[Rezension] Colonel Weird – Cosmagog (Splitter)

Wenn es eine aktuelle Comicbuchreihe gibt, die sowohl Witz und Ernst als auch Hommage und Originalität zu vereinen weiß, dann wäre es defintiv Black Hammer vom kanadischen Tausendsassa Jeff Lemire. Jeder Band der Hauptreihe und der inzwischen zahlreichen Spin-Offs ist für sich eine emotionale Achterbahnfahrt, die insbesondere im Kontrast zu den bewusst kitschigen Namen und Looks im Herzen zu treffen weiß. Jedem Charakter wurde von vornherein eine unfassbare Tiefe mitgegeben, die erklärt, warum man ihnen auch individuell veröffentliche Abenteuer mit unterschiedlichen Zeichnern geschenkt hat. Eine der aktuellsten Auskopplungen ist hierbei „Colonel Weird – Cosmagog„.

© Splitter

Nach den einschneidenden Ereignissen der Hauptreihe hat Colonel Randall Weird die sonderbare Farm verlassen und begibt sich auf die Suche nach etwas, was er vergessen hat. Dabei weiß er weder was es sein könnte, noch ob es von Relevanz ist. Ihm ist nur bewusst: Es ist für IHN wichtig. Zeitgleich könnte es die Antwort auf alle Fragen sein, die sich der durch Raum und Zeit Springende zuhauf stellt. Bei seiner Reise bewegt er sich über die Jahrzehnte seines Lebens hinweg. Mal in einer unnatürlichen Reihenfolge, mal aus einem seltsamen Blickwinkel, mal sogar im Gespräch mit sich selbst in jungen Jahren – in jedem Fall versucht er dabei bei Verstand zu bleiben (oder was davon übrig ist), damit er all jene die er liebt vor einem zersplitterten Universum bewahren kann.

Offensichtlich stand dabei Dr. Manhatten aus der Watchmen-Reihe Pate für die Fähigkeit Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft gleichzeitig wahrnehmen zu können (abzüglich der Superkräfte). Im Kontext von Black Hammer scheint es zunächst nicht verwunderlich, da die meisten Charaktere entweder konkrete Anleihen an bekannte Figuren oder zumindest Epochen in der Comic-Kunst in sich tragen. Was Lemire jedoch schafft, ist dieser Hommage eine emotionale Tiefe beizufügen, die selbst mehrschichtigen Original-Charakteren anderer Verlagshäuser nicht in dem Ausmaß vergönnt ist. Colonel Weird steht geradzu prototypisch für diese Art Geschichten zu schreiben. So nimmt er wie erwähnt alles wahr, ist jedoch emotional nicht entrückt, sondern durch sein Wissen um alles und jeden gerdazu gebrochen, da er daran verzweifelt einen Unterschied zu machen. Dadurch wirkt er eher wie ein Mensch, der seine Gabe als Bürde empfindet und nicht wie ein allwissender Halbgott.

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Bei einem Comic kann eine Geschichte noch so emotional sein, aber ohne den passenden Künstler kann die Reise in das Herz der Leser schnell verpuffen. Daher bin ich umso glücklicher zu sehen, dass Jeff Lemires Wahl bei diesem Spin-Off auf Tyler Crook fiel. Der Künstler schafft es mit seinem meisterhaften Umgang mit der Mimik der Charaktere und dem fließenden Spiel bezüglich des Panel-Aufbaus etwas zu transportieren, wofür oft nichtmal Worte nötig sind: Freude, Schmerz, Liebe oder Angst. In Kombination mit den kurzen aber genialen Dialogen entfalten die Bilder dann noch mehr Tiefe und führen gemeinsam zu dem Ergebnis der Anfangs genannten Achterbahnfahrt der Emotionen.

© Splitter

In diesem Sinne schließt „Colonel Weird – Cosmagog“ qualitativ nahtlos an die bisher erschienen Veröffentlichungen aus dem Black Hammer-Universum an und beweist erneut, dass Tiefe auch im ungewöhnlichen Gewand an die Leser herangetragen werden kann. Sowohl die Hauptreihe, als auch die Nebengeschichten gehören nach wie vor in jedes gut sortierte Comic-Regal.

Colonel Weird: Cosmagog
Verlag: Splitter 
Künstler: Tyler Crook
Autor: Jeff Lemire
Format: Hardcover
Seitenzahl: 112 
Preis: 19,80 EUR 

[Rezension] Gung Ho: Die weiße Flut (Cross Cult)

Wie schon Timur Vermes („Er ist wieder da“) in seinen Worten zur Gung Ho-Ausstellung beim diesjährigen Comicfestival München angemerkt hat, ist die inzwischen international erfolgreiche Reihe von Benjamin von Eckartsberg und Thomas von Kummant „…so undeutsch[…][u]nd so wohltuend“. Das Ganze dabei ohne die Qualität von anderen Projekten aus heimischen Ateliers zu schmälern. Was damit gemeint ist, ist die Befreiung von der doch typischen Verkopftheit und spürbaren Konstruktion. Oftmals herangezogen, um das Medium Comic als ernstzunehmend darzustellen, was wie beim Film eigentlich irrelevant ist. Wenn Story und visuelle Aufmachung eine Einheit bilden und man sich in die Erzählung fallen lassen kann, dann wird das Ziel in meinen Augen erreicht: Gute Unterhaltung ohne beliebig zu sein.

© Cross Cult / Benajmin von Eckartsberg, Thomas von Kummant

Genau nach diesem Credo wurde auch der finale Abschlussband „Die weiße Flut“ konzipiert. Nach einem Cliffhanger im Vorgänger „Zorn„, steigen wir in medias res ein und sehen die Siedlung durch die Teenager-Bande erobert. Mit Waffen, Nahrung und einer Geisel (Bagster) ausgestattet, bieten die Kids mit dem Soziopathen Holden an der Spitze den Erwachsenen die Stirn. Abgegrenzt durch Barrikaden und einem jederzeit zur Verfügung stehendem Munitionsdepot, haben die Erwachsenen um Kingsten, die Anführerin der Siedlung, zunächst keine Chance. Gleichzeitig versuchen die Jugendlichen, die den zu unrecht ausgestoßenen Archer wieder in die Siedlung bringen wollen, ihren Weg zurück zu schlagen. Hierbei entdecken sie, dass die sogenannten Reisser, die affenartigen Monster, die die Menschheit in ihrer Existenz bedrohen, sich in Richtung ihrer Heimat aufgemacht haben. Es bleibt nicht mehr viel Zeit um alle vor Ort zu warnen, geschweige denn die nun verfeindeten Gruppen an einem Strang ziehen zu lassen…

© Cross Cult / Benajmin von Eckartsberg, Thomas von Kummant

Wie dabei alles miteinander zusammenhängt, die Kids außerhalb der Siedlung überhaupt die Möglichkeit kriegen sich auf den Heimweg zu machen und welche schockierenden Plottwists den Band in eine sich immer schneller drehende Spirale treiben, muss der Leser für sich selbst herausfinden. Genug Überraschungen sind jedenfalls platziert und wollen selbst entdeckt werden. Dabei wirkt alles wirkt wie aus einem Guss: Die Umgebung ist immer einzuordnen, das Verhalten der Figuren jederzeit logisch nachvollziehbar und doch nicht vorhersehbar. Das macht die Story wiederum spannend und fließend, ohne einen Gedanken daran verschwenden zu müssen in welchem Medium wir sie finden.

© Cross Cult / Benajmin von Eckartsberg, Thomas von Kummant

Das ist dabei nicht nur der spannenden Geschichte aus der Feder von Benjamin von Eckartsberg zu verdanken, sondern dem geradezu cineastischen Blick von Thomas von Kummant, der es schafft seine Bilder so zum Leben zu erwecken, dass man sie so eins zu eins in einer Serienadaption verwenden könnte. Blickwinkel, Emotionen, Licht und Farbauswahl springen in ihrer Kombination fast aus den Panels und brennen sich in das visuelle Gedächtnis des Lesers ein. Genau hier muss nochmal auf das typisch „undeutsche“ an diesem Comic eingegangen werden. Die genannte Melange aus sehr sauberem Storytelling und emotional aufgeladener Action sorgt dafür, dass die Herkunft der Macher de facto nicht auszumachen ist. Zwar sind sie, wie vermutlich viele ihrer Leser, US-amerikanisch sozialisiert, doch der Bubblegum-Aspekt wird durch den rohen europäischen Touch im Bereich der Sexualität und Gewalt verdrängt. Das macht die Lokalisierung schwer, was jedoch mit Sicherheit in Teilen den Erfolg im Ausland erklärt. Ein Fan in Frankreich kann Gung Ho genauso zur Hand nehmen wie ein Leser in den USA und beide würden sich im Setting wiederfinden. In der Hinsicht ein Kunststück, welches Kreativteams auch unabhängig von ihrer Herkunft nicht immer gelingt, hier aber mit Bravour aufgeht.

© Cross Cult / Benajmin von Eckartsberg, Thomas von Kummant

Alles in allem kann gesagt werden, dass „Die weiße Flut“ in ihrer Qualität nahtlos an die Vorgänger anknüpft und damit einen würdigen Abschluss der Gung Ho-Reihe liefert, die vollkommen zurecht gleich in mehreren Ländern eine Fanbase gefunden hat, die nur darauf wartet mit mehr Lesestoff aus diesem Universum versorgt zu werden. Dieses Projekt aus fünf Bänden gehört ohne Zweifel in jedes gut sortierte Comic-Regal eines Fans, dem Indie-Attitüde und Feuilleton-Gefälligkeit egal sind, aber Qualität und Spaß an oberster Stelle stehen.

© Cross Cult / Benajmin von Eckartsberg, Thomas von Kummant
Gung Ho: Die weiße Flut
Verlag: Cross Cult
Autor: Benjamin von Eckartsberg 
Künstler: Thomas von Kummant
Format: Hardcover, 24x32cm
Seitenzahl: 104 
Preis: 25 EUR 

[Rezension] Requiem (Zwerchfell Verlag)

Ich muss zu meiner Schande gestehen, dass ich bis dato nichts von Albert Mitringer gehört habe, obwohl sein Debüt LILA aus dem Jahr 2017 (welches zeitgleich seine Diplomarbeit an der Kunstschule Wien darstellt) durchwegs wohlwollend von Fachpresse und Leserschaft aufgenommen wurde. Nachdem mir sein neustes Werk Requiem (erschienen beim Zwerchfell Verlag) ans Herz gelegt wurde, frage ich mich ich mich nun aber ernsthaft wie oft mir Indie-Perlen entgangen sind, weil sie nicht laut beworben oder mir direkt vom Verlag in den Briefkasten geworfen wurden. Asche auf mein Haupt und insbesondere in diesem Fall. Warum, erfahrt ihr hier im Detail:

Inhaltlich befinden wir uns in einer seit langem entvölkerten Fantasie-Welt, die durchzogen von Dämonen und Monstern kaum Leben in sich birgt und Menschen nur mehr ein Echo vergangener Tage sind. Hier erwacht in der Nähe einer schon lange gefallenen Armee ein verstorbener Krieger, nachdem ihn eine gemeine Wanderkrähe berührt. Nun wieder bei Bewusstsein, spürt er das Bedürfnis mehr über sein altes Leben erfahren zu wollen und folgt besagtem Vogel in der Hoffnung sich erinnern zu können. Ab diesem Zeitpunkt beginnt die einjährige Wanderschaft des toten Ritters, die in vier nach den Jahreszeiten benannten Kapiteln, beginnend mit dem Sommer, beschrieben wird. Auf diesem Weg setzt sich nicht nur wie geplant sein altes Leben wieder in einer Erinnerung zusammen. Es werden Schlachten geschlagen, Diskussionen mit Dämonen geführt, mythische Wesen eingeführt und Freundschaften geschmiedet. Dabei sind dafür nicht viele Worte nötig, die ohnehin rar gesät, dafür aber mal knackig prägnant, mal malerisch in der Poesie verortet das Abenteuer genau an den Punkten unterstreichen, an denen sie nötig sind.

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Den Rest erledigen die wunderschönen, ausschließlich in Handarbeit gefertigten Tusche-Bilder, die einen angenehmen Kontrast für die an digitale Werke gewöhnten Augen bieten. Das soll kein Abwägen der Qualität beider Ansätze sein, aber bei einem sich durchgesetzten Standard sind klassisch angefertigt Schraffuren, eindeutig in sehr langer Arbeit und mit ruhiger Hand entstandene Landschaften und der rohe Charme des irgendwo zwischen Holzschnitt und Manga verorteten Stils eine angenehme Abwechslung beim lesen. Apropos Manga: Trotz der im Kern sehr europäischen Geschichte, merkt man eindeutig die Einflüsse ostasiatischer Steckenpferde wie eine organische und energiegeladene Dynamik bei Kämpfen, mutige Panel-Perspektiven und die typisch überdimensionale Darstellung unterschiedlichster Elemente. Trotzdem bleibt ein sehr eigener Strich erhalten, der viel trockenen Witz aber auch ruhige Momente gut zu transportieren weiß. Dadurch werden die Figuren trotz des erwähnten, eher zurückhaltenden Einsatzes von Rede so sympathisch präsentiert, dass man als Leser von Anfang an mitfiebert und mit Spannung verfolgt wohin die Reise des toten Ritters geht.

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Was Requiem davon losgelöst außerdem besonders macht, sind die opulenten Splash pages, die zum innehalten und entdecken einladen. Jede dieser Seiten brodelt geradezu über vor Details, von denen sich bei jedem durchblättern mehr zu zeigen scheinen. Ein Punkt an dem besonders deutlich wird, dass das Medium Comic für sich selber steht und der Genuss eines Bandes auf mehreren Ebenen und hierbei teils losgelöst voneinander erfolgen kann.

In diesem Sinne ist Albert Mitringer, der mit Anfang 30 und erst seinem zweiten Werk am Beginn seines Schaffens steht, ein richtiger Wurf gelungen, der sowohl inhaltlich als visuell überzeugt und Hoffnung auf einen Nachfolgeband weckt. Alles in allem sei Requiem daher jedem ans Herz gelegt, der klassisches Comic-Handwerk und gutes visuelles Storytelling zu schätzen weiß. Beides ist hier zu finden und sollte in keinem gut bestückten Comic-Regal fehlen.

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Requiem
Verlag: Zwerchfell Velag 
Autor und Zeichner: Albert Mitringer
Format: Hardcover, 21x28cm
Seitenzahl: 186 
Preis: 25 EUR 

[Rezension] Das Star Wars Archiv. 1999–2005 (TASCHEN)

Wer sich nur im Ansatz mit dem Fandom um Star Wars beschäftigt, weiß um den schweren Stand der Prequel-Trilogie, die viele als seelenloses CGI-Spektakel verschreien, welches nicht im Ansatz an das Original heranreicht. Trotzdem muss hier eine Lanze für die Episoden I bis III gebrochen werden, die für eine ganze Generation als Einstieg in die Abenteuer „[…] in einer weit, weit entfernten Galaxis“ fungiert haben. Als neunjähriger habe ich im Kino mit großen Augen dem Podracer-Rennen zugesehen, über die Slapstick-Einlagen von Jar Jar Binks gelacht und bei dem finalen Laserschwertkampf zwischen Obi Wan, Qui Gon und dem düsteren Darth Maul mitgefiebert. Damals konnte es mir nicht gleichgültiger sein, dass Fans der ersten Stunde die einen Dinge vermisst und die anderen verflucht haben. Ich war gebannt und als Teenager bei den beiden Fortsetzungen schon am ersten Kino-Tag im Saal, um die Vorgeschichte der Star Wars-Saga geradezu zu inhalieren.

Ich kann garantieren, dass es nicht nur mir so ging. Millionen junger Leute haben erst durch diese Neuauflage Interesse daran bekommen die alten Streifen aus den 70ern bzw. 80ern anzusehen und damit den Kreis dieser Geschichte zu schließen. Umso mehr freut es mich, dass TASCHEN nach ihrem gigantischen Werk zur ursprünglichen Trilogie nun auch der Vorgeschichte einen eigenen XXL-Band spendiert hat. Zwar war ich mir fast schon sicher, dass diese Fortsetzung kommen würde, aber die Angst, dass Puristen reinreden und das Projekt verhindern würden war bei mir durchaus gegeben. Nun ist aber Das Star Wars Archiv. 1999–2005 in deutscher Sprache erschienen und wie schon beim Erstling sind Sorgen um einen aufgewärmten Kaffee vollkommen unbegründet.

Man kann davon ausgehen, dass Fans, die 150€ für ein Buch in die Hand nehmen (trotz mehr als gegebenem Preis-Leistungs-Verhältnis) mit allergrößter Sicherheit schon alles an relevanter Sekundärliteratur und Nischenprodukten in ihrem Regal stehen haben, um ihr Bedürfnis nach Informationen zu Jedis, Siths, der Rebellion und dem Imperium zu befriedigen. Doch wie schon zuvor haben TASCHEN es mit Leichtigkeit geschafft hier gefühlt die Bibel zu Star Wars zu publizieren, während „vergleichbare“ Bände sowohl haptisch als auch inhaltlich geradezu verblassen. Damit ist natürlich nicht gemeint, dass hier die seit Jahrzehnten florierende Fanfiction zelebriert wird, die erklärt wie bestimmte Raumschiffe fliegen und woher die Jedi welche Kräfte bekommen. Hier geht es einzig und allein um das Filmprodukt, welches in seiner Größe und Tragweite vermutlich gleich mehrere dicke Schinken füllen könnte. Der Inhalt ist dabei, wie kurz angedeutet, auf keinen Fall schon bekanntes oder nur neu verpacktes Material. Denn neben den bekannten Shots und Promo-Bildern gibt es hier überwiegend unbekannte Drehbuchseiten, Konzeptentwürfe, Storyboards und Fotos von den Sets, die durch Fußnoten in einen Kontext gesetzt werden und dadurch zu einem Verständnis für den Prozess beitragen. Dieser besteht dabei aus deutlich mehr als ein paar Schauspielern, die vor einem Bluescreen mit der Luft reden, wie es diesen Filmen gerne angedichtet wird. Zwar macht George Lucas in dem Band kein Geheimnis aus seiner Affinität zur digitalen Technik, die er bei vorangeschrittener Entwicklung und einem entsprechenden Budget mit aller Sicherheit auch in seinen ersten Streifen verwendet hätte, aber Fans werden sicher überrascht sein wie viel praktisch hergestellt wurde. Zahlreiche Sets, bei denen man hätte schwören können, dass nichts reales auf der Leinwand zu sehen ist, basieren verdammt oft auf kunstvoller Handarbeit und unfassbar langer Vorbereitung.

Doch bevor es ans Eingemachte mit der Einführung des jungen Ben Kenobi und des noch unschuldigen Anakin Skywalker geht, wird überraschenderweise zunächst die Lücke zwischen den beiden Trilogien geschlossen, in der die nicht minder kontroversen Special Editions der Episoden IV bis VI veröffentlicht wurden. Schon hier zeichnete sich ab, was George Lucas nur wenige Jahre später auf Fans und diejenigen, die es noch werden sollten loslassen wollte. Stichworte wären ungewöhnliche Kameras, Bluescreen, etc. Deutlich wird das Ganze in jedem der vier Kapitel (eins pro Film bzw. eins gebündelt für die Special Editions) durch die eingestreuten Aussagen der Beteiligten, von denen sich nur das Gespräch zwischen dem Autoren Paul Duncan (Das Star Wars Archiv. 1977-1938, The Charlie Chaplin Archives, The James Bond Archives) und Regisseur Lucas wie ein roter Faden durch das Buch zieht. Es hat in dem Sinne etwas von einem Audiokommentar. Die anderen Mitarbeiter werden thematisch platziert und vertiefen die Entwicklungsstufen, wie es schon im Vorgängerband der Fall gewesen ist. Es kommen dabei entsprechend des kreativen und technischen Aufwands primär Menschen zu Wort, die hinter den Kulissen dieses gewaltige Universum aus dem nichts gestampft haben. Dazu gehören bekannte Namen wie Rick McCallum (Produzent), Doug Chiang (Illustrator und SFX-Supervisor), Ryan Church (Konzeptzeichner) oder Ben Burtt (Technik und Sounddesign). Die Schauspieler dürfen zwar selbstverständlich nicht fehlen, nehmen aber entsprechend der Stoßrichtung des Bandes keinen zentralen Standpunkt ein. Was wiederum nicht heißt, dass man keine neuen Erkenntnisse aus ihren Gedanken zur Darstellung ihrer Figuren ziehen kann.

Während man nun den Gedankengängen der Beteiligten folgt, wird ersichtlich wie genau George Lucas wusste wohin die Reise gehen würde. Natürlich stand nicht schon in den 80ern ein genauer Plot fest, der nur noch in ein Drehbuch gegossen werden musste, aber die Figuren und ihre Hintergründe hatten schon so viel Tiefe, dass die Erzählung des Ursprungs geradezu unvermeidbar wirkt. Umso spannender ist es zu sehen wie alte Ideen zur Realität wurden, gänzlich neue Ansätze entstanden und zusammen in einer Symbiose aufgingen, die wir später als Prequel-Trilogie kennenlernen sollten. Zwar muss man sich ein wenig an den sprunghaften Charakter der Erzählung gewöhnen (es ist wirklich mehr ein schriftlicher Audiokommentar als eine chronologische Abfassung), aber da man Das Star Wars Archiv. 1999–2005 auch locker unter dem Begriff „Sachbuch“ einordnen kann, lädt es ohnehin mehr dazu ein bestimmte Aspekte zum Film nachzuschlagen, als es in einem Rutsch durchzulesen.

Was man dabei vor allem, insbesondere infolge des zeitlichen Abstands mitnimmt, ist der revolutionäre Aspekt dieser Filme. Ausgestattet mit dem nötigen Budget, Kontakten und einer Vision hat George Lucas schon in den 90ern gewusst, dass das Kino der Zukunft digital und die richtige Kombination aus praktischen und künstlichen Effekten eines Tages zum Standard werden würde. Damals noch mit Skepsis begegnet, kann man heutzutage davon sprechen, dass Türen für Kreative in der Branche aufgestoßen wurden, die nun den Look und Feel des modernen Films bestimmen. Als Kind habe ich mir nichts bei der Schlacht der Gungans gegen die Droidenarmee gedacht, und den eindeutig digitalen Look von Episode II und III schulterzuckend akzeptiert. Nun zu lesen welche gigantischen Evolutionsschritte diese Filme ausgelöst haben, lässt mich die Trilogie mit einem anderen und vor allem verständnisvolleren Blick betrachten und inspiriert mich in absehbarer Zeit wieder die verstaubten BluRays erneut einzulegen.

Alles in allem muss man TASCHEN dafür danken, dass sie mit Das Star Wars Archiv. 1999–2005 ein Buch herausgebracht haben, welches im Endeffekt die Kernelemente der zahlreichen Making Of-Bände und Begleitpublikationen kombiniert und damit das ultimative Nachschlagewerk darstellt, wenn man sich primär für den Film als Kunstwerk interessiert. Es sei hierbei garantiert, dass man kein inhaltlich tieferes und äußerlich opulenteres Werk findet. In dem Zusammenhang darf man nur darauf hoffen, dass weitere Veröffentlichungen in Planung sind. mit den Sequels, Spin-Offs und Serien sollte zumindest mehr als genug Stoff vorhanden sein.

Das Star Wars Archiv. 1999-2005
Verlag: TASCHEN 
Autor: Paul Duncan
Format: Hardcover, Halbleinen, 41,1 x 30 cm, 6,90 kg
Seitenzahl: 600 
Preis: 150 EUR 

[Rezension] TATTOO. 1730s-1970s. Henk Schiffmacher’s Private Collection (TASCHEN)

Ich bin selbst tätowiert und interessiere mich allein schon aufgrund der „persönlichen Erfahrung“ mit dieser Kunstform für ihre Historie und den weltweiten Einfluss, der seit Jahren zwischen lokalen Traditionen und globalen Trends zu verorten ist. Bis dato gab es jedoch zu diesem Thema nur wenige Publikationen, die man unter seriöser Auseinandersetzung einordnen könnte. Selbstverständlich gibt es weltweit zahlreiche Zeitschriften, oft von den Künstlern selbst veröffentlichte Artbooks und eine insbesondere im Westen erhöhte Akzeptanz von Tattoos. Trotzdem blieb in der klassischen Literatur der Hautmalerei meistens die Nische der Anthropologie oder die Geschichte der Kriminalität. Die erste große Ausnahme, die ich in der Hinsicht zu Gesicht bekam war das beliebte von Henk Schiffmacher herausgegebene 1000 Tattoos, welches bei TASCHEN im Rahmen der Bibliotheca Universalis-Reihe (klein, kompakt und informativ) erschien und bis heute zu den Standard-Auslagen in Tattoo-Studios gehört. Trotzdem fehlte im Verlag, der doch eigentlich seit jeher für Blicke über den Tellerrand bekannt war, ein Werk in der inhaltlichen und physischen Größe, wie es schon anderen Kunstgattungen vergönnt war. Nun ist es aber endlich soweit und TATTOO. 1730s-1970s. Henk Schiffmacher’s Private Collection kann endlich in den Buch-Regalen der Republik gefunden werden. Dank Corona ist das Stöbern durch Läden, die es im Angebot haben könnten aber natürlich eher schwierig. Daher sei an dieser Stelle schon auf taschen.com verwiesen, wo es erstanden und sicher nachhause geliefert werden kann.

Zurück zum Buch. Wem zunächst der Name Henk Schiffmacher nichts sagen sollte, dem sei versichert, dass das Wort Legende alles andere als unangebracht ist. Man kann sagen, dass Tätowierer sich selbst in Handwerker und Künstler aufteilen. Die einen erlernen durch händisches Geschick eine Technik, die sie abhebt und erfolgreich macht, andere brillieren darüber hinaus mit einer kreativen Ader und mit tiefgründigem Wissen um die Arbeit, die sie verrichten. Schiffmacher gehört zur zweiten Sorte und stellt das seit nun über 50 Jahren unter Beweis. Seit den 70ern ist er nicht nur aktiver Tätowierer, sondern auch Besitzer einer der weltweit größten Sammlungen zeitgenössischer und historischer Tattoo-Ephemera. Darüber hinaus könnte er auch Freunden der Rock- und Popmusik der letzten 30 Jahre ein Begriff sein. Unter seinen prominenten Kunden befanden sich nämlich unter anderem klingende Namen wie Anthony Kiedis, Kurt Cobain, Lemmy Kilmister, Adam Levine oder auch Lady Gaga. Allein diese Riege sollte einen Hinweis darauf geben, dass sich Menschen nicht ohne Grund unter seine Nadel begeben. Der ultimative Beweis für seine Relevanz im Hinblick auf die Kunst, die er sammelt und der er sich selbst als Tätowierer verschrieben hat, war die Verleihung des Ritterordens von Oranien-Nassau durch das niederländische Königspaar im Jahr 2017. Dabei handelt es sich um eine der höchsten Auszeichnungen des Landes für Zivilisten. Daher ist es nur folgerichtig, dass der gebürtige Niederländer sich an die aktuell umfangreichste und zeitgleich edelste Veröffentlichung zum Thema Tattoos gemacht hat. Jemand besseres hätte man dafür wirklich nicht finden können.

Schon von Kindesbeinen an war der Amsterdamer fasziniert von Radierungen und Hautbildern, da er sie als Legastheniker auch als Kommunikationsinstrumente verstand, die über Kultur- und Klassengrenzen hinweg zu funktionieren schienen. Man betrachtete die Person, die ihre Geschichte als Tattoos zur Schau trug und konnte dadurch etwas über sie erfahren. Eine Erkenntnis, die ihn dazu trieb die Welt zu bereisen und nicht nur einer simplen Sammelleidenschaft mit exklusivem Themenbezug nachzugehen, sondern die Menschen in unterschiedlichen Kulturkreisen kennenzulernen und zu verstehen. Dabei ist das besagte „kennenlernen“ durch einen Zugang vollzogen worden, dem sich nur wenige Personen öffnen. Daher ist Schiffmachers Blick auf die Welt der Tattoos nicht der eines Außenseiters, sondern Teilnehmers an einem globalen Austausch. Auf seinen Reisen erfuhr er aus erster Hand etwas über die Geschichte eines Handwerks, das sich über Jahrhunderte und ganze Kontinente spannte. Dabei beließ er es nicht nur bei Erzählungen, sondern wollte die Historie wortwörtlich spüren. Darum ist sein Körper nicht einfach nur von lebenslangen Souvenirs, sondern gelebter Geschichte übersät, die er nun in seinem Buch der Öffentlichkeit präsentiert. Hierbei teilt er es in mehrere durch goldfarbene Seiten getrennte Kapitel auf, die zunächst auf Länderebene Tribals in Neuseeland und Samoa, aber auch klassische „Suits“ wie in Japan betrachten. Dabei werden nicht nur Fotografien von Tattoos (entsprechend des Zeitraums ab 1730 verständlich), sondern auch eine Vielzahl an Originalzeichnungen, Instrumenten, Illustrationen, Gemälden und Lithographien präsentiert, die in ihrer Gesamtheit die Tiefe dieser Kunstgattung erfassen. Zeitgleich wirken die Darstellungen in Kombination mit dem Text nie wie ein entrückt anthropologischer Blick auf „das Fremde“, sondern wie ein Rückblick auf etwas, an dem der Autor selbst in seiner Tradition teilnimmt, ohne sich anzumaßen sich die beschriebenen Kulturen aneignen zu können.

Natürlich richtet Schiffmacher seinen Blick aber auch direkt auf die westliche Kultur und ihren anfänglichen Umgang mit Tattoos, als diese zunächst nur einem bestimmten Klientel zugeschrieben und entsprechend sozial assoziiert wurden. Wer kennt nicht die alten Geschichten von „nur Kriminelle und Seemänner lassen sich Bilder unter die Haut stechen“? Nun, eine zeitlang war es der Wahrheit nicht allzu fern und kann durch eine Vielzahl an Flashs und Fotografien bewiesen werden. Natürlich dürfen dabei auch nicht die sogenannten Performer während der durch den Autoren als „Zeit des Exhibitionismus“ bezeichneten Ära fehlen. Eine Zeit in der Menschen aus dem Unterhaltungsgewerbe ihre Haut nutzten, um aus der exotischen Anziehung einen finanziellen Nutzen zu schlagen. Hierbei, wie kann es auch anders sein, waren insbesondere Damen ein beliebtes „Ausstellungsstück“, die im Kontext von Tattoos unüblich viel Haut zeigen und damit eine sexuelle Komponente einbauten, die für das Ende des 19. und den Beginn des 20. Jahrhunderts mehr als ungewöhnlich war. Natürlich gibt es aber auch einen Ausblick auf das, was noch kommen würde. Die ersten professionellen Tätowierer alter westlicher Schule, Clubs und vieles mehr deuteten schon ab den 1950ern auf eine gewisse Akzeptanz hin, die sich jedoch erst nach der Jahrtausendwende in der Breite der Gesellschaft festigen konnte.

Betrachtet man nun diese Masse an bildlichem und inhaltlichem Input, dann erkennt man, dass dieses gut 440 Seiten dicke Buch nicht nur zur reinen Information dient, sondern wie die Tattoo-Kunst selbst Geschichte, Kunst und persönliche Erinnerung in einem Schmelztiegel zusammenführt. Deswegen gilt die Empfehlung für eine Anschaffung nicht nur für Tätowierer und Tätowierte, sondern auch für all jene Interessenten, die keine Scheuklappen aufsetzen, wenn es um die Auseinandersetzung mit Kunstformen geht, die üblicherweise nicht in Galerien zu bestaunen sind. Ein weiterer kleiner Anreiz ist die Tatsache, dass es sich bei dem Band um eine auf 10.000 Stück limitierte, sowie nummerierte Erstauflage handelt, die ganz der Sammelleidenschaft von Henk Schiffmacher entsprechend, jedes Bücherregal mit seiner Exklusivität verschönert.

TATTOO. 1730s-1970s. Henk Schiffmacher's Private Collection
Verlag: TASCHEN 
Mehrsprachige Ausgabe: Englisch, Deutsch, Französisch
Autor: Henk Schiffmacher
Herausgeberin: Noel Daniel
Format: Hardcover, 29 x 38,8 cm, 6,13 kg
Seitenzahl: 440
Preis: 125 EUR
Limitierung: 10.000 Exemplare (Erstauflage)

[Rezension] Jan Böhmermann: Gefolgt von niemandem, dem du folgst. Twitter-Tagebuch 2009-2020 (Kiepenheuer und Witsch)

Jan Böhmermann ist ein Name, den man spätestens kennt, seit sich der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan im Jahr 2016 zum Richter über guten und schlechten Humor aufgeschwungen hat. Damals wurde in Böhmermanns Sendung „Neo Magazin Royale“ ein Schmähgedicht als Reaktion auf Erdoğans Umgang mit humoristischer Kritik vorgetragen. Grund genug für den autokratisch herrschenden Staatsmann die Justiz auf den deutschen Moderator und Comedian zu hetzen und ihm damit im Nachgang einen immensen Popularitätsschub zu verschaffen.

Doch es wäre unfair ihn auf diese Aktion zu reduzieren, während zahlreiche weitere Coups auf sein Konto gehen, die irgendwo zwischen politisch und sozialkritisch angesiedelt sind und dabei einen ganz eigenen Humor bedienen, der jedoch den Nerv vieler seiner Fans trifft. Dabei schafft er es trotz einer eigenen Sendung und eines Podcasts („Fest & Flauschig“ mit Olli Schulz), der zeitweise das weltweit erfolgreichste Format auf Spotify war, seine Person gekonnt hinter einer Kunstfigur zu verstecken, bei der man sich nie sicher sein kann, welche Aussage ernst oder als Spaß gemeint ist. Dadurch kamen in seiner gesamten Karriere nur sehr wenige private Details an die Öffentlichkeit und der Fokus blieb auf seinem Werk.

Der einzige Ort, an dem regelmäßig der echte Böhmermann zu erahnen ist, ist die Social Media-Plattform Twitter, auf der er seit 2009 und damit schon lange vor seinem Durchbruch aktiv ist. Ein Netzwerk, welches zum damaligen Zeitpunkt nur wenigen Nutzern in Deutschland bekannt war und von Anfang an die bunte Mischung aus Journalisten, Politikern, Personen des öffentlichen Lebens, Entertainern, Trollen und den einfachen Leuten mit einem Faible fürs Socializing bestand. In diesem Sinne eine kleine Parallelwelt, die einige Jahre später in den Händen von Donald Trump sogar zu einem Machtinstrument werden sollte.

Jan Böhmermanns Twitter-Timeline

Hier tobt sich auch der Autor zunächst mit Blödeleien (sein erster Tweet am 16. Januar 2009, 19:34 Uhr: „Hunger!„) aus, bevor seine ersten Interaktionen mit dem Politik- und Medienbetrieb beginnen und sich gezielte mit Humor verpackte Kritik einschleicht. Immer mehr Menschen finden Gefallen am regelmäßigen Output und vermehren sich langsam aber sicher in seiner Follower-Liste, bis sie mit jeder seiner Aktionen geradezu exponentiell wächst und ihm laut aktuellem Stand 2,2 Millionen Menschen beschert, die regelmäßig seine Aussagen lesen. Mit dieser Größe kommt offensichtlich auch eine Verantwortung zustande, da sich zwischen Gag und Provokation immer wieder ernste Töne mischen und Kritik sich ab einem bestimmten Punkt fast ausschließlich auf Menschen mit großer Reichweite bezieht. Ein Millionenpublikum kann nämlich durchaus auch zur Waffe werden und dieser Umstand ist Böhmermann bewusst.

Mit all diesen Fakten im Hinterkopf kam es durchaus überraschend, als er ankündigte, ein Buch veröffentlichen zu wollen, welches sage und schreibe 25.800 seiner Tweets beinhaltet und den Zeitraum zwischen 2009 und Ende Februar 2020 und damit dem Ausbruch von Corona in Europa abdecken soll. Der Gedanke, dass hier einfach das Internet ausgedruckt und dann monetarisiert werden sollte, liegt da garnicht so fern und doch liegt man mit dieser Einschätzung nur bedingt richtig.

Das seit dem 10. September bei Kiepenheuer & Witsch vorliegende Buch „Gefolgt von niemandem, dem du folgst. Twitter-Tagebuch 2009-2020“ beinhaltet tatsächlich die besagten Tweets, aber schon nach den ersten paar Seiten bemerkt man die wahre Stoßrichtung dieser Veröffentlichung. Wie in einer kommentierten wissenschaftlichen Ausgabe, werden Aussagen in den zeitlichen Kontext gesetzt, in dem sie gefallen sind. Dadurch entfalten selbst auf den ersten Blick banale Witze oder Antworten plötzlich eine ganz eigene Dynamik, die den Blick auf eine Chronik unserer Gesellschaft in den letzten 11 Jahren frei gibt. Klingt es zunächst hochtrabend, da man zunächst Böhmermann als Autor bei Harald Schmidt kennenlernt und seine Witze auf Kosten von „Promis“ bis zum Schluss über seine Timeline verteilt sieht, wird der Anteil dieser Gags immer geringer und die Auseinandersetzung mit politischen Entwicklung immer präsenter.

Wie in einer Zeitmaschine erinnert man sich Seite für Seite an schöne und schreckliche Ereignisse, an längst vergessene Persönlichkeiten, die in der Öffentlichkeit standen, soziale und politische Scheidewege und vieles mehr. Dabei scheint Böhmermann wirklich viel Arbeit in die Einordnung gesteckt zu haben, denn auch Tweets, die oberflächlich keinen Kontext haben bzw. im Nachgang nicht von alleine zugeordnet werden können, werden mit einer Erklärung von wenigen Sätzen bis ganzen Abschnitten versehen.

Man geht in das Jahr 2009 mit dem ersten afroamerikanischen Präsidenten der USA, hangelt sich an mehr oder weniger großen Events entlang, bis die Taktzahl plötzlich anzieht und man nicht genau weiß, ob die Welt sich angefangen hat plötzlich schneller zu drehen oder ob der Autor sich inhaltlich mehr in das Weltgeschehen einbringt. Flüchtlingskrise, Anschläge, Nazis in den Parlamenten und auf den Straßen, Donald Trump und als Abschluss die uns bis heute beschäftigende Corona-Pandemie. Man blickt verwundert auf die gelesenen Kapitel zurück und begreift, dass dieses Buch bzw. all die Kommentare zum beschriebenen Geschehen im Rahmen ihrer ursprünglichen Entstehung zwar nur spontane Äußerungen eines Mannes am Puls der Zeit sind, sich aber in der gesammelten Rückschau in nichts anderes als eine moderne Chronik des letzten Jahrzehnts manifestieren. Dabei wird zeitgleich ein Brückenschlag aufgemacht, da ein modernes Mittel der Kommunikation und Interaktion in ein klassisches Medium gegossen wird, womit wiederum auch Menschen außerhalb der Blase namens Twitter erreicht werden.

An dieser Stelle könnte man natürlich fragen, ob es nicht auch sinnvoll gewesen wäre ein „richtiges“ Buch zu schreiben, statt schon publiziertes einzuordnen und auf Papier neu aufzulegen. Versucht man sich jedoch von dieser Seite der Thematik zu nähern, missversteht man die Absicht hinter der Aktion, die in ihrem Kern neben dem Inhalt auch in ihrer Form einen Kommentar zu unserer Gegenwart darstellt. Alles andere wären nichts anderes als Gedankengänge eines Entertainers zu den Dingen, die er mitbekommt. Auf die von Böhmermann gewählte Weise löst sich jedoch das Werk vom Autor und der Kunstfigur, die in „Gefolgt von niemandem, dem du folgst. Twitter-Tagebuch 2009-2020“ mit Menschen interagiert und wird zur Lupe, mit der wir 11 Jahre unseres Lebens in der Rückschau betrachten.

In diesem Sinne eine absolute Empfehlung, die überrascht, zum nachdenken anregt und sich nicht nur für Fans von Jan Böhmermann als interessante Lektüre eignet.

Gefolgt von niemandem, dem du folgst. Twitter-Tagebuch 2009-2020 
Verlag: Kiepenheuer & Witsch 
Autor: Jan Böhmermann
Format: Hardcover 
Seitenzahl: 464
Preis: 22 EUR (E-Book: 18,99 EUR)

[Rezension] The History of EC-Comics (TASCHEN)

Als deutscher Leser von Comics einer jüngeren Generation hat man vielleicht schon von EC-Comics im Kontext der historischen Entwicklung des Verlags gehört, aber wirklich ein Heft werden die wenigsten in der Hand gehalten haben. Dabei ist EC in den USA nicht nur Kult, sondern in vielerlei Hinsicht ein Vorreiter für die neunte Kunst, wie wir sie heute kennen. Mutig griffen die Zeichner und Autoren schon ab den 40er Jahren Themen auf, die gesellschaftlich tabuisiert waren und schafften es in den 50ern sogar namentlich Munition für das unsägliche Werk „Seduction of the Innocent“ zu liefern, welches als Blaupause für all jene gelten sollte, die in Comics eine Gefahr für ihren Nachwuchs sahen.

Daneben gingen dort Legenden der Szene ein und aus, die man in den darauf folgenden Jahrzehnten teils in einem anderen Kontext kennen und lieben lernen sollte. Ob nun Al Feldstein, Harvey Kurtzman oder Wallace Wood, nur um einige wenige zu nennen – sie alle haben Werke von immenser Tragweite erschaffen und fingen gemeinsam in einem skurrilen Verlag an, der zunächst alle Trends ritt, die man sich vorstellen kann, um schlussendlich selbst Anstoß für Entwicklungen und Geburtsort von Phänomenen wie dem MAD Magazine zu werden.

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Kein Wunder, dass sich viele kreative Köpfe aus den unterschiedlichsten Kreativ-Bereichen als Fans geoutet haben. Von Stephen King bis George Lucas ließen sich Kinder und Jugendliche schocken, unterhalten und inspirieren, um eines Tages selber Großes zu erschaffen.

Allein vor dem beschriebenen Hintergrund lässt sich erahnen welchen gigantischen Stellenwert EC-Comics in der US-amerikanischen Popkultur genießen und dabei durch die Globalisierung auch indirekt auf den europäischen Mark ausstrahlen. Daher ist es nur folgerichtig, dass der TASCHEN Verlag, der schon seit Jahren Standardwerke zur Historie wichtiger Comic-Schmieden veröffentlicht, auch hier ansetzt und einen weiteren Band im XXL-Format präsentiert. Dabei wird wie so oft auf erprobte Expertise gesetzt. Niemand Geringeres als Grant Geissman, seines Zeichens einer der führenden Experten für EC-Comics und MAD sowie Autor von vier Büchern zu diesem Thema (von denen drei für den Eisner-Award nominiert wurden), konnte für das Projekt gewonnen werden. Wie man es nicht anders erwarten würde, ist daraus geradezu ein Must-Have entstanden, welches kein für die Historie von Comics interessierter Enthusiast in seinem Schrank missen sollte.

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Die Gründe für eine Anschaffung sind dabei zahlreich – angefangen bei der sehr ausführlichen Geschichte über die Anfangstage. Beginnend bei Max Gaines, der mit seinen Educational Comics zunächst illustrierte Bibelgeschichten auf den Markt brachte, die noch so garnichts mit den berühmt-berüchtigten Ausgaben der späteren Jahre gemein hatten. Erst nach dem Tod des Verlegers und die daraus entstandene Weiterführung des Verlags unter dem Sohn Bill Gaines, entwickelte sich neben dem neuen Titel (nun Entertaining Comics) auch die Ausrichtung der Publikationen in eine entscheidend neue Richtung.

Wie durch einen Trial- & Error-Prozess wurden in echter Pionierarbeit Kriegs- und Science-Fiction-Geschichten geschrieben und gezeichnet, dazwischen ein paar Love-Storys gestrickt und schlussendlich zum Horror-Material gegriffen, dass den legendären Ruf der EC-Comics zementieren sollte. Dabei richtete sich die Handlung der Publikationen nicht nur nach dem Schock-Effekt, sondern ließ auch Raum für ernste soziale Themen, die zuvor nur stiefmütterlich behandelt oder gar komplett ignoriert wurden. Plötzlich erschienen Rassimus, Antisemitismus, Korrpution, Drogensucht und Selbstjustiz im Rahmen von bunten Heftchen, denen bis dahin der Ruf eines reinen Kinder-Mediums anhaftete.

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Kein Wunder, dass in den biederen 50er Jahren Moralwächter ihren Blick auf EC-Comics richteten und in erster Linie eine Befeuerung von Jugendkriminalität und den Verfall von Sitten sahen. In der Folge startete man geradezu einen Feldzug gegen den Verlag. An der Spitze des Protests stand dabei niemand Geringeres als der Psychiater Fredric Wertham, der es durch seine Arbeit und das dazugehörige, schon erwähnte Buch „Seduction of the Innocent“ schaffte, dass fast die gesamte Comic-Industrie sich selbst zensierte und der Comic Code eingeführt wurde, der diese Zensur de facto bestätigte. Da unterhaltsamer Horror und Gewalt jedoch zur Grundessenz von Titeln wie „Tales from the Crypt“ oder „Weird Fantasy“ gehörten, kam dies einem Todesstoß gleich, dem das Unternehmen nur entging, weil man mit MAD einen popkulturellen Giganten aus dem Boden gestampft hat.

Allein dieser historische Hintergrund sollte Grund genug für eine Anschaffung sein. Doch das XXL-Format wird bei TASCHEN bekanntermaßen nicht nur für die informativen Texte, sondern vor allem für die angemessene Präsentation von Bildern genutzt. Davon gibt es diesmal sogar für den Standard des Verlages besonders viele. Mehr als 1.000 Bilder und Raritäten erwarten die Leser und halten dabei die ein oder andere Überraschung bereit.

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Zwar prangt erneut der üppige Preis von 150€ auf der Veröffentlichung, aber dieser ist wie immer mehr als gerechtfertigt. Wem der Inhalt dabei immer noch nicht genug Argumentation für eine Anschaffung bieten sollte, den überzeugt vielleicht die strenge Limitierung. Die Erstauflage kommt nämlich in einer nummerierten Auflage von 5.000 Exemplaren in den Handel. In diesem Sinne: Eine absolute Empfehlung!

The History of EC-Comics 
Verlag: TASCHEN 
Sprache: Englisch
Autor: Grant Geissman
Format: Hardcover 
Seitenzahl: 592
Preis: 150 EUR
Limitierung: 5.000 Exemplare (Erstauflage)

[Rezension] Onkel Dagobert und Donald Duck – Don Rosa Library 1: Der Sohn der Sonne (Egmont Comic Collection)

© Egmont Comic Collection

Eine meiner frühesten Erinnerungen im Zusammenhang mit Comics sind meine regelmäßigen Besuche in der lokalen Stadtbibliothek und die zahlreichen Prestige-Hefte in der Kinder- und Jugendabteilung. Dort lagen all die Klassiker des Mediums von Asterix, über Lucky Luke bis hin zu den zahlreichen Disney-Veröffentlichungen um die berühmten Bewohner von Entenhausen. Zwar fand man dort auch gleichberechtigt Geschichten des einzig wahren Carl Barks, doch mich zogen ganz andere Ausgaben mit ihren plastisch dargestellten Covern in ihren Bann: die Werke von Don Rosa.

Es mag zwar Puristen etwas seltsam vorkommen, dass ich mich für Geschichten begeistert habe, die von konservativen Zeitgenossen fast schon verächtlich als „Fan-Fiction“ definiert wurden, doch ohne Wissen um die Hintergründe der Entstehung blieb nur der persönliche Geschmack: Mit Details überbrodelnde Panels, Situations-Komik und viel Herz, die zusammen meine Liebe zu Onkel Dagobert, Donald und Co. entfachten. Zwar veränderte sich der Geschmack im Laufe der Zeit und ich kehrte den leichtfüßigen Abenteuern den Rücken, um mich „ernsthaften“ Stoffen zu widmen, aber ich sollte nie vergessen wie Don Rosa mich einst geprägt hat.

Als die Egmont Comic Collection dann dieses Jahr zu meiner Überraschung eine komplett neu überarbeitete Gesamtausgabe von Rosas Werk ankündigte, entfachte es sogleich die Nostalgie in mir und der Drang einen Teil meiner Jugend zu präsentieren und euch sogar eventuell für die Abenteuer der Ducks zu begeistern brachte mich zu dem Entschluss den ersten von sage und schreibe 10 Bänden zu besprechen. Natürlich machte ich mir zunächst ein wenig Sorgen, ob meine eigenen Erinnerungen verklärend wirken könnten, doch kaum habe ich die ersten der 13 Geschichten aus den Jahren 1987 bis 1989 gelesen, fühlte ich mich in meiner Überzeugung erneut bestätigt.

Selbstverständlich sind Stil und Charme eines Barks unerreicht, doch Rosa schafft es trotz einer schier unendlichen Anzahl von Zitaten seines großen Vorbilds (die er wohlgemerkt fein säuberlich in jedem Nachwort aufzählt) eine Eigenständigkeit zu bewahren, die dafür sorgt, dass er bis heute zu den großen Namen unter dem Disney-Banner zählt. Vor allem seine individuelle Schraffur, die dafür sorgt, dass seine Figuren geradezu plastisch wirken, sorgt für einen Wiedererkennungswert und eine Schar an Fans, die ihn eben für genau diesen Stil bewundern. Auch inhaltlich sind die Reisen der Ducks in entlegene und schon bei Barks besuchte Orte zwar eine eindeutige Verbeugung vor dem Ursprungsmaterial, aber diese Erfahrung wird hier erweitert ohne ein billiger Abklatsch zu sein. So sieht Dagobert seine alte Liebe wieder, findet sich erneut am Klondike ein, läuft bekannten Nebenfiguren über den Weg und gibt dem Leser das Gefühl tiefer in die Materie einzusteigen und nicht der Cover-Version eines alten Songs zu lauschen. Vor allem die immer wieder durchscheinende Melancholie, die sich sowohl in der Mimik als auch im Setting mancher Geschichten wiederfindet und das gigantische Gagfeuerwerk regelmäßig aufbricht, spricht für die Qualität der Erzählungen, die Rosa bis zu seinem Ruhestand 2006 in die Regale brachte. Trotz seines Abschieds hat er es sich jedoch nicht nehmen lassen die neu aufgelegte „Don Rosa Library“ durchzugehen und dafür zu sorgen, dass Leser sie exakt so zu sehen bekommen, wie er es sich ursprünglich gewünscht hat. So bekommen wir in Deutschland eine für unser Auge eher ungewöhnliche Kolorierung. Sind wir es zum Beispiel gewohnt die Münzen in Dagoberts Geldspeicher im strahlenden gold zu sehen, schwimmt unser Protagonist in einem silbernen Metall-See mit Bronze-Nuancen. Wirkt es zunächst etwas befremdlich, macht es auf den zweiten Blick sogar durchaus Sinn. Dagobert ist so knausrig, dass er sogar Kleingeld hortet und dieses ist in den USA primär silber- und bronze-farben.

Wem die großartigen Geschichten nicht reichen, kann sich darüber hinaus noch allerlei zusätzliches Material zu Gemüte führen, welches die vorliegenden Geschichten in ihren Entstehungskontext bettet und interessante Querverweise zu Barks Schaffen beleuchtet. Des Weiteren schließt der Band mit einer schönen Cover-Galerie und dem ersten Teil der Biografie des Künstlers ab, die in den folgenden neun Bänden fortgeführt werden soll. Damit wird deutlich, dass sich dieser Release nicht nur an junge Leser richtet, die Don Rosa zum ersten Mal entdecken, sondern auch an Nostalgiker, die sowohl gerne in Erinnerungen schwelgen, als auch die Entstehung ihrer Lieblingsgeschichten nachvollziehen wollen.

In diesem Sinne ist „Onkel Dagobert und Donald Duck – Don Rosa Library 1: Der Sohn der Sonne“ eine Pflichtanschaffung, die in keiner Sammlung fehlen darf und in dieser Form der Vision des Künstlers am nächsten kommt.

Onkel Dagobert und Donald Duck - Don Rosa Library 1: Der Sohn der Sonne 
Verlag: Egmont Comic Collection 
Erschienen am: 04.06.2020
Autor: Don Rosa
Zeichner: Don Rosa
Format: Hardcover 
Seitenzahl: 208
Preis: 30 EUR

Fight Club 3 – Bücher 1 und 2

Die erste Regel des „Fight Club“ lautet, man spricht nicht über den „Fight Club„. Das ist jedoch schwieriger umzusetzen, als man zunächst glauben mag. Sowohl das Buch, der darauf basierende Film, als auch die Comic-Fortsetzung, die 2015 über den Splitter Verlag ihren Weg nach Deutschland gefunden hat, sind allesamt von so hoher Qualität und Aussagekraft, dass man als Cineast und Comic-Geek nicht um eine angeregte Diskussion herum kommt.

Dieser wird nun noch mehr Zunder gegeben, denn nun steht das große Finale aus der Feder des Kult-Autors Chuck Palahniuk in den Regalen und Fans stellen sich die berechtigte Frage ob das sozialkritische Gesamtkunstwerk zu einem würdigen Abschluss gebracht werden konnte oder nicht. Wie schon bei „Fight Club 2“ entschied sich Splitter dazu die US-Heftserie in zwei Sammelbänden zu veröffentlichen. Der erste erschien schon im letzten Dezember, der zweite Anfang Juli. Beide sollen nun, da sie eine erzählerische Einheit bilden, im Folgenden besprochen werden.

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Darüber hinaus möchte ich, bevor es in die eigentliche Rezension geht, auf den Zeichner Cameron Stewart zu sprechen kommen, dem kurz vor der Veröffentlichung des finalen Bandes öffentlich von Künstlerinnen vorgeworfen wurde, dass er sie verführen wollte, als diese noch sehr jung und bisweilen sogar minderjährig waren. Das Ganze ist auch als „grooming“ bekannt: Ein älterer (in der Regel) Mann, macht sich an eine deutlich jüngere Frau oder sogar ein Mädchen heran, um diese in der Folge zu sexuellen Handlungen zu bewegen. Nach und nach fühlten sich mehr Frauen aus der Szene ermutigt ihre Geschichte zu den Geschehnissen darzulegen und so setzte sich das Bild eines Mannes zusammen, mit dem andere Kreative und in der Folge ganze Verlage nicht mehr arbeiten wollten. So wurde ein unbenanntes Projekt von DC eingestampft und andere Künstler und Autoren verzichteten auf von Cameron beigesteuerte Variant-Cover.

Es ist mir persönlich wichtig zu betonen, dass ich jede Handlung Stewarts aus dieser Richtung verabscheue und verurteile und sollte seine Schuld darüber hinaus juristisch festgestellt werden, auch keine Probleme damit habe, wenn er trotz seines offensichtlichen Talents keinen Job mehr in der Branche bekommt. Solches Verhalten darf nicht toleriert und muss offen angesprochen werden. Eventuell folgt in absehbarer Zeit auch hier ein Artikel zu dem Thema, welches seit kurzem auch die deutsche Comic-Szene beschäftigt.

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Da nun der „Elephant in the room“ benannt wurde, kann nun zum eigentlichen Thema des Artikels zurückgekehrt und das Hauptaugenmerk auf die Geschichte Palahniuks gerichtet werden, die inhaltlich nicht mit den Taten Stewarts belastet werden sollte.

Wie wir alle wissen (sonst würde man nicht zur Fortsetzung greifen), hat der „Held“ unserer Geschichte keinen festgelegten Namen, sondern wechselt ihn bisweilen öfter als die eigene Unterwäsche. Hier wird er uns als Balthazar vorgestellt, was bei den vielen Meta-Ebenen, die der Autor auftischt sicherlich kein Zufall ist. Die ursprüngliche Bedeutung wäre „Gott, Schütze den König“ und dieser ist im Kontext von „Fight Club“ unmissverständlich als Tyler Durden auszumachen, der durch die konsumfreundliche, bürgerliche Fassade vor der Entdeckung bewahrt wird.

Nach den Ereignissen des Vorgänger-Bandes sehen wir Balthazar, seinen Sohn und die nun hochschwangere Marla (wie wir zuvor erfahren haben, ist es Tylers Nachwuchs) ihr Dasein in einem heruntergewirtschafteten Motel fristen, während sie aus unterschiedlichsten Gründen mit der Gesamtsituation unzufrieden sind. Balthazar macht sich Sorgen um das ungeborene Kind, Marla will es in erster Linie nichtmal bekommen und der Junge sieht sich dem dysfunktionalen Clusterfuck eines Elternhauses ausgesetzt, welches das Wort Trauma gefühlt zum Motto auserkoren hat. Nun könnte die Situation mit dem Zugrabe getragenem „Projekt Chaos“ noch als friedfertig betitelt werden, doch plötzlich taucht ein neue Organisation aus dem Nichts auf und möchte ähnlich Tylers Vorstellungen die Welt zugunsten einer als wertvoll erachteten Elite umgestalten, die nichts als verbrannte Erde hinterlässt. Das Werkzeug der Wahl ist aber, passend zum aktuellen Jahr 2020, eine tödliche Pandemie, die nur durch eine sehr „spezielle“ Herangehensweise aus der Welt geschafft werden kann.

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Wie schon zuvor ist die zentrale Handlung, abzüglich der zahllosen Meta-Ebenen und absurden Neuerzählungen historischer Ereignisse, schnell beschrieben. Das wovon das „Fight Club„-Franchise jedoch primär lebt sind die bitterbösen Kommentare auf unsere Konsumgesellschaft, popkulturelle Querverweise und die nicht wenigen Streifschüsse auf den imaginierten Leser, die zur Reflexion anregen sollen. Dabei werden, wie in Buch, Film und dem Comic-Vorgänger, die Grenzen zwischen Medium und Realität quasi durchgehend verwischt. Dadurch wird nicht nur ein für die Reihe typisches Element der Eliminierung der vierten Wand ausgespielt, sondern der Comic als eigenständiges Produkt der Kunst identifiziert, welches sowohl im Hinblick auf die Erzählung, als auch die in die Handlung greifende visuelle Ebene in ihrer Einzigartigkeit präsentiert wird. So ist ein Comic kein mit Bildern aufbereitetes Buch, keine durchwegs bildende Kunst aber eben auch kein Hybrid. Offensichtlich hat Palahniuk die Definition „Comics sind Comics“ nach dem Medien- und Kulturwissenschaftler Martin Barker zu Herzen genommen und sich deswegen für die unausweichliche Option einer Comic-Fortsetzung entschieden, die den Kern von „Fight Club“ mit am besten repräsentiert.

Hinzu kommen geradezu kompromisslose Szenen, die bezüglich des Gewaltgrades und anderer expliziter Darstellungen entweder nichts der Fantasie überlassen oder so konzipiert sind, dass man das schelmische Grinsen der Macher geradezu durch die Seiten sehen kann. Auch zeitgenössische Diskussionen um Politik, Geschlechterrollen, sexuelle Befreiung und der quasi fehlende Filter für sozial akzeptables Verhalten werden mit Genuss aufgegriffen, in Worte und Bilder verpackt und mit einer solchen Wucht entgegen geschleudert, dass ein unbedarfter Leser definitiv länger an dem Gesamtpaket zu kauen hat. Und ist es nicht genau das, was wir von „Fight Club“ erwarten? Zwar scheint der Autor diesmal temporär in zu fantasievolle Sphären abzutauchen und damit das realistisch Rohe etwas in den Hintergrund zu rücken, was sicherlich einigen Fans auffallen wird, aber der Umstand ist in Anbetracht der durchgehend auf höchstem Niveau gehaltenen Qualität jederzeit zu verschmerzen.

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Auf der visuellen Ebene bleibt sich Stewart weiterhin treu und arbeitet neben Elementen, wie den Brüchen von Panels und der Umfunktionierung des Formats (Stichwort „Wandkalender“) auch mit Collage-Anleihen. Diese wilde Mischung passt wie die Faust aufs Auge, wenn man das Chaos in der Geschichte betrachtet. Man merkt geradezu die Ambition den Leser am Geschehen teilhaben zu lassen. Dabei spielt er in seinem Stil geradezu Mustergültig mit den drei wichtigsten Merkmalen des Comics in Form von Bild, Text und Symbol, bringt sie durcheinander, entzerrt sie erneut und springt dabei durchgehend von klassischem Aufbau zu avantgardistischem Level und zurück. Dabei erdrückt er nicht die Handlung, sondern treibt sie Hand in Hand voran. In Anbetracht dessen, was wir hier als anarchistischen Cocktail serviert bekommen, ist das durchaus als große Leistung zu betiteln.

Deswegen kann man die Zusammenarbeit zwischen Autor und Künstler nicht nur als fruchtbar, sondern durchwegs geglückt definieren. Das kann man leider nicht immer von Fortsetzungen in Film und (graphischer) Literatur behaupten, doch mit „Fight Club 3“ ist ein „Full Circle“ publiziert worden, der zwar ab und zu, sogar für die Verhältnisse der vorliegenden Geschichte, ins Absurde ausschert, dabei aber nie die Geschichte aus den Augen verliert. Daher kann ich den Fans der Reihe diesen Abschluss in zwei Teilen nur ans Herz legen und allen die bis dato eventuell nur das Buch gelesen oder den Film gesehen haben, dazu raten sich an diese gelungene Fortsetzung zu wagen.

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Fight Club 3 - Buch 1|2 
Verlag: Splitter 
Erschienen am: 13.12.2019
Autor: Chuck Palahniuk
Zeichner: Cameron Stewart
Format: Hardcover 
Seitenzahl: 168
Preis: 24 EUR
Fight Club 3 - Buch 2|2 
Verlag: Splitter 
Erschienen am: 03.07.2020
Autor: Chuck Palahniuk
Zeichner: Cameron Stewart
Format: Hardcover 
Seitenzahl: 176
Preis: 25 EUR

[Rezension] Batman Noir: Gotham By Gaslight (Panini Comics)

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Die US-Leser unter euch kennen sicherlich schon seit längerer Zeit die Strategie der großen Superhelden-Verlage Klassiker oder besonders beliebte Geschichten in schwarz/weiß auf den Markt zu bringen. Der Hintergrund, neben der offensichtlichen Möglichkeit des Abverkaufs schon erschienener Bände, ist die so besonders nah an der Vorstellung der Zeichner gelegene Vision betroffener Geschichten. Selbstverständlich sind Koloristen ein essenzieller Bestandteil des Produkts „Comic“ und bringen nicht selten eine Ebene mit ein, ohne die eine bestimmte Stimmung nicht mal im Ansatz transportiert werden könnte. Trotzdem sind vor allem Handlungen, die primär durch die eigentliche Geschichte und nicht nur Action getragen werden, geradezu prädestiniert dafür sich den typischen Graphic Novel-Look anzueignen.

Das haben auch Panini Comics in Deutschland erkannt und folgen nun dem Lizenzgeber DC mit zwei großformatigen Hardcovern, von denen ich hier den Titel „Batman Noir: Gotham by Gaslight“ besprechen möchte. Dieser versammelt zum ersten Mal die beiden Elseworld-Geschichten „Blutige Schatten der Vergangenheit“ (1989) und „Der Herr der Zukunft“ (1991).

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© Panini Comics

Beide Storys entstammen der Feder des Autoren Brian Augustyn, während sich mit  Eduardo Barreto und Mike Mignola zwei unterschiedliche Zeichner für die beiden Projekte zur Verfügung gestellt haben. Insbesondere Mignola sei hier gesondert erwähnt, den die meisten vermutlich aufgrund seiner Arbeit an Hellboy kennen sollten und dessen Werk vom legendären Alan Moore als Mischung aus Jack Kirby und dem deutschen Expressionismus bezeichnet wurde.

Inhaltlich steigt der Leser zum Ende des 19. Jahrhunderts auf einem Schiff ein, dass bald von London aus in Gotham einlaufen soll. Darauf befindet sich unter anderem Bruce Wayne, der zuvor unter den Fittichen von Sigmund Freud die Psychoanalyse in Wien studiert hat. Zeitlich passend hat kurz zuvor Jack the Ripper seine Mordserie in Whitechapel begangen und mit einem der Handlung vorangestellten fiktiven Brief von eben jenem Mörder darf man sich darauf einstellen, dass Gotham der nächste „Spielplatz“ seiner Wahl werden wird. Doch Jack hat in diese Rechnung Batman nicht einkalkuliert, der mit der Rückkehr Waynes natürlich ebenfalls sein wachsames Auge auf die Straßen der Metropole wirft. Was der dunkle Ritter jedoch selbst nicht erwartet, ist es mit seiner bürgerliche Fassade selbst in den Kreis der Verdächtigen zu geraten, was den Ursprung der blutigen Spur von der Themse bis zur Ostküste der USA anbelangt. Daher bleibt ihm nichts anderes übrig, als sich selbst auf die Jagd nach dem Ripper aufzumachen, um den Namen der Familie Wayne rein zu waschen. Zeitgleich entdeckt er allerhand weitere Geheimnisse, die sogar den Mord an seinen Eltern mit einschließen.

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© Panini Comics

Wie nebenbei lässt der Autor dabei zahlreiche Referenzen mit einfließen, die zum Beispiel den Ursprung bestimmter Bösewichte im Kontext der beschriebenen Zeit beinhalten, selbst wenn diese in „Blutige Schatten der Vergangenheit“ keine tragende Rolle spielen. Darunter zum Beispiel der Joker, dessen kurz zu sehendes Bild als eindeutiger Verweis auf die reale Inspiration durch den Stummfilm „Der Mann, der lacht“ (1928) zu verstehen ist. Hinzu kommen auch kleine Anspielungen für die im Comic-Bereich historisch interessierten Leser, die unter anderem eine Zeichnung von Bob Kane wiedererkennen sollten. Ganz generell sorgen Mignolas Zeichnungen in schwarz-weiß für eine Atmosphäre, die nicht nur aufgrund des teils deckungsgleichen Themas aus „From Hell“ (1989-1996) für schaurig-schöne Momente sorgt. Man darf darüber hinaus davon ausgehen, dass der Release beider Titel nicht ohne Grund auf das Jahr 1989 fiel, da die Morde sich erst im Jahr zuvor zum hundertsten Mal jährten und damit der Öffentlichkeit besonders präsent waren.

In der zweiten Geschichte „Der Herr der Zukunft“ wird wie schon erwähnt mit Augustyn der Autor beibehalten, während mit Eduardo Barreto ein anderer Künstler zum Zeichenstift greift. Wir befinden uns immer noch am Ende des 19. Jahrhunderts und Gotham City ist im Begriff die Weltausstellung vorzubereiten, die in der Realität um den gleichen Zeitraum in Chicago stattfand. Insbesondere der Bürgermeister, sowie eine Vielzahl an Bürgern sind Feuer und Flamme für die Idee eine so prestigeträchtige Veranstaltung auszurichten, während Bruce Wayne sich primär Gedanken darum macht seinen Umhang an den Nagel zu hängen. Doch es kommt natürlich anders als erwartet, als mit dem geheimnisvollen Alexandre LeRoi ein Mann eine Veranstaltung stürmt, die zur Planung der besagten Ausstellung einberufen wurde. Hier verlangt er unter einem zivilisationskritischen Pathos, den man durch den Besitz eines Luftschiffs und eines Roboters durchaus in Zweifel ziehen kann, die Absage der Weltausstellung. Sollte man seinem Befehl nicht Folge leisten, würde er die Stadt in Schutt und Asche legen. Wie nicht anders zu erwarten, sieht sich nun Bruce Wayne erneut in der Pflicht die Fledermaus-Haube überzuziehen und der plötzlichen Bedrohung auf den Grund zu gehen. Alles in allem eine runde Abenteuergeschichte mit Steam Punk-Flair und daher lesenswert, jedoch nicht auf dem selben Niveau wie der Vorgänger, was neben der tiefergehenden Handlung auch am Strich Mignolas liegt, der im Gegensatz zum ebenfalls großartigen Eduardo Barreto eine deutlich individuellere Note mit sich bringt.

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© Panini Comics

Das Gesamtpaket in Form des Sammelbands „Batman Noir: Gotham by Gaslight“ ist in diesem Sinne definitiv eine Anschaffung wert. Insbesondere wenn man die Geschichten noch nicht im eigenen Bücherregal stehen hat und sich für den Graphic Novel-Vibe einer schwarz/weißen Batman-Geschichte begeistern kann. Man darf gespannt sein, was Panini nach dem vorliegenden Band und „Der Tod der Familie“ als nächstes in das „Noir„-Programm aufnimmt.

Batman Noir: Gotham by Gaslight 
Verlag: Panini Comics
 
Autor: Brian Augustyn
Zeichner: Mike Mignola, Eduardo Barreto
Erschienen am: 12.05.2020 
Format: Hardcover
 
Seitenzahl: 124
Preis: 23 EUR