Daredevil – Der Mann ohne Furcht

Heutzutage ist der Name Frank Miller in so einem Ausmaß mit Werken, wie „The Dark Knight Returns“, der „Sin City“-Saga oder „300“ verbunden, dass andere Veröffentlichungen oftmals in den Hintergrund rücken und für viele Leser meiner Generation (mit Ausnahmen in Form der Die-Hard-Fans) in Vergessenheit geraten. So ist es mit Robocop vs. Terminator geschehen und Daredevil bildet dabei auch keine Ausnahme. Als Comic-Leser, der nicht nur alle paar Monate am Kiosk vorbei schaut, weiß man, dass Miller an der Figur arbeitete und sie wie viele andere für die Ewigkeit verändert hat. Weitere Details fehlen oft. Die unsägliche Verfilmung mit Ben Affleck tat ihr übriges und der „Teufelskerl“ verschwand für den Mainstream zeitweise in der Versenkung.

Nun macht Panini Comics dem Helden in rot alle Ehre und bringt sein über zwanzig Jahre altes Abenteuer erneut unter die Leute. Diesmal ausgestattet mit exklusivem Bonusmaterial und auf der Erfolgswelle der gleichnamigen Netflix-Serie surfend, wird Daredevil wie einst ins rechte Licht gerückt.

Inhaltlich widmet sich die Geschichte den Ursprüngen des „Mannes ohne Furcht“ und zeichnet dabei zunächst seine Kindheit im trostlosen Viertel „Hell’s Kitchen“ nach, in welchem er mit seinem alleinerziehenden Vater wohnt und dabei ums tägliche Überleben kämpft. So ist Papa Jack dazu gezwungen als abgehalfterter Boxer für den Mob Geld einzutreiben, während sein Junge Matt sich auf den Straßen herumtreibt. Das gemeinsame Leben ändert sich jedoch radikal, als Matt nun im Teenageralter einem alten Mann das Leben rettet und dabei erblindet. Die radioaktiven Chemikalien, die ihm die Sehkraft rauben, schärfen jedoch seine restlichen Sinne und lassen ihn dahingehend seine Umgebung „mit anderen“ Augen wahrnehmen. Daraufhin fördert der mysteriöse „Stick“ das Talent und den Willen des Jungen. Als sich Jack jedoch eines Tages weigert bei einem manipulierten Boxkampf auf die Bretter zu gehen, kommt es zu einer schicksalhaften Wendung im Leben des zukünftigen „Daredevil“, der sich von nun an sowohl „privat“ als Anwalt als auch bei Nacht als Vigilant der Bekämpfung von Unrecht verschreibt.

Im Detail kommt es hierbei zu Miller-typischen Dialogen und extrem offener Gewaltdarstellung, die nur er mit seiner ganz eigenen Art vermitteln und immer wieder als sein Markenzeichen ausspielen kann. Selten habe ich bei Marvel-Werken so oft Knochen splittern und Blut fließen sehen (Ausnahmen sind nicht die Regel! Stichwort: Deadpool) und das ist gut so! Genau genommen unterstreicht es ungemein gut die schon generell rohe und schmutzige Atmosphäre, die einem in jedem Panel ins Gesicht zu springen scheint. Vor allem der parallele Verzicht auf das klassische Outfit lässt die Story nicht so abgehoben wirken, wie so manch andere „Männer in Unterhosen“-Geschichten. Man kann die groben Schnitzer in der Bibliographie dieses Autors vermutlich an einer Hand abzählen und die vorliegende Ausgabe gehört definitiv nicht dazu! Ich bin zwar eher in der DC-Welt angesiedelt, aber durch den Wegfall der oft poppigen Optik und des entsprechenden Strory-Tellings fühlte ich mich beim lesen sehr angesprochen.

Apropos Optik! Es ist in diesem Fall nicht so, als ob nur Millers Name auf dem Cover prangen würde. Auf der visuellen Seite finden wir niemand geringeren als John Romita Jr., dessen Werke man generationsübergreifend kennen sollte. Insbesondere Fans der „freundlichen Spinne aus der Nachbarschaft“ ist er ein Begriff. Nachdem er zunächst mit „Iron Man“ seine ersten Erfolge bestreiten konnte, trat er in die Fußstapfen seines Vaters und wurde selbst als Zeichner von „Spider-Man“ zur Ikone der Szene. Ein weiteres Werk, welches viel Beachtung bekam, ist seine Zusammenarbeit mit Mark Millar, die in „Kick Ass“ mündete.

Sein Stil fügt sich extrem gut in die Story ein und entspricht ganz der rauen Handlung, die man von so einer Kooperation erwartet. Viele Zeichnungen erinnern teilweise sogar stark an den Strich des Autors, der aber nie imitiert und damit glücklicherweise nicht in den Hintergrund gerückt wird. Viele Details, ausdrucksstarke Mimik und lebendige Szenarien tragen ihren Teil dazu bei auch auf künstlerischer Ebene auf voller Länge zu überzeugen.

Alles in allem liegt hier für jeden Marvel- und Daredevil-Fan ein Standard-Werk vor, welches direkt aus der Zeit des Höhepunkts künstlerischen Schaffens beider Männer importiert wurde. Sollte man kein Freund des Verlags und ihrer Figuren sein, empfehle ich trotzdem zumindest einen Blick auf die abgeschlossene Geschichte zu werfen und sich selbst davon zu überzeugen, dass Miller und Romita Jr. über Grenzen hinweg qualitativ hochwertige Geschichten liefern können.

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