Torpedo 1972

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Ich muss gestehen, dass ich bis zum Release des vorliegenden Bandes noch nie etwas von „Torpedo“ gehört habe. Eine Geschichte um den eiskalten Auftragskiller Luca Torelli, dessen Moralvorstellungen auch außerhalb seiner Profession zu wünschen übrig lassen.

Schon 1981 betrat die Figur des Autors Enrique Sánchez Abulí die Bühne und eroberte die Comic-Szene im Sturm. Fast zwanzig Jahre kooperierte Abulí dabei mit dem Zeichner Jordi Bernet, der jedoch für eine erneute Zusammenarbeit leider nicht bereit war. Diesen Part übernahm nun der Ausnahmekünstler Eduardo Risso („Dark Night – A True Batman Story„, „100 Bullets„), den das Comicfestival München, genauso so wie den Autoren, im nächsten Jahr als Gast begrüßen darf.

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© Cross Cult

Worum geht es aber genau? Der ursprüngliche Titel der Reihe „Torpedo 1936“ nimmt insoweit etwas voraus, dass die vorangegangene Handlung 30 Jahre zuvor gespielt hat und damit während einer Zeit, in der es die typischen Film Noir (Anti-) Helden en masse gab. Abgebrühte Kerle, mit nervösem Finger am Abzug, einer zynischen Sichtweise auf das Leben und fehlendem Respekt vor der Frauenwelt. In diesem Sinne eine Kombination, die nicht so recht in die Welt der 70er zu passen scheint und damit einen Kontrast herstellt, an dem sich der Leser reiben kann.

Das wird in einer schönen Hommage an die teils fiktive („Der Pate„) und teils reale Welt des kriminellen Untergrunds, der in vielen Medien Beachtung fand und damit Legendenstatus erreichte, verpackt und dem Betrachter entgegen geworfen. So sieht man lustige Szenen, in denen der nun alte, verarmte und an Parkinson leidende Torpedo im Park sitzt und die ihm erhaltene Geschwindigkeit seiner Hände dazu nutzt Tauben zu erschlagen, die ihm von seinem Partner/Lakeien Rascal  für ein Mahl zubereitet werden. Auf der anderen Seite lernt man einen verbitterten, hasserfüllten Mann kennen, der sich im fragwürdigen Ruhm vergangener Tage sonnt und diesen zum Anlass nimmt sich Frauen auch gerne mal mit Gewalt zu nehmen. Um wie zu beweisen, dass Torpedo in seiner nihilistischen Herangehensweise tun und lassen kann, was er will, während seine gerechte Strafe auch im Alter auf sich warten lässt, stellt Abulí ihm einen Journalisten entgegen, der zwar nicht wirklich über einen moralischen Kompass verfügt, aber gewillt ist, den Knacker ein für allemal für seine Verbrechen (vor allem speziell für ein privates) büssen zu lassen. Dabei hat er jedoch nicht bedacht, dass es genau die Regel ist, auf alles und jeden zu scheißen, was der Gesellschaft heilig ist, die ihn so viele Dekaden unbeschoren hat walten lassen. Die Konsequenz drückt sich dabei wie so oft in Sex, Kugeln und einer Menge Blut aus, die nicht zwischen schuldig und unschuldig zu unterscheiden weiß.

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© Cross Cult

Genau diese Kompromisslosigkeit lässt Leser, die mit der Figur noch nicht in Berührung kamen, durchaus manchmal schlucken, wenn sie insbesondere Themen begegnen, für die sie zum Beispiel durch die #metoo-Debatte sensibilisiert wurden. Dabei muss man einen Schritt zurück treten und sich exakt ansehen, was der Autor zu sagen versucht, wenn man nicht reflexartig in eine Empörungshaltung verfallen möchte. Wir sehen nicht einfach irgendeinen alten Bösewicht, der tattrig seinen Lebensabend genießt, während er sich an alte Abenteuer erinnert, sondern ein wahres Monster, dass ganz reale Verbrechen in einem fiktiven Kosmos begeht. Um sich dabei nicht den Vorwurf des billigen Schockers oder Voyeur-Befriedigers anhören zu müssen, werden bei expliziteren Szenen, zumindest wenn es um Sexualverbrechen geht, die Panels nicht mit der Darstellung der Taten, sondern Andeutungen im Sinne von Sounds und abgeschnittenen Bildern befüllt. Als Leser fühlt man sich nicht weniger angewidert von dem Geschehen, wird aber nicht wie in einem billigen Underground-Comic mit dem Offensichtlichen erschlagen, was zur Klasse des Bandes beiträgt, der sich ständig einer Gratwanderung ausgesetzt sieht.

Als ob das nicht reicht, wir dem Szenario noch ein ausführliches Vorwort vorangestellt, dass die Figur und den Kontext noch genauer in Augenschein nimmt. Auch das Ende bleibt nicht bei einer letzten Seite der Story, sondern wird mit einigen Zeichnungen Rissos und einer Kurzgeschichte, die nie visualisiert wurde, abgerundet.

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© Cross Cult

Alles in allem kann man sagen, dass es sich handwerklich auf jeder Ebene um ein gelungenes Stück Comic-Geschichte handelt, dass offensichtlich auch nach mehreren Dekaden nichts vom Biss verloren hat, der sich in einem zynisch-grimmigen Setting niederschlägt. „Torpedo 1972“ ist dabei defintiv nichts für zartbesaitete Gemüter, da es durchaus einen Unterschied zwischen einer völlig überzeichneter Gewaltorgie und einer Vergewaltigung oder Exekution gibt. Wer damit umgehen kann, ist durchaus gut bedient. Alle anderen sollten sich vielleicht erst an einer Leseprobe versuchen.

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