Ghost Realm

4289_0

Als ich vor ein paar Jahren das erste mal auf dem Comicfestival München war, fiel mir ein Künstler ganz besonders auf: Timo Wuerz. Das erste, was einem ins Gesicht springt ist seine extrovertierte Optik samt flächendeckenden Tattoos, Iro und punkigem Outfit. Als er dann an seinem Platz anfing in unglaublicher Geschwindigkeit mit seinem Pinsel kleine Meisterwerke aufs Papier zu bringen, war es nur eine Frage der Zeit, bis sich jeder ein Bild nach Hause mitnehmen wollte. Es schien als ob sein Pinsel von alleine hin und her tänzelt und dabei aus zunächst undefinierbaren Farbklecksen Figuren entstehen, die in der gegebenen Zeit nicht plastischer sein könnten. Im Großen und Ganzen also ein Ausnahmetalent, welches sowohl als Person als auch Künstler positiv auffällt.

Was mich jedoch gewundert hat, war die komplette Abwesenheit seiner Werke. Üblicherweise werden Zeichner von den zuständigen Verlagen mit einem Katalog oder Neuerscheinungen unterstützt bzw. der Verkauf durch die Anwesenheit des Gastes angekurbelt. Hier saß nun jemand, um dessen „Sketche“ sich die Menschen rissen, aber nichts mit nach hause nehmen konnten, um seine Arbeit als Produkt ins Regal stellen zu können.

Später fand ich heraus, warum das der Fall war. Timo ist eine Legende, die schon mit 14 die erste Ausstellung hatte und nur wenige Jahre später den ersten Comic veröffentlichte. Es folgten weitere Projekte in dieser Sparte, bis er sich plötzlich komplett aus diesem Bereich zurück zog und anderweitig kreativ austobte. Dabei scheint er keine Grenzen zu kennen, wenn man sich sein erstaunliches Portfolio ansieht: Briefmarken, Freizeitpark-Entwürfe, Lack-Designs für Sportwägen, CD-Cover für Bands (Rock und Metal sind seine Steckenpferde und damit noch ein Sympathie-Punkt), Logos, Cover usw. Man könnte diese Liste praktisch bis ins unendliche weiter führen.

Nun meldet er sich endlich mit einem Comic in Form von „Ghost Realm“ in der Szene zurück und der hat es in sich. Zunächst zur Story von Robert Franke: Die Hauptcharaktere Elvira und Sam sind beide jugendliche Underdogs, die konstant mit Problemen in ihrem privaten Umfeld zu kämpfen haben. Elvira muss sich mit ihrer alkoholkranken Mutter auseinandersetzen, die den Tod ihres Mannes nicht verarbeiten kann und Sam steht unter dem Erwartungsdruck seines akademisch in höchsten Sphären schwebenden Vaters. Eines Abends müssen die beiden vor einer Gruppe Schläger fliehen, die die beiden scheinbar schon länger auf dem Kieker haben. Dabei geraten sie per Zufall in den mysteriösen Laden eines Doktor Wang, in dem verstörende Dinge vor sich gehen, die sowohl die Rowdys als auch die Haupt-Protagonisten an ihren Sinnen zweifeln lassen. Ab hier gerät das Leben der beiden völlig außer Kontrolle, als sie sich unabhängig voneinander in einer seltsamen Welt, dem titelgebenden „Ghost Realm“, wiederfinden. Dieser wird von Wesen aus den wildesten Fantasien bevölkert. Von Fabelwesen, über Voodoo bis Science-Fiction scheint hier alles aus jeder Ecke des Surrealen vertreten zu sein um Elviras und Sams Welt gänzlich auf den Kopf zu stellen…

Illustriert wird das Geschehen wie schon erwähnt von Timo Wuerz, der die Grenzen des Mediums Comic durchgehend sprengt. Klassische Panels? Fehlanzeige! Nur selten müssen sie mit Linien typisch getrennt werden. Hier werden Umgebung, Gegenstände oder einfach nur Bewegung genutzt um eine Struktur zu schaffen. Größtenteils starrt man jedoch ehrfürchtig auf Seiten füllende Layouts, die vor Details nahezu überlaufen. Dieser Stil erinnert mich persönlich sehr an die Arbeiten von Dave McKean, wobei hier auf Fotografien und Collagen mit Gegenständen verzichtet wird und der gemalte Strich im Vordergrund steht. Die Darstellung der Figuren lässt mich hingegen an Lee Bermejo denken, der ebenfalls viel und schnell mit großen Farbflächen arbeitet und die Charaktere sehr realistisch rüberbringt. Wenn man es genau nimmt, kann man kaum in Worte fassen,   wie großartig und vor allem einfallsreich jede einzelne Seite umgesetzt wurde. Natürlich wird der Künstler selbst eine ganz eigene Meinung zu seinem Schaffen haben. Als außenstehender Betrachter gibt es aber rein gar nichts zu bemängeln. Der einzige Grund die Illustrationen schlecht zu finden, wäre ein abweichender Geschmack.

Eine ähnliche Meinung scheint übrigens auch Popcom zu vertreten, die nach Timos Comeback eine Werksausgabe veröffentlichen wollen. Zunächst darf man sich freuen, dass es eine zweite Ausgabe von „Ghost Realm“ geben wird. Um sich bis dahin an weiteren Bänden zu erfreuen, kommt zum Beispiel im Juni “Aaron und Baruch”. Hier geht es um den Waffenhändler Aaron, der von ständigen Albträumen gequält wird und den Serienkiller Baruch, der Vergnügen am Töten gefunden hat. Ich lege mir nach dem persönlichen Einstand mit dem hier besprochenen Band mit Sicherheit alle seine Bücher zu und freu mich schon auf das nächste Mal, wenn ich mich erneut an den fantastischen Bildern laben kann.

Wer sich ein eigenes Bild von den von mir beschriebenen Bildern uns Szenen machen möchte, hat bei dieser Leseprobe die Möglichkeit dazu.

Rogue One: A Star Wars Story – Trailer veröffentlicht!

Ihr habt wie ich noch lange nicht genug vom „Star Wars“-Hype? Gut, denn hier ist der Trailer zum ersten Spin-Off der Reihe in Form von „Rogue One – A Star Wars Story“!

In diesem Streifen von „Godzilla“-Regisseur Gareth Edwards muss die von Felicity Jones gespielte Hauptrolle eine Gruppe von Rebellen zusammen bekommen, um die Pläne für den Todesstern zu stehlen. Dementsprechend ist die Story kurz vor den Ereignissen des allerersten „Krieg der Sterne“-Films angesiedelt.

Neben Jones findet man eine ganze Reihe weiterer hochkarätiger Schauspieler im Cast:

Donnie Yen, Jiang Wen, Diego Luna, Riz Ahmed, Mads Mikkelsen, Ben Mendelsohn, Forest Whitacker und Alan Tudyk. Wenn sich das nicht nach etwas großartigem anhört, dann weiß ich auch nicht weiter!

Freut ihr auch schon so sehr auf das Ende des Jahres wie ich? 🙂

 

X-Men: Ein neuer Anfang

X-men

Aktuell befinden wir uns mitten in einem Hype um Superhelden, ausgelöst durch Verfilmungen, die einen Rekord nach dem anderen brechen. Angefangen mit Spider-Man, kriegen wir teilweise monatlich neue Kost von Marvel und DC auf der großen Leinwand geliefert. Als großer Comic-Fan freut es mich natürlich, dass plötzlich so viele Menschen einen Zugang zu diesem Medium gefunden haben und die Storys nicht mehr als Kinderkram abgetan werden (Spawn und Deadpool würde ich keinem Grundschüler in die Hand drücken). Aber wie nach jedem Aufstieg wird es irgendwann einen Absturz geben. Man kann davon ausgehen, dass der Markt irgendwann übersättigt wird und damit vermutlich auch die Leserschaft der bunten Hefte zurück geht.

Der letzte Boom, den ich aufgrund meines Alters leider nicht aktiv mitbekommen habe, war Anfang der 90er, nachdem Autoren wie Frank Miller und Alan Moore in den Jahren zuvor gänzlich neue Zielgruppen erschlossen haben, die mehr Dunkelheit und Härte wollten. Damit wurde eine Ära eingeläutet, die mit Konventionen brach und damit den Weg für Künstler und Schreiber ebnete, die ganz dem neuen Zeitgeist entsprachen.

Dazu gehörte eine ganze Riege an Kreativen aus dem Marvel-Lager wie der legendäre Jim Lee. Diesem wurde kurze Zeit nach seinem Einstieg in das Unternehmen die prestigeträchtige Serie „Uncanny X-Men“ anvertraut. Kurz darauf legte er auch Hand an den heute zu besprechenden Titel „X-Men“ (1991). Das erste Heft schaffte es sogar in das Guinness Buch der Rekorde als der meistverkaufte Comic aller Zeiten. Neben dem Artwork war natürlich auch die Story-Komponente entscheidend für den anhaltenden Erfolg der Reihe. Chris Claremont, schon 1969 als Laufbursche im Verlag eingestiegen, erarbeitete sich den Weg an die Spitze mit Einfällen für die Mutanten-Welt, die heute noch nachhallen und mit dem Look von Lee das Bild der X-Men erschaffen haben, welches schließlich in der 90er-Jahre TV-Serie mündete.

Nach einiger Zeit beanspruchte Lee jedoch mehr Mitspracherecht, änderte Skripte eigenmächtig ab und initiierte damit einen Disput, der zunächst den Abgang von Claremont zur Folge hatte. Nur Monate später ging auch der Zeichner, um mit anderen den Image-Verlag zu gründen, der ihnen Rechte an den eigenen Kreationen gab und am Teil des Booms profitieren ließ.

Die Zusammenarbeit der zwei Männer bleibt bis dato ein Meilenstein, der glücklicherweise von Panini Comics Deutschland neu aufgelegt wurde. „X-Men: Ein neuer Anfang“ beinhaltet die ersten sieben Hefte, die einen überspannenden Zusammenhang aufweisen und darum als ganze Geschichte gelesen werden können. In dieser macht sich eine Gruppe von Mutanten mit einem Raumschiff auf die Suche nach Magneto, der in seinem Asteroid M die Erde umkreist, um sein selbst auferlegtes Exil zu fristen. Als er von der Gruppe entdeckt wird, bietet diese ihm ihre Dienste an. Der Anführer Fabian Cortez erklärt des Weiteren, dass die Station angeblich entdeckt wurde. Um sich zu schützen, begibt sich Magneto daraufhin zur Erde um einige Atomraketen zu bergen, die im Notfall zur Verteidigung eingesetzt werden sollen. Dabei kommt es zum Kampf mit den X-Men, während dem einer der Sprengköpfe über Russland detoniert. Daraufhin zieht sich Magneto mit den verbliebenen Raketen auf seine Basis zurück, während auf der Erde ein Plan zum Einsatz kommt, der die Vernichtung des Asteroiden-Heims des Mutanten zum Ziel hat. Zeitgleich überzeugt Cortez Magneto davon, dass dessen DNA durch Moira McTaggert verändert wurde. Als Reaktion entführt er die Frau und Professor X um sie zu zwingen die X-Men zu manipulieren und für ihn kämpfen zu lassen. Doch als es zum Showdown kommt, ergibt sich eine überraschende Wendung der Ereignisse…

Was diese Geschichte anbelangt, bin ich relativ zwiegespalten. Einerseits sieht man den Panels eindeutig an, warum Jim Lee zur modernen Speerspitze der Comic-Künstler unserer Zeit avanciert ist und gelegentlich eingestreute Verweise auf ernste Ereignisse der Realität (z.B. der Holocaust, Rassismus usw.) sind eindeutig an ein älteres Publikum gerichtet. Trotzdem wirkt es alles mit einem zeitlichen Abstand von 25 Jahren etwas altbacken. Nachdem ich als Leser an Geschichten heran geführt wurde, die episch über einen Zeitraum von einem Jahr ausgebreitet werden können oder an visuelle Meisterwerke, die in Sachen Dramaturgie großen Film-Events in nichts nachstehen, fremdle ich ein bisschen mit dem vorliegenden Band. Ich gehe davon aus, dass es wie in jedem Bereich eine Entwicklung gab, die zum damaligen Release übergreifend nicht abgeschlossen war. Das beziehe ich jedoch ausschließlich auf fortlaufenden Reihen und nicht auf komplette Storys, auf die ja auch noch heute gern verwiesen wird (V wie Vendetta, Watchmen, The Dark Knight Returns usw.). Sprechblasen wurden scheinbar wahllos gestaltet, was wiederum Satzbrüche zur Folge hatte, die keinen wirklichen Sinn ergeben. Natürlich kann es ein Problem der Übersetzung sein, funktioniert im Vergleich jedoch in der Gegenwart tadellos. Außerdem finden wir die typischen Dialoge, die mitten im Kampfgeschehen geführt werden, obwohl einer der Charaktere zum Beispiel gerade eins übergebraten bekommen hat. Hinzu kommt die schon angesprochene Geschwindigkeit, bei der man als Leser das Geschehen kaum verarbeiten kann.

Das klingt im ersten Moment hart, ist aber ein übergreifendes Phänomen der damaligen Ära. Im Klartext bedeutet es, dass meine Generation etwas verwöhnt ist! 😉 Aus nostalgischer und historischer Sicht, ist es jedoch eine lohnenswerte Anschaffung. Man wird durchwegs gut unterhalten, die Optik stimmt (bei dem Künstler kein Wunder) und man kriegt einen kleinen Einblick in die Zeit, als die uns heute noch bekannten Figuren dem Höhepunkt ihrer Popularität entgegen schritten.

Dementsprechend kann ich „X-Men: Ein neuer Anfang“ jedem empfehlen, der weiß worauf er sich einlässt, während Neulinge oder Leser, die nur aktuelle Erscheinungen konsumieren erst einen Blick beim Comic-Shop eures Vertrauens riskieren sollten.

Old Man Logan: Die Rückkehr

OLDMANLOGANDIERDCCKKEHR_Softcover_521

Vor geraumer Zeit habe ich mir im Kino den ultimativen Film bezüglich der visuellen Umsetzung einer Postapokalypse angesehen. „Mad Max“ überzeugte mich von der ersten bis zur letzten Sekunde durch die brillante Optik, den treibenden Soundtrack und die daraus resultierende Atmosphäre, die den Puls konstant oben hält. Im Endeffekt ein Szenario, dass wie geschaffen für eine Comic-Welt zu sein schien und mit der unvergleichlichen Art gleich mehrere Oscars absahnen konnte.

Nun ist mir ein Band in die Hände gefallen, der ganz dem gerade von mir beschriebenen Muster entspricht und sogar in einer Welt angesiedelt ist, die eine frappierende Ähnlichkeit zur Wüstenlandschaft von Max aufweist. „Old Man Logan: Die Rückkehr“ setzt kurz nach den Ereignissen des Erstlings von Mastermind Mark Millar ein, ist jedoch Teil des Mega-Events „Secret Wars“. Glücklicherweise wurde die Geschichte jedoch nicht in irgendeinem Megaband vergraben, sondern darf als eigenständiges Werk das Licht der Welt erblicken und dabei trotzdem Teil der Kontinuität nach dem Krieg bleiben.

Das gigantische Marvel-Multiverse wurde zerstört und nur ein Planet überlebte, der als eine Art bizarres Patchwork eine Vielzahl an Regionen beheimatet, die jedoch vollkommen unabhängig voneinander existieren. Anzutreffen sind dort die verschiedenen Versionen der uns bekannten Helden, die zwar von den anderen Zonen wissen, aber trotz allem isoliert agieren. Gemeinsam ist nur die Angst vor dem aus dem Chaos hervorgegangenen Herrscher Dr. Doom, der als Gott verehrt wird und dessen Status durch die Thors verschiedener Realitäten auch mit Gewalt untermauert wird.

Mittendrin finden wir eine von der Zerstörung des Krieges zwischen Helden und Schurken gezeichnete Wüste, die ein einsamer alter Mann durchstreift. Dieser ist der uns wohlbekannte Wolverine (oder auch Old Man Logan), der eine gewisse Ähnlichkeit zum Revolvermann aus der Stephen King-Saga „Der Dunkle Turm“ aufweist. In sich gekehrt versucht er die Ereignisse von vor 50 Jahren zu verarbeiten, bei denen er durch Mysterio manipuliert die X-Men getötet hat. In der Zwischenzeit schafft er es sogar eine Familie zu gründen, die jedoch durch den Hulk-Clan ermordet wird. Damit legt er seinen pazifistischen Lebensstil ab und eliminiert aus Rache die gesamte Sippe, mit der Ausnahme des Babys Robert Bruce Banner Jr., den er sogar adoptiert. Genau hier setzt die neue Story ein, bei der Wolverine bei einem seiner Streifzüge den Kopf eines Ultron findet. Ihm ist bewusst, dass dieser aus einem anderen Teil der „Battleworld“ stammen muss und macht sich auf die Suche nach dessen Ursprung. Dabei begegnet er alten Weggefährten, alternativen Versionen seiner Feinde und Verbündeten und trotzt unzähligen Gefahren, die sein vom langsamen Altern ausgezehrter Körper erdulden muss.

Verantwortlich für die Story, die mit wenig Dialog, dafür aber mit umso mehr packender Atmosphäre dienen kann, ist der Erfolgs-Autor Brian Michael Bendis. Der mit fünf Eisner-Awards ausgezeichnete Schreiberling kann sich so gut wie alles von Rang und Namen auf die Fahnen schreiben. Ob Hellspawn, Batman oder gefühlt jede wichtige Figur von Marvel Comics – überall hat der gute Mann schon seine Finger im Spiel gehabt. Bei der Fortsetzung zur Kult-Geschichte „Old Man Logan„, die nicht wenigen als das Wolverine-Äquivalent zu Batmans „The Dark Knight Returns“ gilt, ist es nicht verwunderlich, dass die verantwortlichen bei Bendis anfragten. So gut wie alle seine Veröffentlichungen wurden zu einem durchschlagenden Erfolg und auch hier enttäuscht er weder Fans noch Kritiker. Ein spannender Aufbau, der intelligent in die aktuellsten Ereignisse des fiktiven Universums eingepflegt wurde, ein Höhepunkt, der einen von Seite zu Seite treibt und ein Ende, dass direkt in die Kontinuität überführt ist fast schon mehr als man erwarten kann. Trotzdem schafft er es die Story mit der nötigen nüchternen Stimmung zu transportieren, die der Rahmen der Handlung verlangt.

Einen nicht geringen Anteil an der Atmosphäre hat der Zeichner Andrea Sorrentino, den man von seiner Arbeit an „Green Arrow“ oder „I, Vampire“ kennen könnte. Mit unzähligen Splash-Pages und Panel-Breaks kreiert er Seite für Seite kleine Meisterwerke, die man sich auch einzeln gerne an die Wand hängen würde. Mimik, Gestik und das Zusammenspiel mit der Umgebung tun ihr übriges, um nachhaltig Begeisterung auszulösen. Kombiniert mit der düsteren bis erdrückenden Farbpalette Marcelo Maiolos, kann man sich gar nicht lang genug an den Bildern laben.

Es gibt durchaus komplexere Geschichten, die durch ausgetüftelte Wendungen im Gedächtnis bleiben oder durch Cliffhanger die Tage bis zum Release der Fortsetzung zählen lassen, aber insbesondere ein visuelles Medium wie der Comic, lebt von den Gefühlen, die die Bilder kombiniert mit der Story transportieren wollen. Genau das schafft „Old Man Logan: Die Rückkehr“ mit Bravour. Packend, spannend und nachdenklich zugleich, wird man auf eine Reise geschickt, die man gerne noch viel weiter mit gegangen wäre. Glücklicherweise werden diese Gebete von Marvel erhört. Im Klartext können wir uns auf eine reguläre Reihe um den gealterten Recken freuen, die zwar von Jeff Lemire („All-New Hawkeye“, „Extraordinary X-Men“) getextet, aber weiterhin mit dem beliebten Artwork von Sorrentino veredelt wird.

In diesem Sinne könnt ihr euch nach meiner Huldigung schon denken, was ich als Fazit von dem vorliegenden Band halte: Absolute Kaufempfehlung! Wenn ihr euch unsicher seid oder denkt, dass ich euch was andrehen will, dann schaut im nächstgelegenen Comic-Shop vorbei und wagt einen Blick in die Ausgabe. Es wird sich lohnen!

[Rezension] Ai Weiwei (TASCHEN)

ai_weiwei_trade_ju_int_3d_43420_1601191043_id_1029325

Es gibt da diesen Spruch, der besagt, dass der Unterschied zwischen Kunst und Abfall eine Meinung ist. Diese Sichtweise wird vermutlich durch die sogenannte „moderne Kunst“ gespeist, die sich außerhalb der Norm bewegt, die die Gesellschaft als „wertvoll“ oder nachvollziehbar erachtet. Wenn man in eine entsprechende Pinakothek geht, steht man tatsächlich oft vor bestimmten Werken und weiß nichts mit ihnen anzufangen, da der Kontext einfach aus dem Stegreif nicht zu erschließen ist. Hierfür wird viel Hintergrundwissen benötigt, welches insbesondere über mehrere Kreative hinweg nicht immer vorhanden ist.

Eine Ausnahmeerscheinung bildet dabei der wohl berühmteste zeitgenössische Künstler Ai Weiwei. Der Chinese, der sich nicht auf eine bestimmte Richtung in der Gestaltung seiner visualisierten Aussagen festlegen will, hat trotz jahrzehntelanger Teilhabe am Geschehen in der Szene, vor allem durch seine Aktionen als Dissident international Aufmerksamkeit erregt. In einem Blog und über soziale Medien verbreitete er seine Kritik an der Regierung und bekam als Quittung eine Haftstrafe, die ihn komplett von der Außenwelt abschnitt. Während dieses Zeitraums landete sein Name regelmäßig in namhaften Publikationen, die ihn einem großen Publikum bekannt machten. Natürlich fand er schon zuvor Erwähnung. Vor allem das als „Vogelnest“ bekannte Stadion zu den Olympischen Spielen in Peking blieb in kollektiver Erinnerung.

ce_ai_weiwei_089_1404281109_id_810384

Dementsprechend ist der Name inzwischen zwar in aller Munde, aber konkrete Projekte des Künstlers sind bis dato nur einem entsprechenden Klientel bekannt, welches zwar über die üblichen Verdächtigen hinaus geht, aber der breiten Masse leider immer noch keine Assoziation mit Ai Weiwei erlaubt. Nachdem vor geraumer Zeit bei TASCHEN schon eine limitierte Fassung der Monografie zu diesem Band erschien (entweder signiert und in Seide eingeschlagen oder mit einem Buchständer aus Marmor(!)), kommen nun auch Interessenten mit etwas weniger Budget in den Genuss des Buches.

Dieses steht vom Umfang her, dem imposanten Schaffen des Künstlers in nichts nach. Auf 600 Seiten bekommt man einen Einblick in das Gesamtwerk der Ausnahmeerscheinung. Angefangen bei Malereien und kleineren Installationen in New York bis hin zu den gigantischen Bauten, die nach Weiweis Rückkehr in seine Heimat zu seinem Markenzeichen wurden, wird nichts ausgelassen. Das diese Aussage keine Übertreibung ist, kann man selbst am Ende anhand eines Registers überprüfen, welches neben der Biografie und einer Liste der bekannten Ausstellungen auch eine Auflistung aller Werke des Künstlers beinhaltet.

ai_weiwei_ce_int_open_0256_0257_03122_1501061224_id_678894

Seinen prestigeträchtigen Projekten wird gebührend viel Platz eingeräumt, die auf ganzseitigen Abbildungen ihre ganz eigene Faszination entfalten und die Fantasie des Betrachters anregen. Installationen wie „Sunflower Seeds“, bei denen 100 Millionen handbemalte(!) Sonnenblumenkerne aus Porzellan das Greifbare sprengen, zeugen eventuell von einem gewißen Wahnsinn, während Projekte wie „Straight“ an den Moralvorstellungen und dem Obrigkeitsverständnis der Chinesen rütteln. Hierbei wurden verbogene Stahlstangen aus den zerstörten Häusern in Sichuan (ein gewaltiges Erdbeben verwüstete Teile der Stadt im Jahr 2008) herangeschafft, um diese gerade zu biegen und in eine bestimmte Reihenfolge auszulegen. Im ersten Moment nur ein imposanter Anblick, der einem mulmigen Gefühl weicht, nachdem einem bewusst wird, dass mehrere tausend Menschen aufgrund von Bestechung und Vetternwirtschaft sterben mussten. Die Gebäude wurden mit mangelhaftem Baumaterial ausgestattet. Insbesondere die Schulen in dem Gebiet waren betroffen und mussten infolgedessen mehr als 1000 verstorbene Kinder beklagen. Im Zuge einer parallel laufenden Recherche nach den Namen der Toten, da die Regierung keine Liste herausgeben wollte, bekamen sowohl Ai Weiwei als auch sein Team die Härte des Staates sowohl auf psychischer als auch physischer Ebene zu spüren. Allein diese Geschichte verdeutlicht den brisanten politischen Aspekt an der Arbeit des Künstlers. Viele seiner Werke nehmen Bezug auf aktuelle Ereignisse in seinem Heimatland oder das Verhalten der herrschenden Klasse gegenüber der Bevölkerung. Das hat ihm lokal viele Feinde und international umso mehr Anhänger beschert.

Weitere Themen, die er nicht ausspart sind der Konsum (beispielhaft ist die Foto-Serie um die „Coca-Cola Vase“), zerstörtes Kulturerbe und chinesische Identität („Template“, ein gigantisches Konstrukt aus Türen abgerissener Tempel und „Fairytale“, das Einfliegen von 1001 Chinesen aus verschiedensten Milieus auf die Documenta 2007, auf der beide Projekte präsentiert wurden). All diese Motive ziehen sich bis heute durch sein Schaffen und erinnern den Betrachter, dass Kunst mit und ohne offensichtlicher Aussage einen grundlegenden Zweck erfüllt: das Anregen von Gedanken und damit Ideen. Ob diese eine kulturelle, sozial relevante oder nur unterhaltsame Komponente haben, bleibt dem Individuum überlassen. Trotzdem bleibt Ai Weiwei ganz Exot, da ihm für seine ambitionierten Ideen, die finanziellen Mittel für die entsprechende Umsetzung zur Verfügung stehen. Das macht die Ergebnisse im Vergleich zu anderen beeindruckender in ihrer Wirkung, kompensiert damit aber keinesfalls potentiell billige Ideen oder nutzt Effekthascherei.

ai_weiwei_ce_int_open_0446_0447_03122_1501061225_id_679372

Strukturiert wird das Buch dabei in chronologischer Reihenfolge durch Kommentare des Künstlers zu einzelnen Werken. Dazwischen kommt man in den Genuss andere Blickwinkel kennen zu lernen, da langjährige Wegbegleiter Ai Weiweis ebenfalls zu Wort kommen. Unter anderem Uli Sigg, ehemaliger Schweizer Botschafter in China, Roger M. Buergel, Kurator der documenta 2007 und die Experten für chinesische Kultur und Politik Carlos Rojas, William A. Callahan und James J. Lally. Jeder hat etwas interessantes zum Entstehungsprozess vieler Installationen beizutragen und gewährt damit eine noch intensivere Auseinandersetzung mit den abgebildeten Kunstwerken. Ein weiteres erfreuliches Detail ist, dass viele der Bilder noch nie zuvor veröffentlicht wurden. Im Klartext bedeutet es, dass man als Leser indirekt der Entstehung zahlreicher Konstrukte beiwohnen kann.

Zunächst könnte man denken, dass die pure Masse an visuellen Eindrücken erschlagend wirken kann. Persönlich habe ich jedoch festgestellt, dass ich mit jeder Seite begeisterter und interessierter den Werdegang Ai Weiweis anhand seiner Arbeit verfolgt habe und tagelang über kaum etwas anderes reden, geschweige denn denken konnte. Dieses Buch eignet sich perfekt um seine eingerostete Begeisterung für moderne Kunst wieder zu beleben oder sogar absolute Laien an die Materie heran zu führen. In meinem Fall hat diese Monografie einen ganz besonderen Platz in meinem Schrank verdient, aus dem ich sie immer wieder gern hervor hole um mich in die abstrakten und zeitgleich doch in der Realität verwurzelten Bilder fallen zu lassen.

Ai Weiwei
Verlag: TASCHEN 
Herausgeber: Hans Werner Holzwarth
Sprache: Deutsch 
Format: Hardcover, 25 x 33,4 cm 
Seitenzahl: 600
Preis: 60 EUR

Mick Rock. The Rise of David Bowie, 1972-73

rock_david_bowie_ce_int_3d_004_03136_1504231622_id_947412
Anfang diesen Jahres verstarb eine der schillerndsten Figuren des Pop, die das letzte Jahrhundert hervorgebracht hat. David Bowie, Vorbild und Inspiration für Musiker über alle Genre-Grenzen hinweg. Während sich einige Bands musikalisch an seinem Schaffen orientierten, ebnete der Brite auch visuell anderen Legenden den Weg.
Im absoluten Mainstream erschuf sich Lady Gaga immer wieder aufs Neue und passte in diesem Zuge ihre Optik auf mehr oder minder kreative Weise an. Die deutlichsten Anleihen finden wir jedoch bei Marilyn Manson, der sich am offensichtlichsten bei Bowies frühen Auftritten bediente. Ob es sich um die rasierten Brauen, die verschiedenen Augenfarben (bei Bowie von Natur aus, bei Manson durch eine milchige Linse) oder verwendeten Symbole (Ziggy Stardust vs. Antichrist Superstar) handelt ist irrelevant, wenn man sich das Gesamtkonstrukt als Verneigung vor einem Genie vorstellen darf. In jedem Fall, sieht man den Einfluss, den der Mann über Jahrzehnte hinweg auf die gesamte Branche ausübte.
rock_david_bowie_ce_int_box003_03136_1506231559_id_977287
Den Anfang dieses Prozesses oder eher gesagt den Beginn der explosionsartigen Karriere Bowies fing der ebenfalls namhafte Fotograf Mick Rock ein, der als ständiger Begleiter, Video-Regisseur und Freund an der Seite des Musikers stand und damit den Aufstieg von Ziggy Stardust (eines der viele Alter Egos und Kunstfiguren David Bowies) dokumentierte. Damit fing auch Rocks unglaubliche Karriere an, die Lou Reed, Iggy Pop, die Ramones, Queen oder die Sex Pistols im Portfolio umfasste und damit das Bild ganzer Generationen definierte.
Um die Masse an ikonenhaften und teils bisher unveröffentlichten Aufnahmen den Fans zugänglich zu machen, brachte der TASCHEN-Verlag im letzten Jahr den Foto-Band „Mick Rock. The Rise of David Bowie, 1972-73“ heraus, den man typisch für die Unternehmenspolitik zunächst in limitierter Auflage anbot. Diese kam aber nicht von ungefähr: die 1.972 Exemplare wurde allesamt von Rock und Bowie handsigniert. Davon konnte man wiederum 200 Versionen mit einem signierten Pigmentdruck erwerben. Die Preise waren dementsprechend einem Segment zuzuordnen, welchem sich der Normal-Verdiener vermutlich nicht mal nähern würde. Trotzdem war es nicht weiter verwunderlich, dass nach Bowies Tod alle Exemplare restlos vergriffen waren. Nur noch wenige sind in den TASCHEN-Stores verfügbar und in ihrem Wert gestiegen.
rock_david_bowie_ce_int_box005_03136_1506231601_id_977307
Nun haben auch alle Anhänger mit kleinerem Budget, die Möglichkeit sich die Bilder im XL-Format zu Gemüte zu führen. Seit diesem Monat liegt nämlich die „Standardausgabe“ der Buchs aus, welches inhaltlich keinen Unterschied zu den großen Brüdern aufweist. Man findet beim Aufschlagen des Werks wirklich alles was das Fan-Herz begehrt. Angefangen bei Konzert-Aufnahmen, die im Vergleich zu späteren Verhältnissen ein geradezu winziges Publikum zeigen, Standbilder aus Promofilmen und Musik-Videos, private Abbildungen (beim Schlafen, essen, umziehen) und Fotos für die Ewigkeit, auf die auch in Zukunft zurückgegriffen wird, um den Urknall des Glam zu visualisieren.
Eingeleitet werden die einzelnen Bildreihen von Überschriften in Form der Titel des damals erschienenen Albums „The Rise and Fall of Ziggy Stardust and the Spiders from Mars“. Diese geben mit einem kleinen Lyrics-Zitat jeweils eine Grundstimmung vor, die das gesamte Buch angenehm strukturiert und es dadurch nicht zu einem Sammelsurium verkommen lässt.
Dem wird noch eine wunderbare Einleitung samt Interview mit dem Fotografen vorangestellt, die den Werdegang der beiden Männer nachzeichnet und eine Perspektive der Protagonisten bietet, die den aufkommenden Erfolg hautnah miterleben und vor allem gestalten durften. Dabei werden Einblicke in eine Zeit gewährt, die eine Jugendkultur erst ermöglicht und heute als Alltag angesehene Grenzen definiert hat, indem alte Barrieren niedergerissen wurden. Als jemand, der weit nach dieser Ära das Licht der Welt erblickt hat, beschleicht mich tatsächlich eine Art Wehmut, so etwas nicht selbst erfahren zu dürfen.
Im Gesamten kann man diesen Band wirklich jedem ans Herz legen, der sich als Fan des legendären David Bowie bezeichnet. Eine vergleichbare Sammlung aus der Zeit des Ziggy Stardust und damit dem Beginn einer unvergleichbaren Karriere, wird man kein zweites mal finden. Für alle anderen können die handwerklich perfekt in Szene gesetzten Motive ein Anreiz sein, sich an die Musik des Künstlers heranzuwagen und sich selbst von der Legitimation seines Erfolgs zu überzeugen.
rock_david_bowie_ce_int_as001_03136_1503241130_id_921406

Love Addict

51b-30CXBNL

Vor ein paar Jahren war der legendäre Zeichner Robert Crumb zu Gast beim Münchner Comicfestival und all jene die sein Werk nicht kannten, waren vermutlich leicht verblüfft als sie seine Bilder sahen. Hier saß nun dieser träumerisch wirkende alte Mann und als Kontrast waren da diese Bilder, die alle möglichen Sex-Fantasien eines Nerds repräsentieren. Das typische Motiv ist dabei der unattraktive Eigenbrötler, dem eine in allen physiognomischen Merkmalen übertriebene Frau gegenübersteht. Ein auf Papier gebannter Wunsch nach körperlicher Nähe ohne Verpflichtungen, aufgeladen mit der Angst der Abweisung. Das machte Crumb besonders und genau diesem Stil blieb der Mann über Jahrzehnte hinweg treu. Das Problem daran war und ist der oft fehlende Bezug zur aktuellen Generation an „Liebe“ suchenden Außenseitern. Seine Motive sind den 60ern entsprungen und wirken auch heutzutage noch wie aus der Zeit gefallen.

Zwar ist der Wunsch des Underdogs nach sexueller Zuneigung natürlich gleich geblieben, aber die Umstände haben sich insbesondere in den letzten Jahren extrem gewandelt. Apps wie „tinder“ verändern das „Balzverhalten“ der Menschen zu einer bizarren Form des Einkaufserlebnisses. Fleischbeschau wäre noch nett ausgedrückt. Genau in dieses Umfeld schickt der gebürtige Israeli Koren Shadmi seine Hauptfigur K. (Kafka lässt grüßen). Der Gute wurde von seiner Freundin verlassen und gerät in ein schwarzes Loch, welches Männer, die Probleme haben Frauen anzusprechen nur allzu gut kennen. Frustration, Selbstzweifel und der Sex ist schon so lange her, dass man sich fast an den Zustand gewöhnt hat. Genau zu diesem Zeitpunkt kommt K.s Mitbewohner Brian ins Spiel, der ihn auf die Plattform „Lovebug“ aufmerksam macht. Diese ist im Endeffekt das selbe wie „tinder“ und lässt unseren Helden in die unverbindliche Welt der (auf Sex zumindest ausgerichteten) Dates des 21. Jahrhunderts abtauchen.

Zunächst geht er unbedarft an die Sache heran, verhält sich eher ungewöhnlich für solche Arrangements und trifft entsprechend seltsame Gestalten. Diejenige, die sich noch am ehesten der Sparte „normal“ zurechnen lassen, sind jedoch von seiner nerdigen Aura angetan. Nach mehreren Anläufen fängt er an das Spiel zu verstehen und entwickelt etwas wie Kalkül bei den Treffen mit Frauen. Plötzlich werden aus interessanten Gesprächen komplett auf Sex-Dates zugeschnittene Dialoge, die nur ein Ziel verfolgen. Teilweise werden sogar Phrasen auswendig gelernt, Namen verwechselt und der kleine Freundeskreis wird dank ständig wechselnder Begleitung verwirrt. Er entwickelt sogar ganze Pläne vom ersten Kontakt, über die Hinführung zu bestimmten Orten bis zum großen Finale im Bett. Um diesen Zustand zu verdeutlichen, werden die einzelnen Kapitel mit immer größer werdenden Zahlen in Bezug auf realisierte Treffen überschrieben, Namen der Gespielinnen kommen einem mit der Zeit vor wie Dekor und mit wenigen Ausnahmen rückt der Charakter so weit in den Hintergrund, dass nur noch der Körper als funktionelle Hülle übrig zu sein scheint.

Damit wird auf eine gelungene Art und Weise die Gefühlswelt des K. bzw. die Wahrnehmung seiner Umwelt auf den Leser übertragen, der jedoch das Glück hat als Beobachter noch den Unterschied zwischen Spaß und egoistischer Befriedigung der eigenen Lust zu erkennen. Diese Grenze scheint die Hauptfigur nämlich mit fortschreitendem „Erfolg“ immer öfter zu streifen und in einem Fall sogar beinahe zu übertreten. Ein Punkt, der ihn seine bis dato absolvierte Odyssee überdenken lässt, den Leser aber schlussendlich doch im unklaren lässt, ob die Abwendung von seiner Sucht endgültig oder nur eine Phase ist. Ein insgesamt sehr starker Story-Bogen, der trotz offenem Ende einen zufrieden die letzte Seite umblättern lässt. Dafür sind vor allem die vielen witzigen Situationen verantwortlich, die das im Kern unappetitliche Thema der aktuell grassierenden Vermittlungsplattformen treffend umschreiben und ein deutliches Statement dazu setzen. Eine wirklich runde Geschichte, die ohne Hänger durchgehend zu unterhalten weiß.

Koren Shadmi übernimmt dabei neben dem Autoren-Teil auch die Aufgabe der Visualisierung seiner Ideen. Hier lehnt er sich teils sehr deutlich an den zu Anfang erwähnten Robert Crumb an, der viel mit Schraffur arbeitet und damit seine Figuren extrem plastisch wirken lässt. Während eines Kapitels besucht K. sogar mit einer Bekanntschaft eine Ausstellung des Künstlers. Es folgt selbstverständlich eine Bett-Geschichte, die aber insbesondere bei der dargestellten Frau keinen Zweifel an der Inspiration durch den alten Meister lässt. Trotzdem behält sich Shadmi eine Eigenständigkeit bei, die ihn vor einer Degradierung zu einer simplen Kopie bewahrt. Körpersprache und Mimik der Charaktere wirken durchwegs lebendig und dem Thema entsprechend passend in Szene gesetzt. So wird Verzweiflung und Komik gleichermaßen Rechnung getragen, die beide Grundbausteine dieses Werks sind.

Alles in allem handelt es sich bei „Love Addict“ um eine Pflichtanschaffung für alle Fans der Crumb-Charaktere, Nerds mit „Träumen“ und alle, die sich gepflegt durch eine Graphic Novel unterhalten lassen wollen, die diesen Namen allemal verdient.

Hier könnt ihr euch das Buch besorgen.

Spawn Origins Collection – Band 7

SPAWNORIGINSCOLLECTION7_Hardcover_581

Einer meiner ersten Ausflüge in den Bereich der Comics für Erwachsene war „Spawn“. Vor ungefähr 15 Jahren hatte ich das erste mal eines der Hefte in der Hand, die zum damaligen Zeitpunkt noch monatlich erschienen. Inzwischen ist man zu broschierten Ausgaben übergegangen, die gleich vier US-Hefte auf einmal beinhalten. Zwar muss man nun etwas länger auf sie warten, dafür gibt es aber eine richtig große Ladung an Anti-Helden-Stoff.

Für diejenigen, die die Figur nicht kennen sollten, möchte ich kurz erklären worum sich die seit Anfang der 90er laufende Geschichte dreht. Erstmal zum Ursprung. Spawns Erfinder Todd McFarlane genoß einen legendären Ruf und konnte vor allem als Spider-Man-Zeichner und Autor eine gehörige Portion Ruhm einfahren. Sein extrem detailverliebter Stil gehört bis heute zu seinen Trademarks. Als er sich mit dem Marvel-Verlag überworfen hatte, zog mit einem ganzen Tross an weiteren Kreativen (z.B. mit dem legendären Jim Lee) aus, um einen neuen Verlag aus dem Boden zu stampfen, der den Künstlern mehr Mitspracherecht und Kontrolle in Bezug auf ihre Arbeit einräumen sollte: Image Comics.

Hier konnte man sich von allen Zwängen der Industrie, wie den Verzicht auf übermäßige Gewalt, Tabu-Themen wie Pädophilie oder sexuelle Darstellungen befreien. Die Reihe, die diese Freiheit bis heute wohl am meisten im Mainstream ausreizt ist „Spawn“. Es geht darin um den amerikanischen Söldner Al Simmons, der im Auftrag seines Auftraggebers während eines letzten Einsatzes ermordet wird. Daraufhin kommt Al in die Hölle und trifft dort den Teufel Malebolgia. Dieser bietet ihm einen Vertrag an, der Simmons an ihn bindet, dafür aber ein Wiedersehen mit dessen Frau Wanda verspricht. So wird er wieder auf die Erde geschickt und muss feststellen, dass er Jahre nach seinem Tod, grässlich entstellt und ohne Gedächtnis wieder in New York ist. Seine Frau ist längst mit einem anderen verheiratet, zieht ein kleines Mädchen auf und hat die Trauer um ihren Ex-Mann größtenteils überwunden. Zeitgleich ist unser Hauptcharakter mit einem lebenden Kostüm und magischen Kräften ausgestattet, die er noch nicht einordnen kann. Im Laufe der Zeit wird ihm der Name „Spawn“ verpasst und er erkennt die Verschwörung, die ihn in die nun vorherrschende Situation gebracht hat.

Währenddessen kümmert er sich um die bösen Menschen dieser Welt in einer Art und Weise, die man auch heute nicht von Cape-Trägern in Comics erwarten würde. Während ein „Batman“ den „Joker“ auch nach hundertfachem Mord einfach wieder einsperrt, massakriert „Spawn“ Kinderschänder und Konsorten auf einer Art, die nur als Warnung an die anderen Parasiten dieser Gesellschaft zu verstehen ist. Das ist eine Art die schwächsten Glieder der Bevölkerung zu beschützen, die es bis zum Start der Serie nicht gab und damit einen Impuls an die Industrie und Fangemeinde gab, der bis heute anhält und durch den Erfolg bestätigt wird.

Da die Serie nun seit 2 1/2 Jahrzehnten besteht, war es nur eine Frage der Zeit bis eine Neuauflage der Klassiker herausgebracht wird, um die Sammlung der alten Hasen zu vervollständigen und neue Fans an die Geschichte heran zu führen. In diesem Fall wäre es die sogenannte „Spawn Origins Collection“, die in jedem Hardcover-Band über 10 Hefte ab der ersten Nummer vereint und dabei sogar in Deutschland bisher unveröffentlichte Storys an den Mann bringt. In den USA wurde diese Aufarbeitung leider nach dem neunten Band eingestellt. Wir in Deutschland haben aber vielleicht Glück, was den Fortbestand der Serie anbelangt. So geht es diesen Monat in die siebte Runde mit den Heften 76 bis 87 und laut Aussagen seitens „Panini Comics Deutschland“, ist der Erfolg zumindest groß genug, um eine eigenständige Fortsetzung zu starten.

Falls ihr schon Besitzer der ersten sechs Bände seid, möchte ich euch natürlich nicht vorenthalten, ob sich die Anschaffung lohnt bzw. ob es sich nur um einen Lückenfüller in der Sammlung handelt. Gleich von Anfang an kann ich eine Entwarnung geben. Die Story wird von mal zu mal runder, schlüssiger und auch in der Optik ansprechender. Todd Mcfarlane hat es über die Jahre geschafft, die Tiefe der einzelnen Charaktere wie Sam & Twitch hervorzuheben und aus der am Anfang teils vorhandenen Statik zu befreien. Man nimmt inzwischen jede Figur für voll und erkennt mehr Facetten entlang der Handlung. In diesem Band lüftet „Spawns“ mysteriöser Freund „Cog“ ein überraschendes Geheimnis und eröffnet unserem Helden eine Möglichkeit seinen Fluch zu brechen. Auf dem Weg dahin trifft er jedoch einen seiner ersten Widersacher, der es sich zur Aufgabe gemacht hat Seelen für die Hölle zu sammeln und dabei vor den bestialischsten Morden nicht zurück schreckt. Diesen jagt unser Rächer mit dem eben erwähnten Duo, welches inzwischen Spawns geheime Identität gelüftet hat. Außerdem findet ein Treffen mit dem Geist eines alten Bekannten statt, welches einen Wendepunkt in der gesamten Geschichte darstellt…

Glücklicherweise handelt es sich um eine Reihe, die einen großen Story-Bogen schlägt und den Leser nicht durchgehend gestückelt mit Informationen versorgt. So ist es möglich den Band an einem Stück zu verschlingen, da man natürlich wissen möchte, wie es weitergeht. Als Zeichner ist der aktuelle „Batman“-Kreative Greg Capullo an Bord, der schon bald nach McFarlane das Ruder am Stift übernommen hat und sich von Heft zu Heft zu entwickeln scheint. Während die ersten Ausflüge in die Gassen von New York fast cartoonesk wirkten, hat sich der ihm eigene Stil in eine bizarr verformte Version der Realität gewandelt, die von unendlich vielen Details durchzogen ist. Jedes Panel scheint eigene Geheimnisse zu verbergen, die man mit einem genauen Blick ausfindig machen möchte. Nach wie vor gehört Capullo wegen dieser Art Elemente zu „komponieren“ zu meinen Lieblingskünstlern dieser Sparte. Man kann sich vorstellen wie glücklich ich über seine Verpflichtung bei DCs größtem Flaggschiff war. Im vorliegenden Band kann man ihn geradezu zu Höchstform auflaufen sehen und die klassische visuelle Umsetzung der Reihe genießen, die vor einigen Jahren einem gänzlich neuen Stil gewichen ist, der ebenfalls seinen Reiz hat, aber bei weitem nicht das Gefühl hervorruft, wie im Laufe der 90er und frühen 2000er.

„Spawn Origins Collection: Band 7“ ist dementsprechend eine weitere Steigerung auf dem Weg zur nächsten Ausgabe, die ich nach der Lektüre der vorliegenden Geschichten haben MUSS. Es bleibt nur zu hoffen, dass Paninis Pläne einer Fortführung reale Züge annehmen und uns für ein paar Jahre mehr mit Storys aus der Hölle versorgen.

Hier geht es zu einer Leseprobe.

Ihr könnt euch den Band entweder hier oder hier besorgen.

Breaking Bad – Das offizielle Buch zur TV-Serie

breaking-bad---das-offizielle-buch-zur-tv-serie-hardcover-1453989131

Könnt ihr euch noch an die erste Serie erinnern, die euch zum Binge-Watching gezwungen hat? In meinem Fall wäre es definitiv „Breaking Bad“ von Vince Gilligan. Es gab Nächte, in denen ich mir ausrechnen musste, wie viele Folgen ich noch sehen könnte, um gleichzeitig genug Schlaf zu haben, um am nächsten Tag in der Arbeit funktionieren zu können. Jede Folge wurde mehr inhaliert als gesehen, jeder Cliffhanger verschaffte mir einen Herzinfarkt und die Entwicklung Walter Whites ließ mir den Kiefer fast konstant runter hängen. Alles in allem die vielleicht beste TV-Serie aller Zeiten. Natürlich recherchierte ich parallel alle bekannten Hintergründe, wollte alles Mögliche über die Entstehungsgeschichte und potentielle Easter-Eggs erfahren. Später konnte ich, als nach und nach die Staffeln auf Blu-Ray erschienen, zusätzliche Interviews und Making-Ofs genießen und die ein oder andere interessante Info für mich mitnehmen.

Nun haben Fans die Möglichkeit sich noch mehr Input über dieses großartige Stück Fernseh-Geschichte nach Hause zu holen. David Thomson hat über Panini Books endlich „Breaking Bad – Das offizielle Buch zur TV-Serie“ veröffentlicht und damit das Sahnehäubchen auf die Sammlung eines jeden Zuschauers gesetzt.

Genaugenommen finden wir hier neben einer ausführlichen Chronik, die die Ereignisse von der ersten bis zur letzten Folge beleuchtet und uns erneut auf eine emotionale Reise durch New Mexico mitnimmt, eine ganze Reihe von internen Einblicken vom ersten Gedankengang bis zur Umsetzung von „Breaking Bad“. Zunächst führt uns eine Einleitung des Herausgebers an die Materie heran, während uns im darauf folgenden Interview mit Mastermind Gilligan eine Vielzahl an überraschenden Aussagen dargeboten wird, die einen gänzlich neuen Blick auf das gesamte Konstrukt ermöglichen. Ich möchte nicht zu viel verraten, aber es wird nach der Lektüre vermutlich keine Szene geben, bei der man nicht nach den im Text erwähnten Details suchen wird.

Um diese dann wirklich alle finden zu können, widmet sich anschließend ein ganzes Kapitel der Aufschlüsselung der Hintergründe zur Serie in ihre symbolträchtigen Einzelteile. Dem folgt die Beantwortung der Fragen bezüglich Outfits, der sich entwickelnden Farbgebung der Charaktere, Gründe für bestimmte Einstellungen, innovativer Technik und zu allem anderen, was man sich noch so vorstellen kann. Wenn jemand danach das Konzept noch nicht erfasst hat, hat er oder sie das Buch einfach nicht gelesen.

Der Band geht ab diesem Zeitpunkt sogar einen Schritt weiter und erinnert uns an die besondere Stellung der Story und die damit verbundenen Inhalte. In erster Linie ist die Chemie und alles was man mit ihr kreieren oder anrichten kann als eigener Charakter zu verstehen. Diesem wird sich auf ganzen 14 Seiten gewidmet, indem legendäre Szenen analysiert werden, während denen die jeweiligen Stoffe zum Einsatz kommen. In diesem Zusammenhang wird erläutert wie Flusssäure oder Knallquecksilber in der Realität funktionieren und ob sie naturgetreu auf dem Bildschirm genutzt wurden. Ein wirklicher Leckerbissen, der einem erneut vor Augen führt mit welcher Akribie, trotz aller vorhandenen Widrigkeiten, an der Entwicklung der Folgen gearbeitet wurde.

Weitere Aspekte, die behandelt wurden aber auch mir beim ersten Betrachten der Folgen nie in den Sinn kamen, beweisen einmal mehr, dass der Erfolg dem gesamten Konzept recht gibt. Details wie eigens für die jeweiligen Figuren ausgewählte Themes, Spielereien mit dem Tausch von typischen Farben (Grün für Walt, Blau für Skyler und dann entsprechend andersrum usw.), Gründe für bestimmte Schlüsselszenen (Wer hätte gedacht, dass der pinke Teddy eingeführt wurde ohne, dass zunächst eine Idee bestand wie er in den Pool gekommen sein soll?) oder der konkrete Aufbau einer Wohnung lassen einen immer wieder ehrfürchtig auf die über fünf Staffeln andauernde Odyssee „Heisenbergs“ zurückblicken.

Um auch die letzten Fragezeichen zu beseitigen, werden immer wieder Interviews mit den Verantwortlichen der jeweiligen Abteilungen eingestreut, in denen sie ihre Ideen nochmals persönlich erklären können. Selbiges wird nochmal als Abschluss in Form von Gesprächen mit den Produzenten geboten. Um bis dahin die Info-Flut mit visuellen Spielereien aufzulockern, wurden außerdem alle Plakate des legendären „Breaking Bad Art Project“abgedruckt und alle verteilten „Challenge Coins“ (Gedenkmünzen und eine Art Ausweis für Crew und Cast) mit ihren Motiven erläutert. Damit sollte eigentlich jeder erdenkliche Aspekt abgedeckt sein, den man als Fan erwarten kann.

Ich persönlich bin geradezu angefixt die Blu-Ray-Boxen wieder aus dem Schrank zu holen und mir das Geschehen aus dem neu erworbenen Blickwinkel anzusehen. Genau genommen ist die Anschaffung des Buchs unumgänglich, wenn man für Hintergrundinformationen, Making-Ofs usw. zu begeistern ist. Insbesondere für knapp 30€ ist es für den gebotenen Inhalt als Schnäppchen zu betrachten. Vor allem wenn man sich vergleichbare Veröffentlichungen über Serien-Events oder Filme ansieht. Für mich bleibt der Band immer in Sichtweite im Schrank stehen, damit ich beim nächsten BB-Marathon das „Lexikon“ griffbereit habe.

Hier oder hier könnt ihr euch das Buch besorgen.

Bring Me The Horizon – Neues Musik-Video

Bring Me The Horizon befinden sich seit geraumer Zeit auf dem aufsteigenden Ast im Musik-Business. Eine Aussage, die man aktuell nur selten mit dieser Sparte verbindet. Insbesondere seit dem Album „Sempiternal“ und nach dem immensen Erfolg von „That’s the Spirit“ konnten die Briten ihre Basis festigen. Ihre für viele überraschende Abwendung vom klassischen Deathcore zu einem fast Linkin Park-lastigen Sound hat offensichtlich ihre Wirkung nicht verfehlt und die Jungs in den Mainstream katapultiert.

Zwar ist dieser Begriff im Bereich der härteren Spielarten als toxisch anzusehen, muss aber wie in diesem Fall nicht gleich ein Synonym für schlechte Qualität herhalten. Sanftere Klänge erlauben es oftmals Experimente zu wagen, die zuvor im Riff-Korsett des Metal nicht möglich waren. So ist das Stück „Follow You“ fast schon Pop, befreit sich aber durch den ausgeklügelten Text von der Zuckerglasur dieses Genres. Um zeitgleich nicht als gefällig rüber zu kommen, hat sich die Band für das Musik-Video zum Track etwas ganz besonderes einfallen lassen. Kennt man heutzutage fast nur noch Performance-Zusammenschnitte, wurde sich hier an eine Handlung gewagt, die so explizit dargestellt wird, dass alle Schmährufe nach Ausverkauf verstummen sollten. Zombies und apokalyptische Inszenierungen liegen im Trend, es aber so zu verarbeiten und Gewalt mit einer ordentlichen Prise Humor zu würzen ist nach wie vor ungewöhnlich. Was sagt ihr zur visuellen Umsetzung des Songs?

http://www.vevo.com/watch/bring-me-the-horizon/Follow-You-(Official-Video)/GB1101501731