Stellt euch vor, es ist das Jahr 1977 und ihr kommt aus dem Kino, in dem ihr Star Wars gesehen habt. Es ist für euch kaum zu fassen, was ihr gerade erlebt habt. Ein Märchen aus einer weit entfernten Galaxie mit Figuren, die sich ins Gedächtnis gebrannt haben. Planeten, die eure Fantasie auf ewig beflügeln, und Musik, die nie wieder aus euren Ohren verschwinden wird. Ihr lechzt nach mehr und doch wird es auf absehbare Zeit keine Möglichkeit geben, noch tiefer in die Welt von George Lucas einzutauchen. Ein trauriger Zustand, nicht wahr? Das dachten sich sowohl Lucas als auch einige schillernde Namen aus dem Comic-Business und stellten eine der erfolgreichsten Reihen der grafischen Literatur auf die Beine. Doch so ein Selbstläufer, wie es den Anschein erweckt, war es nicht.
Marvel Comics sah das Unterfangen zunächst nämlich skeptisch. Die ersten Ausgaben sollten vor dem Kinostart veröffentlicht werden und bei dem, was man zu dem Zeitpunkt über die Story wusste, sah es zunächst nach einem finanziellen Risiko aus. Doch George Lucas wäre nicht George Lucas, wenn er nicht auch hier seinen Geschäftssinn smart einzusetzen wüsste (Stichwort: Rechte an Merchandise). Mit weiser Voraussicht stellte er die Lizenz an seinem geistigen Eigentum zunächst kostenlos zur Verfügung. Erst ab 100.000 verkauften Exemplaren sollte Marvel zahlen. Heutzutage ist es eine astronomische Ziffer, aber in den 70ern war es auch nicht einfach zu erreichen, wenn man kein vorhandenes Standing bei den Lesern hatte. Die Intuition hat aber nicht getäuscht. Die ersten von Roy Thomas (damals Chefredakteur von Marvel) geschriebenen und Howard Chaykin gezeichneten Hefte (später Autor Archie Goodwin und Zeichner Carmine Infantino) verkauften sich sage und schreibe eine Million Mal und übertrumpften damit vierfach The Amazing Spider-Man, welches zum damaligen Zeitpunkt der erfolgreichste Titel im Stall von Marvel war.
Neben dem kulturellen Phänomen Star Wars an sich konnte man sich ausrechnen, warum gerade Comics so einschlugen, wie sie es getan haben. Zwar wurden in den Jahren zwischen Eine neue Hoffnung und Das Imperium schlägt zurück einige lizenzierte Romane herausgebracht, aber wenn man wirklich regelmäßig in die Abenteuer um Luke, Leia und Han abtauchen wollte, waren Comichefte die erste Wahl. Bei einem monatlichen Erscheinungsrhythmus wird das Warten auf jeden Fall erträglicher.
Um ein klein wenig in diese Gefühlswelt eintauchen zu können, hat der TASCHEN-Verlag sich erneut nicht lumpen lassen und eine weitere Sammlung an digital restaurierten Comics im XXL-Format herausgebracht. Wer schon die Marvel-Bände oder die Carl-Barks-Collection sein Eigen nennen darf, der weiß, worauf man sich freuen darf. 23 mit Liebe aufbereitete Hefte, herausgegeben von Paul Duncan (unter anderem The Star Wars Archive), die sogar die aus heutiger Sicht bizarre Werbung für allerlei Krimskrams beinhalten. Wenn es um die Gestaltung der Inhalte selbst geht, darf man nicht viele Gemeinsamkeiten mit den Schauspielern wie Mark Hamill erwarten. Um Luke heroischer darzustellen, machte man ihn zum Beispiel einfach mal „kantiger“. Grundsätzlich ist die Optik für unsere aktuellen Lesegewohnheiten sehr archaisch. Sowohl was die Zeichnungen als auch die Farbgebung anbelangt, die das authentische Rastermuster ihrer Zeit beibehalten durfte. Wenn es um die Geschichten nach der Adaption des ersten Films geht, durfte man sich zwar austoben, aber nicht die Leitplanken schrammen, die zuvor von George Lucas aufgestellt wurden. Das heißt, man findet zwar einige Figuren und Plätze, die irgendwann in den Kanon übergegangen sind, aber nichts, was in irgendeiner Form den Ereignissen von Das Imperium schlägt zurück widersprechen könnte. So durften Luke Skywalker und Darth Vader sich nie direkt begegnen. Warum das so war, sollte auch für die Comic-Macher ein Geheimnis bleiben, bis die Fortsetzung in die Kinos kam. Das mindert aber zu keinem Zeitpunkt den Lesespaß und den historischen Blick auf den exzellent gedruckten Sammelband.
Zur Einordnung des Ganzen wird zudem ein Essay von Peter Sanderson vorangestellt. Seines Zeichens Comic-Historiker und erster Archivar bei Marvel Comics. Hier erfährt man alles von der Vorgeschichte über Widersprüche, Arbeitsprozess und Erfolge, die den Grundstein für etwas legten, was uns noch heute viel Freude bereitet. Unterfüttert wird das alles durch Archivmaterial wie Skizzen, Werbung und fertige Entwürfe, die alles noch etwas greifbarer machen. Sollte man sich nach der Lektüre den Details der Hefte und ihrer Macher widmen wollen, findet man im hinteren Teil des Buches schön aufbereitete Credits und Zusammenfassungen zu jedem einzelnen der Hefte sowie Biografien zu den Machern hinter den Geschichten vor langer Zeit, in einer weit, weit entfernten Galaxis.
Wer sich diesen Band besorgt, hat daher gleich in mehrfacher Hinsicht einen Glücksgriff gelandet. Zum einen wird man keine so hochwertige Reproduktion auf dem Markt finden, die zeitgleich so viel Authentizität ausstrahlt. Zum anderen wird man sowohl als Star Wars– als auch Comic-Fan (losgelöst voneinander) voll bedient. Nicht zu vergessen ist der historische Aspekt, wenn man bedenkt, dass man auf Material blickt, welches im nächsten Jahr seinen 50. Geburtstag feiern wird.
Star Wars Comics Library. Vol. 1. 1977-1979
Verlag: TASCHEN
Sprachen: Englisch
Format: Hardcover, 28 x 39,5 cm, 5,58 kg
Seitenzahl: 680
Preis: 175 EUR




