Andy Warhol. Seven Illustrated Books 1952-1959

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Jeder fing mal klein an. Auch eine Legende wie Andy Warhol war mal unbekannt und musste sich erst einen Namen erarbeiten. Da jedoch in den 50er Jahren des letzten Jahrhunderts Plattformen für Selbstdarstellung wie Facebook und Instagram noch in den Bereich der Science Fiction gehörten, mussten sich kreative Menschen anders behelfen.

Schon in jungen Jahren nicht auf den Kopf gefallen was Selbstvermarktung anbelangt (auch passend bezüglich seines Berufs als Gebrauchsgrafiker), entwickelte Warhol Portfolios, die schon zum Erscheinungsdatum in extrem geringer Auflage (meistens unter hundert Exemplare) zu Sammlerstücken avancierten und persönlich von Warhol an Freunde und Kunden ausgehändigt wurden. Natürlich sind die einzelnen Veröffentlichungen heutzutage für die allermeisten Menschen kaum erschwinglich, geschweige denn überhaupt zu bekommen.

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Um trotzdem einen Eindruck vom frühen Schaffen der Pop-Art-Ikone zu bekommen, ist erneut der TASCHEN-Verlag in die Presche gesprungen, um ein wirklich außergewöhnliches Produkt unter die Leute zu bringen. Der Verlag ist schon lange für Formate bekannt, die bibliophile Leser auch haptisch auf eine Reise schicken (ein schier unglaubliches Beispiel ist das ebenfalls aktuelle Murals of Tibet). Dementsprechend ist es wenig überraschend, dass „Andy Warhol. Seven Illustrated Books 1952-1959“ nicht als simple Beschreibung, samt netter Aufmachung in die Regale der Buchhändler gewandert ist, sondern in Form von nahezu originalgetreuen Nachdrucken, die so genau wie möglich im ursprünglichen Format und auf dem ursprünglichen Papier reproduziert wurden. Sogar kleine per Schreibmaschine beschriebene Sticker, wie auf den Originalen, finden sich wieder und lassen den Betrachter nicht mehr aus dem Staunen über den Detailreichtum heraus kommen.

So findet man mit „Love Is a Pink Cake„, „25 Cats Named Sam„, „À la recherche du shoe perdu„, „A Is for Alphabet„, „In the Bottom of My Garden“ und „Wild Raspberries“ einen unverstellten Blick auf die schier grenzenlose Kreativität des Künstlers, der sich der Außenwirkung seiner frühen Werke offenbar bewusst gewesen sein muss, wenn man die zahlreichen Anspielungen entdeckt, die mit einem nicht ganz jugendfreiem Niveau aufwarten. Man sieht zum Beispiel in „In the Bottom of My Garden“ (der Titel ist schon ein Augenzwinkern für sich) eine junge Frau oder ein Mädchen, dass eine kleine Katze in ihrem Schoß hält, unter der die Unterschrift „Do you see my little pussy?“ prangt. Dazu kommen auffällig nach Hinterteilen aussehende Früchte und viele weitere kleine Gags, die Warhols Humor widerspiegeln.

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© 2017 The Andy Warhol Foundation of Visual Arts, Inc.

Dabei spielte er gleich mit mehreren Stilen und beschränkte sich bei der Produktion auch nicht auf eine Art von Material oder Format. Er ließ es sich nicht nehmen auch innerhalb einer Auflage Variationen einfließen zu lassen, einzelne Aspekte wegzulassen oder hinzuzufügen und mit schriftlich festgelegten Limitierungen den Sammlern der ersten Stunde eine Freude zu machen.

Thematisch gab es für ihn ebenfalls keine Grenzen. Er präsentierte in jeder seiner Publikationen ein neues Motiv. Ob es nun holprige Dreizeiler in Kombination mit Berühmtheiten der Geschichte, die Widmung jeder Seite für einen Buchstaben oder eine homoerotische Version eines Kinderbuchs – der Fantasie wurde freien Lauf gelassen. So lässt sich auch erklären, warum „Wild Raspberries“ nicht nur als reines Kunstwerk, sondern auch als Kochbuch funktioniert oder „À la recherche du shoe perdu“ mit einem Hauptaugenmerk auf Schuhe, allerlei Seitenhieben auf politisches Zeitgeschehen und Geistesleben aufwartet.

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© 2017 The Andy Warhol Foundation of Visual Arts, Inc.

Um neben den schönen Illustrationen genügend Hintergrundinformation zur Einordnung zu bekommen, liegt dem im Baby Sumo-Format vorliegenden „Andy Warhol. Seven Illustrated Books 1952-1959„ ein ebenfalls in XL-Fassung gedruckter Begleitband bei, der neben der Entstehungsgeschichte und Interpretationen der sieben Bücher auch seltene Fotografien des Künstlers und Abbildungen seiner kommerziellen Auftragsarbeiten beinhaltet. In dieser Kombination findet man einen seltenen Einblick in den frühen Output Warhols, bevor dieser Anfang der 60er Jahre mit „Campbell’s Sousa Cans“ eine neue Ära einleitete. Abgerundet wird das Ganze mit einem einführenden Essay der Warhol-Expertin Nina Schleif, die mit ihrem von Kenntnis der Materie  geprägten Blick, den Leser an die Übergangsphase zwischen Gebrauchsgrafiker und legendärerer Künstler heran führt.

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© 2017 The Andy Warhol Foundation of Visual Arts, Inc.

In diesem Sinne lohnt sich die Investition von 150€ für die Anschaffung eines Bandes, der die einzigartige Möglichkeit bietet, visuell und haptisch eine Ära im wahrsten Sinne des Wortes nachzufühlen. Ich freue mich für meinen Teil, wenn TASCHEN weiter diesen Weg beschreitet und Liebhabern der bildenden Kunst noch mehr Möglichkeiten gibt, Inhalte über Grenzen hinaus zu erleben.

Suicide Squad Paperback 1: Die stählerne Gruft

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Das Rebirth-Universum von DC-Comics baut sich immer weiter auf und etabliert mehr und mehr Serien, die Neuleser hinzugewinnen und alte Fans bei der Stange halten sollen. Eine zumindest im Mainstream relativ neu angesiedelte Reihe dreht sich dabei um die Taskforce X, die besser unter dem Namen Suicide Squad bekannt ist.

Spätestens seit dem Kinodebüt dieses Antihelden-Teams sieht man mehr oder weniger gelungene Cosplay-Versionen von Joker und Harley aus dem Boden sprießen und Fans nach mehr Stoff rund um die Psychopathen-Bande gieren, obwohl die Kritik am Streifen alles andere als milde ausfiel.

Nun ja. Comics und Filme sind zwei Paar Schuhe. Daher soll im Folgenden die Kritik am ersten Paperback „Die Stählerne Gruft“ (und damit den ersten Heften der neuen Reihe) gänzlich ohne Verweise auf David Ayers Werk auskommen.

Wobei…eine Parallele, die auch im Vorwort des Bands Erwähnung findet, möchte ich herausheben. Für den ersten Teil der Handlung ist am Zeichenbrett niemand geringeres als Jim Lee verantwortlich, Herausgeber bei DC Comics und DER Name, wenn es um actiongeladene Kämpfe mit und um Antihelden in den 90er Jahren geht. Viel Pathos, Einzeiler zum Fremdschämen und dicke Wummen waren das Rezept der Wahl, wenn es um Comics bis zur Jahrtausendwende ging. Genau diesen Rückgriff auf bewährte Mittel führten die Macher nun fast zwanzig Jahre nach der Hochphase dieses Trends durch und zeigen auf, dass alt nicht gleich altbacken sein muss.

Nun aber mal zum Inhalt. „Die stählerne Gruft“ beginnt mit einer Diskussion zwischen Amanda Waller, der Initiatorin des psychopathischen Selbstmordkommandos und dem ehemaligen (zu diesem Zeitpunkt in den letzten Zügen seiner Amtszeit) Präsidenten der vereinigten Staaten, Barack Obama. Dieser erfährt quasi kurz vor knapp von der Existenz der Taskforce X und möchte diese sogleich auflösen. Geschickt ringt ihm Waller jedoch einen Kompromiss ab, indem sie den Bösewichten den bis dato inhaftierten Colonel Flagg zur Seite stellt, der als eine Art Aufpasser fungieren soll, während die streng geheimen Missionen rund um Harley Quinn, Enchantress, Killer Croc, Deadshot und Captain Boomerang durchgeführt werden.

Eben eine dieser Missionen verschlägt die Gruppe in ein Unterwassergefängnis in Russland, dass von niemand geringerem bewacht wird, als dem sowjetischen Gegenstück der Suicide Squad mit dem klingenden Namen Annihilation Brigade. Um noch ein wenig in Klischees rumzuwaten haben die Mitglieder sich ein paar schöne Alias-Titel wie Gulag, Tankograd und Cosmonut zugelegt. Doch für einen wirklichen Kampf bleibt tatsächlich gar nicht so viel Zeit, nachdem schnell festgestellt wird, was hier eigentlich vervorgen wird: Die Superhackerin und Harley-Fan Hack (nicht mit dem Fleischgericht zu verwechseln) und General Zod, der in der Phantom-Zone sein Dasein fristet.

Nach einem kurzen, aber unterhaltsamen Gefecht, schaffen es die Irren beide Gefangenen in die USA zu transportieren, wo Waller auf den tollen Einfall kommt, die Neuankömmlinge in die Taskforce X zu integrieren. Kein Problem bei Hack, die ohnehin Superschurkin werden möchte, aber bei Zod gestaltet es sich reichlich schwierig, als die Phantom-Zone, aus der er gezogen wurde, alle Anwesenden in der Geheimanlage durchdrehen und jeden jedem an die Gurgel gehen lässt. Mit einer einzigen Ausnahme: Harley Quinn. Die Clownprinzessin des Verbrechens scheint nämlich ins genau Gegenteil verkehrt worden zu sein und kann plötzlich klar denken und ist damit die einzige Hoffnung, die Lage zu entschärfen…

So viel erstmal zur Geschichte, ohne zu viel vorweg zu nehmen. Eins muss jedoch noch erwähnt werden. Um dem Ganzen eine gewisse Tiefe zu verleihen, werden sowohl dazwischen, als auch im Nachgang die Origin-Storys der einzelnen Charaktere (aber nicht alle) eingeflochten und bieten dadurch eine gewisse emotionale Nähe zu Katana, Killer Croc und Co. Vor allem ist sowas im Kontext der fast durchgehenden Klopperei bitter nötig, um nicht in zu generische Gefilde abzuwandern und die eigene Bedeutungslosigkeit einzuleiten.

In diesem Sinne ist mit dem ersten Paperback zur Suicide Squad ein solides Produkt veröffentlicht worden (für 17,99€ als Softcover), dass als unterhaltsamer Action-Snack durchgeht, aber darüber hinaus noch beweisen muss, ob es für einen längerfristigen Erfolg reicht. Ich für meinen Teil bleibe ein wenig skeptisch, da Schießereien und abgedrehte Situationen für sich Spaß machen, aber auf Dauer nicht zu überzeugen wissen, solange nicht eine spannende Geschichte das Konzept zusammenhält. In jedem Fall darf man gespannt sein, ob sich die Reihe außerhalb des popkulturell befeuerten Ruhms etablieren kann.

 

Superman Paperback 1: Pfad zur Verdammnis

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Viele von euch wissen, dass ich nicht als großer Fan des DC-Aushängeschilds Superman bekannt bin. Für mich überwogen beim lesen immer Elemente, die mir die Figur als zu glatt und seine Welt, trotz regelmäßig stattfindender Apokalypsen, als zu friedfertig erscheinen ließen.

Vielleicht bin ich einfach psychisch kranke Freaks wie in Batman gewohnt und weniger bunte Aliens, die Metropolis als Spielplatz benutzen. Wie so oft handelt es sich hierbei aber um meine ganz persönliche Meinung und ich bin mir verdammt sicher, dass mir so einige Perlen entgangen sind, die mich eines besser belehren hätten können. In jedem Fall könnt ihr euch vorstellen, dass ich durchaus etwas skeptisch an den Reboot um den Pfadfinder unter den Superhelden herangegangen bin. Ein Neubeginn kann aber auch eine ganz frische Liebe entfachen und genau das ist hier geschehen. Aber eins nach dem anderen…

Wie es sich gehört, musste es zunächst einen vernünftigen Übergang zwischen der alten New 52 und der neuen Rebirth-Welt geben, bevor der Reboot seinem Namen gerecht werden konnte. Da sich der Verlag durch die langjährige Geschichte damit auskennt, wurde der Switch mit dem Tod des einen Superman (New 52) und dem Auftauchen des anderen (Post-Crisis) vollzogen. Der neue Unbekannte rettete sich zuvor von seiner sterbenden Welt in die hiesige und lebte fortan mit seiner Familie versteckt auf einer kleinen Farm. Erst als der Superman, den wir seit 2011 kennen und lieben gelernt haben das zeitliche segnet, traut sich der neue aus dem Versteck.

Dabei will er nicht einfach einen Platz besetzen, der plötzlich frei geworden ist, sondern den Namen des Mannes aus Stahl rein halten, als Lex Luthor beschließt sich in einen Metall-Anzug á la Iron Man (ja, ich weiß) zu quetschen und das Erbe des Kryptoniers anzutreten. Natürlich dürfen Leser und Hauptfiguren in diesem Moment sehr skeptisch sein, wie edel die Motive von Lex wirklich sind. In jedem Fall kommt es beim Aufeinandertreffen der alten Erzfeinde gar nicht erst wirklich zur Klärung der Situation, da ein anderer alter Bekannter auf der Bildfläche erscheint: Doomsday!

Das Monster, dass schon einst Superman töten konnte, ist zurück und so stark wie eh und je. Mit jedem Schlag scheint es näher dran zu sei, die Katastrophe von einst in einem Déjàvu aufleben zu lassen und als dann wie aus dem nichts der Reporter Clark Kent(!) erscheint, ist die mysteriöse Zusammenkunft komplett…

Wie es weitergeht und wie das alles zustande kommt, sollten Interessenten selbst herausfinden, um den Spaß nicht mit Spoilern zu verderben! 😉

So viel sei verraten: Qualitativ befindet sich die Story in den oberen Ligen. Das habe ich aus meiner Erfahrung heraus nicht erwartet und bin dementsprechend positiv überrascht. Nicht ganz unschuldig daran, ist natürlich der Autor Dan Jurgens. Seines Zeichens Erfinder von Doomsday und damit ganz tief in der Materie, die mit einem modernen Anstrich, trotzdem nostalgische Gefühle entfachen kann. Trotz einiger Standard-Gekloppe-Szenen, bleibt die Handlung an sich stets spannend und man möchte wirklich wissen, was es mit dem Erscheinen all der totgeglaubten Charaktere auf sich hat. Zudem ist der neue Aspekt um Superman als Familienvater eine erfrischende Facette, die den alten Trott um endlose Faustkämpfe angenehm aufweicht.

Auch an der Zeichner-Front wird einiges geboten! Zwar sind gleich mehrere Künstler (Tyler Kirkham, Stephen Segovia und Patrick Zircher) am Werk, deren Handschrift sich untereinander teils deutlich unterscheidet, aber es ergibt sich trotzdem kein so eklatanter Stilbruch, dass man das Gefühl bekommt verschiedene Storys vor sich zu haben. Sie alle beherrschen das nötige Handwerk, um die dynamischen Action-Szenen attraktiv in den Panels umzusetzen und der legendären Reihe gerecht zu werden.

In dieser Kombination aus starker Geschichte und optisch ansprechendem Artwork, lasse ich mich doch gerne von der Figur überzeugen, der ich lange nichts abgewinnen konnte. Sollte es euch ähnlich gehen, wäre mit Superman Paperback 1: Pfad zur Verdammnis die perfekte Einstiegsmöglichkeit gegeben.

Jim Heimann. 20th Century Alcohol & Tobacco Ads

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Wir leben in einer Zeit, in der wir als Konsumenten zum einen die Freiheit haben uns unabhängig zu informieren und zum anderen durch passende Gesetze vor schädlichen Substanzen bewahrt zu werden, wenn gewisse Lobby-Gruppen gerade nicht intervenieren. Insbesondere bei Tabak und Alkohol würde deswegen wohl niemand auf die Idee kommen, sie als die Gesundheit fördernde Substanzen anzupreisen, die darüber hinaus der Schlüssel für eine erfolgreiche Teilhabe an der Gesellschaft sind.

Es ist jedoch nicht allzu lange her, als es durch pfiffige Werbetreibende durchaus der Fall war. Im Laufe des 20. Jahrhunderts versuchte sich die Alkohol- und Spirituosenbranche geschickt um Auflagen zu manövrieren und dabei die potentiellen Kunden direkt an ihrer Sehnsucht nach einem bestimmten Lebensgefühl zu packen, dass jeglichen Schaden am eigenen Körper zur Nebensache degradiert.

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Murad, 1919 © Courtesy Jim Heimann Collection/TASCHEN

Dabei wirken manchen Anzeigen aus heutiger Sicht so absurd, kontextlos zum Produkt oder einfach nur faszinierend, dass TASCHEN es sich nicht nehmen ließ, diesem explizit sündigen Teil der Werbeindustrie ein kleines Denkmal mit „Jim Heimann. 20th Century Alcohol & Tobacco Ads“ zu setzen. Wie der Titel verrät, ist mit Jim Heimann als Herausgeber eine wahre Koryphäe am Werk. Als Kulturanthropologe und Autorität im Bereich Grafikdesign, holte er sich mit Steven Heller, ehemaliger Art Director der New York Times und mit Allison Silver, Gründungsredakteurin des Washington Independent, ein versiertes Autoren-Team ins Boot, dessen Expertise in diesem extrem unterhaltsamen Werk deutlich spürbar ist.

Chronologisch aufgebaut, wird ab Beginn der 1900er Jahre im Dekaden-Takt das Loblied auf Feierabend, Freizeit und Zugehörigkeitsgefühl wiedergegeben, dass dem Konsumenten bis zum Ende der 90er in jeder erdenklichen Form präsentiert wurde. Ob es nun Zigaretten, die vom Arzt empfohlen wurden oder ein Appell an Eltern, dass ihr Nachwuchs trinken müsse, um sich eingebunden zu fühlen – nichts war unmöglich. Mein ganz persönliches Highlight ist dabei ein Baby, dass seiner Mutter sagt, sie solle sich doch mal eine Kippe anzünden, statt es anzuschreien. Solche Anzeigen schießen dabei teils so absurd weit übers Ziel hinaus, dass es nicht nur auf popkultureller bis historische Ebene interessant ist, die Entwicklung dieses Teils der Werbebranche nachzuzeichnen, sondern es ist bisweilen einfach zum brüllen komisch. Natürlich werden auch ikonische Ausreißer wie der Marlboro-Cowboy oder die Smirnoff-Designflaschen nicht vergessen.

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Marlboro, 1973 © Courtesy Jim Heimann Collection/TASCHEN

Zeitgleich sind die vielen Erklärtexte und kurzen Essays äußerst lehrreich, was die Entwicklung einer Gesellschaft anbelangt. So sieht man Stück für Stück dem Verschwinden eines rein auf weiße Männer ausgerichteten Konzepts zu, kann das Aufkommen der Bürgerrechtsbewegung fast greifen und Trends auch am Bereich Alkohol und Tabak genau ablesen.

Hierbei wird an keiner Stelle der Konsum glorifiziert, sondern nur in regelmäßigen Abständen süffisant im Kontext der entsprechenden Zeit kommentiert und mit einer schön illustrierten, über die gesamte Buchlänge gehenden Zeitleiste eingeordnet.

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Bud Light, 1988 © Courtesy Jim Heimann Collection/TASCHEN

Somit ist „Jim Heimann. 20th Century Alcohol & Tobacco Ads“ nicht nur eine äußerst günstige (30 EUR) Anschaffung für einen Sammelband dieser Größenordnung, sondern eine wahrhaft kleine Zeitreise, die man sowohl als Raucher/Trinker, als auch Fan von Grafikdesign und historischen Zusammenhängen genießen kann. Ich habe für meinen Teil durch das Buch nicht plötzlich Durst auf Wodka und Verlangen nach einem Nikotinschock entwickelt, werde aber sicherlich nicht zum letzten Mal durch die seltsamen und damit besonders tollen Illustrationen geblättert haben.

 

Daredevil – So finster die Nacht

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Ich für meinen Teil muss gestehen, dass ich nie so wirklich etwas mit Daredevil anfangen konnte. Dabei liegt es nicht daran, dass die Figur besonders uninteressant oder anderweitig unattraktiv wirkt. Daredevil schien bis dato einfach nicht „mein Ding“ zu sein. Mit diesem Mindset bin ich wohl nicht alleine, denn der geringe Umsatz, den Panini Comics mit den Abenteuern des „Mannes ohne Furcht“ erwirtschaftet hat, führte vor zwei Jahren zu einer Einstellung der Serie.

Doch Comic-Fans sind für ihre Leidenschaft bekannt und somit ist es nicht weiter verwunderlich, dass sie sich eine Stimme verschafft und der Figur eine Wiedergeburt auf dem deutschen Markt ermöglicht haben. Diese manifestiert sich in einem Band, der die US-Hefte 8 bis 14 beinhaltet und damit einen ersten Blick in das aktuelle Geschehen um den Teufel mit den engelsgleichen Ambitionen bietet.

Doch was erleben wir hier als Leser von „So finster die Nacht“ und könnte dies der Beginn einer neu entfachten Liebe für alte und ein gelungener Einstieg für neue Fans sein? Zunächst einmal wird dem Haupt-Storystrang eine Ausgabe von All-New All-Different Marvel Point One 1 (Daredevil: Blindspot) vorangestellt, in der wir Dardevils neuen Sidekick Blindspot kennenlernen, während unser Hauptprotagonist ganz in zivil (aber unter falschem Namen) im Spielerparadies Macau residiert, um unauffällig einen Koffer, der wichtige Inhalte zu Verbrecherclans aus New York City beinhaltet, aus den Händen der Triaden zu entreissen.

Ein recht unterhaltsamer Einstieg, der einer Verwirrung beim Leser entgegenwirkt, die sich ohne Einführung neuer Figuren definitiv einstellen würde. Darüber hinaus sorgt ein gelungener Gastauftritt von Spider-Man und eine ohnehin recht humorvolle Stimmung für einen sanften Start, der Lust auf mehr macht. Das wie üblich qualitativ auf hohem Niveau angefertigte Artwork von Goran Sudzuka rundet die Story von Charles Soule darüber hinaus nicht nur ab, sondern wertet diese auf. Für sich alleine ist dieser kleine Exkurs in Chinas Sonderverwaltungsgebiet zwar nicht mehr, als nett anzuschauen, im Kontext der darauf folgenden Handlung aber eine willkommene Ergänzung

In der nun regulären Serie sehen wir Matt Murdock (DD in zivil), wie er als ein durch einen verlorenen Fall in Ungnade gefallener Bezirksstaatsanwalt versucht seine berufliche Laufbahn wieder gerade zu rücken und dabei immer weniger Zeit hat, sich bei Nacht um die Verbrecherjagd zu kümmern. Dafür hilft im sein eben erwähnter Partner Blindspot wo er nur kann. Dieser stößt bei einer seiner nächtlichen Patrouillen auf einen bizarr anmutenden Tatort, der von einem gigantischen, mit dem Blut vermisster Personen angefertigten, Bild dominiert wird. Schon relativ zeitnah bekennt sich der psychopathische Killer Muse zu dem Verbrechen und präsentiert seine Taten als Werk eines weitsichtigen Künstlers, der seine Opfer in sein Schaffen mit einbezieht.

Klingt gruselig und ist es auch. Durch die düstere Visualisierung von Roy Garney wirkt das gesamte Setting durchwegs bedrohlich und strotzt nur so vor blutig-bizarren Szenen, die definitiv nichts für schwache Nerven sind. Zeitweise erinnert die Jagd auf den Mörder an Psychothriller im Stile von „Sieben“ und hat zumindest mir persönlich eine Seite an der Reihe aufgezeigt, die Daredevil defintiv auf meinen Radar gesetzt hat. Zwar gibt es einzelne Schwächen, wie die arg aufgezwungenen Inhumans, die sowohl Opfer von Muse, als auch Helfer auf Seiten der Polizei und Vigilanten darstellen, aber doch nie zu 100% ins Bild passen. Trotzdem liest sich die sehr solide Story stets flüssig und unterhält durchwegs.

Insgesamt lässt sich feststellen, dass es eigentlich eine Schande ist, dass es in Deutschland nicht mehr Fans bzw. Käufer der Reihe gibt, die offensichtliche Qualitäten aufweist. Natürlich findet man hier zwar keinen Eisner-Anwärter, aber eine erzählerisch schöne und visuell großartige Geschichte, die hoffentlich ihren Weg in die Herzen neuer und alter Leser findet. Ich für meinen Teil bin neben abgeschlossenen Bänden wie „Der Mann ohne Furcht“ das erste Mal mit einer regulären Reihe um Daredevil in Berührung gekommen und weiß im Rückblick einfach nicht, wie mir sowas zuvor entgehen konnte. Daher ist mein Rat an euch, sich zeitnah in den Comicshop eures Vertrauens zu begeben und einen Blick hinein zu wagen. Fans düsterer Geschichten, die trotzdem den typischen Marvel-Charme beibehalten, werden hier mehr als nur gut bedient!

Richard O’Brien’s Rocky Horror Show im Münchner Deutschen Theater

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Wie ihr wisst, bin ich eigentlich ein großer Musical- und Film-Fan. Umso erstaunlicher muss es für euch klingen, wenn ich sage, dass ich bis dato tatsächlich weder die Rocky Horror Show, noch den darauf basierenden Spielfilm gesehen habe. Nun hat sich das zum Glück geändert und ich durfte, ohne jegliche Vorinformation (mit Ausnahme des Programmheftes), der Premiere 2018 im Deutschen Theater in München beiwohnen.

Eins kann man schon mal vorweg nehmen. Es besteht kein Zweifel daran, dass man nach einem Besuch dieses Events (anders kann man es einfach nicht bezeichnen) keine weiteren Gründe braucht, um zu verstehen, warum Richard O`Brien’s Rocky Horror Show seit den 70ern fast ununterbrochen irgendwo auf dieser Welt aufgeführt wird und die Verfilmung seit Dekaden in ausgewählten Kinos quasi in Endlosschleife läuft.

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Zunächst einmal zum Plot, der nur einen Teil des Erlebnisses ausmacht: Das junge Pärchen Brad (Felix Moose) und Janet (Sophie Isaacs) haben sich frisch verlobt und wollen ihr Glück mit der Welt oder zumindest erstmal mit Brads ehemaligem Lehrer Dr. Scott teilen und fahren dafür in einer regnerischen Novembernacht los. Wie es der Zufall so will, kriegen sie eine Reifenpanne und suchen entsprechend Hilfe in der näheren Umgebung. Diese ist in dem Fall ein nahegelegenes Schloss wie aus einem Horrorfilm der Stummfilmära, dass von einem exzentrischen, pansexuellen Wissenschaftler namens Frank’n’Furter (Gary Tushaw) bewohnt wird, der vom Planeten Transexual aus der Galaxie Transylvania stammt und den Namen nach entsprechend auch in seinem Erscheinungsbild eingeordnet werden kann. Hinzu gesellen sich seine Diener und Mitbewohner um die Geschwister Riff Raff (Stuart Matthew Price) und Magenta (Anna Lidman), die nur die Speerspitze der seltsamen Gestalten im Schloss ausmachen. Als allwissende Figur am Rande des Schauspiels und als Erzähler findet sich außerdem niemand Geringeres als Sky du Mont, der im ständigen Schlagabtausch mit dem Publikum (Stichwort „boring!“) perfekt zu unterhalten weiß.

Begeistert vom unerwarteten Besuch möchte der Hausherr dem eingeschüchterten Paar seine bisher größte Schöpfung zeigen: einen blonden, muskulösen Schönling, der als künstliches Wesen hauptsächlich zum „Vergnügen“ seines Erfinders erschaffen wurde und dem Musical seinen Titel gibt: Rocky!

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Damit beginnt eine wilde Nacht, die nur so von Mord, Sex und viel Musik überbrodelt und den Zuschauer in ekstatischer Freude vom Sitz reisst. Das kann man wortwörtlich nehmen, denn passend zu bestimmten Bereichen des Stücks, werden die Zuschauer geradezu dazu aufgefordert aktiv das Geschehen mitzugestalten. Sollte man als Fan länger dabei sein, ist man sicher vorbereitet, aber auch Neulingen wird eine Chance eingeräumt, indem ein „Mitmach-Paket“ mit Knicklichtern, Gummihandschuhen, Spielkarten, Toilettenpapier, Zeitungen, Konfetti und vielem mehr ausgegeben wird, um die Stimmung zum kochen zu bringen. An welchen Stellen des Musicals, welches Gimmick zum Einsatz kommt, kann man dabei entweder der sehr unterhaltsamen beiliegenden Anleitung entnehmen oder sich von der erfahrenen Masse mitreißen lassen. In beiden Fällen ist das Ergebnis gleich: Ein riesiger Spaß, den man so in keiner anderen Show erlebt!

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Einen gewaltigen Anteil an der Stimmung hat natürlich auch das Hauptelement der Gattung Musical: Die Songs. Im Fall der Rocky Horror Show ist das aber nicht wie oftmals nur der Titelsong, der den Hörern im Gedächtnis bleibt, sondern eine ganze Reihe an Stücken, die man noch auf dem Nachhauseweg vor sich hin summt. Allen voran „The Time Warp“, der den meisten etwas sagen sollte, wenn der Refrain erklingt, selbst wenn sie die Show noch nie gesehen haben. Dazu gesellen sich unvergessene Klassiker wie der Opener und Rausschmeisser „Science Fiction Double Feature“, „Dammit, Janet“ oder „Don’t Dream It, Be It“. Dabei handelt es sich zum Glück nicht um auf klassischen Rezepten basierende Kost, sondern um Jahrzehnte nach der Uraufführung immer noch frische Tracks, die ihre Ursprünge zwischen Pop und Glam-Rock finden und damit die anarchische Stimmung auf der Bühne perfekt ergänzen.

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Alles in allem also ein Gesamtpaket, dass ich so noch nie zuvor erleben durfte und mich daher umso mehr über mich selbst ärgern lässt, da ich nicht früher auf die Idee gekommen bin, mir dieses Spektakel persönlich anzusehen. Eins kann ich nun mit Sicherheit sagen: Die Rocky Horror Show hat nicht umsonst eine immer größer werdende Fan-Gemeinde, die sich mit Sicherheit nicht nur aus dem üblichen Klientel speist, sondern mit einem im besten Sinne grenzüberschreitenden Plot und einer fantastischen Mischung aus Science Fiction, Horror, Comedy und Burlesque auch für Freude bei Menschen sorgt, die sich das erste Mal in ein Musical verirrt haben! Ich für meinen Teil werde sicher nicht das letzte Mal dabei gewesen sein und kann jedem nur ans Herz legen, es mir gleich zu tun!

Die Rocky Horror Show läuft noch bis zum 18.03.2018 im Deutschen Theater in München

Old Man Logan – Band 5: Blutige Erinnerung

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Endlich ist es wieder soweit und wir dürfen wieder die postapokalyptische Welt von „Old Man Logan“ betreten, der zum aktuellen Zeitpunkt der einzige lebende Wolverine des Marvel-Universums (ja, nur das Standard-Kontinuum) ist und sich als gealterte Version seiner selbst auf dem vermeintlichen Weg zur Erlösung begeben hat.

Zunächst einmal sei gesagt, dass man nicht umhin kommt den Vorgängerband zu lesen. Es werden sicherlich auch neue Leser Spaß an der Handlung haben, aber ohne die Vorgeschichte bleibt am Ende trotzdem primär Verwirrung als dominierendes Gefühl zurück. Für all jene, die entweder zu faul sind oder aufgrund der teils verlagsvergriffenen Ausgaben ohnehin nicht alle Nummern im Schrank stehen haben, helfe ich aber gerne weiter:

Wie schon die Inhaltsangabe verrät, hat Logan sein Mündel (den Sohn von Hulk) alleine in der Obhut einer Freundin zurückgelassen und versucht mit Hilfe des (kein Witz) Magiers Asmodeus seinen Fehler rückgängig zu machen. Als ihn der Zauberer jedoch hintergeht, wird Wolverines Geist durch den Strom der Zeit zurückgeschleudert, während sein Körper als Hülle zurückbleibt und an höchstbietenden Gangster übergeben werden soll.

Genau hier steigt der Band „Blutige Erinnerung“ ein und versetzt Hauptfigur und Leser in die chronologisch frühesten Epochen, in denen Logan seine Abenteuer erlebte. Angefangen in Kanada des 19. Jahrhunderts, über die erste Begegnung mit dem Hulk, bis hin zu seiner anfänglichen Zusammenarbeit mit den X-Men ist alles dabei was das Herz der Nostalgiker höher schlagen lässt. Dabei scheut der Autor Jeff Lemire in seinem Abschlussband, trotz des eher düsteren Settings nicht vor Selbstreferenzen aus der langen Geschichte des Mutanten zurück, die sich nicht nur in Optik, sondern gerne auch in Stimmung und Dialogen widerspiegeln. Ich sag nur so viel: Cheesy Sprüche aus den 90ern werden definitiv auch serviert und lassen dem geneigten Leser einen wohligen Schauer über den Rücken laufen!

Trotzdem ruht sich der Autor dieser Rückschau nicht auf der bewegten Historie von Wolverine aus, die als Fan-Service wohl für einige ausreicht hätte, sondern garniert die Szenerie mit gehörig Emotionen, die einen in regelmäßigen Abständen den Frosch im Hals spüren lassen. Es ist in meinen Augen immer noch ein relativ seltenes Phänomen in Superhelden-Comics tiefergehende Emotionen beim Leser auszulösen, doch hier geschieht es wie nebenbei und damit umso eindrucksvoller.

Was die visuelle Umsetzung anbelangt, sehen wir nun zum ersten Mal einen anderen Künstler am Werk als Andrea Sorrentino, der mich immer noch extrem begeistert und zu meinen absoluten Favoriten der Branche gehört. Diesmal sehen wir Eric Nguyen am Zeichenbrett, der stilistisch durchaus in der Ecke von Sorrentino zu verorten ist, aber durch seinen „klassischeren“ Stil in Bezug auf Panel-Aufbau und Charakterzeichnung eine individuelle Note setzen kann. Zwar darf man deswegen nicht mehr die teils extrem abstrakten Splash-Pages und andere ungewöhnliche Experimente erwarten, wird aber immer noch mit einer Dynamik versorgt, von der die Bilder einer solche Geschichte leben.

Dementsprechend kann ich schon, wie bei den Ausgaben zuvor, meine wärmste Empfehlung für diesen Band und für die Reihe insgesamt aussprechen, die mit zu dem besten Output gehört, den Marvel (bzw. Panini Comics) aktuell zu bieten hat. Ich für meinen Teil bin sowohl erstaunt, als auch begeistert, dass Lemire die Qualität der Handlung über den gesamten Run halten konnte und bin in dem Zusammenhang auch sehr gespannt darauf, wie sich ein komplett neues Kreativteam bei der Fortsetzung schlägt, die für den 5. Juni angekündigt wurde. Bis dahin habt ihr aber genug Zeit, euch an den schon schon veröffentlichten Bänden (1, 2, 3, 4) zu erfreuen!

 

 

Batman – Der dunkle Prinz (Band 1 von 2)

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Es kommt durchaus mal vor, dass ein europäischer Künstler sich an einem Flaggschiff von DC Comics versuchen darf, doch meist beschränkt sich die Arbeit auf fortlaufende Serien, in denen Experimente und eine zu individuelle Handschrift eines Autoren oder Künstlers nur ungern gesehen werden.

Deswegen gleicht der Release von Batman – Der dunkle Prinz einer kleinen Sensation, da zum einen der Schweizer Enrico Marini (u.a. Die Adler Roms) ganz alleine für Inhalt und Optik verantwortlich ist und zum anderen die auf zwei Bände angelegte Geschichte in Hardcover-Alben frankobelgischen Stils erscheinen wird. Band eins liegt schon in den Regalen, während der Abschluss im Juni (also vermutlich im Rahmen des Comic Salons Erlangen) veröffentlicht wird.

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© Panini Comics

Doch worum geht es in der Story eigentlich? Zunächst einmal mutet die Handlung ziemlich typisch für Batman an. Mal wieder wird der dunkler Ritter mit dem Joker konfrontiert, der hier tatsächlich wie eine Art Clown aussieht und sich mit einem dazu passenden Gefolge umgibt. Natürlich dürfen in so einer Konstellation auch nicht die weiblichen Pendants der zwei ewigen Feinde fehlen: Catwoman und Harley Quinn, die ebenfalls in einer recht frischen Optik präsentiert werden und den Leser daran erinnern, dass es sich hier tatsächlich um ein eigenständiges Werk handelt. Außer diesen Ausnahmen wirkt alles ein wenig austauschbar, als aber eines Tages eine Kellnerin an der Tür von Bruce Wayne klingelt und ihn mit den angeblichen Folgen einer Jahre zurückliegenden Nacht konfrontiert, erfährt die Handlung einen Spin, den man schon lange nicht mehr im Zusammenhang mit Batman erlebt hat. Als der Joker auch noch Wind von der Sache bekommt, ist der Aufbau zum Cliffhanger perfekt, der es einem so richtig unter den Fingernägeln brennen lässt, wie sich die Sachlage entwickelt…

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© Panini Comics

Das Ganze wird dabei in wunderschönen Panels präsentiert, die gänzlich handgemalt sind und digitale Trickkisten weglassen. Dadurch kommen unter anderem wunderschöne Splash-Pages zustande, die eine wahre Augenweide sind und die ein ganz gutes Bild davon vermitteln, warum Jim Lee (Herausgeber von DC Comics) sich persönlich dafür einsetzte, dass Marini seinen heimlichen Traum eines eigenen Batman-Comics umsetzen konnte.

Um die Besonderheit dieser Veröffentlichung zu unterstreichen, wird der Story ein ausführliches Interview zwischen dem Macher des vorliegenden Bandes und Alexander Bubenheimer von Panini Comics nachgestellt, dass nochmal die Vorgeschichte zur Entstehung von „Der dunkle Prinz“ aufgreift, die besonderen Umstände als Künstler vom europäischen Kontinent umschreibt und einen Ausblick auf das Finale im Juni  gibt, welches definitiv in meinen Schrank wandern wird!

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© Panini Comics

In diesem Sinne macht man bei einer Anschaffung dieses Prachtstücks für knapp 17 Euro nichts falsch. Ein visuell und inhaltlich schönes Gesamtwerk, dessen Abschluss ihr sicherlich genauso sehnlichst erwarten werdet wie ich!

Spawn Origins Collection – Band 10

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Endlich bin ich mit meinen Prüfungen für dieses Semester durch und nur noch zwei Hausarbeiten davon entfernt, mich wirklich entspannen zu können. Bis dahin habe ich endlich etwas mehr Zeit, um mich um ZOMBIAC zu kümmern und präsentiere nach der unfreiwilligen Pause gleich mal die Fortsetzung einer meiner Lieblingsreihen, die in die zehnte Runde geht: Die Spawn Origins Collection!

Diese beinhaltet die US-Hefte 113 bis 125 und damit weiterhin den Run des Spawn-Zeichners Angel Medina, mit dem ich die Figur entdeckt habe und den ich bis heute als den besten Künstler ansehe, der sich an Todd McFarlanes Schöpfung versucht hat. Nun aber erstmal zum Inhalt:

Da der Vorgänger-Band quasi mitten im Geschehen abgebrochen ist, finden wir uns erneut im Kampf gegen die Vampire in New York City wieder, der zwar keine unmittelbaren Folgen für Spawn aber durchaus für einige seiner nächsten Verbündeten nach sich zieht. Wie für die Heftreihe üblich, setzt der Fortgang der Geschichte nicht sofort nach der angesprochenen Konfrontation ein, sondern bietet dem Leser zunächst ein schön düsteres Intermezzo, dass uns sowohl in das alte Japan verschlägt, als auch in der Gegenwart schaurige Geschehnisse bietet, bei denen Spawn erstaunlicherweise sogar nur eine Nebenrolle spielt.

Dem schließt sich die eigentliche Haupthandlung an, die nach längerer Zeit erneut den Redeemer als eine Art Anti-Spawn in den Mittelpunkt stellt und ihn gegen die beliebteste Ausgeburt der Hölle in den Ring steigen lässt. Dabei wird glücklicherweise darauf verzichtet (nur) einen simplen Showdown zweier übernatürlicher Wesen zu porträtieren, sondern schlägt sogar den Bogen zu einer älteren Spawn-Story, in der ein kleiner Junge vor dem eigenen brutalen Vater gerettet werden sollte. Es ist nicht das erste Mal, dass McFarlane und seine Co-Autoren mit solchen Kniffen eine in sich geschlossene Welt präsentieren, die deutlich tiefer wirkt, als die Vielzahl an Schocker-Comics der 90-Ära, die zum Glück hinter uns liegt und nur die besten Serien hat überleben lassen.

Das ist unter anderem der Grund dafür, warum Spawn seit seinem Debüt vor nun fast drei Dekaden, als die erfolgreichste Figur aus einer eher unkonventionellen Comic-Ecke, immer noch seine Fans findet, immer noch in einer laufenden Serie vertreten ist und seine Klassiker auch außerhalb der USA erfolgreich neu aufgelegt werden. Schön erzählte Geschichten, die mit ihrem Pathos oft nur knapp an der Fremdscham-Grenze vorbei schrammen, aber immer noch genug Ernst beibehalten, um gut zu unterhalten, sowie ein detailverliebtes Artwork, dass bis heute unerreicht bleibt. Diese Mixtur lässt mich daher hoffen, dass Panini Comics, im Gegensatz zu ihren Kollegen aus den Vereinigten Staaten, den Mut aufbringt die Origins Collection eigenständig weiterzuführen, sollten die Verkaufszahlen stimmen. Die Fans über dem großen Teich schauten nämlich nach dem Release von Band 10 in die Röhre, während hier noch eine gewisse Hoffnung im Raum steht.

Ich für meinen Teil würde jedem von euch ans Herz legen, die wunderschönen Hardcover-Bände in euren Schrank wandern zu lassen und dadurch die Chancen für alle Fans zu erhöhen, auch in Zukunft Freude an Spawn haben zu können.

 

Torpedo 1972

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Ich muss gestehen, dass ich bis zum Release des vorliegenden Bandes noch nie etwas von „Torpedo“ gehört habe. Eine Geschichte um den eiskalten Auftragskiller Luca Torelli, dessen Moralvorstellungen auch außerhalb seiner Profession zu wünschen übrig lassen.

Schon 1981 betrat die Figur des Autors Enrique Sánchez Abulí die Bühne und eroberte die Comic-Szene im Sturm. Fast zwanzig Jahre kooperierte Abulí dabei mit dem Zeichner Jordi Bernet, der jedoch für eine erneute Zusammenarbeit leider nicht bereit war. Diesen Part übernahm nun der Ausnahmekünstler Eduardo Risso („Dark Night – A True Batman Story„, „100 Bullets„), den das Comicfestival München, genauso so wie den Autoren, im nächsten Jahr als Gast begrüßen darf.

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© Cross Cult

Worum geht es aber genau? Der ursprüngliche Titel der Reihe „Torpedo 1936“ nimmt insoweit etwas voraus, dass die vorangegangene Handlung 30 Jahre zuvor gespielt hat und damit während einer Zeit, in der es die typischen Film Noir (Anti-) Helden en masse gab. Abgebrühte Kerle, mit nervösem Finger am Abzug, einer zynischen Sichtweise auf das Leben und fehlendem Respekt vor der Frauenwelt. In diesem Sinne eine Kombination, die nicht so recht in die Welt der 70er zu passen scheint und damit einen Kontrast herstellt, an dem sich der Leser reiben kann.

Das wird in einer schönen Hommage an die teils fiktive („Der Pate„) und teils reale Welt des kriminellen Untergrunds, der in vielen Medien Beachtung fand und damit Legendenstatus erreichte, verpackt und dem Betrachter entgegen geworfen. So sieht man lustige Szenen, in denen der nun alte, verarmte und an Parkinson leidende Torpedo im Park sitzt und die ihm erhaltene Geschwindigkeit seiner Hände dazu nutzt Tauben zu erschlagen, die ihm von seinem Partner/Lakeien Rascal  für ein Mahl zubereitet werden. Auf der anderen Seite lernt man einen verbitterten, hasserfüllten Mann kennen, der sich im fragwürdigen Ruhm vergangener Tage sonnt und diesen zum Anlass nimmt sich Frauen auch gerne mal mit Gewalt zu nehmen. Um wie zu beweisen, dass Torpedo in seiner nihilistischen Herangehensweise tun und lassen kann, was er will, während seine gerechte Strafe auch im Alter auf sich warten lässt, stellt Abulí ihm einen Journalisten entgegen, der zwar nicht wirklich über einen moralischen Kompass verfügt, aber gewillt ist, den Knacker ein für allemal für seine Verbrechen (vor allem speziell für ein privates) büssen zu lassen. Dabei hat er jedoch nicht bedacht, dass es genau die Regel ist, auf alles und jeden zu scheißen, was der Gesellschaft heilig ist, die ihn so viele Dekaden unbeschoren hat walten lassen. Die Konsequenz drückt sich dabei wie so oft in Sex, Kugeln und einer Menge Blut aus, die nicht zwischen schuldig und unschuldig zu unterscheiden weiß.

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© Cross Cult

Genau diese Kompromisslosigkeit lässt Leser, die mit der Figur noch nicht in Berührung kamen, durchaus manchmal schlucken, wenn sie insbesondere Themen begegnen, für die sie zum Beispiel durch die #metoo-Debatte sensibilisiert wurden. Dabei muss man einen Schritt zurück treten und sich exakt ansehen, was der Autor zu sagen versucht, wenn man nicht reflexartig in eine Empörungshaltung verfallen möchte. Wir sehen nicht einfach irgendeinen alten Bösewicht, der tattrig seinen Lebensabend genießt, während er sich an alte Abenteuer erinnert, sondern ein wahres Monster, dass ganz reale Verbrechen in einem fiktiven Kosmos begeht. Um sich dabei nicht den Vorwurf des billigen Schockers oder Voyeur-Befriedigers anhören zu müssen, werden bei expliziteren Szenen, zumindest wenn es um Sexualverbrechen geht, die Panels nicht mit der Darstellung der Taten, sondern Andeutungen im Sinne von Sounds und abgeschnittenen Bildern befüllt. Als Leser fühlt man sich nicht weniger angewidert von dem Geschehen, wird aber nicht wie in einem billigen Underground-Comic mit dem Offensichtlichen erschlagen, was zur Klasse des Bandes beiträgt, der sich ständig einer Gratwanderung ausgesetzt sieht.

Als ob das nicht reicht, wir dem Szenario noch ein ausführliches Vorwort vorangestellt, dass die Figur und den Kontext noch genauer in Augenschein nimmt. Auch das Ende bleibt nicht bei einer letzten Seite der Story, sondern wird mit einigen Zeichnungen Rissos und einer Kurzgeschichte, die nie visualisiert wurde, abgerundet.

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© Cross Cult

Alles in allem kann man sagen, dass es sich handwerklich auf jeder Ebene um ein gelungenes Stück Comic-Geschichte handelt, dass offensichtlich auch nach mehreren Dekaden nichts vom Biss verloren hat, der sich in einem zynisch-grimmigen Setting niederschlägt. „Torpedo 1972“ ist dabei defintiv nichts für zartbesaitete Gemüter, da es durchaus einen Unterschied zwischen einer völlig überzeichneter Gewaltorgie und einer Vergewaltigung oder Exekution gibt. Wer damit umgehen kann, ist durchaus gut bedient. Alle anderen sollten sich vielleicht erst an einer Leseprobe versuchen.