Ist Hören das neue Lesen? – Audiobooks und Podcasts auf dem Vormarsch

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Ein immer häufigeres Bild: Das Buch oder E-Book wird zur Seite gelegt und trotzdem verpasst man keine gute Geschichte.

Ich weiß nicht wie es euch geht, wenn es um das Lesen geht, aber ich gehöre in der Regel zu denjenigen, die sich am Anblick gefüllter Bücherregale ergötzen und nicht genug vom Geruch frisch aufgeschlagener Seiten kriegen können. Doch gehöre ich mit meinen vollen Schränken und dicken Schinken zu einer aussterbenden Art? Als zum Beispiel E-Books nicht nur als reines Luxusgut empfunden wurden und die Anbieter sich in einer Preisschlacht um die Kunden rissen, konnte man eine Ahnung davon bekommen, dass die Welt der Leser sich im Umbruch befindet.

Ich muss gestehen, dass ich als jemand, der sich schon seit jeher physischen Medien verschrieben hat (CDs, Vinyls und natürlich Bücher) ein mulmiges Gefühl bekommen habe, während diese Entwicklung in meiner unmittelbaren Umgebung stattfand. Doch je mehr ich mich mit dem neuen Status Quo beschäftigt habe, desto mehr begriff ich, warum so viele Leute sich anfingen umzuorientieren. Zeitgleich verstand ich, dass ich wohl ein Idealist bin, denn die Freude an einer Geschichte oder einem Musikstück ändert sich nicht durch die Art des Konsums, solange man sich auf das jeweilige Werk wirklich einlässt.

Eine weitere Entwicklung, die ich nicht kommen sah und die eigentlich sehr offensichtlich vor meinen Augen vollzogen wurde, war die des Hörbuch-Revivals. Während meine Klassenkameraden in der Grundschule gerne zu Kassetten (ja, die wurden in meiner Jugend auch noch benutzt) und CDs bekannter Kinder-Formate oder sündhaft teuerer Jugend-Romane wie Harry Potter griffen, stromerte ich immer noch im lokalen Buchladen herum. Eine andere Zielgruppe kam mir nie in den Sinn. Wer sah schon Erwachsene mit einem CD-Player oder Walkman auf der Straße die neuesten Bestseller genießen?

Und wie schon zuvor wurde ich Jahre später eines Besseren belehrt. Kaum begann die Game of Thrones-TV-Serie an Fahrt aufzunehmen, interessierten sich plötzlich, wie schon bei so vielen anderen Adaptionen, die Leute für das Ursprungsmaterial. Doch etwas war nun anders. Saßen früher einem die Menschen mit einem Buch gegenüber, haben sie heute ausnahmslos Kopfhörer im Ohr, aus denen nicht nur Musik läuft. So war ich erstaunt, als ein Arbeitskollege ein Buch nach dem andern verschlang, während ich mich im öffentlichen Nahverkehr und den seltenen Abenden mit einem freien Kopf in die Welt der sieben Königreiche stürzte. Wohlgemerkt nachdem ich mich entweder in der Uni über zahlreiche Bücher gebeugt oder im Job vor dem Bildschirm gesessen habe. Ihr könnt euch meine durchgehende Erschöpfung wahrscheinlich gut vorstellen. Als mir dann besagter Kollege nebenbei erzählte, dass er auf dem Weg zur Arbeit, beim Fitness und beim Haushalt ein Kapitel nach dem anderen abarbeitete, wurde mir dann plötzlich alles klar.

Es dauerte zwar noch ein wenig, bis ich mich selbst von alten Mustern lösen konnte (Musik-Streaming war bis vor nicht allzu langer Zeit in meinen Augen ebenfalls Teufelswerk), doch irgendwann lachte mich ein Audiobook zu Stephen Kings Dr. Sleep an (übrigens demnächst im Kino!) und meine zweigleisige Reise begann. Sammelte ich zwar nach wie vor schöne Kunstbände, die neuesten Veröffentlichungen meiner Lieblings-Autoren und so manch faden Klassiker durch die verpflichtende Uni-Lektüre, drangen nun immer mehr Geschichten an mein Ohr, die ich aufgrund meines vollen Alltags niemals hätte lesen können. Eine endgültige Erkenntnis dieses zeitsparenden Vorteils kam über mich, als ich gegen Ende meines längeren USA-Aufenthaltes Ende September die Nachricht bekam, dass ich gleich vier Bücher aus dem Bereich der Belletristik mit dem Thema Kannibalismus zu lesen hätte. Ein recht schwieriges Unterfangen, wenn der Kurs nur wenige Wochen entfernt ist und das eigene Zeitmanagement nicht auf solche Fälle ausgerichtet ist. Was also tun? Las und hörte ich bis dato nur zum reinen Vergnügen, kam es mir zunächst nichtmal in den Sinn zum Beispiel bei den bekannten Anbietern zu stöbern. Doch eine Freundin, die offensichtlich weitsichtiger ist, als ich es in solchen Situationen jemals sein könnte (danke, Isabell!), nahm mich an die Hand, um mir die Möglichkeit aufzuzeigen, die erwähnten Schmöker in kürzester Zeit durchzukriegen. Gesagt, getan. Und nun konnte ich mir selbst auf die Schulter klopfen, weil ich es zu Beginn des Semesters geschafft hatte vier Klassiker der Weltliteratur, von denen Life of Pi jedoch nur exklusiv auf audible zur Verfügung stand, in extrem kurzer Zeit „gelesen“ zu haben (die anderen waren übrigens Robinson Crusoe, Heart of Darkness und The Narrative of Arthur Gordon Pym).

Übrigens habe ich mich nach meinem Umstieg auf Musik-Streaming umfassend über die Folgen für den Abverkauf von CDs und Vinyls informiert, was es für den Konsumenten und den Markt bedeuten würde und vieles mehr. Aus irgendeinem Grund war dies im Bereich der Literatur jedoch nicht der Fall. Vielleicht wieder mein altes Festhalten an Gewohnheiten?

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Das Jahr 2019: Noch nie gab es so viele Möglichkeiten ein Buch zu genießen. Immer mehr Menschen greifen dabei zu Smartphone und Kopfhörer.

Nun bin ich aber über diesen Artikel des audible magazins gestoßen, der bewies, dass ich in meiner Entwicklung nicht alleine dastehe und meine Vermutungen bezüglich der Marktentwicklung in großen Teilen der Wahrheit ziemlich nahe kommen. Aus der im Beitrag behandelten Hörkompass-Studie 2019, die das Hörverhalten der Deutschen in Bezug auf Hörbücher, Hörspiele und Podcasts untersucht, lässt sich herauslesen, dass es dieses Jahr sage und schreibe 23 Millionen(!!!) Hörer in Deutschland gibt, von denen knapp 8 Millionen täglich in Geschichten und Diskussionen abtauchen. Dabei ist nicht nur die überraschend große Anzahl an Konsumenten interessant, sondern vor allem die Entwicklung seit dem letzten Jahr. Dabei stellt man fest, dass es neben der zusätzlichen Million an Hörern seit 2018 (inklusive mir), nun doppelt so viele tägliche Konsumenten gibt.

Das bleibt natürlich nicht ohne Folgen, die Teils in direktem Zusammenhang zueinander stehen. So passiert aktuell das gleiche, wie vor ein paar Jahren in der Musikindustrie. Immer mehr jüngere Hörer steigen auf digitale Angebote um und lassen „alte“ Datenträger hinter sich. Neben breit gestreuten Kampagnen im Bereich der Display- und Print-Werbung treiben auch Personen des öffentlichen Lebens immer mehr Menschen zu Anbietern, die exklusiv digitale Angebote wie Podcasts, Hörbücher oder Hörspiele im Sortiment haben. Der wichtigste und auch für mich persönlich relevanteste Punkt war jedoch die Tatsache, dass ich mein Smartphone immer dabei habe, was zwangsläufig dazu führt, dass die Hemmschwelle der Wahrnehmung eines Angebots niedrig angesetzt ist.  Durch diese Entwicklung war es nur eine Frage der Zeit, bis die CD, als das bis dato üblich genutzte Medium, abgelöst werden würde. 2019 ist es nun erstmal soweit und der Trend hat seit 2016 eine gefühlte 180° Drehung gemacht. Während vor drei Jahren noch fast 60% der Hörer zu CDs und nur knapp über 30% zu Smartphone und Tablet griffen, verhält es sich in diesem Jahr exakt andersrum.

Ein weiterer Vorteil bezieht sich auf mein zuvor erwähntes Problem der Erschöpfung. Mit der doppelten Belastung meiner Augen durch Arbeit und Studium, stelle ich vielleicht ein Extrembeispiel dar, doch eine gesteigerte Nutzung von Smartphones und Tablets führt zwangsläufig zu einem schnelleren geistigen und körperlichen Erschöpfungszustand. Ein direkter Vergleich aus meinem Leben: Vor ziemlich genau einem Jahr hatte ich einen anderen Literaturkurs, für den ich ebenfalls vier Bücher vorzubereiten hatte. Damals noch gänzlich dem Papier verfallen, habe ich es gerade so geschafft zweieinhalb Werke zu lesen, wenig von ihnen zu merken und in der Folge einen der sinnlosesten Lehrveranstaltungen meiner Uni-Laufbahn besucht zu haben. Ganz zu schweigen vom Stress, der damit einherging. Ein Jahr später mache ich Fitness, räume auf und fahre Bahn, ohne mein Smartphone eines Blickes zu würdigen. Zeitgleich läuft darüber die ein oder andere Geschichte oder ein interessantes Gespräch in einem Podcast. In dem Sinne eine Art „Digital Detox„, ohne es als solches wahrzunehmen. Bezüglich der erwähnten Orte befinde ich mich übrigens erneut in bester Gesellschaft: 76% der unter 40jährigen hören am liebsten in Bus, Bahn und Flugzeug. Es macht ja auch durchaus Sinn sich einem spannenden Thema zu widmen, statt zu versuchen dem Blick des Vordermanns auszuweichen und stoisch aus dem Fenster in einen dunklen Tunnel zu starren.

Und auch der letzte Punkt der Studie scheint wie nach meinem Leben geformt zu sein. Der typische Hörbuch-Hörer ist demnach jung und überdurchschnittlich gebildet. Diese Gruppe verfügt im Schnitt auch über ein hohes Einkommen. Dazu zähle ich aktuell definitiv nicht, aber dafür stimmt wieder ein anderer Punkt. So besorgen sich gut 79% der regelmäßigen Hörer nach wie vor mindestens ein klassisch gedrucktes Buch pro Jahr und damit rund 8% mehr als der Schnitt der Gesamtbevölkerung. Nun ist die Frage ob das Medium sich an seine potentiellen Nutzer angepasst hat oder ob die dafür genutzte Technik endlich reif genug ist, um von mehr Leuten genutzt zu werden. Ich tippe auf letzteres, denn wie schon beim Musik-Streaming ist es nicht ein Album, dass den Hörer dazu bewegt sich nach Alternativen zu CDs umzusehen, sondern die unmittelbare Verfügbarkeit. Zumindest war das ein für mich persönlich ausschlaggebendes Argument.

Wie sieht es dahingehend bei euch aus? Seid ihr ebenfalls „Misch-User“ wie ich oder habt ihr euch einer bestimmten Art von Medium verschrieben? Oder überlegt ihr euch aktuell umzusteigen? Lasst mir gerne hierzu einen Kommentar hier oder auf meinen Social Media Profilen da!

TASCHEN-Signieraktion: History of Information Graphics

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TASCHEN lädt erneut zu einem Event in den Berliner Flagshipstore (Schlüterstraße 39, 10629 Berlin). Niemand Geringeres als Infografik-Experten Sandra Rendgen, Michael Stoll und Julius Wiedemann werden am 20. September von 18 bis 20 Uhr erstmalig ihr  Buch History of Information Graphics vorstellen. Darüber hinaus besteht die Möglichkeit es sich signieren zu lassen. 

Inhaltlich dreht sich alles, wie man es dem Titel entnehmen kann, um Infografiken, die insbesondere in Zeiten einer Informationsflut immer mehr an Beliebtheit gewinnen. So nutzen sie unter anderem Kartografen, Journalisten, Designer, Statistiker und Wissenschaftler um komplexe Sachverhalte übersichtlich und pointiert darzustellen. Doch dieses Vorgehen ist nicht neu – die Geschichte der Informationsgrafik reicht Jahrhunderte zurück.

Der in Berlin vorgestellte Band bietet mit über 400 Karten, Diagrammen und Zeichnungen einen überwältigenden Querschnitt durch die visuelle Wissensvermittlung und erstreckt sich über viele Länder, Medien und Epochen – von mittelalterlichen Manuskripten bis zu farbigen Druckgrafiken, von Pergamentrollen bis zu Prachtatlanten, von handgemalten Diagrammen bis zu digitalen Datenkarten. Neben Meisterwerken wie der Weltkarte von Martin Waldseemüller, den Naturstudien Erich Haeckels und dem Netzplan der New Yorker U-Bahn von Massimo Vignelli und Bob Noorda birgt die von Sandra Rendgen kuratierte Auswahl viele unbekannte Schätze.

Wenn ihr euch die neueste Veröffentlichung aus dem Hause TASCHEN von den Machern signieren lassen wollt, habt ihr am kommenden Freitag die Möglichkeit dazu. Hier wären nochmal alle wichtigen Details:

Signieraktion: History of Information Graphics
Ort: TASCHEN Flagshipstore Berlin 
(Schlüterstraße 39, 10629 Berlin)
Datum: 20.09.2019
Uhrzeit: 18 bis 20 Uhr

 

 

 

[Rezension] George Herrimans Krazy Kat. Die kompletten Sonntagsseiten in Farbe 1935–1944 (TASCHEN)

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Man ist es von TASCHEN eigentlich schon gewohnt, dass XL-Ausgaben in einem so großen Format veröffentlicht werden, dass man das eigene Regal ruhig um mehrere Stufen verstellen kann, damit die wunderschönen Bände auch aus dem Schrank heraus ihre Wirkung entfalten können. Mit dem hier zu besprechenden Release legt der Verlag sogar einen drauf, sodass noch ein paar Centimeter dazu gekommen sind, die mit der Schutzverpackung den schon vorhandenen Platz sprengen. Doch wer beschwert sich schon über die Größe eines Bandes, der eine legendäre Zeitungsstrip-Reihe zum Inhalt hat?

In diesem Fall geht es um George Herrimans Krazy Kat. Eine 1913 gestartete Erfolgsgeschichte in schwarz-weiß, die ab 1935 bis zum Tod des Künstlers 1944 auch in Farbe erschien. Eben dieser zweite Zeitraum soll mit dem vorliegenden Band von Alexander Braun, seines Zeichens bildender Künstler und Kurator comicbezogener Ausstellungen, beleuchtet und erklärt werden. Das ist auch insoweit nötig, um zu verstehen, warum nicht nur einfache Zeitungsleser, sondern auch historische Persönlichkeiten wie zum Beispiel Pablo Picasso, James Joyce, Woodrow Willson oder Charlie Chaplin bekennende Fans waren, obwohl sie nicht zwangsläufig dem typischen Comicleser-Klientel zuzurechnen sind. Doch nicht nur diese illustre Runde, sondern auch der Medien-Tycoon William Randolph Hearst konnte nicht genug von Krazy Kat kriegen. Das ist insoweit wichtig, da er als Fan Herriman die einzigartige Möglichkeit bot, sich kreativ in seinen Veröffentlichungen mit den Figuren auszutoben und dabei das Medium Comic nach belieben den eigenen Wünschen und Vorstellungen anzupassen.

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Dazu gehörte neben visuellen Spielereien, wie surreale Darstellungen, auch die Dehnung des Sprachgebrauchs, der von Slang bis hin zu Neologismen einzigartige Elemente seiner Zeit bot und mit diffusen Geschlechterrollen fast schon revolutionäre Aspekte in sein Werk einbrachte.

Dabei entwickelte sich die Katz-und-Maus-Konstellation erst im Laufe der Zeit heraus und wurde dadurch im Endeffekt von einem Zufall zu einem Erfolg. Zunächst bildete nämliche George Herrimans The Dingbat Family die Basis für Krazy Kat. Die titelgebende Familie war zuerst nur ein Teil eines Gesamtkonstrukts, dass im Laufe der Zeit ein Eigenleben entwickelte und schlussendlich zum Comicstrip wurde, der ab 1913 seinen Siegeszug antreten sollte.

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Dabei ist die Beliebtheit der Sonntagsseiten durchaus als erstaunlich zu bezeichnen, denn die schon weiter oben beschriebene, in Teilen recht unorthodoxe Herangehensweise an das Medium Comic, ist selbstverständlich risikobehaftet, aber offensichtlich funktionstüchtig. Zwar ist die wiederkehrende Grundsituation einfach zu erklären: Schwarze Katze liebt durchtriebene weiße Maus, die ihr immerzu Ziegelsteine an den Kopf wirft, was wiederum Hundepolizist Offissa Pupp, verliebt in die Katze, zu verhindern sucht. Doch durch die teils sehr avantgardistischen Elemente wird das Dargestellte auf eine höhere Ebene gehoben, die auch erklärt, warum Personen ein Herz für Krazy Kat hatten, die nicht dafür bekannt sind die bunten Heftchen regelmäßig zu konsumieren. In diesem Sinne ist dem Künstler der Spagat zwischen Mainstream und höheren Anspruch gelungen, der es mehr als nur rechtfertigt alle bunten Versionen der Geschichten nun gesammelt in einem Band abzudrucken. Um den Hintergrund der Entstehung und die damit zusammenhängende Biografie Herrimans bei der Lektüre einordnen zu können, hilft ein deutschsprachiger Begleittext den Lesern, die sich zuvor eventuell nicht aktiv mit comichistorischen Themen befasst haben, in der Materie einzufinden und die kompletten farbigen Veröffentlichungen von Krazy Kat aus dem Zeitraum 1935 bis 1944 zu genießen. Wie schon bei anderen Releases, wie zum Beispiel Winsor McCays Little Nemo, werden bei einer Anschaffung nicht nur themenaffine Freunde des Mediums Comic auf ihre Kosten kommen.

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George Herrimans Krazy Kat. Die kompletten Sonntagsseiten in Farbe 1935–1944  
Verlag: TASCHEN 
Autor: Alexander Braun 
Sprache: Deutsch 
Format: Hardcover, In Leinen gebunden, 30 x 44 cm
Seitenzahl: 634
Preis: 150 EUR

[Rezension] Das Star Wars Archiv. 1977-1983 (TASCHEN)

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Star Wars ist ein Phänomen, dass Generationen verbindet und zu den wenigen Produkten der Popkultur gehört, dass auch nach über 40 Jahren seines Bestehens immer mehr Fans generiert. Dabei sind dafür in erster Linie nicht die neuen Serien, Lizenzen und Neuverfilmungen verantwortlich, sondern die ursprüngliche Trilogie von George Lucas, die nicht nur unser Verständnis von Science-Fiction, sondern die gesamte Filmlandschaft von Grund auf verändert hat.

Genau um diese Filme dreht sich die aktuelle Veröffentlichung des TASCHEN-Verlags von Paul Duncan (Das Charlie Chaplin Archiv, Das James Bond Archiv), die ganz in der Tradition vorangegangener Bände zur Filmgeschichte Das Star Wars Archiv. 1977-1983 benannt wurde.

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Nun könnte man als langjähriger Fan der Reihe anmerken, dass seit dem Urknall in Form von Krieg der Sterne (1977) unzählige Bücher zur Entstehungsgeschichte veröffentlicht wurden. Dabei lässt man jedoch außer Acht, dass wir hier von einem Verlag sprechen, der mit seinen Verbindungen in die Kreativbranche einen deutlich besseren Zugriff auf Material wie Fotografien, Skizzen, Drehbuchentwürfe usw. hat. Hinzu kommt der qualitative Aspekt, der sich auf Umfang, Bindung und Druck bezieht und hierbei die Konkurrenz, insbesondere im Bereich von popkulturellen Themen, de facto unter sich begräbt.

Auch Das Star Wars Archiv. 1977-1983 stellt hier keine Ausnahme dar, welches in enger Kooperation mit George Lucas und Lucasfilm entstanden ist. Das erkennt man vor allem an einem Exklusivinterview mit Lucas und unzähligen selten gezeigten Dokumenten und Fotos, die den Leser mit ihrer Fülle von über 600 Seiten im XXL-Format fast zu erschlagen drohen. Doch wann hat sich jemals ein Star Wars-Fan über zu viel Input beschwert? Zu diesem gehört auch ein eher ungewöhnlicher aber interessanter Einstieg, der basierend auf dem eben erwähnten Interview und Zitaten von Lucas Wegbegleitern, den Werdegang des Regisseurs ab seiner Kindheit, über sein Studium, bis hin zu seinem auch für ihn überraschenden Durchbruch skizziert. Dabei ist die Erzählung seines Lebens kein 0815-Abriss, wie man ihn schon in vielen Feullitons nachlesen konnte, sondern ein detaillierter Einblick in Entscheidungsprozesse, Gedankengänge und Inspirationen für Figuren, Settings und Story-Verläufe.

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Dem folgen den jeweils einzelnen Filmen zugeschriebene Kapitel, die die Entstehung der Saga in aller Ausführlichkeit von der ersten Idee bis zur realen Umsetzung beschreiben. Hierbei kommt, wie im ersten Teil des Bands, primär George Lucas zu Wort, während einzelne Passagen mit Aussagen der beteiligten Schauspieler, Designer, Modellbauer und anderer Beteiligter informativ unterfüttert werden. Zeitgleich werden die zahlreichen Abbildungen mit kleinen Texten versehen, die nicht nur erklären, was man gerade zu sehen bekommt, sondern in den meisten Fällen auch Hintergrundinformationen zur jeweiligen Szene, Skizze oder Drehbuchseite liefern.

Dabei werden auch private Details aus dem Leben der Beteiligten, insbesondere von Lucas, nicht außen vor gelassen, wenn diese einen direkten Einfluss auf die Entstehung der Filme hatten. Dazu gehört natürlich auch das Eheleben, welches nicht unberührt von solch ambitionierten Projekten bleibt. Selbiges gilt auch für den Umgang innerhalb des Filmteams, der bisweilen, basierend auf großen Egos und Unsicherheiten, recht unangenehm sein konnte. Selbstverständlich ist ein Buch dieser Größenordnung und Thematik im Kern eine Hommage an die Star Wars-Reihe, die die positiven Aspekte so weit in den Vordergrund rückt, dass die negativen zu verblassen scheinen. Trotzdem sollte festgestellt werden, dass sich hier nicht vor unschönen Momenten während der Jahre 1977 bis 1983 weggeduckt wird. Zu diesen gehören, der Vollständigkeit halber, auch die seltsamen Auswürfe, die sich in den fast vergessenen Spin-Offs wie den Holiday Specials oder den Ewok-Verfilmungen manifestiert haben. Diese waren ein mehr als offensichtlicher Versuch die Hype-Maschine am Laufen zu halten, was in dem Kontext nicht negiert wird und in einem eigenen Teil am Ende des Buches behandelt wird. In diesem Sinne wird faktisch nichts außen vor gelassen und dem geneigten Leser der wohl umfangreichste Einblick in die Maschinerie von Star Wars gewährt, der jemals veröffentlicht wurde.

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Auf dieser Reise wird des Weiteren (zum Glück) darauf verzichtet eine stringente Abfolge getroffener Entscheidungen und Szenen aneinander zu reihen, sondern darauf geachtet die Entwicklung der drei legendären Filme auch im Hinblick auf Charakterentwicklung genau wiederzugeben, was insbesondere im Kapitel zu Krieg der Sterne spürbar wird. So sieht man, in meinen Augen zum ersten Mal, wie anstrengend und bei weitem nicht so sicher, wie es das Ergebnis suggeriert, der Prozess vom ersten Gedanken zur realen Umsetzung ist.

Wie man an der bisherigen Beschreibung unschwer erkennen kann, ist der Umfang bei dem gegebenen Inhalt und der Seitenzahl auch physisch nicht zu unterschätzen. Wie man es von den TASCHEN-Veröffentlichungen im XXL-Format gewöhnt ist, kommt auch der vorliegende Band mit einem Tragegriff, um sich keinen Hexenschuss zu holen, während man das im Querformat erschienene Buch auf einem Tisch platziert. Denn die Möglichkeit sich diesen Schinken im Sessel zu Gemüte zu führen ist allein schon praktisch eher ein schwieriges Unterfangen. Diesen Umstand würde ich jedoch nicht als Problem begreifen, denn Bilder und Inhalt fordern ein entsprechendes Format, welches der Saga in ihrer Größe erst gerecht wird.

Alles in allem ist Das Star Wars Archiv. 1977-1983 daher nichts anderes als eine Pflichtlektüre für jeden Cineasten und Star Wars-Fan. Man wird keine andere Veröffentlichung finden, die in Sachen Qualität und Quantität im Ansatz an den vorliegenden Band heran reicht. Das Ganze hat mit 150€ zwar auch seinen stolzen Preis, dieser speist sich jedoch nicht allein aus der Lizenz, sondern schlicht und ergreifend aus den schon beschriebenen Aspekten, die eine Anschaffung in jeder Hinsicht rechtfertigen und Lust auf eine potentiell weitere Veröffentlichung zur Prequel-Trilogie machen. Bis dahin sollte man sich auf jeden Fall die Zeit mit dem vorliegenden Werk befassen.

Das Star Wars Archiv. 1977-1983  
Verlag: TASCHEN 
Autor: Paul Duncan 
Sprache: Deutsch 
Format: Hardcover, Halbleinen 41,1 x 30 cm 
Seitenzahl: 604 
Preis: 150 EUR

 

[Rezension] Bauhaus. Aktualisierte Ausgabe (TASCHEN)

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Manche kreativen Strömungen haben über Dekaden hinweg Einfluss auf Architektur, Mode, Handwerk und Technik und verpuffen nichtsdestotrotz zum Ende ihrer Existenz in der Bedeutungslosigkeit. Ganz anders sieht es mit der Kunst- und Gestaltungsschule Bauhaus aus, die in nur 14 Jahren zwischen den beiden Weltkriegen die Moderne zu definierten wusste.

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Woman with a mask by Schlemmer seated in one of Marcel Breuer’s first tubular steel chairs. Copyright: Bauhaus-Archiv, Berlin Inv. F1218a

Scheinbar ohne Grenzen zu kennen, durchzog der unverwechselbare Stil aus Weimar alle bis dato bekannten Unterhaltungsmedien, die Architektur, sowie die bildenden Künste. Um diesem bis heute nachhallenden Einfluss ein Denkmal zu setzen, hat der TASCHEN-Verlag schon vor geraumer Zeit ein Referenzwerk in Zusammenarbeit mit dem Bauhaus-Archiv/Museum in Berlin veröffentlicht, dass nun zum 100-jährigen Jubiläum neu und aktualisiert aufgelegt wird. Wie schon beim Erstling konnten die Macher um die Autorin Magdalena Droste auf die weltgrößte Sammlung zur Geschichte des Bauhauses zugreifen und nun mit über 250 neuen Fotografien, Schriften, Studien, Skizzen, Plänen und Modellen die Jubiläums-Ausgabe erweitern.

Dabei wird sich nicht nur auf die nüchterne Dokumentation der bekannten Arbeiten konzentriert, sondern auch Aufnahmen von gemeinsamen Freizeitaktivitäten der Künstler und Architekten. Hinzu kommen Baupläne, Skizzen und Modelle, um aufzuzeigen, dass zum allseits bekannten Ergebnis, natürlich auch ein entsprechender Weg führt, der von realen Menschen gepflastert wird. Dazu gehören in diesem Band unter anderem Josef Albers, Marianne Brandt, Walter Gropius, Gertrud Grunow, Paul Klee, Ludwig Mies van der Rohe und Lilly Reich.

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Kurt Schmidt: The Man at the Control Panel, 1924, scene design. Copyright: Bauhaus-Archiv, Berlin Inv. 3893, Foto: Markus Hawlik

Eine weitere kleine Besonderheit, neben der genannten Erweiterung, ist die Art und Weise der Veröffentlichung. Während üblicherweise bei TASCHEN eine höherpreisige Version auf den Markt gebracht wird, bevor nach einiger Zeit eine kostengünstigere Fassung verfügbar ist, fährt der Verlag diesmal zweigleisig. Zum einen gibt es die, in meinen Augen immer noch bezahlbare, Fassung für 40 Euro im schönen Format von 24 x 31,6 cm. Zum anderen kann man für kostengünstige 15 Euro zur handlichen Version aus der Bibliotheca Universalis greifen, die traditionell in der Abmessung 14 x 19,5 cm daherkommt und damit auch als Lektüre für unterwegs taugt.

Durch diesen Schritt kann wirklich jeder in den Genuss kommen sein Wissen um das Bauhauszu erweitern oder diese einflussreiche Schule zu ihrem 100. Geburtstag kennen zu lernen. In beiden Fällen macht man als Leser bei einer Anschaffung nichts falsch.

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Walter Gropius: Bauhaus building in Dessau, 1925/26. View of the Bauhaus building from the southwest, workshop wing.  Copyright: Bauhaus-Archiv, Berlin ((inv. 5993/3); photo: Atlantis-Foto

Bauhaus. Aktualisierte Ausgabe 
Verlag: TASCHEN
Autorin: Magdalena Droste
Sprache: Deutsch
Format: Hardcover, 29 x 39,5 cm / 14 x 19,5 cm
Seitenzahl: 400552
Preis: 40 EUR / 15 EUR

[Rezension] Walt Disneys Mickey Mouse: Die ultimative Chronik (TASCHEN)

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Wie Bob Iger, seines Zeichens CEO bei Disney, es treffend formuliert hat, gibt es nur noch sehr wenige Menschen, die von sich behaupten können, dass sie in eine Welt ohne Mickey Mouse hineingeboren wurden. Das ist keine übertriebene Aussage, sondern Fakt, wenn man bedenkt, dass der berühmteste Nager der Welt inzwischen 90 Jahre alt ist. Während dieser unglaublich langen Zeitspanne ist so einiges passiert. So hat sich nicht nur die visuelle Aufmachung der Figur, sondern auch ihr Verhalten grundsätzlich verändert, während im Hintergrund die Entertainment-Maschinerie um Disney zu einem Konzern mutierte, dessen Output jedermann bekannt ist. Kein Wunder, dass es Erhebungen gibt, nach denen Mickey Mouse in manchen Teilen der Welt berühmter ist, als der Weihnachtsmann.

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Daher ist es nur Folgerichtig dieses Jubiläum zu nutzen und eine Rückschau der gesamten Geschichte dieser Figur zu präsentieren. Und welche Verlag eignet sich dafür besser, als TASCHEN? Das Haus, welches uns schon seit Dekaden mit Kunstbänden in jeder Größenordnung und Preisklasse, bei gleichbleibend hoher Qualität versorgt und dabei thematisch keine Grenzen kennt, hat mit „Walt Disneys Mickey Mouse: Die Ultimative Chronik“ die Messlatte schon im Titel vorweggenommen. Auf sage und schreibe 496 Seiten im riesigen XXL-Format, wird der Leser mit einer Fülle an Informationen versorgt, die es so noch nicht gegeben hat.

Aufgeteilt in drei Entwicklungsphasen wird die Geschichte zunächst eng an der Biografie Walt Disneys orientiert, der mit einer anderen Tierfigur (Oswald the Lucky Rabbit) an seinem Durchbruch feilte, diese jedoch über Verwerfungen verlor und mit Mickey Mouse zunächst nur an eine Notlösung geriet, die sich jedoch in kürzester Zeit als wahrer Glücksgriff erwies. Nach einer relativ kurzen Orientierungsphase, in der der Charakter Form und Innenleben entwickelte, platzte mit „Steamboat Willie“ (1928) als erster vertonter Trickfilm eine popkulturelle Bombe, die bis heute nachhallt und seit geraumer Zeit sogar im Vorspann von Disney-Produktionen angeteasert wird (das berühmte Pfeifen der Melodie).

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Wie besonders die Einführung der Mickey Mouse war, zeigt sich schon in den ersten Jahren nach ihrer Entstehung. Eine heißlaufende Merchandise-Produktion, eine weltweite Expansion und Ehrungen, die man einer fiktiven Figur nie zuvor zugestanden hatte (sogar mit einer Figur im Wachsfigurenkabinett von Madame Tusseauds) wären nur als einige der Auswirkungen zu nennen. Diese machten es absehbar, dass Disney nicht nur einen kurzlebigen Geistesblitz hervorgebracht, sondern den Kulturbetrieb als solchen nachhaltig verändert hat.

Selbst als die klassischen Trickfilme in Spielfilmlänge die kurzen Abenteuer der Disney-Aushängeschilder wie Mickey und Donald in den Kinosälen ablösten, blieb die Maus gleichsam ein Synonym für ihren Erfinder. Nun war auch der Zeitpunkt dafür gekommen andere Medien in Beschlag zu nehmen, die heutzutage nicht mehr wegzudenken sind. Dazu gehören selbstverständlich die allseits bekannten Comicabenteuer, die sogar eigene Blüten im Ausland trieben und dort teilweise sogar erfolgreicher waren, als in den USA. Allen voran natürlich Italien mit seiner lebendigen Kultur der neunten Kunst und Deutschland mit seinem bis heute beliebten Output des „Micky Maus„-Magazins.

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Hierbei kommt neben der Masse an Informationen eine gewaltige Menge an Bildmaterial und Dokumenten zusammen. Diese haben die zwei Autoren David Gerstein, seines Zeichens Animations- und Comichistoriker, sowie der Filmhistoriker J.B. Kaufmann aus den Disney-Archiven, sowie privaten Sammlungen zusammengetragen und damit die wohl umfangreichste Aufbereitung der Geschichte von Mickey Mouse kreiert, die es bis dato gab. Ganze 1.200 Illustrationen, Animationszeichnungen, Storyboards, Hintergründe, Plakate und Fotografien werden dabei, in Teilen zum ersten Mal, dem geneigten Leser präsentiert.

Wem das nicht reicht, hat darüber hinaus die Möglichkeit sich über den Einfluss der Figur auf Politik, Gesellschaft und Kultur zu informieren. Dabei wird man feststellen, dass auch Themengebiete wie Krieg, Kommerz und zeitgenössische Kunst nicht ohne den Nager auskommen und dadurch die Relevanz dieser fiktiven Figur unterstreichen.

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Wenn man nun auf diese erstaunliche Geschichte zurückblickt, fragt man sich unwillkürlich, worin die Anziehungskraft von Mickey Mouse lag und immer noch liegt. Diese Frage ist sicherlich nicht einfach zu beantworten und letztlich auch nicht abschließend zu klären, denn nicht umsonst treibt sie seit 1928 Experten und Laien um. Vielleicht ist es auch dieses Mysterium, dass manche mit einer persönlichen Identifikation und andere mit einer stilisierten Projektionsfläche verbinden, dass den Erfolg anhaltend und rückwirkend fast schon fantastisch erscheinen lässt. In jedem Fall wird nach der Lektüre klar, dass die vergangenen 90 Jahre keinen Zweifel an einer Erfolgsgeschichte lassen, die auch die nächsten Generationen überdauern wird. Möchte man sie verstehen, führt wohl kein Weg an dieser wahrlich „ultimativen Chronik“ vorbei.

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Walt Disneys Mickey Mouse: Die ultimative Chronik* 
Verlag: TASCHEN 
Autoren: David Gerstein, J. B. Kaufman
Herausgeber: Daniel Kothenschulte 
Sprache: Deutsch
Format: Hardcover mit Leseband in Kartonverpackung 
mit Tragegriff , 29 x 39,5 cm 
Seitenzahl: 496
Preis: 150 EUR

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[Rezension] The Stan Lee Story (TASCHEN Verlag)

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Es gibt Personen der Öffentlichkeit, die uns schon so lange begleiten, dass wir oft zu vergessen scheinen, dass sie eines Tages nicht mehr unter uns weilen könnten und in dem Moment, in dem sie von uns gehen, eine so große Lücke hinterlassen, dass niemand genau weiß, wie man damit umgehen soll. 

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Hierzu gehört auch ein Mann wie Stan Lee. Als sich die Nachricht von seinem Tod am 12.11.2018 verbreitete, schien die Welt still zu stehen und nicht nur die Comic-Branche die Luft anzuhalten. Trotz seines hohen Alters von 95 Jahren konnte man sich kaum vorstellen, wie jemand, der nicht nur durch seine Co-Kreationen für das Marvel-Universum Berühmtheit erlangte, sondern ganze Generationen an Fans und Künstlern inspirierte, nicht mehr da sein sollte. Die Timelines der Social Media-Seiten und Nachrichtenportale aus aller Herren Länder wurden auf einen Schlag vom Ableben Lees dominiert. Ein Umstand, der mit Nachdruck zu verdeutlichen schien, dass nicht einfach ein Autor mit reger Fantasie, sondern ein Mensch der unter anderem das was wir unter Popkultur verstehen definiert hat, verstorben ist.

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Um dieser Legende ein Denkmal zu setzen, machten sich der ehemalige Marvel-Chefredakteur Roy Thomas („75 Years of DC Comics„) mit dem TASCHEN-Verlag vor rund zehn Jahren daran die Geschichte von Stan Lee, angefangen bei seinen Anfangstagen als Laufbursche bei „Timely Comics“ (aus denen später „Marvel Comics“ hervorgehen sollte), bis hin zu seinen sage und schreibe 57 Cameo-Auftritten, die ihn einem Publikum außerhalb der Comic-Leserschaft bekannt machten, in Buch-Form zu bringen und im standesgemäßen Überformat herauszubringen. Nur zehn Tage vor seinem Tod konnte Lee das fertige Werk aus den Händen des TASCHEN-Verlegers Benedikt Taschen empfangen und in seiner gewohnt verschmitzten Art kommentieren („Ich bin da sicherlich voreingenommen“, sagte Lee, „aber das ist das schönste Buch, das ich je gesehen habe.“).

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Dieser Band wird dabei den Erwartungen mehr als gerecht und ist definitiv keine Art Sekundärliteratur, die man schon seit vielen Jahren im Zusammenhang mit Stan Lee kennt. Auf ganzen 444 Seiten wird jeder Lebensabschnitt des Mannes in aller Ausführlichkeit beleuchtet und mit zahlreichen, in Teilen bislang unveröffentlichten, Fotografien unterstrichen. Dabei wird erfreulicherweise auch genug Raum für seine Anfänge als Schreiber gelassen, in denen Figuren wie „Spider-Man„, die „Avengers“ oder die „X-Men“ nicht mal im Ansatz denkbar waren. Dadurch wird einem deutlich vor Augen geführt, dass die unfassbare Karriere von Stan Lee kein plötzlicher Selbstläufer, sondern das Produkt einer über Dekaden verlaufenden harten Arbeit war, dass in Kombination mit einer ordentlichen Portion Charme und leichter Selbstüberschätzung zu dem wurde, was uns als Leser seit seinem Tod als Erinnerung bleibt.

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Die informativen Texte zu seinen Arbeiten werden darüber hinaus nicht nur mit den vielen ikonischen Covern der Serien bebildert, die unter seiner Führung entstanden sind, sondern auch mit einigen auf Archivpapier gedruckten Original Tusche-Zeichnungen. Damit wird nicht nur ein Einblick in die Biografie eines bedeutenden Mannes, sondern in die Historie eines ganzen Mediums gewährt, dass durch Lee wie kaum einen anderen geprägt wurde.

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Um dabei das Sammler-Herz zu erfreuen, dass insbesondere in Comic-Enthusiasten zu schlummern scheint, erscheint „The Stan Lee Story“ nicht nur als informative Lektüre, sondern bietet darüber hinaus viele weitere Anreize für einen Kauf, die auch den größten Skeptiker überzeugen sollten. So bekommt man diesen Prachtband nicht nur in einem edlen Acrylschuber, sondern inklusive Faksimiles mit Lees bedeutendsten Geschichten geliefert, die man in Original-Format genießen kann. Das was posthum wohl den bedeutendsten Aspekt dieses Sammlerstücks darstellt, ist die Tatsache, dass die auf 1000 Stück limitierte Ausgabe von Stan Lee persönlich unterschrieben und damit zu einem echten Stück Comic-Geschichte gemacht wurde. Natürlich hat diese Exklusivität ihren Preis, den sich mit 1250€ nicht jeder leisten kann und will. Nichtsdestotrotz gibt es es durch die angesprochenen Punkte, genug Argumente sich als Liebhaber für eine Anschaffung zu entscheiden. Darüber hinaus ist man auch als Fan mit kleinem Budget gut beraten sich diesen Titel zu notieren, denn bei der zu erwartenden Nachfrage, ist es gesetzt, dass eine reguläre Ausgabe folgen wird, die zwar sicherlich nicht mit den zahlreichen Extras der Luxus-Version aufwarten, inhaltlich dem Original aber in nichts nachstehen wird.

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Daher wäre es nicht übertrieben von „The Stan Lee Story“ als Denkmal zu sprechen, dass in der einen oder anderen Fassung in jedes Regal eines Lesers gehört, der sich nicht nur für die Geschichten, sondern für das Medium an sich zu begeistern weiß. Dieses wird zurecht auf ewig mit dem Namen Stan Lee verbunden bleiben.

The Stan Lee Story (Affiliate Link)
Verlag: TASCHEN
Autor: Roy Thomas
Sprache: Englisch
Format: Hardcover im Acrylschuber 31,5 x 47 cm
Seitenzahl: 444
Preis: 1250 EUR

[Rezension] Rem Koolhaas. Elements of Architecture (TASCHEN Verlag)

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Üblicherweise passiert es selten, dass ich ein Buch in den Händen halte und mich erstmal darin „zurechtfinden“ muss. Selbst bei den größten Schmökern stellt sich nach kurzer Zeit ein fast schon heimisches Gefühl ein. Doch es gibt offensichtlich auch Veröffentlichungen, die geradezu darauf ausgelegt sind, dass der Leser sich nicht nur mit dem Inhalt, sondern auch mit dem Design und der Haptik beschäftigt. Ein gutes Beispiel dafür ist „Rem Koolhaas. Elements of Architecture„, dass mit seinen sage und schreibe 2.528 Seiten in seinem Umfang fast an ein Telefonbuch erinnert und mit seiner auffälligen Farbgebung an Seitenrändern und Cover sofort ins Auge fällt. Dabei handelt es sich aber keineswegs um das Gesamtwerk eines bestimmten Künstlers, sondern quasi um die „Bibel der Architektur„!

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Genau genommen ist es die Zusammenfassung der vielfach gelobten Ausstellung von Rem Koolhaas während der Architektur-Biennale 2014. Auf dieser thematisierte er die Grundlagen des Bauens, der von Laien eher unbeachteten Elementen wie Türen, Fenster, Treppen, Decken, Wänden, Kaminen oder Balkonen. Zusammengetragen wurden die dafür nötigen Informationen unter der Mithilfe zweier Studios der Harvard Graduate School of Design. Zusätzlich abgerundet wird das Ganze durch informative Essays von Koolhaas selbst, Stephan Trüby, Manfredo di Robilant und Jeffrey Inaba, sowie Interviews mit Werner Sobek und Tony Fadell. Darüber hinaus findet man einen exklusiven Fotoessay von Wolfgang Tillmans. Allein diese Aufzählung sollte einen Vorgeschmack auf den Umfang des Bandes geben, für den der Drucker des Verlags tatsächlich seine Buchbindemaschine umgebaut hat, um einen maßgefertigten Einband mit zweigeteiltem Buchrücken herstellen zu können. Dieser ist ganze acht Centimeter lang und in seiner Form auch nötig, damit man diesen Wälzer wirklich lesen kann.

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Auch wenn man das Buch aufschlägt, hört das Staunen noch nicht auf. Mit Irma Boom als Grafikerin wurde nämlich nicht irgendwer verpflichtet. So hat sie nicht nur für Unternehmen und Institutionen wie Chanel, die Vereinten Nationen, OMA/Rem Koolhaas, die Fondazione Prada, Pirelli und das Rijksmuseum Amsterdam gearbeitet, sondern ist auch unter anderem Trägerin von Auszeichnungen wie des Gutenberg-Preises oder des Johannes-Vermeer-Preises. Ihre Arbeiten sind Teil der ständigen Sammlung der Abteilung für Design und Architektur des New Yorker Museum of Modern Art. Darüber hinaus ist Sie seit 1992 als “Senior Critic” an der amerikanischen Yale-Universität auch akademisch tätig.

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Durch diese Kombination aus einzigartiger Gestaltung (Index in der Buchmitte, wo sich das Buch dank seiner Buchrückenkonstruktion automatisch aufschlägt, gedruckt auf 50g/m2-Opakalpapier, durchscheinende Overlays, usw.) und komprimiertem Wissen, beginnt man als Leser seine Reise bei der Geschichte des Bodens, wandert weiter zu Decke, Dach, Fenster, Türe, Toilette, Aufzug und noch so viel mehr und wird dabei nicht nur mit aktuellsten Erkenntnissen und modernen Vorstößen, sondern mit dem historischen Hintergrund der einzelnen Elemente konfrontiert. In der Mitte befindet sich das erwähnte Inhaltsverzeichnis, sowie auch Essays und dazu Fotos von der Ausstellung aus Venedig. Sich aber allein bis zu diesem Punkt vorzuarbeiten gleicht einer Herkulesaufgabe, die zwar Spaß macht, aber auch die eigenen Grenzen aufzeigt.

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Man merkt, dass allein schon aufgrund der in Masse vorhandenen Informationen, die durchgehende Lektüre des Bandes schlicht nicht möglich ist. Das Werk muss viel eher als Nachschlagewerk für Interessierte und Kenner des Fachs betrachtet werden, dass zielgerichtet konsultiert werden sollte, um es wirklich genießen zu können. Daher ist es auch kein Buch, dass man nach einmaligem durchblättern auf ewig im Regal verstauben lässt, sondern gerne wieder zu Hand nimmt, wenn es einem unter den Nägeln brennt herauszufinden, wie sich die architektonischen Elemente unserer Umgebung zusammensetzen und funktionieren. Das wiederum entmystifiziert nicht die Realität, sondern trägt nur weiter zur Faszination bei, dass Menschen zu solchen Wundern fähig sind, die man oft nur auf dem zweiten Blick als solche erkennt.

In diesem Sinne eine absolute Empfehlung für all jene, die sich für Architektur begeistern und mit „Rem Koolhaas. Elements of Architecture“ im wahrsten Sinne des Wortes Zugriff auf ihre Basics bekommen.

Rem Koolhaas. Elements of Architecture* 
Verlag: TASCHEN 
Autoren: Rem Koolhaas, Harvard Graduate School of Design, Stephan Trüby, 
James Westcott, Stephan Petermann
Design: Irma Boom, Wolfgang Tillmans
Sprache: Englisch
Format: Hardcover, 20 x 25,5 cm
Seitenzahl: 2528
Preis: 100 EUR

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Massimo Listri. Die schönsten Bibliotheken der Welt

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Wer schon einmal eine ältere Bibliothek von innen gesehen hat und sich selbst als leidenschaftlicher Leser bezeichnen würde, kennt das überwältigende Gefühl, dass sich beim ersten Blick auf meterhohe Schränke, gefüllt mit zahllosen Geschichten und Informationen einstellt. Eine Mischung aus Erstaunen, Ehrfurcht und Freude, die sich in dem stillen Raum in Ruhe ausbreitet und nur durch einen Griff in eines der Regale übertroffen werden kann.

Genau diesen Moment wollte wohl der italienische Fotograf Massimo Listri einfangen, als er beschloss, die in seinen Augen schönsten Bibliotheken der Welt, im gleichnamigen XL-Band vom TASCHEN-Verlag, für die Ewigkeit festzuhalten. Dabei ist der Begriff Bibliothek fast schon vermessen, wenn man all die Fresken, vergoldeten Regale, Statuen und jahrhundertealten Werke sieht, die mehr an eine Kathedrale als an etwa anderes erinnern. Auf der Reise, an der Listri den Leser teilhaben lässt, durchstreift man diese ‚Schatzkammern aller Reichtümer des menschlichen Geistes‘ in aller Herren Länder. So ist der Band in die geographisch unterschiedlichen Bereiche Europas, sowie des amerikanischen Kontinents unterteilt und zeigt dadurch über die Büchersammlungen hinaus, auch die architektonischen Eigenarten der präsentierten Länder, die einen Besuch der gezeigten Bibliotheken zu einer wahrlich kulturhistorischen Wallfahrt werden lassen.

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©Massimo Listri / TASCHEN
Biblioteca Statale Oratoriana dei Girolamini, Neapel, Italien

Auch sind die Hintergründe der Entstehung der einzelnen Sammlungen interessant, die wiederum die Zusammenstellung der Bücher und die visuelle Aufbereitung der Räume erklären. So sieht man ehemalige Bibliotheken untergegangener oder aktuell immer noch waltender Monarchien. Darüber hinaus gewährt uns Listri Einblicke in Privatbibliotheken, wie die der Medici, die von niemand anderem als Michelangelo persönlich entworfen wurde, Klosterbibliotheken oder die Vatikanische Apostolische Bibliothek, die eine der wertvollsten Sammlungen der Welt beherbergt. Dabei sind das nur einige von vielen Beispielen, die das Gefühl verstärken Geschichte geradezu einatmen zu können, wenn man die entsprechenden Räume und Hallen betritt. Ein krasser und doch angenehmer Kontrast zum Alltag des 21. Jahrhunderts, dem man hier entfliehen kann. Während all unsere Fotos und Texte irgendwann, allein schon aufgrund von ständig wechselnden Datenformaten, das digitale Zeitliche segnen, überdauern klassische Bücher über Jahrhunderte und bleiben damit ein konstanter Übermittler von Wissen, der unabhängig von Zeitgeist und technischer Entwicklung Bestand hat.

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©Massimo Listri / TASCHEN
Stiftsbibliothek Sankt Gallen, St. Gallen, Schweiz

Um dabei das Gezeigte überhaupt korrekt einordnen zu können, findet man neben den großartigen Fotografien, die dazu passenden, sowie detaillierten Texte. Diese sind zum einen in längerer Form zwischen den geographisch aufgeteilten Kapiteln, aber auch als ergänzende Stichpunkte zu den wertvollsten Besitztümern, Baujahren und weiteren interessanten Fakten zu finden. So kann man nicht nur die Aufmachung der palastartigen Bauten genießen, sondern sich aktiv über sie informieren und sich damit vielleicht Inspiration für die nächste Urlaubsreise holen. Ich für meinen Teil habe mir zumindest schon die ein oder andere Notiz dazu gemacht.

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©Massimo Listri / TASCHEN
Stiftsbibliothek Kremsmünster, Kremsmünster, Österreich

Zusammengetragen wurden diese Informationen dabei nicht von einem anonymen Redakteur, sondern durch die Experten Georg Ruppelt und Elisabth Sladek. Ersterer leitete nach seiner Promovierung und anfänglicher Laufbahn als Bibliothekar, als stellvertretender Direktor die Herzog August Bibliothek in Wolfenbüttel und von 2002 bis 2016 als Direktor die Gottfried Wilhelm Leibniz Bibliothek in Hannover. Währenddessen hat er schon mehr als 400 Aufsätze und 40 Monographien über das Buch- und Bibliothekswesen verfasst. Bei so einer Biografie kann man sich getrost die Frage stellen, ob es tatsächlich noch andere Menschen auf der Welt gibt, die sich in einem Leben so viel theoretisches, als praktisches Wissen um dieses Thema aneignen konnten. Zumindest in ähnliche Sphären stößt Elisabeth Sladek vor, die in Wien Kunstgeschichte, Klassische Archäologie und Judaistik studierte. Daraufhin spezialisierte sie sich auf die Kunst- und Architekturgeschichte des Barock und ist in Forschung und Lehre tätig, unter anderem in Wien, Rom und Zürich. Zu diesen Themen publiziert sie regelmäßig. In diesem Sinne ein Team, dessen Expertise nicht nur bei Betrachtung ihres Lebenswegs, sondern auch sofort beim Blick in Massimo Listri. Die schönsten Bibliotheken der Welt* offenbart wird.

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©Massimo Listri / TASCHEN
Biblioteca do Convento de Mafra, Mafra, Portugal

In dieser Kombination bietet der vorgestellte Prachtband nicht weniger, als die konzentrierte Essenz dessen, was man als bibliophile und wissensdurstige Person geradezu als magisch bezeichnen würde. Gewissermaßen ein Spaziergang durch die ältesten und schönsten Oasen des Wissens, dessen Genuss man nach der Lektüre nur noch durch den realen Besuch dieser altehrwürdigen Orte steigern kann.

Massimo Listri. Die schönsten Bibliotheken der Welt*
Verlag: TASCHEN  
Fotograf: Massimo Listri 
Autoren: Georg Ruppelt, Elisabth Sladek 
Mehrsprachige Ausgabe: Deutsch, Englisch, Französisch  
Format: Hardcover, 29 x 39,5 cm
Seitenzahl: 560
Preis: 150 EUR


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David Lagercrantz – Verfolgung

Verfolgung von David Lagercrantz

Ich muss gestehen, dass ich persönlich die Millenium-Trilogie von Stieg Larsson erst lange nach ihrer Veröffentlichung für mich entdeckt habe. Das lag unter anderem daran, dass ich zu einem recht komischen Menschenschlag gehöre, der gerne mal einen Bogen um besonders gehypte Veröffentlichungen gemacht hat.

Die Logik, dass etwas sehr erfolgreich sein kann, weil es von besonders hoher Qualität ist und nicht nur aufgrund von Massentauglichkeit in die Regale von Lesern wandert, hat sich mir erst spät erschlossen. Dabei stellen „Verblendung„, „Verdammnis“ und „Vergebung“ einen traurigen Sonderfall dar. Muss man sich als neuer Leser oft erst über eine gewisse Zeit an das Werk eines Autoren heranwanzen (natürlich immer unter Berücksichtigung des quantitativen Outputs), sind der Nachwelt tatsächlich nur die drei Romane um den Journalisten Mikael Blomkvist und die fast autistisch angehauchte Hackerin Lisbeth Salander geblieben, deren Erfolg Larsson nie persönlich erleben durfte.

Nur ein Jahr nach seinem Tod im Jahre 2004 wurde mit seinem literarischen Nachlass eine solche Begeisterung bei Lesern und (zumindest vielen) Kritikern ausgelöst, dass man unter anderem unweigerlich und unter anderen Vorzeichen an die anfängliche Hysterie um Dan Brown denken musste.

Was danach folgte war mehr Konsequenz als Überraschung. Verfilmungen aus der schwedischen Heimat des Autoren und den USA, Comic-Adaptionen und zahlreiche Neuauflagen fütterten die nicht abzuebben scheinende Begeisterung der Fans. Nicht verwunderlich, dass der Hausverlag und die Familie Larssons auf die Idee kamen die Parallelwelt Stockholms aus dem vorhandenen Kanon ausbrechen zu lassen und die Leserschaft an neuen Verschwörungen, kriminellen Machenschaften und deren Zerschlagung teilhaben zu lassen. Doch wie sollte das möglich sein? Entgegen dem Willen der Witwe des Autors, einigten sich Verlag und Familie auf David Lagercrantz, als denjenigen, der die Fackel auf unbestimmte Zeit weitertragen sollte.

Der Journalist und Schrifststeller war bis dato für Sachbücher wie „Ich bin Zlatan“ bekannt und auf keinem Radar bezüglich einer Kriminalgeschichte erschienen. Umso schwerer muss die Bürde auf seinen Schultern gelastet haben, als er sich an den ersten Nachfolgeroman „Verschwörung“ setzte und die Welt schlussendlich doch eines Besseren belehrte. Nicht nur Fans, sondern auch Kritiker waren überwiegend begeistert und der immense Erfolg gab Lagercrantz auch in puncto Zahlen recht. Allein in Deutschland verkaufte sich das Buch rund 400.000 mal und schlug weltweit in den Bestsellerlisten ein.

Rund zwei Jahre später erscheint mit „Verfolgung“ der zweite Streich, dem man den Vorlauf deutlich anmerkt. Lockerer in der Schreibweise, filigraner im generellen Umgang mit der Sprache (auch im Vergleich zu Larsson), sowie selbstständiger im Ausbau der Handlung, bietet der neueste Roman aus seiner Feder einen spannenden Plot, der dem Erbe alle Ehre macht.

Diesmal fokussiert sich alles etwas mehr auf Lisbeth Salander bzw. ihre traumatische Kindheit und Jugend, die scheinbar eng verstrickt mit anderen Personen zu sein scheint, die aber einen angenehmeren Lebensweg einschlagen durften. Los geht es im Frauengefängnis Flodberga, in dem Lisbeth wegen einer fast schon Nichtigkeit einsitzt und wie viele andere unter der Terrorherrschaft der Nazi-Braut Benito Andersson leidet, die scheinbar auch die Belegschaft unter ihre Kontrolle gebracht hat. Am meisten wird jedoch die junge Faria Kazi unter Druck gesetzt, die in unmittelbarer Nähe von Lisbeth ihre Zelle hat und damit ihren Beschützerinstinkt auf den Plan ruft. Trotz der im Vergleich zu den Vorgänger-Bänden zurückgefahrenen Gewaltdarstellungen, bleibt der Konflikt natürlich nicht ohne eine Zuspitzung, die weitreichende Folgen für alle Beteiligten hat.

Währenddessen bekommt Lisbeths alter Vormund und einer ihrer wenigen Freunde Holger Palmgren Informationen zugespielt, die auf eine ungeheuerliche Vermutung aus Lisbeths Kindheit hinweisen. Dementsprechend bittet unsere Lieblings-Hackerin ihren alten Bekannten und Schwedens besten Investigativjournalisten Mikael Blomkvist um Mithilfe bei der Beschaffung weiteren Inputs. Dieser macht sich zunächst halbherzig auf den Weg, um schlussendlich einen unfassbaren Treffer zu landen, der weiter in gewisse Zirkel reicht, als man es je hätte erahnen können.

Da keine Einführung von Figuren nur um sich selbst Willen geschieht, entspinnen sich gleich zwei Handlungsstränge, die zum einen den klassischen Kanon einer schwedischen Kriminalgeschichte bespielen, als auch deutliche Akzente mit Gegenwartsbezug setzen. So erklingt rund um die zuvor erwähnte Faria Kazi ein ganzer Haufen von gesellschaftskritischen Tönen, die von Parallelgesellschaften bis hin zum Islamismus reichen und damit eine greifbarere Atmosphäre erzeugen.

Alles in allem scheint sich David Lagercrantz in seine Rolle als literarischer Nachlassverwalter eingelebt zu haben, lässt aber genug von seinen eigenen Präferenzen einfließen um nicht als ein besserer Ghostwriter, sondern eigenständiger Schriftsteller zu gelten. Insbesondere sein Fokus auf Lisbeth lässt erahnen wohin die Reise gehen wird, denn das wird sie ganz sicher. Den garantierten Erfolg in der Hinterhand ist schon das nächste Werk in der Mache, welches ich nach der aktuellen Lektüre ohne Umschweife ins Regal stellen werde.