[Rezension] Skulldigger und Skeleton Boy (Splitter)

Was soll man eigentlich nach so vielen Bänden aus dem Black Hammer-Universum über Jeff Lemire und seinen schier unaufhörlichen Output sagen? Er schafft es beständig Qualität und Quantität zu verbinden und damit den Hunger seiner Fans zu stillen, während Kritiker seine Geschichten höchstens im internen Vergleich als weniger gut oder besser, aber niemals schlecht einordnen. Diesem Credo folgt nun auch die neueste Veröffentlichung unter dem Titel Skulldigger & Skeleton Boy.

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Diesmal mit dem kroatischen Zeichner Tonci Zonjic an seiner Seite, entführt uns Lemire in seiner Geschichte erneut nach Spiral City und stellt uns den Antihelden Skulldigger vor, der rastlos Verbrecher jagt und diese unter anderem mit seinem an einer Kette befestigten Totenschädel unter die Erde bringt. Doch zunächst beginnt die Geschichte mit einem Jungen, dessen Eltern bei einem Raubüberfall sterben, während er als Waise überlebt. Klingt irgendwie vertraut? Das ist wie bei Black Hammer üblich gewollt und geht wie gewohnt als charmante Hommage mit einem speziellen Twist durch. Denn besagter Junge wird nicht zu einer Art Batman oder Robin, sondern gesellt sich als der Sidekick Skeleton Boy an die Seite von Skulldigger, um ebenfalls zum Verbrecherjäger ausgebildet zu werden. Dabei sind jedoch Gnade und Achtung vor dem Gesetz wie zu erwarten zweitrangig. Um die Grundlage der vorliegenden Geschichte zu vervollständigen, haben wir außerdem eine fast schon besessene Ermittlerin, die Skulldigger hinter Gittern bringen will und mit Grimjim einen Halbdämon, der Chaos sät und Spaß daran zu haben scheint ein düsteres Geheimnis mit sich herumzutragen.

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Betrachtet man all diese Versatzstücke, entdeckt man, dass hier nicht nur eine Verbeugung vor dem Schaffen eines Frank Miller (Batman, Daredevil) vorliegt, sondern die Referenzen sich über alle Grenzen des Superhelden-Genres hinweg erstrecken. Wir entdecken Verweise auf Ghost Rider, Spawn, den Punisher und so viel mehr, dass einem als Kenner der Materie die Augen übergehen. Dabei schafft es Lemire wie immer gekonnt die genannten Vorbilder als Sahnehäubchen auf einer eigenständigen Geschichte zu platzieren und damit Black Hammer nach wie vor als eigenständiges Universum darzustellen. Die Figuren haben eigene Charakterzüge und Motive, fungieren nicht einfach als Projektonsflächen und die Handlung, von der nicht zu viel vorweg genommen werden soll, wird von einem realen Spannungsbogen vorangetrieben. In diesem Sinne wird die gewohnte Qualität eines Lemire präsentiert, die Fans seines Schaffens wunschlos glücklich machen sollte.

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Auf der visuellen Seite des Projekts bietet Toni Zonjic verhältnismäßig ungewohnte Kost, da diesmal auf eine fast schon als klassisch geltende Superhelden-Optik gesetzt wird, die oft an Millers Werke um den dunklen Ritter erinnert, während der Look auf der anderen Seite doch etwas „cleaner“ erscheint. Dadurch entsteht ein roher Realismus, den man von Black Hammer in dem Ausmaß nicht kennt. Selbst die weniger abstrakten Titel spielten oft mit leicht „cartoonesken“ Elementen, während hier gefühlt die 80er und 90er mit ihrer geerdeten Art anklopfen. Eine nicht geringe Rolle übernimmt dabei auch die Farbgebung, die nur selten eine ganze Palette aufzeigt, sondern mit einzeln ausgewählten, auf die Stimmung angepassten Spektren die Handlung zu unterstreichen weiß. Dieser reduzierte Einsatz trägt mitunter zum rauen Feeling bei, welches Perfekt zur Story und den eiskalt agierenden Figuren passt.

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Skulldigger & Skeleton Boy ist in dem Sinne zwar, wie die anderen Spin-Offs der Reihe, eine weitere Verneigung von Genres und Künstlern, funktioniert aber trotzdem geradezu mit Leichtigkeit als eigenständige Geschichte, die in ihrer Gesamtheit zu überzeugen weiß. Daher ist der Titel nicht nur ein Must-Have für Sammler von Lemires Output, sondern ein Tipp für alle, die sich für rohe Action und menschliche Abgründe in Comics begeistern können.

Skulldigger & Skeleton Boy
Verlag: Splitter 
Künstler: Tonci Zonjic
Autor: Jeff Lemire
Format: Hardcover
Seitenzahl: 168 
Preis: 24 EUR 

[Rezension] Colonel Weird – Cosmagog (Splitter)

Wenn es eine aktuelle Comicbuchreihe gibt, die sowohl Witz und Ernst als auch Hommage und Originalität zu vereinen weiß, dann wäre es defintiv Black Hammer vom kanadischen Tausendsassa Jeff Lemire. Jeder Band der Hauptreihe und der inzwischen zahlreichen Spin-Offs ist für sich eine emotionale Achterbahnfahrt, die insbesondere im Kontrast zu den bewusst kitschigen Namen und Looks im Herzen zu treffen weiß. Jedem Charakter wurde von vornherein eine unfassbare Tiefe mitgegeben, die erklärt, warum man ihnen auch individuell veröffentliche Abenteuer mit unterschiedlichen Zeichnern geschenkt hat. Eine der aktuellsten Auskopplungen ist hierbei „Colonel Weird – Cosmagog„.

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Nach den einschneidenden Ereignissen der Hauptreihe hat Colonel Randall Weird die sonderbare Farm verlassen und begibt sich auf die Suche nach etwas, was er vergessen hat. Dabei weiß er weder was es sein könnte, noch ob es von Relevanz ist. Ihm ist nur bewusst: Es ist für IHN wichtig. Zeitgleich könnte es die Antwort auf alle Fragen sein, die sich der durch Raum und Zeit Springende zuhauf stellt. Bei seiner Reise bewegt er sich über die Jahrzehnte seines Lebens hinweg. Mal in einer unnatürlichen Reihenfolge, mal aus einem seltsamen Blickwinkel, mal sogar im Gespräch mit sich selbst in jungen Jahren – in jedem Fall versucht er dabei bei Verstand zu bleiben (oder was davon übrig ist), damit er all jene die er liebt vor einem zersplitterten Universum bewahren kann.

Offensichtlich stand dabei Dr. Manhatten aus der Watchmen-Reihe Pate für die Fähigkeit Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft gleichzeitig wahrnehmen zu können (abzüglich der Superkräfte). Im Kontext von Black Hammer scheint es zunächst nicht verwunderlich, da die meisten Charaktere entweder konkrete Anleihen an bekannte Figuren oder zumindest Epochen in der Comic-Kunst in sich tragen. Was Lemire jedoch schafft, ist dieser Hommage eine emotionale Tiefe beizufügen, die selbst mehrschichtigen Original-Charakteren anderer Verlagshäuser nicht in dem Ausmaß vergönnt ist. Colonel Weird steht geradzu prototypisch für diese Art Geschichten zu schreiben. So nimmt er wie erwähnt alles wahr, ist jedoch emotional nicht entrückt, sondern durch sein Wissen um alles und jeden gerdazu gebrochen, da er daran verzweifelt einen Unterschied zu machen. Dadurch wirkt er eher wie ein Mensch, der seine Gabe als Bürde empfindet und nicht wie ein allwissender Halbgott.

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Bei einem Comic kann eine Geschichte noch so emotional sein, aber ohne den passenden Künstler kann die Reise in das Herz der Leser schnell verpuffen. Daher bin ich umso glücklicher zu sehen, dass Jeff Lemires Wahl bei diesem Spin-Off auf Tyler Crook fiel. Der Künstler schafft es mit seinem meisterhaften Umgang mit der Mimik der Charaktere und dem fließenden Spiel bezüglich des Panel-Aufbaus etwas zu transportieren, wofür oft nichtmal Worte nötig sind: Freude, Schmerz, Liebe oder Angst. In Kombination mit den kurzen aber genialen Dialogen entfalten die Bilder dann noch mehr Tiefe und führen gemeinsam zu dem Ergebnis der Anfangs genannten Achterbahnfahrt der Emotionen.

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In diesem Sinne schließt „Colonel Weird – Cosmagog“ qualitativ nahtlos an die bisher erschienen Veröffentlichungen aus dem Black Hammer-Universum an und beweist erneut, dass Tiefe auch im ungewöhnlichen Gewand an die Leser herangetragen werden kann. Sowohl die Hauptreihe, als auch die Nebengeschichten gehören nach wie vor in jedes gut sortierte Comic-Regal.

Colonel Weird: Cosmagog
Verlag: Splitter 
Künstler: Tyler Crook
Autor: Jeff Lemire
Format: Hardcover
Seitenzahl: 112 
Preis: 19,80 EUR 

[Rezension] Gung Ho: Die weiße Flut (Cross Cult)

Wie schon Timur Vermes („Er ist wieder da“) in seinen Worten zur Gung Ho-Ausstellung beim diesjährigen Comicfestival München angemerkt hat, ist die inzwischen international erfolgreiche Reihe von Benjamin von Eckartsberg und Thomas von Kummant „…so undeutsch[…][u]nd so wohltuend“. Das Ganze dabei ohne die Qualität von anderen Projekten aus heimischen Ateliers zu schmälern. Was damit gemeint ist, ist die Befreiung von der doch typischen Verkopftheit und spürbaren Konstruktion. Oftmals herangezogen, um das Medium Comic als ernstzunehmend darzustellen, was wie beim Film eigentlich irrelevant ist. Wenn Story und visuelle Aufmachung eine Einheit bilden und man sich in die Erzählung fallen lassen kann, dann wird das Ziel in meinen Augen erreicht: Gute Unterhaltung ohne beliebig zu sein.

© Cross Cult / Benajmin von Eckartsberg, Thomas von Kummant

Genau nach diesem Credo wurde auch der finale Abschlussband „Die weiße Flut“ konzipiert. Nach einem Cliffhanger im Vorgänger „Zorn„, steigen wir in medias res ein und sehen die Siedlung durch die Teenager-Bande erobert. Mit Waffen, Nahrung und einer Geisel (Bagster) ausgestattet, bieten die Kids mit dem Soziopathen Holden an der Spitze den Erwachsenen die Stirn. Abgegrenzt durch Barrikaden und einem jederzeit zur Verfügung stehendem Munitionsdepot, haben die Erwachsenen um Kingsten, die Anführerin der Siedlung, zunächst keine Chance. Gleichzeitig versuchen die Jugendlichen, die den zu unrecht ausgestoßenen Archer wieder in die Siedlung bringen wollen, ihren Weg zurück zu schlagen. Hierbei entdecken sie, dass die sogenannten Reisser, die affenartigen Monster, die die Menschheit in ihrer Existenz bedrohen, sich in Richtung ihrer Heimat aufgemacht haben. Es bleibt nicht mehr viel Zeit um alle vor Ort zu warnen, geschweige denn die nun verfeindeten Gruppen an einem Strang ziehen zu lassen…

© Cross Cult / Benajmin von Eckartsberg, Thomas von Kummant

Wie dabei alles miteinander zusammenhängt, die Kids außerhalb der Siedlung überhaupt die Möglichkeit kriegen sich auf den Heimweg zu machen und welche schockierenden Plottwists den Band in eine sich immer schneller drehende Spirale treiben, muss der Leser für sich selbst herausfinden. Genug Überraschungen sind jedenfalls platziert und wollen selbst entdeckt werden. Dabei wirkt alles wirkt wie aus einem Guss: Die Umgebung ist immer einzuordnen, das Verhalten der Figuren jederzeit logisch nachvollziehbar und doch nicht vorhersehbar. Das macht die Story wiederum spannend und fließend, ohne einen Gedanken daran verschwenden zu müssen in welchem Medium wir sie finden.

© Cross Cult / Benajmin von Eckartsberg, Thomas von Kummant

Das ist dabei nicht nur der spannenden Geschichte aus der Feder von Benjamin von Eckartsberg zu verdanken, sondern dem geradezu cineastischen Blick von Thomas von Kummant, der es schafft seine Bilder so zum Leben zu erwecken, dass man sie so eins zu eins in einer Serienadaption verwenden könnte. Blickwinkel, Emotionen, Licht und Farbauswahl springen in ihrer Kombination fast aus den Panels und brennen sich in das visuelle Gedächtnis des Lesers ein. Genau hier muss nochmal auf das typisch „undeutsche“ an diesem Comic eingegangen werden. Die genannte Melange aus sehr sauberem Storytelling und emotional aufgeladener Action sorgt dafür, dass die Herkunft der Macher de facto nicht auszumachen ist. Zwar sind sie, wie vermutlich viele ihrer Leser, US-amerikanisch sozialisiert, doch der Bubblegum-Aspekt wird durch den rohen europäischen Touch im Bereich der Sexualität und Gewalt verdrängt. Das macht die Lokalisierung schwer, was jedoch mit Sicherheit in Teilen den Erfolg im Ausland erklärt. Ein Fan in Frankreich kann Gung Ho genauso zur Hand nehmen wie ein Leser in den USA und beide würden sich im Setting wiederfinden. In der Hinsicht ein Kunststück, welches Kreativteams auch unabhängig von ihrer Herkunft nicht immer gelingt, hier aber mit Bravour aufgeht.

© Cross Cult / Benajmin von Eckartsberg, Thomas von Kummant

Alles in allem kann gesagt werden, dass „Die weiße Flut“ in ihrer Qualität nahtlos an die Vorgänger anknüpft und damit einen würdigen Abschluss der Gung Ho-Reihe liefert, die vollkommen zurecht gleich in mehreren Ländern eine Fanbase gefunden hat, die nur darauf wartet mit mehr Lesestoff aus diesem Universum versorgt zu werden. Dieses Projekt aus fünf Bänden gehört ohne Zweifel in jedes gut sortierte Comic-Regal eines Fans, dem Indie-Attitüde und Feuilleton-Gefälligkeit egal sind, aber Qualität und Spaß an oberster Stelle stehen.

© Cross Cult / Benajmin von Eckartsberg, Thomas von Kummant
Gung Ho: Die weiße Flut
Verlag: Cross Cult
Autor: Benjamin von Eckartsberg 
Künstler: Thomas von Kummant
Format: Hardcover, 24x32cm
Seitenzahl: 104 
Preis: 25 EUR 

[Rezension] Requiem (Zwerchfell Verlag)

Ich muss zu meiner Schande gestehen, dass ich bis dato nichts von Albert Mitringer gehört habe, obwohl sein Debüt LILA aus dem Jahr 2017 (welches zeitgleich seine Diplomarbeit an der Kunstschule Wien darstellt) durchwegs wohlwollend von Fachpresse und Leserschaft aufgenommen wurde. Nachdem mir sein neustes Werk Requiem (erschienen beim Zwerchfell Verlag) ans Herz gelegt wurde, frage ich mich ich mich nun aber ernsthaft wie oft mir Indie-Perlen entgangen sind, weil sie nicht laut beworben oder mir direkt vom Verlag in den Briefkasten geworfen wurden. Asche auf mein Haupt und insbesondere in diesem Fall. Warum, erfahrt ihr hier im Detail:

Inhaltlich befinden wir uns in einer seit langem entvölkerten Fantasie-Welt, die durchzogen von Dämonen und Monstern kaum Leben in sich birgt und Menschen nur mehr ein Echo vergangener Tage sind. Hier erwacht in der Nähe einer schon lange gefallenen Armee ein verstorbener Krieger, nachdem ihn eine gemeine Wanderkrähe berührt. Nun wieder bei Bewusstsein, spürt er das Bedürfnis mehr über sein altes Leben erfahren zu wollen und folgt besagtem Vogel in der Hoffnung sich erinnern zu können. Ab diesem Zeitpunkt beginnt die einjährige Wanderschaft des toten Ritters, die in vier nach den Jahreszeiten benannten Kapiteln, beginnend mit dem Sommer, beschrieben wird. Auf diesem Weg setzt sich nicht nur wie geplant sein altes Leben wieder in einer Erinnerung zusammen. Es werden Schlachten geschlagen, Diskussionen mit Dämonen geführt, mythische Wesen eingeführt und Freundschaften geschmiedet. Dabei sind dafür nicht viele Worte nötig, die ohnehin rar gesät, dafür aber mal knackig prägnant, mal malerisch in der Poesie verortet das Abenteuer genau an den Punkten unterstreichen, an denen sie nötig sind.

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Den Rest erledigen die wunderschönen, ausschließlich in Handarbeit gefertigten Tusche-Bilder, die einen angenehmen Kontrast für die an digitale Werke gewöhnten Augen bieten. Das soll kein Abwägen der Qualität beider Ansätze sein, aber bei einem sich durchgesetzten Standard sind klassisch angefertigt Schraffuren, eindeutig in sehr langer Arbeit und mit ruhiger Hand entstandene Landschaften und der rohe Charme des irgendwo zwischen Holzschnitt und Manga verorteten Stils eine angenehme Abwechslung beim lesen. Apropos Manga: Trotz der im Kern sehr europäischen Geschichte, merkt man eindeutig die Einflüsse ostasiatischer Steckenpferde wie eine organische und energiegeladene Dynamik bei Kämpfen, mutige Panel-Perspektiven und die typisch überdimensionale Darstellung unterschiedlichster Elemente. Trotzdem bleibt ein sehr eigener Strich erhalten, der viel trockenen Witz aber auch ruhige Momente gut zu transportieren weiß. Dadurch werden die Figuren trotz des erwähnten, eher zurückhaltenden Einsatzes von Rede so sympathisch präsentiert, dass man als Leser von Anfang an mitfiebert und mit Spannung verfolgt wohin die Reise des toten Ritters geht.

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Was Requiem davon losgelöst außerdem besonders macht, sind die opulenten Splash pages, die zum innehalten und entdecken einladen. Jede dieser Seiten brodelt geradezu über vor Details, von denen sich bei jedem durchblättern mehr zu zeigen scheinen. Ein Punkt an dem besonders deutlich wird, dass das Medium Comic für sich selber steht und der Genuss eines Bandes auf mehreren Ebenen und hierbei teils losgelöst voneinander erfolgen kann.

In diesem Sinne ist Albert Mitringer, der mit Anfang 30 und erst seinem zweiten Werk am Beginn seines Schaffens steht, ein richtiger Wurf gelungen, der sowohl inhaltlich als visuell überzeugt und Hoffnung auf einen Nachfolgeband weckt. Alles in allem sei Requiem daher jedem ans Herz gelegt, der klassisches Comic-Handwerk und gutes visuelles Storytelling zu schätzen weiß. Beides ist hier zu finden und sollte in keinem gut bestückten Comic-Regal fehlen.

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Requiem
Verlag: Zwerchfell Velag 
Autor und Zeichner: Albert Mitringer
Format: Hardcover, 21x28cm
Seitenzahl: 186 
Preis: 25 EUR 

[Rezension] Vatermilch: Buch 1 – Die Irrfahrten des Rufus Himmelstoss (Carlsen)

München der 1970er Jahre. Ein Ort mit dem man, wenn schon nicht das Oktoberfest, zunächst die Schickeria mit all ihren amüsanten aber auch dekadenten Seiten assoziiert. Eine Gemeinschaft in der Geld und Schampus fließen, Prestige und Sex Hand in Hand gehen und der Lokalpatriotismus auf eine ganz eigene Art zelebriert wird. In den Augen einiger Menschen ist diese oberflächliche Melange, trotz nicht vorhandener finanzieller Mittel, das anvisierte Lebensziel. Ob man hierfür über die eigenen Verhältnisse lebt und Freunde und Familie vergrault, scheint im so manchem narzisstischen Fiebertraum nachrangig zu sein, selbst wenn ein Absturz unvermeidbar ist.

Genau das ist dem Vater von Uli Oesterle, Autor und Künstler hinter dem bei Carlsen erschienene Band „Vatermilch: Band 1 – Die Irrfahrten des Rufus Himmelstoss“ widerfahren. So verließ er hochverschuldet und alkoholkrank die Familie, rutschte zeitweise in die Obdachlosigkeit und blieb seinem Sohn bis zu seinem Lebensende fremd. Aufgrund des damals sehr jungen Alters, blieben dem Autor nur bruchstückhafte Erinnerungen und später zu Ohren gekommene Gerüchte, um das Bild eines Mannes zu rekonstruieren, den er nie wirklich kannte. Trotzdem oder gerade deshalb versucht er nun Jahre nach dem Tod seines Vaters dieser Person näher zu kommen, indem er seinen Weg in vier Bänden, von denen der erste nun vorliegt, nachzeichnet. Inspiriert ist der Inhalt dabei zwar von realen Ereignissen, die vorhandenen Leerstellen in der Realität werden aber mit Erfundenem aufgefüllt. Dabei hat Oesterle generell keinen Anspruch an eine realitätstreue Genauigkeit, sondern möchte neben dem sehr persönlichen Aspekt bei der Erstellung der Graphic Novel, die Leser auch unterhalten. Das gelingt ihm, indem er zwar reale Rahmenbedingungen wie den Alkoholexzess, das Zurücklassen der Familie und den Absturz beibehält, aber spannende Aspekte wie einen tödlichen Autounfall und Interaktionen mit der Münchner Schickeria-Szene und dem Obdachlosen-Milieu einfließen lässt. Dadurch wird aus einer intimen Familientragödie schnell eine facettenreiche Handlung mit Elementen des Krimis, die vor allem durch eine starke Authentizität zu überzeugen weiß.

So beginnt die Story gleich mit einigen Eckpunkten der Charakterisierung von Rufus Himmelstoss, der Vaterfigur in der Handlung, der zwar aus kleinbürgerlichen Verhältnissen stammend sein täglich Brot als simpler Markisenvertreter verdient, sich aber zu Höherem berufen fühlt. Das versucht er in erster Linie sich selbst zu beweisen, indem er in angeheitertem Zustand Kundinnen verführt, seinen „Freunden“ und Kollegen einen überbrodelnden beruflichen Erfolg und seiner zuhause alleine mit dem Kind sitzenden Frau eine dichte Auftragslage vorgaukelt. Zeitgleich stürzt er sich nachts in die glitzernde Welt der Schickeria, lässt auf pump Runden an Alkohol springen, zieht wie nebenbei Koks und präsentiert sich vor unbedarften Frauen als Macher. Daher kommt es, zumindest für Umstehende, nicht überraschend als das Finanzamt einen fünfstelligen Schuldenberg vorlegt und eine unter Alkoholeinfluss durchgeführte Autofahrt zum großen Fiasko und in der Quintessenz zum Bruch mit der Familie und Gesellschaft führt.

Die Geschichte wird dabei durch Kapitel aus der Gegenwart aufgebrochen, die das Leben von Victor, dem nun erwachsenen Sohn von Rufus porträtieren. Dieser hat inzwischen selbst Frau und Kind, aber leider auch die ein oder andere Verhaltensweise seines Vaters übernommen. Zwar bricht der offensichtliche Narzissmus seines Erzeugers nicht so extrem heraus, aber einzuhaltende Abmachungen mit seiner Frau und einen gesunden Umgang mit Alkohol nimmt auch er nicht allzu ernst. Das sind Erkenntnisse, die Victor schon bald selbst wahrzunehmen beginnt und diese dabei in einem Zwiegespräch mit einer von ihm erfundenen Comic-Figur (er arbeitet als Comic-Künstler) thematisiert. Der hier aufgemachte Twist ist die Tatsache, dass obwohl Victor offensichtlich das Alter Ego Uli Oesterles ist, die eben erwähnte Comicfigur eine Karikatur des realen Künstlers sein soll, die sogar den selben Namen trägt. Mehr Meta geht nicht. Dadurch schafft er es nicht nur den Umgang mit der fehlenden Vaterfigur, sondern auch die an sich selbst gerichteten Zweifel in einem Diskurs zu verarbeiten. Ein mutiger Schritt, da eine surreale Ebene aufgemacht wird, die aber nie deplatziert wirkt, sondern sich perfekt in die einordnenden Kapitel der Gegenwart fügt.

Dabei schafft es Oesterle all seinen Figuren Seele und damit Authentizität einzuhauchen, die den Leser mitfiebern, lachen und leiden lassen. Das ist vor allem deswegen ein kleines Kunststück, da kein Charakter auf einer einzelnen Person aus der Realität basiert. So ist Rufus zwar offensichtlich Ulis Vater Peter Oesterle nachempfunden, seine vor Narzissmus strotzenden Charakterzüge, in denen echte pathologische Merkmale zu entdecken sind, wurden aber von mehreren Menschen inspiriert, die der Autor im Laufe seines Lebens kennenlernen „durfte“. Unterstrichen wird die Authentizität durch die meisterhaften Zeichnungen und die damit verbundene, stets greifbar wirkende Gestik und Mimik der Charaktere.

In der Gesamtheit ist „Vatermilch: Band 1 – Die Irrfahrten des Rufus Himelsstoss“ daher nicht nur eine definitive Kaufempfehlung, sondern eine Produktion, die qualitativ zu den besten Veröffentlichungen 2020 im deutschsprachigen Raum gezählt werden darf. Nicht ohne Grund dürfen sich Uli Oesterle und Carlsen über die schon zweite Auflage in den Regalen der Republik freuen, die sicherlich auch glückliche Abnehmer finden wird. Die Vorfreude auf die drei weiteren Bände der Reihe wird bei ihnen mit Sicherheit mindestens genauso groß sein wie beim Autor dieser Zeilen.

Vatermilch: Band 1 - Die Irrfahrten des Rufus Himmelstoss 
Verlag: Carlsen  
Autor: Uli Oesterle
Zeichner: Uli Oesterle
Format: Hardcover 
Seitenzahl: 128
Preis: 20 EUR

[Rezension] Onkel Dagobert und Donald Duck – Don Rosa Library 1: Der Sohn der Sonne (Egmont Comic Collection)

© Egmont Comic Collection

Eine meiner frühesten Erinnerungen im Zusammenhang mit Comics sind meine regelmäßigen Besuche in der lokalen Stadtbibliothek und die zahlreichen Prestige-Hefte in der Kinder- und Jugendabteilung. Dort lagen all die Klassiker des Mediums von Asterix, über Lucky Luke bis hin zu den zahlreichen Disney-Veröffentlichungen um die berühmten Bewohner von Entenhausen. Zwar fand man dort auch gleichberechtigt Geschichten des einzig wahren Carl Barks, doch mich zogen ganz andere Ausgaben mit ihren plastisch dargestellten Covern in ihren Bann: die Werke von Don Rosa.

Es mag zwar Puristen etwas seltsam vorkommen, dass ich mich für Geschichten begeistert habe, die von konservativen Zeitgenossen fast schon verächtlich als „Fan-Fiction“ definiert wurden, doch ohne Wissen um die Hintergründe der Entstehung blieb nur der persönliche Geschmack: Mit Details überbrodelnde Panels, Situations-Komik und viel Herz, die zusammen meine Liebe zu Onkel Dagobert, Donald und Co. entfachten. Zwar veränderte sich der Geschmack im Laufe der Zeit und ich kehrte den leichtfüßigen Abenteuern den Rücken, um mich „ernsthaften“ Stoffen zu widmen, aber ich sollte nie vergessen wie Don Rosa mich einst geprägt hat.

Als die Egmont Comic Collection dann dieses Jahr zu meiner Überraschung eine komplett neu überarbeitete Gesamtausgabe von Rosas Werk ankündigte, entfachte es sogleich die Nostalgie in mir und der Drang einen Teil meiner Jugend zu präsentieren und euch sogar eventuell für die Abenteuer der Ducks zu begeistern brachte mich zu dem Entschluss den ersten von sage und schreibe 10 Bänden zu besprechen. Natürlich machte ich mir zunächst ein wenig Sorgen, ob meine eigenen Erinnerungen verklärend wirken könnten, doch kaum habe ich die ersten der 13 Geschichten aus den Jahren 1987 bis 1989 gelesen, fühlte ich mich in meiner Überzeugung erneut bestätigt.

Selbstverständlich sind Stil und Charme eines Barks unerreicht, doch Rosa schafft es trotz einer schier unendlichen Anzahl von Zitaten seines großen Vorbilds (die er wohlgemerkt fein säuberlich in jedem Nachwort aufzählt) eine Eigenständigkeit zu bewahren, die dafür sorgt, dass er bis heute zu den großen Namen unter dem Disney-Banner zählt. Vor allem seine individuelle Schraffur, die dafür sorgt, dass seine Figuren geradezu plastisch wirken, sorgt für einen Wiedererkennungswert und eine Schar an Fans, die ihn eben für genau diesen Stil bewundern. Auch inhaltlich sind die Reisen der Ducks in entlegene und schon bei Barks besuchte Orte zwar eine eindeutige Verbeugung vor dem Ursprungsmaterial, aber diese Erfahrung wird hier erweitert ohne ein billiger Abklatsch zu sein. So sieht Dagobert seine alte Liebe wieder, findet sich erneut am Klondike ein, läuft bekannten Nebenfiguren über den Weg und gibt dem Leser das Gefühl tiefer in die Materie einzusteigen und nicht der Cover-Version eines alten Songs zu lauschen. Vor allem die immer wieder durchscheinende Melancholie, die sich sowohl in der Mimik als auch im Setting mancher Geschichten wiederfindet und das gigantische Gagfeuerwerk regelmäßig aufbricht, spricht für die Qualität der Erzählungen, die Rosa bis zu seinem Ruhestand 2006 in die Regale brachte. Trotz seines Abschieds hat er es sich jedoch nicht nehmen lassen die neu aufgelegte „Don Rosa Library“ durchzugehen und dafür zu sorgen, dass Leser sie exakt so zu sehen bekommen, wie er es sich ursprünglich gewünscht hat. So bekommen wir in Deutschland eine für unser Auge eher ungewöhnliche Kolorierung. Sind wir es zum Beispiel gewohnt die Münzen in Dagoberts Geldspeicher im strahlenden gold zu sehen, schwimmt unser Protagonist in einem silbernen Metall-See mit Bronze-Nuancen. Wirkt es zunächst etwas befremdlich, macht es auf den zweiten Blick sogar durchaus Sinn. Dagobert ist so knausrig, dass er sogar Kleingeld hortet und dieses ist in den USA primär silber- und bronze-farben.

Wem die großartigen Geschichten nicht reichen, kann sich darüber hinaus noch allerlei zusätzliches Material zu Gemüte führen, welches die vorliegenden Geschichten in ihren Entstehungskontext bettet und interessante Querverweise zu Barks Schaffen beleuchtet. Des Weiteren schließt der Band mit einer schönen Cover-Galerie und dem ersten Teil der Biografie des Künstlers ab, die in den folgenden neun Bänden fortgeführt werden soll. Damit wird deutlich, dass sich dieser Release nicht nur an junge Leser richtet, die Don Rosa zum ersten Mal entdecken, sondern auch an Nostalgiker, die sowohl gerne in Erinnerungen schwelgen, als auch die Entstehung ihrer Lieblingsgeschichten nachvollziehen wollen.

In diesem Sinne ist „Onkel Dagobert und Donald Duck – Don Rosa Library 1: Der Sohn der Sonne“ eine Pflichtanschaffung, die in keiner Sammlung fehlen darf und in dieser Form der Vision des Künstlers am nächsten kommt.

Onkel Dagobert und Donald Duck - Don Rosa Library 1: Der Sohn der Sonne 
Verlag: Egmont Comic Collection 
Erschienen am: 04.06.2020
Autor: Don Rosa
Zeichner: Don Rosa
Format: Hardcover 
Seitenzahl: 208
Preis: 30 EUR

Fight Club 3 – Bücher 1 und 2

Die erste Regel des „Fight Club“ lautet, man spricht nicht über den „Fight Club„. Das ist jedoch schwieriger umzusetzen, als man zunächst glauben mag. Sowohl das Buch, der darauf basierende Film, als auch die Comic-Fortsetzung, die 2015 über den Splitter Verlag ihren Weg nach Deutschland gefunden hat, sind allesamt von so hoher Qualität und Aussagekraft, dass man als Cineast und Comic-Geek nicht um eine angeregte Diskussion herum kommt.

Dieser wird nun noch mehr Zunder gegeben, denn nun steht das große Finale aus der Feder des Kult-Autors Chuck Palahniuk in den Regalen und Fans stellen sich die berechtigte Frage ob das sozialkritische Gesamtkunstwerk zu einem würdigen Abschluss gebracht werden konnte oder nicht. Wie schon bei „Fight Club 2“ entschied sich Splitter dazu die US-Heftserie in zwei Sammelbänden zu veröffentlichen. Der erste erschien schon im letzten Dezember, der zweite Anfang Juli. Beide sollen nun, da sie eine erzählerische Einheit bilden, im Folgenden besprochen werden.

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Darüber hinaus möchte ich, bevor es in die eigentliche Rezension geht, auf den Zeichner Cameron Stewart zu sprechen kommen, dem kurz vor der Veröffentlichung des finalen Bandes öffentlich von Künstlerinnen vorgeworfen wurde, dass er sie verführen wollte, als diese noch sehr jung und bisweilen sogar minderjährig waren. Das Ganze ist auch als „grooming“ bekannt: Ein älterer (in der Regel) Mann, macht sich an eine deutlich jüngere Frau oder sogar ein Mädchen heran, um diese in der Folge zu sexuellen Handlungen zu bewegen. Nach und nach fühlten sich mehr Frauen aus der Szene ermutigt ihre Geschichte zu den Geschehnissen darzulegen und so setzte sich das Bild eines Mannes zusammen, mit dem andere Kreative und in der Folge ganze Verlage nicht mehr arbeiten wollten. So wurde ein unbenanntes Projekt von DC eingestampft und andere Künstler und Autoren verzichteten auf von Cameron beigesteuerte Variant-Cover.

Es ist mir persönlich wichtig zu betonen, dass ich jede Handlung Stewarts aus dieser Richtung verabscheue und verurteile und sollte seine Schuld darüber hinaus juristisch festgestellt werden, auch keine Probleme damit habe, wenn er trotz seines offensichtlichen Talents keinen Job mehr in der Branche bekommt. Solches Verhalten darf nicht toleriert und muss offen angesprochen werden. Eventuell folgt in absehbarer Zeit auch hier ein Artikel zu dem Thema, welches seit kurzem auch die deutsche Comic-Szene beschäftigt.

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Da nun der „Elephant in the room“ benannt wurde, kann nun zum eigentlichen Thema des Artikels zurückgekehrt und das Hauptaugenmerk auf die Geschichte Palahniuks gerichtet werden, die inhaltlich nicht mit den Taten Stewarts belastet werden sollte.

Wie wir alle wissen (sonst würde man nicht zur Fortsetzung greifen), hat der „Held“ unserer Geschichte keinen festgelegten Namen, sondern wechselt ihn bisweilen öfter als die eigene Unterwäsche. Hier wird er uns als Balthazar vorgestellt, was bei den vielen Meta-Ebenen, die der Autor auftischt sicherlich kein Zufall ist. Die ursprüngliche Bedeutung wäre „Gott, Schütze den König“ und dieser ist im Kontext von „Fight Club“ unmissverständlich als Tyler Durden auszumachen, der durch die konsumfreundliche, bürgerliche Fassade vor der Entdeckung bewahrt wird.

Nach den Ereignissen des Vorgänger-Bandes sehen wir Balthazar, seinen Sohn und die nun hochschwangere Marla (wie wir zuvor erfahren haben, ist es Tylers Nachwuchs) ihr Dasein in einem heruntergewirtschafteten Motel fristen, während sie aus unterschiedlichsten Gründen mit der Gesamtsituation unzufrieden sind. Balthazar macht sich Sorgen um das ungeborene Kind, Marla will es in erster Linie nichtmal bekommen und der Junge sieht sich dem dysfunktionalen Clusterfuck eines Elternhauses ausgesetzt, welches das Wort Trauma gefühlt zum Motto auserkoren hat. Nun könnte die Situation mit dem Zugrabe getragenem „Projekt Chaos“ noch als friedfertig betitelt werden, doch plötzlich taucht ein neue Organisation aus dem Nichts auf und möchte ähnlich Tylers Vorstellungen die Welt zugunsten einer als wertvoll erachteten Elite umgestalten, die nichts als verbrannte Erde hinterlässt. Das Werkzeug der Wahl ist aber, passend zum aktuellen Jahr 2020, eine tödliche Pandemie, die nur durch eine sehr „spezielle“ Herangehensweise aus der Welt geschafft werden kann.

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Wie schon zuvor ist die zentrale Handlung, abzüglich der zahllosen Meta-Ebenen und absurden Neuerzählungen historischer Ereignisse, schnell beschrieben. Das wovon das „Fight Club„-Franchise jedoch primär lebt sind die bitterbösen Kommentare auf unsere Konsumgesellschaft, popkulturelle Querverweise und die nicht wenigen Streifschüsse auf den imaginierten Leser, die zur Reflexion anregen sollen. Dabei werden, wie in Buch, Film und dem Comic-Vorgänger, die Grenzen zwischen Medium und Realität quasi durchgehend verwischt. Dadurch wird nicht nur ein für die Reihe typisches Element der Eliminierung der vierten Wand ausgespielt, sondern der Comic als eigenständiges Produkt der Kunst identifiziert, welches sowohl im Hinblick auf die Erzählung, als auch die in die Handlung greifende visuelle Ebene in ihrer Einzigartigkeit präsentiert wird. So ist ein Comic kein mit Bildern aufbereitetes Buch, keine durchwegs bildende Kunst aber eben auch kein Hybrid. Offensichtlich hat Palahniuk die Definition „Comics sind Comics“ nach dem Medien- und Kulturwissenschaftler Martin Barker zu Herzen genommen und sich deswegen für die unausweichliche Option einer Comic-Fortsetzung entschieden, die den Kern von „Fight Club“ mit am besten repräsentiert.

Hinzu kommen geradezu kompromisslose Szenen, die bezüglich des Gewaltgrades und anderer expliziter Darstellungen entweder nichts der Fantasie überlassen oder so konzipiert sind, dass man das schelmische Grinsen der Macher geradezu durch die Seiten sehen kann. Auch zeitgenössische Diskussionen um Politik, Geschlechterrollen, sexuelle Befreiung und der quasi fehlende Filter für sozial akzeptables Verhalten werden mit Genuss aufgegriffen, in Worte und Bilder verpackt und mit einer solchen Wucht entgegen geschleudert, dass ein unbedarfter Leser definitiv länger an dem Gesamtpaket zu kauen hat. Und ist es nicht genau das, was wir von „Fight Club“ erwarten? Zwar scheint der Autor diesmal temporär in zu fantasievolle Sphären abzutauchen und damit das realistisch Rohe etwas in den Hintergrund zu rücken, was sicherlich einigen Fans auffallen wird, aber der Umstand ist in Anbetracht der durchgehend auf höchstem Niveau gehaltenen Qualität jederzeit zu verschmerzen.

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Auf der visuellen Ebene bleibt sich Stewart weiterhin treu und arbeitet neben Elementen, wie den Brüchen von Panels und der Umfunktionierung des Formats (Stichwort „Wandkalender“) auch mit Collage-Anleihen. Diese wilde Mischung passt wie die Faust aufs Auge, wenn man das Chaos in der Geschichte betrachtet. Man merkt geradezu die Ambition den Leser am Geschehen teilhaben zu lassen. Dabei spielt er in seinem Stil geradezu Mustergültig mit den drei wichtigsten Merkmalen des Comics in Form von Bild, Text und Symbol, bringt sie durcheinander, entzerrt sie erneut und springt dabei durchgehend von klassischem Aufbau zu avantgardistischem Level und zurück. Dabei erdrückt er nicht die Handlung, sondern treibt sie Hand in Hand voran. In Anbetracht dessen, was wir hier als anarchistischen Cocktail serviert bekommen, ist das durchaus als große Leistung zu betiteln.

Deswegen kann man die Zusammenarbeit zwischen Autor und Künstler nicht nur als fruchtbar, sondern durchwegs geglückt definieren. Das kann man leider nicht immer von Fortsetzungen in Film und (graphischer) Literatur behaupten, doch mit „Fight Club 3“ ist ein „Full Circle“ publiziert worden, der zwar ab und zu, sogar für die Verhältnisse der vorliegenden Geschichte, ins Absurde ausschert, dabei aber nie die Geschichte aus den Augen verliert. Daher kann ich den Fans der Reihe diesen Abschluss in zwei Teilen nur ans Herz legen und allen die bis dato eventuell nur das Buch gelesen oder den Film gesehen haben, dazu raten sich an diese gelungene Fortsetzung zu wagen.

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Fight Club 3 - Buch 1|2 
Verlag: Splitter 
Erschienen am: 13.12.2019
Autor: Chuck Palahniuk
Zeichner: Cameron Stewart
Format: Hardcover 
Seitenzahl: 168
Preis: 24 EUR
Fight Club 3 - Buch 2|2 
Verlag: Splitter 
Erschienen am: 03.07.2020
Autor: Chuck Palahniuk
Zeichner: Cameron Stewart
Format: Hardcover 
Seitenzahl: 176
Preis: 25 EUR

[Rezension] Batman Noir: Gotham By Gaslight (Panini Comics)

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Die US-Leser unter euch kennen sicherlich schon seit längerer Zeit die Strategie der großen Superhelden-Verlage Klassiker oder besonders beliebte Geschichten in schwarz/weiß auf den Markt zu bringen. Der Hintergrund, neben der offensichtlichen Möglichkeit des Abverkaufs schon erschienener Bände, ist die so besonders nah an der Vorstellung der Zeichner gelegene Vision betroffener Geschichten. Selbstverständlich sind Koloristen ein essenzieller Bestandteil des Produkts „Comic“ und bringen nicht selten eine Ebene mit ein, ohne die eine bestimmte Stimmung nicht mal im Ansatz transportiert werden könnte. Trotzdem sind vor allem Handlungen, die primär durch die eigentliche Geschichte und nicht nur Action getragen werden, geradezu prädestiniert dafür sich den typischen Graphic Novel-Look anzueignen.

Das haben auch Panini Comics in Deutschland erkannt und folgen nun dem Lizenzgeber DC mit zwei großformatigen Hardcovern, von denen ich hier den Titel „Batman Noir: Gotham by Gaslight“ besprechen möchte. Dieser versammelt zum ersten Mal die beiden Elseworld-Geschichten „Blutige Schatten der Vergangenheit“ (1989) und „Der Herr der Zukunft“ (1991).

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© Panini Comics

Beide Storys entstammen der Feder des Autoren Brian Augustyn, während sich mit  Eduardo Barreto und Mike Mignola zwei unterschiedliche Zeichner für die beiden Projekte zur Verfügung gestellt haben. Insbesondere Mignola sei hier gesondert erwähnt, den die meisten vermutlich aufgrund seiner Arbeit an Hellboy kennen sollten und dessen Werk vom legendären Alan Moore als Mischung aus Jack Kirby und dem deutschen Expressionismus bezeichnet wurde.

Inhaltlich steigt der Leser zum Ende des 19. Jahrhunderts auf einem Schiff ein, dass bald von London aus in Gotham einlaufen soll. Darauf befindet sich unter anderem Bruce Wayne, der zuvor unter den Fittichen von Sigmund Freud die Psychoanalyse in Wien studiert hat. Zeitlich passend hat kurz zuvor Jack the Ripper seine Mordserie in Whitechapel begangen und mit einem der Handlung vorangestellten fiktiven Brief von eben jenem Mörder darf man sich darauf einstellen, dass Gotham der nächste „Spielplatz“ seiner Wahl werden wird. Doch Jack hat in diese Rechnung Batman nicht einkalkuliert, der mit der Rückkehr Waynes natürlich ebenfalls sein wachsames Auge auf die Straßen der Metropole wirft. Was der dunkle Ritter jedoch selbst nicht erwartet, ist es mit seiner bürgerliche Fassade selbst in den Kreis der Verdächtigen zu geraten, was den Ursprung der blutigen Spur von der Themse bis zur Ostküste der USA anbelangt. Daher bleibt ihm nichts anderes übrig, als sich selbst auf die Jagd nach dem Ripper aufzumachen, um den Namen der Familie Wayne rein zu waschen. Zeitgleich entdeckt er allerhand weitere Geheimnisse, die sogar den Mord an seinen Eltern mit einschließen.

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© Panini Comics

Wie nebenbei lässt der Autor dabei zahlreiche Referenzen mit einfließen, die zum Beispiel den Ursprung bestimmter Bösewichte im Kontext der beschriebenen Zeit beinhalten, selbst wenn diese in „Blutige Schatten der Vergangenheit“ keine tragende Rolle spielen. Darunter zum Beispiel der Joker, dessen kurz zu sehendes Bild als eindeutiger Verweis auf die reale Inspiration durch den Stummfilm „Der Mann, der lacht“ (1928) zu verstehen ist. Hinzu kommen auch kleine Anspielungen für die im Comic-Bereich historisch interessierten Leser, die unter anderem eine Zeichnung von Bob Kane wiedererkennen sollten. Ganz generell sorgen Mignolas Zeichnungen in schwarz-weiß für eine Atmosphäre, die nicht nur aufgrund des teils deckungsgleichen Themas aus „From Hell“ (1989-1996) für schaurig-schöne Momente sorgt. Man darf darüber hinaus davon ausgehen, dass der Release beider Titel nicht ohne Grund auf das Jahr 1989 fiel, da die Morde sich erst im Jahr zuvor zum hundertsten Mal jährten und damit der Öffentlichkeit besonders präsent waren.

In der zweiten Geschichte „Der Herr der Zukunft“ wird wie schon erwähnt mit Augustyn der Autor beibehalten, während mit Eduardo Barreto ein anderer Künstler zum Zeichenstift greift. Wir befinden uns immer noch am Ende des 19. Jahrhunderts und Gotham City ist im Begriff die Weltausstellung vorzubereiten, die in der Realität um den gleichen Zeitraum in Chicago stattfand. Insbesondere der Bürgermeister, sowie eine Vielzahl an Bürgern sind Feuer und Flamme für die Idee eine so prestigeträchtige Veranstaltung auszurichten, während Bruce Wayne sich primär Gedanken darum macht seinen Umhang an den Nagel zu hängen. Doch es kommt natürlich anders als erwartet, als mit dem geheimnisvollen Alexandre LeRoi ein Mann eine Veranstaltung stürmt, die zur Planung der besagten Ausstellung einberufen wurde. Hier verlangt er unter einem zivilisationskritischen Pathos, den man durch den Besitz eines Luftschiffs und eines Roboters durchaus in Zweifel ziehen kann, die Absage der Weltausstellung. Sollte man seinem Befehl nicht Folge leisten, würde er die Stadt in Schutt und Asche legen. Wie nicht anders zu erwarten, sieht sich nun Bruce Wayne erneut in der Pflicht die Fledermaus-Haube überzuziehen und der plötzlichen Bedrohung auf den Grund zu gehen. Alles in allem eine runde Abenteuergeschichte mit Steam Punk-Flair und daher lesenswert, jedoch nicht auf dem selben Niveau wie der Vorgänger, was neben der tiefergehenden Handlung auch am Strich Mignolas liegt, der im Gegensatz zum ebenfalls großartigen Eduardo Barreto eine deutlich individuellere Note mit sich bringt.

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© Panini Comics

Das Gesamtpaket in Form des Sammelbands „Batman Noir: Gotham by Gaslight“ ist in diesem Sinne definitiv eine Anschaffung wert. Insbesondere wenn man die Geschichten noch nicht im eigenen Bücherregal stehen hat und sich für den Graphic Novel-Vibe einer schwarz/weißen Batman-Geschichte begeistern kann. Man darf gespannt sein, was Panini nach dem vorliegenden Band und „Der Tod der Familie“ als nächstes in das „Noir„-Programm aufnimmt.

Batman Noir: Gotham by Gaslight 
Verlag: Panini Comics
 
Autor: Brian Augustyn
Zeichner: Mike Mignola, Eduardo Barreto
Erschienen am: 12.05.2020 
Format: Hardcover
 
Seitenzahl: 124
Preis: 23 EUR

 

[Rezension] Die Geschichte des Marvel-Universums (Panini Comics)

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Durch unterschiedliche Jubiläen aus dem Hause Marvel oder auch traurige Ereignisse wie dem Tod von Stan Lee, wurde immer wieder Sekundärliteratur auf den Markt gebracht, die die Entstehungsgeschichte von Helden und Schurken rund um die Avengers, die X-Men und viele anderen beleuchtet hat. Was dabei jedoch oft auf der Strecke blieb, war der inhaltlich übergreifende Zusammenhang von Charakteren und Geschichten innerhalb einer fiktiven Historie, die in ihrer Größe und Komplexität einen so gigantischen Mythos darstellt, dass ein Vergleich mit antiken Göttersagen alles andere als weit hergeholt erscheint.

Nun sind Comics, insbesondere aus dem Superhelden-Bereich, über viele Jahrzehnte hinweg reine Spiegelbilder der Popkultur gewesen und nicht wenige Auftragsarbeiten eher glückliche Zufälle als das Produkt eines Masterplans. Hier einen roten Faden zu spinnen, der sich zu einem Netz ausbreitet und selbst die absurdesten Nebenfiguren mit riesigen Events verknüpft, ist dementsprechend eine echte Herkules-Aufgabe, doch mit Top-Autor Mark Waid (Avengers) und dem Ausnahmekünstler Javier Rodríguez (Spider-Man) hat sich ein Team zusammengefunden, dass sich tatsächlich an diese Herausforderung gewagt hat.

Aufgemacht wird die Geschichte dabei durch eine gekonnt gesetzte Rahmenhandlung. Nach einem Kampf zwischen den uralten Celestials sind Franklin Richards, der Sohn von Mr. Fantastic und der Unsichtbaren, und der Weltenverschlinger Galactus am Ende der Zeit zusammengekommen. Das Universum liegt im sterben, soll aber laut Richards nicht in Vergessenheit geraten. Deswegen bewegt er Galactus dazu die gesamte Geschichte des Marvel-Kosmos zu erzählen: vom Urknall, über frühe Zivilisationen bis hin zu den Taten der uns bekannten Helden.

Dabei werden über sechs Kapitel hinweg reale Mythen, politische Wendepunkte und soziale Umbrüche akribisch aufgeschlüsselt und in den Kontext von Göttern, Mutanten, Aliens und aus Zufall entstandene Helden gesetzt, ohne das Gefühl aufkommen zu lassen, einem Bewusstseinsstrom ausgesetzt zu sein. Tatsächlich balanciert der Autor nicht selten auf der Schneide in simples Name-Dropping zu verfallen, doch da dieser Eindruck nie dominiert, erscheint die Handlung wie beabsichtigt als Erzählung, die man so oder so ähnlich auch in realen Handbüchern zu historischen Ereignissen finden könnte. Manches lässt sich in einem Satz, anderes über Seiten hinweg beschreiben und gibt einem trotzdem jederzeit das Gefühl, dass alle Ereignisse ihre Relevanz haben und durch ihr Ineinandergreifen erst das Marvel-Univerum zu dem machen, was es heute ist.

Auf der visuellen Ebene geht Rodríguez keine Experimente ein und liefert mit seinem für den Superhelden-Bereich nahezu perfekt passenden Stil, die Möglichkeit sich auf die extrem große Masse an Informationen einzulassen, ohne den Leser durch abstrakte Ausflüge herauszureißen. Darüber hinaus schafft er es mit der Konzeption seiner Panels, die keinem festen Muster folgen, sondern sich in den Dienst der Handlung stellen, sowohl in einem Nebensatz abgearbeitete Ereignisse, als auch bis heute nachwirkende Geschehnisse passend ins Bild zu setzen. Dabei spielt er natürlich neben eigens kreierten Szenen auch mit ikonischen Darstellungen, die auch der Laie als solche wiederkennt.

Der Geschichte selbst nachgesetzt ist ein sehr umfangreicher, sowie bebilderter Anhang, der das Gelesene mit Verweisen auf die entsprechenden Hefte und Bände versieht. Dadurch können Interessenten sich persönlich auf die Reise in die Historie des Marvel-Universums begeben und die in aller Kürze behandelten Events in aller Ausführlichkeit persönlich nachvollziehen. Es sollte jedoch erwähnt werden, dass trotz des vorliegenden Gesamtüberblicks ein Griff zu „Die Geschichte des Marvel-Universums“ nur für Leser zu empfehlen ist, die sich zumindest eine gewisse Basis an Wissen angeeignet haben, die in der Lektüre des Verlags und nicht in dem cineastischen Output liegen sollte. Andernfalls ist eine Überforderung durch unglaublich viele Details geradezu vorprogrammiert.

In diesem Sinne ist eine Anschaffung für alle Marvel-Fans zu empfehlen, wenn sie sich nicht auf wenige einzelne Heftreihen versteift haben und sich auch für die Vergangenheit ihrer Lieblingshelden interessieren. Sollte dies der Fall sein, handelt es sich beim Kauf von „Die Geschichte des Marvel-Universums“ um einen schönen Überblick, der insbesondere als inhaltliche Ergänzung zum Wissen um Autoren und Künstler sowie die Historie des Verlags herangezogen werden kann.

Die Geschichte des Marvel-Universums 
Verlag: Panini Comics
 
Autor: Mark Waid
Zeichner: Javier Rodríguez
Erschienen am: 05.05.2020
Format: Softcover
 
Seitenzahl: 244
Preis: 26 EUR

[Rezension] Black Hammer ’45 (Splitter)

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© Splitter

Schon wieder und sicherlich nicht zum letzten Mal steht uns ein Spin-Off der beliebten Black Hammer-Reihe beim Splitter Verlag ins Haus. Diesmal bewegen wir uns jedoch nicht in der geschlossenen Gruppe an Helden der Hauptreihe und ihrer Antagonisten, sondern im Goldenen Zeitalter der Superhelden und damit in den 1940er Jahren. Zwar tauchen auch hier Abraham Slam und Golden Gail, sowie andere bekannte Figuren auf, aber den Mittelpunkt des Geschehens bildet eine Eliteeinheit der Air Force, die für spezielle Missionen ausgebildet wurde, um den Achsenmächten zu schaden. Und wie sollte es auch anders sein. Der Name des Titels ist Programm, denn die Gruppe der waghalsigen Militärs aus Afroamerikanern, Latinos und Asiaten nennt sich Die Black-Hammer-Schwadron. Vor diesem Hintergrund ist es wohl als Verweis auf die real existierenden Harlem Hellfighters zu verstehen, die im ersten und zweiten Weltkrieg ein rein afroamerikanisches Regiment stellten.

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© Splitter

Und so speziell wie diese Truppe ist, ist auch ihr Auftrag. Sie müssen nämlich eine  Familie an Wissenschaftlern aus den Fängen der Nazis befreien. Was zunächst wie der Plot eines üblichen Weltkriegs-Action-Dramas daherkommt, wird aber schon bald aufgebrochen, wenn sich zu den Faschisten plötzlich Fliegerasse mit dem Namen „Ghost Hunter“, nach dem Vorbild des roten Barons, Werwölfe, Okkultisten und sowjetische Riesen-Roboter gesellen. In diesem Sinne die gewohnt abgedrehte Mischung, die man von Lemire kennt, der sich diesmal jedoch mit seinem kanadischen Kollegen Ray Fawkes an den Autoren-Tisch gesetzt hat. Doch eine Geschichte aus dem Black Hammer-Universum wäre niemals komplett, wenn der nur oberflächlich existierende Trash nicht von einer emotionalen Komponente untermauert wird, die das vorliegende Universum so unvergleichlich und darum auch so erfolgreich werden lässt.

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© Splitter

Das ursprünglich in vier US-Heften veröffentliche Spin-Off ist dabei aber noch eine Stufe experimentierfreudiger unterwegs, als so manch andere unter dem gleichen Label veröffentlichte Mini-Serie. So verzichten die Macher abseits von Gastauftritten der uns schon bekannten Helden aus der Hauptreihe, auf Verflechtungen mit dem zentralen Handlungsbogen und geben sich damit selbst die Freiheit außerhalb festgelegter Strukturen zu agieren. Das gilt in dem Sinne auch für den Zeichner Matt Kindts, der mit seinem extrem groben Stil Superhelden-Puristen recht sicher zur Weißglut bringt und offenere Leser zum Entdeckten einlädt. Ich persönlich musste mich durchaus auch erst an den Strich und die Farbgebung gewöhnen, doch nach ein paar Seiten Einlesezeit spürt man recht schnell die Kunst und die Handlung ineinandergreifen und versteht, warum Lemire und Fawkes sich zu dieser Zusammenarbeit entschieden haben. Es bleibt durchaus Geschmacksache, aber es sei hiermit unterstrichen, dass man sich von einem ersten Blick in den Band nicht abschrecken lassen sollte.

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© Splitter

Alles in allem handelt es sich bei Black Hammer ’45 wohl um das wohl kurzweiligste Spin-Off der Serie in vier Akten, dass durchaus überzeugt, aber nicht ganz an die anderen Geschichten heranreicht. Bei der immer noch extrem hoch angesetzten Qualität von Black Hammer ist eine Anschaffung jedoch auf keinen Fall ein Fehler und man erhält einen Band, der zwar eine der weniger relevanten Storys aus der Feder von Lemire und Fawkes beinhaltet, damit aber immer noch über vielem schwebt, was man als gut bewerten würde.

Da darüber hinaus besondere Zeiten auch besondere Maßnahmen erforderlich machen, könnt ihr euch übrigens unter https://www.comics-kaufen.de/index.html den Händler eures Vertrauens suchen und mit eurer Bestellung unterstützen. Damit sorgt ihr dafür, dass ihr auch in einer Zeit nach Corona lokal mit euren liebsten Veröffentlichungen versorgt bleibt.

Black Hammer '45 
Verlag: Splitter 
Erschienen am: 24.01.2020  
Autor: Jeff Lemire, Ray Fawkes 
Zeichner: Matt Kindt
Format: Hardcover 
Seitenzahl: 120
Preis: 22 EUR