[Rezension] Star Wars Comics Library. Vol. 1. 1977-1979 (TASCHEN)

Stellt euch vor, es ist das Jahr 1977 und ihr kommt aus dem Kino, in dem ihr Star Wars gesehen habt. Es ist für euch kaum zu fassen, was ihr gerade erlebt habt. Ein Märchen aus einer weit entfernten Galaxie mit Figuren, die sich ins Gedächtnis gebrannt haben. Planeten, die eure Fantasie auf ewig beflügeln, und Musik, die nie wieder aus euren Ohren verschwinden wird. Ihr lechzt nach mehr und doch wird es auf absehbare Zeit keine Möglichkeit geben, noch tiefer in die Welt von George Lucas einzutauchen. Ein trauriger Zustand, nicht wahr? Das dachten sich sowohl Lucas als auch einige schillernde Namen aus dem Comic-Business und stellten eine der erfolgreichsten Reihen der grafischen Literatur auf die Beine. Doch so ein Selbstläufer, wie es den Anschein erweckt, war es nicht.

Marvel Comics sah das Unterfangen zunächst nämlich skeptisch. Die ersten Ausgaben sollten vor dem Kinostart veröffentlicht werden und bei dem, was man zu dem Zeitpunkt über die Story wusste, sah es zunächst nach einem finanziellen Risiko aus. Doch George Lucas wäre nicht George Lucas, wenn er nicht auch hier seinen Geschäftssinn smart einzusetzen wüsste (Stichwort: Rechte an Merchandise). Mit weiser Voraussicht stellte er die Lizenz an seinem geistigen Eigentum zunächst kostenlos zur Verfügung. Erst ab 100.000 verkauften Exemplaren sollte Marvel zahlen. Heutzutage ist es eine astronomische Ziffer, aber in den 70ern war es auch nicht einfach zu erreichen, wenn man kein vorhandenes Standing bei den Lesern hatte. Die Intuition hat aber nicht getäuscht. Die ersten von Roy Thomas (damals Chefredakteur von Marvel) geschriebenen und Howard Chaykin gezeichneten Hefte (später Autor Archie Goodwin und Zeichner Carmine Infantino) verkauften sich sage und schreibe eine Million Mal und übertrumpften damit vierfach The Amazing Spider-Man, welches zum damaligen Zeitpunkt der erfolgreichste Titel im Stall von Marvel war.

Neben dem kulturellen Phänomen Star Wars an sich konnte man sich ausrechnen, warum gerade Comics so einschlugen, wie sie es getan haben. Zwar wurden in den Jahren zwischen Eine neue Hoffnung und Das Imperium schlägt zurück einige lizenzierte Romane herausgebracht, aber wenn man wirklich regelmäßig in die Abenteuer um Luke, Leia und Han abtauchen wollte, waren Comichefte die erste Wahl. Bei einem monatlichen Erscheinungsrhythmus wird das Warten auf jeden Fall erträglicher.

Um ein klein wenig in diese Gefühlswelt eintauchen zu können, hat der TASCHEN-Verlag sich erneut nicht lumpen lassen und eine weitere Sammlung an digital restaurierten Comics im XXL-Format herausgebracht. Wer schon die Marvel-Bände oder die Carl-Barks-Collection sein Eigen nennen darf, der weiß, worauf man sich freuen darf. 23 mit Liebe aufbereitete Hefte, herausgegeben von Paul Duncan (unter anderem The Star Wars Archive), die sogar die aus heutiger Sicht bizarre Werbung für allerlei Krimskrams beinhalten. Wenn es um die Gestaltung der Inhalte selbst geht, darf man nicht viele Gemeinsamkeiten mit den Schauspielern wie Mark Hamill erwarten. Um Luke heroischer darzustellen, machte man ihn zum Beispiel einfach mal „kantiger“. Grundsätzlich ist die Optik für unsere aktuellen Lesegewohnheiten sehr archaisch. Sowohl was die Zeichnungen als auch die Farbgebung anbelangt, die das authentische Rastermuster ihrer Zeit beibehalten durfte. Wenn es um die Geschichten nach der Adaption des ersten Films geht, durfte man sich zwar austoben, aber nicht die Leitplanken schrammen, die zuvor von George Lucas aufgestellt wurden. Das heißt, man findet zwar einige Figuren und Plätze, die irgendwann in den Kanon übergegangen sind, aber nichts, was in irgendeiner Form den Ereignissen von Das Imperium schlägt zurück widersprechen könnte. So durften Luke Skywalker und Darth Vader sich nie direkt begegnen. Warum das so war, sollte auch für die Comic-Macher ein Geheimnis bleiben, bis die Fortsetzung in die Kinos kam. Das mindert aber zu keinem Zeitpunkt den Lesespaß und den historischen Blick auf den exzellent gedruckten Sammelband.

Zur Einordnung des Ganzen wird zudem ein Essay von Peter Sanderson vorangestellt. Seines Zeichens Comic-Historiker und erster Archivar bei Marvel Comics. Hier erfährt man alles von der Vorgeschichte über Widersprüche, Arbeitsprozess und Erfolge, die den Grundstein für etwas legten, was uns noch heute viel Freude bereitet. Unterfüttert wird das alles durch Archivmaterial wie Skizzen, Werbung und fertige Entwürfe, die alles noch etwas greifbarer machen. Sollte man sich nach der Lektüre den Details der Hefte und ihrer Macher widmen wollen, findet man im hinteren Teil des Buches schön aufbereitete Credits und Zusammenfassungen zu jedem einzelnen der Hefte sowie Biografien zu den Machern hinter den Geschichten vor langer Zeit, in einer weit, weit entfernten Galaxis.

Wer sich diesen Band besorgt, hat daher gleich in mehrfacher Hinsicht einen Glücksgriff gelandet. Zum einen wird man keine so hochwertige Reproduktion auf dem Markt finden, die zeitgleich so viel Authentizität ausstrahlt. Zum anderen wird man sowohl als Star Wars– als auch Comic-Fan (losgelöst voneinander) voll bedient. Nicht zu vergessen ist der historische Aspekt, wenn man bedenkt, dass man auf Material blickt, welches im nächsten Jahr seinen 50. Geburtstag feiern wird.

Star Wars Comics Library. Vol. 1. 1977-1979
Verlag: TASCHEN
Sprachen: Englisch
Format: Hardcover, 28 x 39,5 cm, 5,58 kg
Seitenzahl: 680
Preis: 175 EUR

[Rezension] Hal Foster’s Tarzan. The Complete Sunday Comics 1931–1937 (TASCHEN)

Die Figur des Tarzan ist ein fester Bestandteil der Popkultur, obwohl man vor allem in den letzten Jahren eher wenige Interpretationen des „Dschungel-Königs“ zu Gesicht bekommen hat. Angefangen bei den ersten Geschichten in Pulp-Magazinen und den Verfilmungen vor über 100 Jahren bis hin zu einer Disney-Adaption wurde wirklich jede Möglichkeit ausgeschöpft, um den Lendenschurzträger aus verschiedenen Perspektiven zu beleuchten. Leiser ist es vermutlich nur deswegen geworden, weil einige Aspekte der Geschichte für ein modernes Publikum als überholt und teilweise sogar problematisch gelten. Doch wie es bei vielen Figuren aus den frühen Tagen des 20. Jahrhunderts der Fall ist, bilden sie eine Basis für spätere Entwicklungen und bieten einen interessanten Blick auf den Zeitgeist vergangener Generationen.

Tarzan Hal Foster newspaper strips © ERB, Inc. All Rights Reserved. 

Eine ganz besondere Version des Charakters Tarzan haben wir Hal Foster zu verdanken, der noch vor seiner legendären Arbeit an Prinz Eisenherz die Zeitungsleser der 30er-Jahre mit der präzisen Anatomie seiner Helden und detailreich ausgeschmückten Landschaften zu begeistern wusste. Doch ein so geradliniger Weg zu Ruhm und Ehre war es nicht. Angefangen als Werbegrafiker war das Zeichnen von Comics für Foster kein vorgezeichneter Pfad. Trotz des Umstands, dass sein Auftrag, einen 60-teiligen schwarz-weißen Zeitungscomic auf Basis von Edgar Rice Burroughs Roman Tarzan of the Apes zu kreieren, in England ein Erfolg war, hatte Foster keinerlei Interesse daran, weitere Storys für den US-Markt anzufertigen. Doch als die Weltwirtschaftskrise mit ihrer vollen Wucht zuschlug, gab es so etwas wie Optionen nicht mehr, und der Künstler willigte ein, ganzseitige Tarzan-Abenteuer in Farbe für Sonntagsseiten zu gestalten. Geld musste verdient und eine Familie ernährt werden.

Dieser aus der Not heraus angenommene Job wurde mehr schlecht als recht bezahlt, und doch hatte er etwas Gutes. Die sieben Jahre (1931–1937), in denen Tarzan gegen Bösewichter, Fantasiewesen, Dinosaurier und andere Gegenspieler kämpfte, sorgten zusammen dafür, dass die Reihe zum beliebtesten Sonntagscomic ihrer Zeit wurde. Dadurch konnte Foster sich ab einem bestimmten Zeitpunkt die Freiheit nehmen, sich Stoffen zuzuwenden, die ihn persönlich interessierten und seinen Ruf als Legende der Comic-Branche endgültig zementierten. Nicht wenige andere große Namen nannten ihn deshalb als Inspiration, darunter auch Größen wie Frank Frazetta oder Jack Kirby. Wenn sich solche Halbgötter auf einen berufen, hat man definitiv etwas richtig gemacht.

Tarzan Hal Foster newspaper strips © ERB, Inc. All Rights Reserved. 

Dank des TASCHEN-Verlags darf man sich nun aber auch als Normalsterblicher die ersten Gehversuche im Bereich Abenteuer-Comic zu Gemüte führen. Denn mit Hal Foster’s Tarzan. The Complete Sunday Comics 1931–1937 liegt das gesamte Schaffen Hal Fosters zu der genannten Figur vor und das in einer Qualität, die ihresgleichen sucht. Neben dem opulenten XXL-Format wurde penibel darauf geachtet, den ursprünglichen Look beizubehalten. Gelungen ist das Ganze durch Reproduktionen aus den Originalzeitungen, die nicht nur die ursprünglichen Farben, sondern auch die charakteristische Ben-Day-Rasterung bewahrt haben. Dabei handelt es sich um einen Druckprozess mit Rasterfolien, die für den typischen Look alter Comics sorgen, bei dem Punkte zusammenhängende Farbflächen ergeben. Vorangestellt ist ein einleitender Text von Dian Hanson, die nicht nur den Werdegang Hal Fosters nachzeichnet, sondern parallel auch historischen Kontext bietet, um Tarzan im Rahmen seiner Zeit besser verstehen zu können.

Vor diesem Hintergrund können die abgedruckten Geschichten natürlich für sich selbst genossen werden, doch für moderne Leser sind sie in erster Linie eine Quelle, die man sowohl auf der Ebene der Comics als auch im Hinblick auf soziokulturelle Aspekte untersuchen kann. Lesegewohnheiten haben sich geändert, Darstellungsweisen haben sich glücklicherweise weiterentwickelt, doch als Kinder ihrer Zeit sind diese Abenteuer nach wie vor ein seltener und zugleich spannender Einblick in die Gedankenwelt der USA und damit stellvertretend in die westliche Hemisphäre des ersten Drittels des 20. Jahrhunderts. Wundert man sich einerseits über die damals öffentlichen Beschwerden zu Gewaltdarstellungen, die heutzutage niemanden mehr hinter dem Ofen hervorlocken würden, stoßen einem andererseits die Sexualisierung und teils eindeutig koloniale Blickwinkel mehrfach sauer auf. Im Kontext betrachtet ist beides jedoch Teil des Gesamterlebnisses, wenn man diesen mit Liebe gestalteten Band aufschlägt. In diesem Sinne: Wer sich auch nur ansatzweise für die Historie von Comics oder gesellschaftliche Entwicklungen interessiert, die sich an Medien ablesen lassen, muss sich Hal Foster’s Tarzan. The Complete Sunday Comics 1931–1937 ins Regal stellen.

Hal Foster’s Tarzan. The Complete Sunday Comics 1931–1937
Verlag: TASCHEN
Sprachen: Englisch, Deutsch, Französisch
Format: Hardcover, 34,4 x 44 cm, 5,19 kg
Seitenzahl: 392
Preis: 200 EUR

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[Rezension] Walt Disneys Donald Duck. Die ultimative Chronik (TASCHEN) + UPDATE: SIGNIERSTUNDE IN BERLIN!

Kunst-Enthusiasten, die einen breiteren Horizont haben, als es die bildungsbürgerliche Blase zulassen möchte, wissen seit vielen Jahren, dass auch populäre und dem Mainstream nicht fremde Erzeugnisse einen hohen kulturellen Wert besitzen, der sich nicht in den Hängungen großer Pinakotheken aufwiegen lässt. Dazu gehören selbstverständlich Comics und Trickfilme, die in den letzten Jahrzehnten einen größeren Abdruck im weltweiten Bewusstsein hinterlassen haben, als es viele vermeintlich große Namen jemals könnten. Dabei soll hier keine wertende Unterscheidung getroffen werden, sondern nur die Feststellung, dass in der Wahrnehmung von Menschen ein Ungleichgewicht herrscht, die an Kunst Kriterien anlegen, die letztlich nur der Abgrenzung dienen.

©Disney

Ein grandioses Beispiel dafür, wie sehr sich dieser Personenkreis irrt, ist Walt Disney, der sein Publikum unabhängig von Alter, Geschlecht, (sozio)kulturellem Hintergrund oder Bildungsgrad stets zu begeistern wusste und der Welt einen Konzern hinterlassen hat, der diesen Geist in seinen Produktionen bis heute verfolgt. Noch zu Lebzeiten schufen er und seine Mitarbeiter Figuren und Geschichten, die auch nach fast einem Jahrhundert nichts an Relevanz und Qualität eingebüßt haben. Allen voran natürlich das Maskottchen des großen Ds: Micky Maus. Wer kennt ihn nicht, den pfiffigen Nager, dessen Konterfei aus unserem Leben nicht wegzudenken ist? Kein Wunder, dass der TASCHEN-Verlag vor gut sechs Jahren der Figur eine im wahrsten Sinne des Wortes ultimative Chronik widmete – ein Meilenstein, dem eigentlich nichts das Wasser reichen könnte.

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Wäre da nicht ein weiterer Charakter aus dem bunten Repertoire des kalifornischen Studios, der zwar nicht als Disney-Stellvertreter auftritt, aber in seiner Beliebtheit jede andere Kreation übertrifft: Donald Duck, der berühmteste Erpel der Welt, der dieses Jahr sage und schreibe seinen 90. Geburtstag feiert. Dabei blieb er sich immer treu, wirkte jedoch nie altbacken. Sein Humor war stets schelmisch, aber nie bösartig; sein Einfluss immens, aber nie ein Selbstläufer. Donald ist damit nicht nur eine sprechende Ente, die Kinder unterhält, sondern ein Symbol, das nie aufgehört hat zu strahlen. Er hat es also allemal verdient, dass man ihm ebenfalls ein Denkmal setzt, welches demnächst erhältlich ist: Walt Disneys Donald Duck. Die ultimative Chronik.

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Beginnend mit dem Kurzfilm The Wise Little Hen aus der Silly Symphony-Reihe vom 9. Juni 1934, in dem Donald zwar noch nicht seine endgültige Form, aber bereits seinen Charakter erhielt, über zahllose Comics und Serien bis hin zu Merchandise und Kuriositäten wird wirklich kein Aspekt seines Lebenswerks ausgelassen. Es wäre natürlich keine typische TASCHEN-Publikation, wenn nur eine bebilderte Chronologie vorläge. Dank des Zugangs der Autoren (Animations- und Comic-Historiker David Gerstein sowie Filmhistoriker J.B. Kaufman) zu den Disney-Archiven sowie öffentlichen und privaten Sammlungen kann der geneigte Leser in Sphären eintauchen, die so nie der Öffentlichkeit zugänglich waren. So wird nicht nur von unvollendeten Projekten berichtet; diese werden auch durch zutage geförderte Story-Skizzen, Hintergrundbilder und historische Fotos eingerahmt, die Fans ins Staunen versetzen. Das gilt natürlich auch für die realisierten Werke mit Donald. Dabei wird jede Facette und Entwicklungsstufe der Figur beleuchtet, die in Teilen einen Spiegel weltweiter Entwicklungen des 20. Jahrhunderts darstellt. Ob es nun die Interpretation des wirtschaftlichen Aufschwungs des Westens, des amerikanischen Selbstverständnisses oder sogar Oscar-prämierte Gegenpropaganda während des Zweiten Weltkriegs war (etwa der großartige Kurzfilm The Fuehrer’s Face von 1943) – Donald war immer zur Stelle.

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Auch die Menschen hinter der Figur finden ihren Platz in diesem Band. Vor allem der als “Duck Man” verehrte Carl Barks wird in den Fokus gerückt. Dabei geht es nicht nur um sein bekanntes Werk, sondern auch um Überraschungen für Kenner, die glauben, schon alles zu wissen. So findet man beispielsweise noch nie zuvor gesehene Storyboard-Zeichnungen des Künstlers. Auch internationale Kreative werden gewürdigt, denn wer in Deutschland kennt nicht die italienischen Meister, die vor allem das Lustige Taschenbuch füllten und füllen, oder Werke europäischer Nachbarn, die Donald zwar auf eigene Weise interpretierten, seinem Kern jedoch stets treu blieben. So wird deutlich, dass Donald Duck zwar ein US-amerikanisches Original ist, aber im Laufe der Jahre zum Weltbürger wurde. Kein Wunder, dass er sich rühmen kann, häufiger als jede andere Figur (abgesehen von Superhelden-Kollegen) in Comics und auf Kinoleinwänden präsent gewesen zu sein. Wenn das nicht Beweis genug für seine Relevanz ist, die über reines Entertainment hinausgeht, dann ist den Kritikern wohl nicht mehr zu helfen. Für alle anderen ist die vorliegende Chronik eine unverzichtbare Anschaffung, die in jedes Regal eines Donald-Fans gehört.

Walt Disneys Donald Duck. Die ultimative Chronik
Verlag: TASCHEN
Herausgeber: Daniel Kothenschulte
Autoren: David Gerstein, J.B. Kaufman
Sprache: Deutsch, Französisch, Englisch
Format: Hardcover, 28 x 39,5 cm, 5,09 kg
Seitenzahl: 564
Preis: 175 EUR

UPDATE: Am 7. März werden sich der Herausgeber Daniel Kothenschulte und der Disney-Zeichner Ulrich Schröder im Berliner Flagship-Store von TASCHEN persönlich die Ehre geben und Walt Disneys Donald Duck mit einer Unterschrift bzw. Zeichnung veredeln!

Veranstaltung: Signierstunde mit Herausgeber Daniel Kothenschulte und Comic-Illustrator Ulrich Schröder im TASCHEN-Flagship-Store in Berlin
Ort: Schlüterstraße 39, 10629 Berlin
Zeit: Freitag, 07.03.2025, 17 bis 18 Uhr

[Rezension] Marvel Comics Library. X-Men. Vol. 1. 1963–1966 (TASCHEN)

Viele Teenager, insbesondere diejenigen, die sich Produkten wie Comics oder Fantasy-Romanen widmen, neigen dazu in fremde Welten abzutauchen, da sie sich als Außenseiter verstehen. In diesem Sinne eine Gruppe an Menschen, die sich von der Mehrheitsgesellschaft missverstanden fühlt und sich daher beweisen muss. Die kreativen Köpfe bei MARVEL, allen voran Stan Lee, haben das schon früh verstanden und versucht ihren Leserinnen und Lesern Vorbilder und Helden an die Hand zu geben, mit denen sie sich identifizieren können. Darunter bis heute legendäre Charaktere wie Spider-Man, die Avengers oder die Fantastic Four. So unterschiedlich wie sie alle anmuten, haben sie doch eine Sache gemeinsam: Mit wenigen Ausnahmen erhielten sie ihre übermenschlichen Kräfte durch Experimente oder Unfälle und damit erst im Laufe ihres Lebens. Dadurch konnten Fans sich zwar dem heimlichen Wunschtraum hingeben eines Tages an ihrer Seite kämpfen zu können (wer weiß, wann man mal einer radioaktiven Spinne begegnet?) aber die einschneidenden Veränderungen in Körper und Geist eines Teenagers konnten nie abgebildet werden.

Genau hier setzte Stan Lee an, als er von MARVEL-Verleger Martin Goodman den Auftrag bekam eine weitere Comic-Reihe zu entwickeln. Aus der Not heraus, dass es sich als schwierig gestaltet einem ganzen Team Ursprungsgeschichten zu verpassen, beschloss er, dass seine neuen Figuren schon mit ihren Fähigkeiten, die sich erst mit dem Einsetzen der Pubertät zeigen, geboren werden sollten und damit als Mutanten galten. Eine bessere Metapher für den Übergang von Kindes- zu Erwachsenenalter hat es in der Comicwelt zuvor noch nicht gegeben. Damit waren die X-Men geboren (Menschen mit „x-tra“ Kräften). Zusätzlich wurde in den hitzigen 60ern sogar eine politische Dimension eingebracht. Eine Gruppe an Menschen, die aufgrund ihrer von Natur aus gegebenen Erscheinung gefürchtet, missverstanden und verfolgt wurde, hat bei nicht wenigen auch Assoziationen mit der Realität ausgelöst (Stichwort „Bürgerrechtsbewegung“). Trotz dieses vielversprechenden Ansatzes konnte die Reihe jedoch nicht an die hohen Auflagen der schon erwähnten Titel anknüpfen und spiegelte damit den „Underdog“-Status der Figuren wieder. Eventuell war die Welt noch nicht bereit für uniform auftretende Teams? Vielleicht galten die dargestellten Kräfte nicht als cool? Man wird es wohl nie erfahren. Trotzdem wurde hier die Basis für etwas gelegt, was sich als eine über Dekaden laufende Erfolgsgeschichte entpuppen sollte. Vor allem ab den 70er Jahren stoßen plötzlich Figuren wie Wolverine oder Storm hinzu, definieren das Bild der X-Men und steigern damit die Popularität, die bis heute anhält.

Doch ohne die Ursprünge, lassen sich spätere Erfolge trotzdem nicht erklären. Genau hier setzen TASCHEN erneut mit ihrer beliebten Marvel Comics Library-Reihe ein und liefern mit X-Men. Vol. 1. 1963–1966 den Lesern endlich ein weiteres Must-Have für Sammler, Comic-Historiker und offene Kunstinteressierte. Man darf sich wie schon bei den drei Vorgänger-Bänden auf die ersten 21 Hefte freuen, die in diesem Fall zwischen 1963 und 1966 veröffentlicht wurden. Erneut in enger Zusammenarbeit mit CGC entstanden, wurden für die XXL-Reproduktionen ausschließlich makellose Originalausgaben herangezogen, Seite für Seite fotografiert und mit moderner Retusche-Technik zum bestmöglichen Produkt verwandelt. Um den Retro-Charme zu steigern, wurde für die Comic-Seiten ein eigens dafür entwickeltes ungestrichenes Papier verwendet, welches die Haptik der Hefte aus den 60er Jahren simulieren soll. Ein wahres Fest für Enthusiasten, die dem Original nahe kommen wollen.

Inhaltlich lernt man die erste Generation an Helden und Schurken kennen, von denen einige uns bis heute erhalten geblieben sind. Cyclops, Beast, Professor Xavier, Magneto, Quicksilver, Scarlet Witch, Juggernaut und viele mehr werden von Stan Lee eingeführt und vom legendären Jack Kirby visuell einzigartig in Szene gesetzt. Den Kern bildet dabei auf lange Sicht die Konfrontation zwischen den X-Men und der Bruderschaft böser Mutanten, die jeweils eine eigene Vorstellung davon haben, wie die Stellung der Mutanten innerhalb der Gesellschaft aussehen soll.

Auch auf der Meta-Ebene tut sich in den den drei präsentierten Jahren einiges. Ab einem bestimmten Zeitpunkt überlassen nämlich Lee und Kirby den Platz zwei weiteren (zukünftigen) Giganten der Comic-Branche. Niemand Geringeres als der Zeichner Werner Roth und Autor Roy Thomas übernahmen den Titel und begannen damit eine langjährige gemeinsame Arbeit, die ihre Karrieren beschleunigen und ihren Status zementieren sollte.

Doch auch heute angefertigte Texte und kontextualisierte Originalzeichnungen, Fotos und Erinnerungsstücke finden Eingang in Marvel Comics Library. X-Men. Vol. 1. 1963–1966. In einem Vorwort nimmt Chris Claremont (16 Jahre lang Autor für X-Men) den Leser an die Hand und übergibt ihn an seinen Kollegen Fabian Nicieza, der in einem ausführlichen Essay die Entwicklung der Reihe über die ersten Jahre ihrer Entstehung nachzeichnet. Dadurch wird das Lesen nicht einfach zu einer simplen „Zeitreise“ für Nostalgiker, sondern ein Ritt durch Popkultur, Geschichte und Politik und damit genau das was erfolgreiche Comics ausmacht. Sie sind Unterhaltung und zeitgleich das Produkt eines Zeitgeistes. Genau dieser Punkt wird durch diese qualitativ in nichts nachstehenden Publikation mehr als deutlich unterstrichen. In diesem Sinne handelt es sich bei dem Band nicht einfach um eine Neuauflage für diejenigen, die eine hübsche Kopie im Schrank stehen haben wollen, sondern um ein Stück Zeitgeschichte, welches das Herz von Fans und alle jenen die es noch werden wollen höher schlagen lässt. All jene, für die Geld zumindest in solchen Fällen eine untergeordnete Rolle spielt, können außerdem zu einer auf 1.000 Stück limitierten Version greifen, die in Kunstleder gebunden und eingefasstem ChromaLuxe-Aluminiumprint im Schuber geliefert wird. Alle anderen können mit etwas Glück auch ein Exemplar der ersten Auflage (Famous First Edition) ergattern. Diese ist nummeriert und macht sich nicht minder hübsch in einer gut sortierten Sammlung.

Marvel Comics Library. X-Men. Vol. 1. 1963–1966
Verlag: TASCHEN
Sprache: Englisch
Format: Hardcover, 28 x 39.5 cm, 4.67 kg
Seitenzahl: 666
Preis: 150 EUR

[Rezension] Marvel Comics Library. Spider-Man. Vol. 1. 1962-1964 (TASCHEN)

Schon seit vielen Jahren dominieren Marvel Comics die Popkultur in Filmtheatern und Bereichen des Merchandise. Hierbei standen bis vor kurzem primär Charaktere rund um die Avengers im Mittelpunkt des Interesses. Dies änderte sich schlagartig, als Disney (die sich Marvel einverleibt haben) Spider-Man als „Leihgabe“ von Sony in ihr Film-Universum integrierten. Seit Tom Holland den Netzschwinger mimt, entwickelt sich die Figur erneut zum Aushängeschild und zieht damit eine Nachfrage bezüglich Merch, Sekundärliteratur und vor allem Comics nach sich, wie es sie über lange Zeit nicht gab.

Deswegen ist es nicht verwunderlich, dass auch TASCHEN die Zeichen der Zeit erkannt hat und passend zum Release des neuesten Kinofilms Spider-Man: No Way Home, mit ihrem neuesten Titel Marvel Comics Library. Spider-Man. Vol. 1. 1962-1964 aufwartet. Hierbei handelt es sich aber entgegen früherer Veröffentlichungen aus dem Verlagshaus, nicht um Sekundärliteratur zur Historie, sondern um den Abdruck der ersten 21 Geschichten des Wandkrabblers aus den Jahren 1962 bis 1964 im XXL-Format. Damit wird die ursprüngliche Version der Figur von Autor Stan Lee und Zeichner Steve Ditko präsentiert.

Nun könnte man als langjähriger Fan dem Trugschluss aufsitzen, dass hier wie in vielen Jahrzehnten zuvor alter Kaffee vorgesetzt wird, um Fans so zu melken, dass diese es nicht einmal merken. In diesem Fall könnte man garnicht weiter von der Wahrheit entfernt sein. Richtig ist, dass hier, eingeleitet durch ein ausführliches Essay des Marvel-Redakteurs Ralph Macchio, Ausgaben von Spider-Man geboten werden (inklusive obskurer Werbeanzeigen, Leserbriefe usw.). Der entscheidende Unterschied ist jedoch nicht die inhaltliche, sondern die visuelle Nähe zu den Originalen von vor fast 60 Jahren. Es wurde bewusst darauf verzichtet die Panels neu zu kolorieren. Stattdessen wurden die makellosesten Ausgaben zur Hand genommen und für die Reproduktion abfotografiert. Dem geneigten Sammler sind die Preise der genutzten Hefte bekannt. Daher war diese Herangehensweise nur in direkter Zusammenarbeit mit Marvel und CGC (Certified Guaranty Company) möglich, die entsprechende Schätze verwalten. Eine digitale Retusche wurde nur genutzt, um Fehler des ursprünglich billigen, unvollkommenen Drucks der damaligen Zeit zu korrigieren. Man erinnere sich an die Cent-Preise für besagte Ausgaben und das damit zusammenhängende Papier. Damit bekommt man die Geschichten in einer annähernd ans Original heranreichenden Größe und Qualität, die man so wohl nur in den Händen halten könnte, wenn man in der Zeit zurückreisen und sich ein Heft aus einer erstklassigen Druckmaschine der 60ern ziehen würde.

Dabei ist das noch nicht alles. Zu den Storys gesellen sich eine Comicografie der abgedruckten Ausgaben samt Inhaltsangabe, Biografien u.a. von Stan Lee, Steve Ditko, Martin Goodman und Jack Kirby, sowie eine wunderschöne s/w Version der allerersten Spidey-Geschichte aus Amazing Fantasy No. 15. Insbesondere Letzteres ist nicht nur eine Augenweide, sondern ein wahrer Schatz für langjährige Fans. Näher an den Ursprung, als mit einem Blick auf Kirbys getuschten Seiten, kommt man der legendären Figur nicht.

Alles in allem handelt es sich bei Marvel Comics Library. Spider-Man. Vol. 1. 1962-1964 nicht einfach nur um eine Ergänzung der Sammlung von Liebhabern der Materie, sondern um die qualitativ wohl hochwertigste Reproduktion von Spider-Man Comics, die man zum aktuellen Zeitpunkt erwerben kann. Sollte man zudem einer der ersten 5.000 Besteller/innen des Bandes sein, darf man sich darüber freuen, eine nummerierter Erstauflage zu bekommen. Darüber hinaus können sich Marvel-Fans jetzt schon für 2022 bzw. 2023 bereit machen, da TASCHEN schon folgende Titel in Planung hat:  Avengers. Vol. 1. 1963–1965, Fantastic Four. Vol. 1. 1961–1963 und Captain America.

Marvel Comics Library. Spider-Man. Vol. 1. 1962
Verlag: TASCHEN 
Sprache: Englisch
Autoren: Ralph Macchio, David Mandel
Format: Hardcover, 44 x 30 cm, 4,83 kg
Seitenzahl: 689 
Preis: 150 EUR 

[Rezension] Skulldigger und Skeleton Boy (Splitter)

Was soll man eigentlich nach so vielen Bänden aus dem Black Hammer-Universum über Jeff Lemire und seinen schier unaufhörlichen Output sagen? Er schafft es beständig Qualität und Quantität zu verbinden und damit den Hunger seiner Fans zu stillen, während Kritiker seine Geschichten höchstens im internen Vergleich als weniger gut oder besser, aber niemals schlecht einordnen. Diesem Credo folgt nun auch die neueste Veröffentlichung unter dem Titel Skulldigger & Skeleton Boy.

© Splitter

Diesmal mit dem kroatischen Zeichner Tonci Zonjic an seiner Seite, entführt uns Lemire in seiner Geschichte erneut nach Spiral City und stellt uns den Antihelden Skulldigger vor, der rastlos Verbrecher jagt und diese unter anderem mit seinem an einer Kette befestigten Totenschädel unter die Erde bringt. Doch zunächst beginnt die Geschichte mit einem Jungen, dessen Eltern bei einem Raubüberfall sterben, während er als Waise überlebt. Klingt irgendwie vertraut? Das ist wie bei Black Hammer üblich gewollt und geht wie gewohnt als charmante Hommage mit einem speziellen Twist durch. Denn besagter Junge wird nicht zu einer Art Batman oder Robin, sondern gesellt sich als der Sidekick Skeleton Boy an die Seite von Skulldigger, um ebenfalls zum Verbrecherjäger ausgebildet zu werden. Dabei sind jedoch Gnade und Achtung vor dem Gesetz wie zu erwarten zweitrangig. Um die Grundlage der vorliegenden Geschichte zu vervollständigen, haben wir außerdem eine fast schon besessene Ermittlerin, die Skulldigger hinter Gittern bringen will und mit Grimjim einen Halbdämon, der Chaos sät und Spaß daran zu haben scheint ein düsteres Geheimnis mit sich herumzutragen.

© Splitter

Betrachtet man all diese Versatzstücke, entdeckt man, dass hier nicht nur eine Verbeugung vor dem Schaffen eines Frank Miller (Batman, Daredevil) vorliegt, sondern die Referenzen sich über alle Grenzen des Superhelden-Genres hinweg erstrecken. Wir entdecken Verweise auf Ghost Rider, Spawn, den Punisher und so viel mehr, dass einem als Kenner der Materie die Augen übergehen. Dabei schafft es Lemire wie immer gekonnt die genannten Vorbilder als Sahnehäubchen auf einer eigenständigen Geschichte zu platzieren und damit Black Hammer nach wie vor als eigenständiges Universum darzustellen. Die Figuren haben eigene Charakterzüge und Motive, fungieren nicht einfach als Projektonsflächen und die Handlung, von der nicht zu viel vorweg genommen werden soll, wird von einem realen Spannungsbogen vorangetrieben. In diesem Sinne wird die gewohnte Qualität eines Lemire präsentiert, die Fans seines Schaffens wunschlos glücklich machen sollte.

© Splitter

Auf der visuellen Seite des Projekts bietet Toni Zonjic verhältnismäßig ungewohnte Kost, da diesmal auf eine fast schon als klassisch geltende Superhelden-Optik gesetzt wird, die oft an Millers Werke um den dunklen Ritter erinnert, während der Look auf der anderen Seite doch etwas „cleaner“ erscheint. Dadurch entsteht ein roher Realismus, den man von Black Hammer in dem Ausmaß nicht kennt. Selbst die weniger abstrakten Titel spielten oft mit leicht „cartoonesken“ Elementen, während hier gefühlt die 80er und 90er mit ihrer geerdeten Art anklopfen. Eine nicht geringe Rolle übernimmt dabei auch die Farbgebung, die nur selten eine ganze Palette aufzeigt, sondern mit einzeln ausgewählten, auf die Stimmung angepassten Spektren die Handlung zu unterstreichen weiß. Dieser reduzierte Einsatz trägt mitunter zum rauen Feeling bei, welches Perfekt zur Story und den eiskalt agierenden Figuren passt.

© Splitter

Skulldigger & Skeleton Boy ist in dem Sinne zwar, wie die anderen Spin-Offs der Reihe, eine weitere Verneigung von Genres und Künstlern, funktioniert aber trotzdem geradezu mit Leichtigkeit als eigenständige Geschichte, die in ihrer Gesamtheit zu überzeugen weiß. Daher ist der Titel nicht nur ein Must-Have für Sammler von Lemires Output, sondern ein Tipp für alle, die sich für rohe Action und menschliche Abgründe in Comics begeistern können.

Skulldigger & Skeleton Boy
Verlag: Splitter 
Künstler: Tonci Zonjic
Autor: Jeff Lemire
Format: Hardcover
Seitenzahl: 168 
Preis: 24 EUR 

[Rezension] Vatermilch: Buch 1 – Die Irrfahrten des Rufus Himmelstoss (Carlsen)

München der 1970er Jahre. Ein Ort mit dem man, wenn schon nicht das Oktoberfest, zunächst die Schickeria mit all ihren amüsanten aber auch dekadenten Seiten assoziiert. Eine Gemeinschaft in der Geld und Schampus fließen, Prestige und Sex Hand in Hand gehen und der Lokalpatriotismus auf eine ganz eigene Art zelebriert wird. In den Augen einiger Menschen ist diese oberflächliche Melange, trotz nicht vorhandener finanzieller Mittel, das anvisierte Lebensziel. Ob man hierfür über die eigenen Verhältnisse lebt und Freunde und Familie vergrault, scheint im so manchem narzisstischen Fiebertraum nachrangig zu sein, selbst wenn ein Absturz unvermeidbar ist.

Genau das ist dem Vater von Uli Oesterle, Autor und Künstler hinter dem bei Carlsen erschienene Band „Vatermilch: Band 1 – Die Irrfahrten des Rufus Himmelstoss“ widerfahren. So verließ er hochverschuldet und alkoholkrank die Familie, rutschte zeitweise in die Obdachlosigkeit und blieb seinem Sohn bis zu seinem Lebensende fremd. Aufgrund des damals sehr jungen Alters, blieben dem Autor nur bruchstückhafte Erinnerungen und später zu Ohren gekommene Gerüchte, um das Bild eines Mannes zu rekonstruieren, den er nie wirklich kannte. Trotzdem oder gerade deshalb versucht er nun Jahre nach dem Tod seines Vaters dieser Person näher zu kommen, indem er seinen Weg in vier Bänden, von denen der erste nun vorliegt, nachzeichnet. Inspiriert ist der Inhalt dabei zwar von realen Ereignissen, die vorhandenen Leerstellen in der Realität werden aber mit Erfundenem aufgefüllt. Dabei hat Oesterle generell keinen Anspruch an eine realitätstreue Genauigkeit, sondern möchte neben dem sehr persönlichen Aspekt bei der Erstellung der Graphic Novel, die Leser auch unterhalten. Das gelingt ihm, indem er zwar reale Rahmenbedingungen wie den Alkoholexzess, das Zurücklassen der Familie und den Absturz beibehält, aber spannende Aspekte wie einen tödlichen Autounfall und Interaktionen mit der Münchner Schickeria-Szene und dem Obdachlosen-Milieu einfließen lässt. Dadurch wird aus einer intimen Familientragödie schnell eine facettenreiche Handlung mit Elementen des Krimis, die vor allem durch eine starke Authentizität zu überzeugen weiß.

So beginnt die Story gleich mit einigen Eckpunkten der Charakterisierung von Rufus Himmelstoss, der Vaterfigur in der Handlung, der zwar aus kleinbürgerlichen Verhältnissen stammend sein täglich Brot als simpler Markisenvertreter verdient, sich aber zu Höherem berufen fühlt. Das versucht er in erster Linie sich selbst zu beweisen, indem er in angeheitertem Zustand Kundinnen verführt, seinen „Freunden“ und Kollegen einen überbrodelnden beruflichen Erfolg und seiner zuhause alleine mit dem Kind sitzenden Frau eine dichte Auftragslage vorgaukelt. Zeitgleich stürzt er sich nachts in die glitzernde Welt der Schickeria, lässt auf pump Runden an Alkohol springen, zieht wie nebenbei Koks und präsentiert sich vor unbedarften Frauen als Macher. Daher kommt es, zumindest für Umstehende, nicht überraschend als das Finanzamt einen fünfstelligen Schuldenberg vorlegt und eine unter Alkoholeinfluss durchgeführte Autofahrt zum großen Fiasko und in der Quintessenz zum Bruch mit der Familie und Gesellschaft führt.

Die Geschichte wird dabei durch Kapitel aus der Gegenwart aufgebrochen, die das Leben von Victor, dem nun erwachsenen Sohn von Rufus porträtieren. Dieser hat inzwischen selbst Frau und Kind, aber leider auch die ein oder andere Verhaltensweise seines Vaters übernommen. Zwar bricht der offensichtliche Narzissmus seines Erzeugers nicht so extrem heraus, aber einzuhaltende Abmachungen mit seiner Frau und einen gesunden Umgang mit Alkohol nimmt auch er nicht allzu ernst. Das sind Erkenntnisse, die Victor schon bald selbst wahrzunehmen beginnt und diese dabei in einem Zwiegespräch mit einer von ihm erfundenen Comic-Figur (er arbeitet als Comic-Künstler) thematisiert. Der hier aufgemachte Twist ist die Tatsache, dass obwohl Victor offensichtlich das Alter Ego Uli Oesterles ist, die eben erwähnte Comicfigur eine Karikatur des realen Künstlers sein soll, die sogar den selben Namen trägt. Mehr Meta geht nicht. Dadurch schafft er es nicht nur den Umgang mit der fehlenden Vaterfigur, sondern auch die an sich selbst gerichteten Zweifel in einem Diskurs zu verarbeiten. Ein mutiger Schritt, da eine surreale Ebene aufgemacht wird, die aber nie deplatziert wirkt, sondern sich perfekt in die einordnenden Kapitel der Gegenwart fügt.

Dabei schafft es Oesterle all seinen Figuren Seele und damit Authentizität einzuhauchen, die den Leser mitfiebern, lachen und leiden lassen. Das ist vor allem deswegen ein kleines Kunststück, da kein Charakter auf einer einzelnen Person aus der Realität basiert. So ist Rufus zwar offensichtlich Ulis Vater Peter Oesterle nachempfunden, seine vor Narzissmus strotzenden Charakterzüge, in denen echte pathologische Merkmale zu entdecken sind, wurden aber von mehreren Menschen inspiriert, die der Autor im Laufe seines Lebens kennenlernen „durfte“. Unterstrichen wird die Authentizität durch die meisterhaften Zeichnungen und die damit verbundene, stets greifbar wirkende Gestik und Mimik der Charaktere.

In der Gesamtheit ist „Vatermilch: Band 1 – Die Irrfahrten des Rufus Himelsstoss“ daher nicht nur eine definitive Kaufempfehlung, sondern eine Produktion, die qualitativ zu den besten Veröffentlichungen 2020 im deutschsprachigen Raum gezählt werden darf. Nicht ohne Grund dürfen sich Uli Oesterle und Carlsen über die schon zweite Auflage in den Regalen der Republik freuen, die sicherlich auch glückliche Abnehmer finden wird. Die Vorfreude auf die drei weiteren Bände der Reihe wird bei ihnen mit Sicherheit mindestens genauso groß sein wie beim Autor dieser Zeilen.

Vatermilch: Band 1 - Die Irrfahrten des Rufus Himmelstoss 
Verlag: Carlsen  
Autor: Uli Oesterle
Zeichner: Uli Oesterle
Format: Hardcover 
Seitenzahl: 128
Preis: 20 EUR

American Gods – Schatten Buch 2 (von 2)

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Fleißige Serienjunkies kennen den Titel des finalen Bands von Neil Gaiman spätestens seit dem gleichnamigen Release auf Amazon Prime Video und erfreuen sich seitdem am blutig-okkulten Feuerwerk „American Gods„.

Trotzdem wissen erstaunlich wenig Fans um den Fakt, dass die Geschichte ursprünglich als Roman ihren Weg in die Läden fand und der vorliegende Comic sich deswegen nicht an der Serie, sondern an der Ursprungsveröffentlichung des „Sandman„-Erfinders Gaiman orientiert.

Schon der erste Band, den ich im Zuge des Gratis Comic Tags 2018 in einem YouTube-Video besprochen habe, hat mich positiv überrascht. Zunächst von der Fantasy-Aufmachung des Titels abgeschreckt, habe ich eine ganze Weile einen Bogen um diesen Splitter-Release gemacht, bis ich mich im nachhinein extrem darüber geärgert habe, meinen Horizont selbst derart beschränkt zu haben. Nun bin ich, was Vorurteile anbelangt, eines besseren belehrt worden und habe mir sofort nach Release den Abschluss der tollen Geschichte geholt, die unter dem Titel „Schatten Buch“ firmiert.

Hier wird der Leser genau an der Stelle abgeholt, wo er zum Ende des ersten Bands zurück gelassen wurde. Der Hauptprotagonist Shadow ist, nach mehrjähriger Haftstrafe und dem Tod seiner Frau, immer noch mit seinem geheimnisvollen neuen Arbeitgeber Mr. Wednesday unterwegs. Auf eben dieser Reise begegnen die zwei immer wieder alten Bekannten von Shadows Chef, die sich mal mehr oder weniger verdeckt, als im zivilen Leben angepasste Götter der alten Welt herausstellen. Ob nun ehemaliger Schlächter oder alte Hausfrau – jeder hat sein Plätzchen gefunden. Nun versucht Mr. Wednesday die alten Recken zusammenzutrommeln, um sich den neuen Göttern der Moderne entgegenzustellen. Diese sind nicht mehr die mystischen Gestalten einer Mischung aus Traum und Albtraum, sondern die flimmernden Götzen des Konsums.

Zu Beginn von Band 2 befinden wir uns am Zielort des Treffens der alten Götter, die aber bei weitem nicht so zahlreich erschienen sind wie erhofft. Daher geht die Reise schon nach kurzer Zeit weiter und führt das Duo in das abgelegene Nest Kairo, dass seinem Namen durch die Anwesenheit einiger ägyptischer Gottheiten, die sich als Bestatter verdingen, mehr als gerecht wird. Hier scheint auch für Shadow so etwas wie Ruhe greifbar zu sein, indem er sich den nun menschlichen Überwesen anschließt und ihnen bei ihrer Arbeit unter die Arme greift.

Doch die Geschichte wäre nicht so spannend, wie sie nun mal ist, wenn hier alles nach Plan laufen würde. So platzen unverhofft alte Bekannte in Shadows neues Leben, neue Bekanntschaften lassen ihn an seinem Verstand zweifeln und die aktuelle Umgebung scheint auch nicht der Normalität zu entsprechen, die er sich so sehr wünscht…

Mehr zum eigentlichen Inhalt zu verraten, würde fast schon unter Spoiler fallen und der Komplexität der dargestellten Ereignisse einfach nicht gerecht werden. Daher sei als Ergänzung nur noch erwähnt, dass man im Verlauf der Handlung nicht nur Shadow über die Schulter blicken kann, sondern auch mit kleinen Rückblenden erklärt bekommt, wie sich die Götter und andere Wesen der alten Welt in den USA der Gegenwart eingerichtet haben. So wird dem Ganzen eine weitere Facette und damit zusätzliche Tiefe verliehen, die das Konstrukt um „American Gods“ noch durchdachter erscheinen lässt, als es ohnehin schon der Fall ist.

Das spricht vor allem für Neil Gaimans genialen Geist, der es schafft, sich konstant und über mehrere Medien hinweg zu beweisen und damit deutlich zu machen, dass eine gute Geschichte in jeder Erzählform funktionieren kann.

Natürlich werden aber Projekte, wie das hier vorliegende, nur selten alleine umgesetzt. Daher stand dem Großmeister unter anderem P. Craig Russell zur Seite, der die Ideen und Dialoge Gaimans in Skript und Layouts verschmelzen ließ. Doch was nützt das schönste Comic-Skript, wenn nicht der passende Zeichner mit an Bord ist? Doch auch hier wurde nicht gekleckert, denn mit Scott Hampton hat man die perfekte Besetzung gefunden, um die Stimmung der Handlung optimal an den Leser heranzutragen.

Dabei füllt er die Panels mit recht groben und flächigen Pinselstrichen, die in ihrer Gesamtheit eine tolle Komposition ergeben, die die Surrealität der Ereignisse perfekt einfängt, ohne zu sehr von der eigentlichen Geschichte abzulenken.

Garniert wird der Band außerdem mit einem reichhaltigen Bonusteil, der einen Haufen Variant-Cover der US-Ausgaben, sowie Skizzen-Entwürfe und Original-Seiten enthält, die den Entstehungsprozess einzelner Panels und Abschnitte wiedergeben.

Alles in allem liegt hier ein schöner Abschluss-Band vor, der aber so offen gelassen ist, dass einer Fortsetzung zumindest in der Theorie nichts im Wege steht. Visuell und erzähltechnisch wurde hier in jedem Fall ganze Arbeit geleistet, die von der ersten bis zur letzten Seite zu unterhalten weiß und einem als Leser erneut vor Augen führt, wie viele Arten an Storys es gibt, die durch grafische Literatur zum Leben erweckt werden können. Eine klare Empfehlung meinerseits, die sich schön im Regal macht und mit zwei Bänden auch für die Sammler nicht zu sehr auf dem Geldbeutel lastet.

American Gods - Schatten Buch 2 (von 2) 
Verlag: Splitter Verlag
Erschienen am: 23.04.2018 
Autor: Neil Gaiman, P. Craig Russell
Zeichner: Scott Hampton
Format: Hardcover 
Seitenzahl: 152
Preis: 19,80 EUR

The Death of Stalin

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Die meisten werden den Titel dieses Comics in einem anderen Zusammenhang gehört haben, als sie in den letzten Wochen eine Zeitung aufgeschlagen oder die Nachrichten angesehen haben. „The Death of Stalin“ wurde als Film in Russland verboten, weil dieser in den Augen der Zensoren (oder offiziell Kultusministerium genannt) einen Angriff auf die Kultur des Landes darstellen soll. Eine ziemlich gewagte Aussage, wenn man an einen paranoiden Massenmörder denkt, doch die im Zuge eines aufkeimenden Nationalismus voranschreitende Rehabilitierung scheint zu fruchten. Ein Sieg über den Faschismus überschattet dabei so sehr die unfassbaren Verbrechen Stalins, dass eine humoristische Kritik wohl in die Kategorie Landesverrat fällt.

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©Splitter

Was in dem Zusammenhang nur wenige wissen ist, dass der Film auf einem Comic von Fabien Nury und Thierry Robin aus dem Jahr 2010 basiert und nun (vermutlich im Zuge des kleinen Hypes um den Kino-Release) zum ersten Mal auf deutsch beim Splitter-Verlag erscheint.

Wie der Titel des Bandes schon verrät, dreht sich alles um die absurden Abläufe nach Stalins Tod, die sich primär aus dem Chaos innerhalb des kommunistischen Zentralkomitees speisen. Schon am 02.03.1953, dem Tag an dem der sowjetische Diktator einen Schlaganfall erleidet, der kurze Zeit später tödlich verläuft, spielen sich Szenen ab, die man sich kaum vorstellen kann. Leute wie der Innenminister Lawrenti Beria, der den Fokus der Geschichte großteils auf sich zieht, oder der spätere Generalsekretär Nikita Chruschtschow bieten sich dabei einen Schlagabtausch aus Intrigen, Denunziationen und menschlichen Abgründen, den man sich bei Personen in Machtpositionen generell nicht vorstellen möchte. Dabei wird überspitzt(?) die Absurdität eines zum Scheitern verurteilten Systems anhand von Situationen, wie der Bestimmung eines behandelnden Arztes dargestellt: So muss einstimmig beschlossen werden, welche Mediziner konsultiert werden sollen um sich um Stalin zu kümmern, wobei sich die Auswahl durch die zuvor denunzierten und daraufhin liquidierten jüdischen Top-Ärzte ziemlich verengt. Erschwerend kommt hinzu, dass die Entscheidung darüber vertagt(!) werden soll, da sich das Zentralkomitee vor der möglichen Reaktion Stalins fürchtet, sollte er doch überleben.

In diesem Sinne ist „The Death of Stalin“ eine bitterböse Realsatire, die unverblümt den Kampf in einem Machtvakuum beschreibt, dass selbst nach dem Tod des Sowjet-Diktators von diesem bestimmt zu sein scheint. Jede Handlung wird mit dem vermuteten Willen Stalins abgewogen, während Pläne geschmiedet werden die politischen Mitbewerber auszuschalten. Dagegen wird in kürzeren Sequenzen das Leben der einfachen Bürger gegengeschnitten, die im Glauben an die Unantastbarkeit ihres Führers nach Moskau pilgern, um ihren Tribut zu zollen. Dem folgt eine Überreaktion der Streitkräfte, die den Massenauflauf nicht mehr unter Kontrolle haben und nur noch mit der ihnen eingeimpften Gewalt eine Antwort finden. Durch diese Konstellation lacht man köstlich über die Mischung als Weltfremdheit und eiskalter Kalkulation, bis einem das Lachen im Hals stecken bleibt. Wüsste man nicht, dass die Geschichte auf wahren Begebenheiten beruht, könnte man sich gemütlich zurücklehnen und das Spektakel durch die Brille der Fantasie betrachten. Leider musste erstaunlich wenig hinzugedichtet werden. So wurden den Charakteren nur griffigere Züge verpasst oder Abläufe umstrukturiert, um Zusammenhänge besser begreifen zu können.

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©Splitter

Die Macher machen auch keinen Hehl um ihre Anpassungen und beziehen sich im Bonus-Teil des Bandes ganz explizit auf ihre Arbeitsweise, ihre Gedanken und die Entwicklung der Geschichte. Damit überlassen sie Nationalisten nicht das Feld und geben zeitgleich Interessenten für den Entstehungsprozess einen Einblick, der mehr zum Verständnis der Geschichte beiträgt. Hierbei merkt man Nury und Robin auf jeder Seite an, wie ernst sie die Thematik der beschriebenen Zeit nehmen und das der Humor daher einfach ein Stilmittel ist, um sich den schrecklichen Ereignissen besser annähern zu können.

In Mütterchen Russland sieht man das bekanntlich anders. Hier sieht man das Andenken an einen Nationalhelden beleidigt, da man über ihn lacht. Da wiegt der Sieg über Hitler-Deutschland offenbar mehr als die Opferzahlen seiner Säuberungsaktionen, die sich bezüglich der Höhe auf Platz zwei nach Mao Zedong befinden. Daher ist es umso wichtiger den Menschen mit solchen Werken zu signalisieren, dass die Realität durch eine ideologie nicht für nichtig erklärt werden kann. Ein Werkzeug dafür lässt sich in der Kunst finden und in den letzten Jahren umso deutlicher in der Comic-Branche. Wie sehr die Mächtigen die bildenden Künste dabei als Gefahr ansehen, lässt sich an Verboten umso deutlicher ablesen.

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©Splitter

Hier findet man daher nicht nur einen spannenden Polit-Thriller mit schwarzhumorigen Anstrich, sondern ein bebildertes Statement gegen eine geschichtsrelativierende Denkweise, die sich aus einem falsch verstandenen Nationalstolz speist.

Eine klare Empfehlung meinerseits, euch „The Death of Stalin“ ins Regal zu stellen!

The Death of Stalin
Verlag: Splitter 
Erschienen am: 25.02.2018
Autor: Fabien Nury
Zeichner: Thierry Robin
Format: Hardcover
Seitenzahl: 144 inkl. Bonus-Material
Preis: 29,80 EUR

Deadpool – X für ein U

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Es ist schon etwas länger her, seit ich ein Abenteuer des Söldners mit der großen Klappe rezensiert habe und freue mich umso mehr, die abgeschlossene Storyline „X für ein U“ präsentieren zu können.

Wie der Titel und das Cover schon deutlich vorweg nehmen, sind die X-Men das tragende Element dieser Geschichte bzw. Deadpools nimmermüdes Verlangen ein Teil der Mutanten-Truppe zu werden. Bevor es jedoch dazu kommt, möchte sich Wade Wilson, wie unsere Hauptfigur mit bürgerlichen Namen heißt, einen lange gehegten Traum erfüllen und Pirat werden. Ja, richtig gehört und keiner, der Deadpools Eskapaden verfolgt kann mir erzählen, er oder sie wäre überrascht.

 

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©Panini Comics

Auf jeden Fall schwimmt unser irrer Freund aufgrund vorangegangener Ereignisse geradezu in Geld (es sei nur so viel verraten: der Preis dafür ist, dass er unter dem Radar bleibt) und was wäre am naheliegendsten als sich seine geheimen Träume einfach zu erkaufen? Dafür scheint es nicht mehr zu brauchen als einen unterwürfigen Sidekick, der sich als Papagei verkleiden und auch so sprechen muss, eine blinde Navigatorin, sowie einen gewaltigen Knacks, der zu allerlei halsbrecherischen Entscheidungen führt. Im Endeffekt das uns bekannte und lieb gewonnene Schema, dass wir erwarten, wenn wir eine Ausgabe mit dem Namen Deadpool im Titel in den Händen halten.

Wie zu Anfang angesprochen ist die Hauptgeschichte eine andere und damit das Ende des Söldners als Freibeuter auf offener See beschlossene Sache. Nach dem Ausflug in eher „klassisch“ kriminelle Gefilde, möchte Wade nämlich bei den X-Men einsteigen, die mit Cyclops an der Spitze eine Inselzuflucht für Mutanten errichtet haben. Doch schon bald merkt Deadpool, dass es offensichtlich nicht reicht auf enges Leder zu stehen, um sich dieser Gang der Guten anzuschließen. Daher versucht er auf seine ganz eigene Art die Leute von sich zu überzeugen, was im Umkehrschluss den altbekannten Cocktail aus dicken Wummen, mit Leichen gepflasterten Straßen und einer dicken Lippe ergibt. Doch ist es nicht genau das, was wir als Leser erwarten? Ich für meinen Teil kriege gar nicht genug von der respektlosen Art, die solche Veröffentlichung unter Garantie mitbringen.

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©Panini Comics

Für diesen Mix zeigt sich Daniel Way als Autor verantwortlich, der mit dem zweiten Run der Figur von 2008 bis 2013 eine Art Wiedergeburt einleitete, die das Franchise weltweit einschlagen ließ, als gäbe es keinen Morgen mehr. Dadurch ist Deadpool neben Spidey und den allgegenwärtigen Avengers zu einem brandneuen Aushängeschild avanciert, welches in logischer Konsequenz einen Film spendiert bekommen hat, der wiederum eine neue Art des Humors in die Marvel-Welt trug, der bis heute Bestand hat. Mit den in „X für ein U“ vorliegenden Heften 13 bis 18 befinden wir uns mitten in seinem Run, der sowohl Lust auf das macht, was noch kommen wird, als auch das was zuvor erschien.

Die witzigste Geschichte ist im Medium Comic aber nur halb so viel wert, wenn sie nicht von einem Künstler in Panels gepresst wird, der die Figur, die Handlung und das gewisse Etwas einverleibt hat, um alles authentisch präsentieren zu können. Zum Glück ist mit Shawn Crystal (Guardians of the Galaxy) bei der Piraten-Geschichte und Paco Medina (Star-Lord) jeweils der perfekte Mann am Zeichentisch gesessen und hat die Gabe auch ohne viele Worte einen Brüller nach dem anderen hervorzubringen oder einzelne (Selbst)Gespräche umso lustiger zu gestalten. Beide balancieren auf einem schmalen Grad zwischen cartoonesk und klassisch, wobei Medina eher zum zweiten tendiert. Genau diese Mischung macht die Reihe und damit den Erfolg aus, der sich bis heute immer wieder selbst bestätigt.

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©Panini Comics

In diesem Sinne gibt es nichts anderes als eine Kaufempfehlung für alle vorhandenen Deadpool-Fans und die, die es noch werden wollen. Klar, gibt es Elemente, die ohne Vorwissen nur halb so lustig sind, aber als Ganzes funktioniert „X für ein U“ auch für Neueinsteiger und ist damit jedem ans Herz gelegt, der etwas mit derben Humor im Superhelden-Setting anfangen kann.