
Die Figur des Tarzan ist ein fester Bestandteil der Popkultur, obwohl man vor allem in den letzten Jahren eher wenige Interpretationen des „Dschungel-Königs“ zu Gesicht bekommen hat. Angefangen bei den ersten Geschichten in Pulp-Magazinen und den Verfilmungen vor über 100 Jahren bis hin zu einer Disney-Adaption wurde wirklich jede Möglichkeit ausgeschöpft, um den Lendenschurzträger aus verschiedenen Perspektiven zu beleuchten. Leiser ist es vermutlich nur deswegen geworden, weil einige Aspekte der Geschichte für ein modernes Publikum als überholt und teilweise sogar problematisch gelten. Doch wie es bei vielen Figuren aus den frühen Tagen des 20. Jahrhunderts der Fall ist, bilden sie eine Basis für spätere Entwicklungen und bieten einen interessanten Blick auf den Zeitgeist vergangener Generationen.
Eine ganz besondere Version des Charakters Tarzan haben wir Hal Foster zu verdanken, der noch vor seiner legendären Arbeit an Prinz Eisenherz die Zeitungsleser der 30er-Jahre mit der präzisen Anatomie seiner Helden und detailreich ausgeschmückten Landschaften zu begeistern wusste. Doch ein so geradliniger Weg zu Ruhm und Ehre war es nicht. Angefangen als Werbegrafiker war das Zeichnen von Comics für Foster kein vorgezeichneter Pfad. Trotz des Umstands, dass sein Auftrag, einen 60-teiligen schwarz-weißen Zeitungscomic auf Basis von Edgar Rice Burroughs Roman Tarzan of the Apes zu kreieren, in England ein Erfolg war, hatte Foster keinerlei Interesse daran, weitere Storys für den US-Markt anzufertigen. Doch als die Weltwirtschaftskrise mit ihrer vollen Wucht zuschlug, gab es so etwas wie Optionen nicht mehr, und der Künstler willigte ein, ganzseitige Tarzan-Abenteuer in Farbe für Sonntagsseiten zu gestalten. Geld musste verdient und eine Familie ernährt werden.
Dieser aus der Not heraus angenommene Job wurde mehr schlecht als recht bezahlt, und doch hatte er etwas Gutes. Die sieben Jahre (1931–1937), in denen Tarzan gegen Bösewichter, Fantasiewesen, Dinosaurier und andere Gegenspieler kämpfte, sorgten zusammen dafür, dass die Reihe zum beliebtesten Sonntagscomic ihrer Zeit wurde. Dadurch konnte Foster sich ab einem bestimmten Zeitpunkt die Freiheit nehmen, sich Stoffen zuzuwenden, die ihn persönlich interessierten und seinen Ruf als Legende der Comic-Branche endgültig zementierten. Nicht wenige andere große Namen nannten ihn deshalb als Inspiration, darunter auch Größen wie Frank Frazetta oder Jack Kirby. Wenn sich solche Halbgötter auf einen berufen, hat man definitiv etwas richtig gemacht.
Dank des TASCHEN-Verlags darf man sich nun aber auch als Normalsterblicher die ersten Gehversuche im Bereich Abenteuer-Comic zu Gemüte führen. Denn mit Hal Foster’s Tarzan. The Complete Sunday Comics 1931–1937 liegt das gesamte Schaffen Hal Fosters zu der genannten Figur vor und das in einer Qualität, die ihresgleichen sucht. Neben dem opulenten XXL-Format wurde penibel darauf geachtet, den ursprünglichen Look beizubehalten. Gelungen ist das Ganze durch Reproduktionen aus den Originalzeitungen, die nicht nur die ursprünglichen Farben, sondern auch die charakteristische Ben-Day-Rasterung bewahrt haben. Dabei handelt es sich um einen Druckprozess mit Rasterfolien, die für den typischen Look alter Comics sorgen, bei dem Punkte zusammenhängende Farbflächen ergeben. Vorangestellt ist ein einleitender Text von Dian Hanson, die nicht nur den Werdegang Hal Fosters nachzeichnet, sondern parallel auch historischen Kontext bietet, um Tarzan im Rahmen seiner Zeit besser verstehen zu können.
Vor diesem Hintergrund können die abgedruckten Geschichten natürlich für sich selbst genossen werden, doch für moderne Leser sind sie in erster Linie eine Quelle, die man sowohl auf der Ebene der Comics als auch im Hinblick auf soziokulturelle Aspekte untersuchen kann. Lesegewohnheiten haben sich geändert, Darstellungsweisen haben sich glücklicherweise weiterentwickelt, doch als Kinder ihrer Zeit sind diese Abenteuer nach wie vor ein seltener und zugleich spannender Einblick in die Gedankenwelt der USA und damit stellvertretend in die westliche Hemisphäre des ersten Drittels des 20. Jahrhunderts. Wundert man sich einerseits über die damals öffentlichen Beschwerden zu Gewaltdarstellungen, die heutzutage niemanden mehr hinter dem Ofen hervorlocken würden, stoßen einem andererseits die Sexualisierung und teils eindeutig koloniale Blickwinkel mehrfach sauer auf. Im Kontext betrachtet ist beides jedoch Teil des Gesamterlebnisses, wenn man diesen mit Liebe gestalteten Band aufschlägt. In diesem Sinne: Wer sich auch nur ansatzweise für die Historie von Comics oder gesellschaftliche Entwicklungen interessiert, die sich an Medien ablesen lassen, muss sich Hal Foster’s Tarzan. The Complete Sunday Comics 1931–1937 ins Regal stellen.
Hal Foster’s Tarzan. The Complete Sunday Comics 1931–1937
Verlag: TASCHEN
Sprachen: Englisch, Deutsch, Französisch
Format: Hardcover, 34,4 x 44 cm, 5,19 kg
Seitenzahl: 392
Preis: 200 EUR



