötig ist und an der ursprünglich ohnehin hohen Qualität etwas positiv verändern kann, sei mal dahingestellt. Die erste Neuerung fällt schon beim ersten Aufschlagen des Bandes auf. Wo ist die lieb gewonnene Auflistung der Hauptcharaktere? Wo die Landkarte mit Lupe und dem kleinen, gallischen Dorf? Alles weg und für einen raschen Einstieg in die Handlung geopfert.

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Quelle: Asterix® und Egmont Ehapa Media (Softcover)

Ob diese an die Klassiker ansatzweise heran reicht, ist eine Frage, die ich unter Bauchschmerzen leider mit einem „Nein“ beantworten muss. Es geht gleich mit einem Politikum in Rom los, welches den schlechten Zustand der Straßen zum Inhalt hat (Wir wissen ja: „Alle Wege führen nach Rom“). Um von seinem vernachlässigten Verantwortungsbereich abzulenken, schlägt der zuständige Senator Lactus Bifidus vor, ein international besetztes Wagenrennen durch Italien abzuhalten, um der Welt zu beweisen, wie gut doch die römischen Straßen in Schuss seien. Begeistert von der Idee, stimmt Cäsar unter der Bedingung zu, dass der Sieg definitiv einem Römer zufallen muss, da in einem anderen Fall Lactus in eine weit entfernte römische Kolonie zwangsversetzt wird.

Zeitgleich befinden sich unsere Helden Asterix und Obelix auf dem alljährlichen Markt für Celtisches Brauchtum und Innovative Technik (CEBIT), um ihren Freund Methusalix zu einem „Zahnarzt“ zu bringen. Während Asterix dem gallischen Rentner zur Seite steht, schlendert unser Hinkelsteinklopfer mit dem festen Körperbau über den Markt, bis er einer Wahrsagerin über den Weg läuft. Diese sagt ihm eine Zukunft als siegreicher Rennfahrer voraus, die er mit dem Spontankauf eines gefiederten Wagens sogleich in Angriff nimmt. Zu allem Überfluss bekommt unsere Gruppe noch Wind von dem nun „Transcaliga“ getauftem Rennen und die Entscheidung bei diesem anzutreten ist gefallen.

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Quelle: Asterix® und Egmont Ehapa Media (Softcover)

Beim Ausgangspunkt in Modica (dem heutigen Monza) treffen die Freunde auf alte Bekannte in Form von Stellvertretern ihrer Völker. So sehen wir erneut die Goten oder Briten, sowie neue Figuren aus dem Sudan, die nun alle gegeneinander, aber schlussendlich doch nur gegen einen mysteriösen Römer, samt Grinsemaske antreten müssen. Der als geheimnisvoller Favorit präsentierte Caligarius prescht schon zu Anfang voran und lässt die anderen ratlos zurück. Damit stachelt er den Ehrgeiz seiner Konkurrenten erst recht an und entfesselt eine Rivalität unter ihnen, die sich meist in Slapstickeinlagen entlädt und Verweise auf italienische Eigenheiten (kulinarisch, geografisch usw.) beinhaltet.

Dabei wirkt das Ganze wie ein Aneinanderreihung von Witzen, die kaum etwas zum Voranschreiten der Geschichte beitragen. Die Nebenfiguren dienen währenddessen primär als wandelnde Easter-Eggs aus der Vergangenheit, die aber nicht den ursprünglichen Charme versprühen, der so typisch für Charaktere des Asterix-Universmus ist.

Dadurch entsteht ein Gefühl, dass man zwar in gewisser Weise schon ein Original in der Hand hält, aber mehr Hülle als Inhalt präsentiert bekommt. Conrads Zeichnungen wirken zwar noch einen Tick sicherer in ihrem Stil als in den letzten zwei Bänden, verzichten aber auf die unzähligen Details, die Uderzos Strich weltbekannt gemacht haben. Inhaltlich fehlt leider ebenfalls der doppelte Boden, der die Reihe eigentlich attraktiv für mehrere Altersklassen macht. Man konnte sich als Kind köstlich über gut getimten Slapstick amüsieren, der seine volle Wirkung in aufeinander aufbauenden Panels entfaltete. Als Erwachsener nahm man Nuancen wahr, die unsere moderne Gesellschaft widerspiegelten und auch mit Verweisen auf die Weltgeschichte nicht sparten. Beide Zielgruppen werden vermutlich nur zum Teil befriedigt werden, da sich „Asterix in Italien“ primär auf den Begriff des „Klamauk“ verlässt und dabei die lieb gewonnen Elemente, die die Reihe von Konkurrenten unterschied, teils über Bord wirft.

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Quelle: Asterix® und Egmont Ehapa Media (Softcover)

Es ist selbstverständlich schwierig als Nachfolger eines legendären Künstler-Gespanns den Erwartungen der Fans und Kritiker gerecht zu werden. Trotzdem ist es legitim ein Rezept einzufordern, welches über Dekaden funktioniert hat und auch heutzutage anwendbar ist. Insbesondere ist die Forderung durch die Tatsache begründet, dass die Geschichten von Goscinny und Uderzo zeitlos sind und auch nachrückende Generationen begeistern.

Alles in allem muss man daher sagen, dass „Asterix in Italien“ auf zu vieles verzichtet, um in eine Reihe mit den Klassikern gestellt zu werden. Die Story weiß durchaus zu unterhalten, bleibt aber durchgehend so belanglos, dass man Angst haben muss, den zukünftigen Bänden auf dem selben Qualitäts-Level begegnen zu müssen, weil der Absatz trotzdem stimmt. Daher kann ich Band 37 als Ergänzung der eigenen Sammlung empfehlen, muss aber als Einstieg für Neuleser dann doch auf die schon erschienenen Abenteuer verweisen.

 

ÜBER: DAS LETZTE AUFGEBOT – Band 3

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Ich bin wieder da! Entschuldigt bitte die längere Abstinenz, aber die letzten Wochen haben bei mir privat sowohl Zeit als auch Nerven gekostet. Zwar denkt man sich vielleicht, dass Semesterferien die perfekte Zeit sind um zu entspannen und sich von Stress und Verantwortung abzukapseln, aber weit gefehlt.

Ein verpflichtendes Praktikum, kombiniert mit regulärer Arbeit (Miete muss bezahlt werden), resultieren in über 50 Stunden pro Woche, die ich zu keinem Zeitpunkt für mein liebstes Hobby nutzen konnte. Wochenenden fielen aus familiären Gründen regulär flach.

Wenn ich es doch mal versucht habe, endete es meistens in Erschöpfungszuständen wie Übelkeit und Kopfschmerzen, aber hey: Alles ist temporär! 😉

Nun beginnt das neue Semester und damit tatsächlich weniger Stress (klingt verrückt, ich weiß). Nach dem in der Zwischenzeit erfolgten „Rechtsruck“ im Bundestag in Deutschland und dem Nationalrat in Österreich, habe ich mit dem folgenden Band wohl den perfekten Einstieg in eine neue Phase von ZOMBIAC gewählt: Über – Das letzte Aufgebot, welches bei Panini Comics mit dem dritten Band noch tiefer in die fiktiven Geschehnisse eines zweiten Weltkriegs einsteigt, der in der vorliegenden Version wohl als „alternatives Historiendrama“ bezeichnet werden kann.

Um eure Erinnerungen bezüglich der zwei Vorgänger-Bände (Bd.1, Bd.2) aufzufrischen, möchte ich euch einen kleinen Rückblick geben. Die deutsche Wehrmacht hat einen Weg gefunden ihre Soldaten in mit übermenschlichen Kräften ausgestattete „Panzermenschen“ zu verwandeln, die mit ihrer zerstörerischen Macht hunderte „normale“ Kämpfer ersetzen können. Um den „Endsieg“ schneller zu erreichen, versorgen die Nazis darüber hinaus ihre Verbündeten in Japan mit der streng geheimen Rezeptur, die die Alliierten in Zugzwang versetzt. Diese schaffen es durch Spionage und Eigenkreationen ihre eigenen „Monster in Menschengestalt“ zu erschaffen und in die Schlacht ziehen zu lassen.

Diese wird an verschiedenen Orten des realen Kriegsgeschehens ausgetragen und findet immer wieder unterschiedliche Ausgänge, die die Story im Eiltempo vorantreiben.

Auch im dritten Band bleibt Kieron Gillen als Autor seiner Linie treu und treibt den Leser von einer Kampfhandlung zur nächsten, die dazwischen von Enthüllungen und Strategie-Plänen begründet wird. Dabei fällt einem immer wieder auf, wie sehr das Konstrukt kurz davor steht in den Bereich des Trash abzuwandern. Wegen quasi nicht existenter Bezugnahme zu den echten Verbrechen während des Weltkriegs und vollkommen übertriebener Gewaltexszesse (die auf die Kräfte der mutierten Menschen zurück zu führen sind), beschleicht einen regelmäßig ein unangenehmes Gefühl in der Bauchgegend.

Darf man so an die Thematik herangehen? Wo verläuft die Grenze zwischen Entertainment und Respekt vor den Opfern? Wo setzt man die richtigen Akzente, um darzustellen, dass die Nazis die Katastrophe des 20. Jahrhunderts zu verantworten haben?

Beides scheint für Gillen nicht ganz einfach zu sein, da man oft den Eindruck hat, dass man als Zuschauer einem Kampf des Kampfes willen beiwohnt und nicht einer Schlacht um die Zukunft der halben Welt. Insbesondere die Ideologie der Faschisten rückt fast gänzlich in den Hintergrund, während primär mit den Hauptakteuren wie Hitler, Goebbels und Co. hantiert wird. Es ist ein gefährliches Spiel, wenn man sich darauf verlässt, dass der Leser gebildet genug ist, um zu wissen, dass diese Personen unfassbares Leid verursacht haben. Natürlich hat die gesamte Reihe (auf 120 Einzelhefte ausgelegt) nicht den Anspruch ein politisches Medium zu sein, aber eine andere Akzentsetzung hätte dem Ganzen sicherlich gut getan. Zwischen den einzelnen Kapiteln merkt man Gillens Gedanken zum Schaffungsprozess durchaus an, dass ihm seine Gratwanderung bewusst ist, aber eine konsequente Umsetzung seiner Ängste vor der Grenzüberschreitung in Taten bleibt er den Lesern schuldig.

So vergisst man bisweilen, dass es sich bei „Über“ um eine veränderte Geschichtsschreibung des zweiten Weltkriegs handelt, während der Ursprung der „Panzermenschen“ und ihren Abwandlungen erklärt wird.

Es wirkt in dem Zusammenhang wie das Spiel eines vom Gesamtkonzept dieser Zeit faszinierten Teenagers, der sich zwar auf Fakten stützt, aber sich am Ende doch zu sehr in die eigene Fan-Fiction fallen lässt. Hatte man am Anfang der Reihe noch das Gefühl sich im Rahmen realer Ereignisse mit fiktivem Ausgang zu bewegen, könnten die Geschichte aktuell auch auf einem fremden Planeten spielen.

Immer wieder eingesponnene Cliffhanger lassen einen zwar weiterblättern, aber der zu Anfang hochgehaltene Gedanke zur Entstehung der Reihe verliert sich immer mehr. Ich für meinen Teil, werde „Über“ weiterhin verfolgen, hoffe aber, dass die Geschichte zur anfänglichen Stärke zurück findet und sich nicht schlussendlich in belanglosen Massakern und wild eingestreutes Namedropping verirrt, bevor sie in der Bedeutungslosigkeit versinkt.

 

Mark Millar Collection 4: Genosse Superman

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Nachdem wir Mark Millars wahnsinniges Genie in reinen Eigenkreationen wie Wanted und Kick-Ass bewundern durften und sahen wie er auch im Superhelden-Korsett mit Wolverine eine gute Figur macht, kommen Leser endlich in den Genuss das legendäre „Genosse Superman“ in der Mark Millar-Collection von Panini eingeordnet zu sehen.

Wie Fans sicherlich wissen, ist es für Autoren und Zeichner schwierig eigene Ideen in ihre Werke einfließen zu lassen, ohne von Verlagen die Pistole auf die Brust gesetzt zu bekommen. Kein Wunder, wenn bei Figuren wie Superman eine gigantische Maschinerie im Hintergrund läuft, die nur darauf bedacht ist, die breite Masse an Lesern zufrieden zu stellen.

Um dabei nicht als reine Fabriken ohne real kreativen Output zu gelten, wird den Kreativen manchmal ein kleines Fenster in die „Elseworld“ geöffnet, in der sie sich fast gänzlich nach Belieben austoben dürfen und der Fantasie keine Grenzen setzen müssen. So ein Fall liegt auch hier vor. Wie der Titel schon mehr als deutlich zu verstehen gibt, erleben wir den Mann aus Stahl nicht als Vertreter der „Stars and Stripes“, sondern Hüter von Mütterchen Russland oder genauer gesagt der Sowjetunion unter Stalin. Wie kommt es dazu?

Wie Mark Millar mal selbst anmerkte, brauchte es eventuell nur einen späteren Zeitpunkt des Eintritts der Rettungskapsel in die Erdatmosphäre mit dem kleinen Kal-El an Bord, um die Weltgeschichte neu schreiben zu müssen. Wie in einem Spiegelbild des uns bekannten Universums, wird der Kryptonier nicht von Farmern in Kansas, sondern von Bauern in der Ukraine großgezogen. Hier erfährt er ebenso die Liebe einer Familie und stellt seine Kräfte im Erwachsenenalter primär dem Wohle der Menschheit zur Verfügung und erst im zweiten Schritt dem Staat. Das Zünglein an der Waage ist jedoch der Wille Stalins den Stählernen offiziell in den Dienst der UdSSR zu stellen, was Superman gerne annimmt und damit parallel den Zorn der Führungsriege auf sich zieht.

Solche Momente machen unter anderem den Reiz der Geschichte aus, die von jedem anderen Autoren in eine klischeehafte „die bösen Russen/die guten Amerikaner“-Storyline gepresst worden wäre. Millar schafft es jedoch Grautöne einfließen zu lassen, die den brutalen Zwang und die Entbehrungen eines Lebens unter sowjetischer Herrschaft nicht verharmlosen, die Idee des Kommunismus und die Feindschaft mit den USA aber auf eine Ebene jenseits von Propaganda-Schlachten hieven.

Verstrickungen beider Seiten in Machenschaften abseits moralischer Überlegungen und Ausflüge in philosophische Sphären der Moral, tun ihr Übriges um eine ausgewogene Erzählung zu ermöglichen. Als Sahnehäubchen werden reale politische Umstände verändert. Ein Faktum, welches selten in Veröffentlichungen aus dem Haus DC fließt und darum umso mehr hervorzuheben ist. Ein erschossener Nixon, ein mit Marilyn Monroe liierter JFK, sowie ein ihm nachfolgender Lex Luthor bilden dabei nur den äußeren Rahmen einer mit unzähligen Referenzen gefüllten Geschichte.

Auch innerhalb des Kontinuums wird ordentlich der Löffel gerührt, wenn Batman als Rächer im Untergrund gegen das sowjetische Regime kämpft und dabei den ein oder anderen Nachahmungstäter inspiriert, Wonder Womans Sippschaft zumindest anfangs mit Stalin paktiert und Green Lanterns Kräfte einen militärischen Twist spendiert bekommen.

Verdammt ambitioniert und doch erstaunlich funktionsfähig. Es ist immer gefährlich mit realen geschichtlichen Ereignissen zu hantieren, wenn der ursprüngliche Gedanke um eine Figur keine (offen) politischen Färbung hatte. Mark Millar hat sich getraut dort anzusetzen und genau deswegen dürfen wir uns über eine der besten Superman-Storys aller Zeiten freuen, die wohl leider erst außerhalb der üblichen Geschehnisse angesiedelt werden musste, damit sie durchgewunken werden kann. Wenn man so eine spannende und intelligent gestrickte Handlung liest, kommt man nicht umhin den Verlag für seine vorsichtige Herangehensweise zu verfluchen, doch solange regelmäßig ein solcher Diamant auf den Markt geworfen wird, halte ich noch die Füße still. (Einen ähnlichen Weg scheint übrigens auch die DC-Filmsparte eingeschlagen zu haben. So wurde offiziell bestätigt, dass in Zukunft One-Shots außerhalb des Cineverse veröffentlicht werden, an denen sich Regisseure fast nach Belieben austoben dürfen.)

Als Bonus (wie bei all den anderen Collection-Releases) dürfen wir uns über Konzeptzeichnungen und Sketche freuen, sowie einem Vorwort von Tom Desanto, seines Zeichens Regisseur der ersten beiden X-Men-Filme. Alles in allem bekommt ihr damit ein Paket geschnürt, welches sich zum einen als Hardcover wunderbar im Regal macht und zum anderen ein Muss für jeden Comic-Leser darstellt. Auch ich bin kein großer Fan des Boyscouts in blau, wurde aber ab der ersten Seite überzeugt. Also nichts wie hin zum Comic-Shop eures Vertrauens!

SPIDER-MAN PAPERBACK 2: VON SHANGHAI BIS PARIS

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Ich persönlich gehöre noch zu der Generation an Spidey-Fans, die dermaßen mit der immer wieder aufgewärmten Rahmenhandlung um den Netzschwinger verschmolzen sind, dass alles jenseits von „bettelarmer Peter Parker„, „naiv-schrullige Tante May“ und „keifender J. Jonah Jameson“ schier abwegig erscheint. Selbiges gilt für Schurken, die sich nicht aus dem klassischen Kanon bis in die 90er speisen.

Nun ist mir der neueste Spider-Man-Run in Form des aktuellsten Trade-Paperbacks mit dem Namen „Von Shanghai bis Paris“ in die Hände gefallen, welches wohl Puristen und Leute, die sich länger nicht mehr mit der Figur beschäftigt haben, verdammt verwundern sollte, was wiederum nicht über die Qualität des Werks aussagt. Aber eins nach dem anderen.

Wir befinden uns hier schon beim zweiten Sammelband und damit mitten im Geschehen. Peter ist schon seit geraumer Zeit kein am Hungertuch knabbernder Fotograf, sondern Geschäftsführer seines eigenen Unternehmens, welches natürlich „Parker Industries“ heißt. Mit diesem versucht er mit modernster Technik die Welt zu einem besseren Ort zu machen und unterstützt dabei sogar ganz offiziell seinen Alter Ego Spider-Man bei der Verbrechensbekämpfung.

Diese Hilfe kann unser Wandkrabbler in diesem Abenteuer auch dringend gebrauchen, wenn er gegen die Zodiac-Organisation in den Ring steigt, die wie der Name andeutet ihre Outfits und bisweilen Kräfte auf Basis von Sternzeichen fußen lässt. Dabei ist diese Bande unter der Führung von Zodiac (ja, der Anführer wollte wohl seine Duftmarke auch in Bezug auf den Gruppen-Namen setzen) auf der Suche nach einer geheimnissvollen Macht, die ihr nicht nur unermesslichen Reichtum, sondern auch Wissen zur Verfügung stellen soll, welches für unseren Helden auf persönlicher Ebene gefährlich werden könnte. Daher scheut Spidey auch keinen Weltraumausflug mit Nick Fury, um schlimmeres zu verhindern, aber mehr soll aufgrund von Spoiler-Freiheit nicht verraten werden.

Dafür gibt es Infos zur zweiten Storyline, die Mr. Negative in den Mittelpunkt stellt. Dieser chinesische Bösewicht hat die Macht, alle die ihn berühren unter seine Kontrolle zu bringen. Leider gehören dazu auch Cloak und Dagger, die unerbittlich gegen alle Feinde des Superschurken vorgehen. Dabei machen sie auch keine Ausnahmen für die freundliche Spinne aus der Nachbarschaft, die für die Rettung ihrer Freunde auch mal ans andere Ende der Welt reist. Die beiden kriegen im Übrigen demnächst ihre eigene TV-Serie spendiert, also haltet Ausschau! 😉

Geschrieben wurden beide Geschichten von Dan Slott, der geschickt einen kurzweiligen Plot zu spinnen weiß (pun intended), in dem Spider-Man auch in einem neuen Setting funktioniert. Für die uns altbekannte Stimmung sind aber natürlich nicht nur Autoren, sondern auch talentierte Zeichner verantwortlich. Hier wären es Matteo Buffagni und Giuseppe Camuncoli, die beide die für eine solche Geschichte nötige Dynamik in die Panels zaubern. Ohne sie würden wir uns als Leser nicht wie mitten in einem Daumenkino fühlen, welches uns in atemberaubender Geschwindigkeit zwischen Häuserschluchten über die Seiten treibt. Genau so muss sich Spider-Man anfühlen und zwar egal in welcher Ära die Story angesiedelt ist.

Alles in allem ist damit ein Cocktail gemixt worden, der sowohl die eingangs erwähnten Zweifler als auch Neueinsteiger zufrieden stellen sollte. Das altbekannte Feeling wird wie in einem maßgeschneidert neuem Gewand auf den Leser losgelassen und funktioniert dementsprechend einwandfrei! Ich für meinen Teil habe nach der Lektüre wirklich Lust die Abenteuer von Spider-Man auch im Jahr 2017 weiter zu verfolgen!

 

 

Batman – Niemandsland: Band 1

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Mir persönlich will quantitativ keine größere Batman-Storyline einfallen, als die um das verheerende Beben, welches Gotham City in Anarchie gestürzt hat. Die Frage bezüglich der Qualität ist dabei erstaunlicherweise von Band zu Band schwankend zu beantworten. In welche Richtung das Pendel bei der Ankunft im Niemandsland ausschlägt, erfahrt ihr hier.

Nachdem schon Das Beben und der Weg ins Niemandsland ausführlich besprochen wurden, hat sich der Staub in der Stadt des dunklen Ritters langsam gelegt und aus dem Chaos erwächst eine brutale Struktur aus verfeindeten Territorien und einigen wenigen, die so etwas wie Ordnung wieder herstellen wollen.

Auf über 300 Seiten werden mehr oder weniger abgeschlossene Geschichten erzählt, die die allgemeine Entwicklung der Machtstrukturen beleuchten. Besonders deutlich wird es gleich in der ersten Story „(Un)recht und (Un)ordnung“, die die verbliebene Polizei in der von der Welt abgeschnittenen Stadt in den Mittelpunkt rückt, die ihr Gebiet Stück für Stück auszubauen versucht und dabei inzwischen auch nicht vor moralisch fragwürdigen Methoden zurückschreckt. Gar nicht so verwunderlich, wenn man bedenkt, dass die Gesetzeshüter einer Überzahl von kleinkriminellen Banden und organisierten Verbrecher-Organisationen gegenüber stehen.

Selbst der nach monatelanger Abwesenheit zurückgekehrte Batman muss sich erst noch an die neuen Spielregeln gewöhnen, die eine weibliche Version der Fledermaus, nach dem Verschwinden des Originals, schon seit geraumer Zeit in der Stadt durchzusetzen versucht und damit dem dunklen Ritter quasi seinen Platz vorwärmt. Wer die geheimnisvolle Rächerin ist, erfahren wir aber wohl erst im abschließenden Band.

Als weitere Geschichte gesellt sich beim Kauf dieser Ausgabe sogar eine deutsche Erstveröffentlichung hinzu, die sich um den ehemaligen Teilzeit-Batman Azrael dreht, der sich zurück nach Gotham kämpfen will, während sich ihm der aus dem letzten Band bekannte Nicholas Scratch und seine Entourage in den Weg stellen. Eine nette Geschichte, die aber den von mir schon öfter kritisierten Pathos-Kitsch der 90er inne hat, den manche als nostalgisch, ich aber als trashig bezeichnen würde.

Dem folgt mit „Vertrauenskrise“ ein Kampf zwischen Huntress und Scarecrow, der sich in der Kirche eines gutgläubigen Priesters eingenistet hat und während einer gespielten Läuterung seine Gönner im Dienste der Angst zu hintergehen versucht. Hier spielt das Storytelling glücklicherweise wieder seine Stärken aus und bleibt mit der darauf folgenden Handlung auf einem ähnlich hohen Niveau.

„Brot & Spiele“ dreht sich um die finale Rückkehr Batmans an die Öffentlichkeit, die er in einer gewollten Konfrontation mit dem Pinguin sucht, der wie zu erwarten sein eigenes kleines Imperium aus Tauschhandel, Erpressung und Unterhaltung für die Massen aufgebaut hat. Fans der Arkham-Spielreihe werden das Konzept der von Gangstern geleiteten Viertel sofort wieder erkennen und dürfen sich über die Liebe der Macher zum Ursprungs-Stoff freuen.

Alles in allem weiß die gesamte dicke Ausgabe zu überzeugen. Zwar stolpert man gelegentlich über Stellen, an denen sich einem die Nackenhaare vor Fremdscham sträuben (wie gesagt ein Phänomen des Jahrzehnts der Original-Veröffentlichung), aber der Großteil der Geschichten liest sich flüssig und unterhält auf eine ungezwungene Art und Weise. Damit werden zwar inhaltlich keine Berge versetzt und zeichnerisch alles andere als heutige Standards erfüllt, aber einem gewissen Charme kann man sich definitiv nicht entziehen. Vor allem möchte man nach der Lektüre der inzwischen vielen Schinken im Regal doch gerne wissen, wie alles ausgeht, wenn man nicht ohnehin die Originale im Regal stehen hat. Ich freue mich auf jeden Fall über den baldigen Abschluss der Reihe und bin dankbar, dass sich Panini Comics immer wieder auf nostalgische Experimente einlässt.

 

Deadpool – Back in Black

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Und die nächste Ladung Deadpool-Wahnsinn steht ins Haus: Wie schon so oft, nutzen die Macher hinter der Figur Freiheiten, die mit der Arbeit an ihr fast automatisch einhergehen. Dabei geht es nicht darum, das schon aktuelle Marvel-Universum unsicher zu machen und selbstreferenziell auch mal Kritik am Medium selbst zu üben, sondern auch mal als festgelegt geltende Ereignisse durch den Kakao zu ziehen. So sind wir mit dem Söldner mit der großen Klappe schon mal im Spidey-Run der 60er/70er gelandet und konnten uns köstlich über seine Kommentare zum Look und Feel der damaligen Zeit amüsieren.

In eine ähnliche Kerbe schlägt auch die vorliegende Geschichte „Back in Black„, die sich das ikonische Todd McFarlane-Zeitalter um die freundliche Spinne aus der Nachbarschaft vorknöpft. Genaugenommen steigen wir genau dort ein, wo Spidey sich vom Alien-Symbionten trennt, der sich später mit Eddie Brock verbinden und diesen schlussendlich zu Venom machen wird.

Exakt hier spielt sich der Cut ab, der dieser Handlung (geschrieben von Cullen Bunn) den Deadpool-Twist verpasst, den man als Leser erwartet: Der Symbiont hat sich nämlich zunächst gar nicht wie erwartet den späteren Bösewicht, sondern unser allseits beliebtes Großmaul mit den fehlenden Tassen im Schrank geschnappt! Dabei ist er gar nicht abgeneigt sich in die Abgründe des extraterrestrischen Schleims fallen zu lassen, wobei dieser nicht erwartet hat einen sagen wir mal „etwas anderen“ Wirt zu befallen.

In ständiger Diskussion mit seinem neuen Anzug verfangen, schwanken Deadpools Gefühle für den früheren Wirt Spider-Man zwischen Vernarrtheit und Mordlust, während er sich ganz im Stil seines Vorgängers durch die Häuserschluchten New Yorks schwingt(!). Dabei laufen ihm zum einen für das Franchise typische Alien-Bösewichter über den Weg, als auch Spideys Freunde und Feinde, die sich entweder mit seiner Haut schmücken wollen (Kraven der Jäger) oder sich an diese gerne schmiegen würden (Black Cat). Hierbei wird immer wieder damit gespielt, dass Deadpool und der Netzschwinger nicht nur gerne von Lesern verwechselt werden. Aberwitzige Situationen sind damit faktisch vorprogrammiert!

Die Story macht dementsprechend sehr viel Spaß, aber vom vollmundig angekündigten 80s-Feeling habe ich soweit nichts mitbekommen. Das liegt primär am sehr modernen Zeichenstil von Salva Espin, der zeitgeistig daherkommt und damit in logischer Konsequenz keine Nostalgie erzeugen kann. Es ändert zwar nichts an der Tatsache, dass „Back in Black“ sehr unterhaltsam ist, aber ohne den passenden Kontrast fühlt sich die Handlung nach etwas sehr aktuellem an und wird damit dem angedachten Ziel nicht gerecht.

Man kann zwar ruhig zugreifen, wenn man auf den debil-derben Humor von Deadpool steht, aber eine versprochene Zeitreise bleibt uns der Titel schuldig.

Deadpool – X für ein U

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Es ist schon etwas länger her, seit ich ein Abenteuer des Söldners mit der großen Klappe rezensiert habe und freue mich umso mehr, die abgeschlossene Storyline „X für ein U“ präsentieren zu können.

Wie der Titel und das Cover schon deutlich vorweg nehmen, sind die X-Men das tragende Element dieser Geschichte bzw. Deadpools nimmermüdes Verlangen ein Teil der Mutanten-Truppe zu werden. Bevor es jedoch dazu kommt, möchte sich Wade Wilson, wie unsere Hauptfigur mit bürgerlichen Namen heißt, einen lange gehegten Traum erfüllen und Pirat werden. Ja, richtig gehört und keiner, der Deadpools Eskapaden verfolgt kann mir erzählen, er oder sie wäre überrascht.

 

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©Panini Comics

Auf jeden Fall schwimmt unser irrer Freund aufgrund vorangegangener Ereignisse geradezu in Geld (es sei nur so viel verraten: der Preis dafür ist, dass er unter dem Radar bleibt) und was wäre am naheliegendsten als sich seine geheimen Träume einfach zu erkaufen? Dafür scheint es nicht mehr zu brauchen als einen unterwürfigen Sidekick, der sich als Papagei verkleiden und auch so sprechen muss, eine blinde Navigatorin, sowie einen gewaltigen Knacks, der zu allerlei halsbrecherischen Entscheidungen führt. Im Endeffekt das uns bekannte und lieb gewonnene Schema, dass wir erwarten, wenn wir eine Ausgabe mit dem Namen Deadpool im Titel in den Händen halten.

Wie zu Anfang angesprochen ist die Hauptgeschichte eine andere und damit das Ende des Söldners als Freibeuter auf offener See beschlossene Sache. Nach dem Ausflug in eher „klassisch“ kriminelle Gefilde, möchte Wade nämlich bei den X-Men einsteigen, die mit Cyclops an der Spitze eine Inselzuflucht für Mutanten errichtet haben. Doch schon bald merkt Deadpool, dass es offensichtlich nicht reicht auf enges Leder zu stehen, um sich dieser Gang der Guten anzuschließen. Daher versucht er auf seine ganz eigene Art die Leute von sich zu überzeugen, was im Umkehrschluss den altbekannten Cocktail aus dicken Wummen, mit Leichen gepflasterten Straßen und einer dicken Lippe ergibt. Doch ist es nicht genau das, was wir als Leser erwarten? Ich für meinen Teil kriege gar nicht genug von der respektlosen Art, die solche Veröffentlichung unter Garantie mitbringen.

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©Panini Comics

Für diesen Mix zeigt sich Daniel Way als Autor verantwortlich, der mit dem zweiten Run der Figur von 2008 bis 2013 eine Art Wiedergeburt einleitete, die das Franchise weltweit einschlagen ließ, als gäbe es keinen Morgen mehr. Dadurch ist Deadpool neben Spidey und den allgegenwärtigen Avengers zu einem brandneuen Aushängeschild avanciert, welches in logischer Konsequenz einen Film spendiert bekommen hat, der wiederum eine neue Art des Humors in die Marvel-Welt trug, der bis heute Bestand hat. Mit den in „X für ein U“ vorliegenden Heften 13 bis 18 befinden wir uns mitten in seinem Run, der sowohl Lust auf das macht, was noch kommen wird, als auch das was zuvor erschien.

Die witzigste Geschichte ist im Medium Comic aber nur halb so viel wert, wenn sie nicht von einem Künstler in Panels gepresst wird, der die Figur, die Handlung und das gewisse Etwas einverleibt hat, um alles authentisch präsentieren zu können. Zum Glück ist mit Shawn Crystal (Guardians of the Galaxy) bei der Piraten-Geschichte und Paco Medina (Star-Lord) jeweils der perfekte Mann am Zeichentisch gesessen und hat die Gabe auch ohne viele Worte einen Brüller nach dem anderen hervorzubringen oder einzelne (Selbst)Gespräche umso lustiger zu gestalten. Beide balancieren auf einem schmalen Grad zwischen cartoonesk und klassisch, wobei Medina eher zum zweiten tendiert. Genau diese Mischung macht die Reihe und damit den Erfolg aus, der sich bis heute immer wieder selbst bestätigt.

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©Panini Comics

In diesem Sinne gibt es nichts anderes als eine Kaufempfehlung für alle vorhandenen Deadpool-Fans und die, die es noch werden wollen. Klar, gibt es Elemente, die ohne Vorwissen nur halb so lustig sind, aber als Ganzes funktioniert „X für ein U“ auch für Neueinsteiger und ist damit jedem ans Herz gelegt, der etwas mit derben Humor im Superhelden-Setting anfangen kann.