[Rezension] TATTOO. 1730s-1970s. Henk Schiffmacher’s Private Collection (TASCHEN)

Ich bin selbst tätowiert und interessiere mich allein schon aufgrund der „persönlichen Erfahrung“ mit dieser Kunstform für ihre Historie und den weltweiten Einfluss, der seit Jahren zwischen lokalen Traditionen und globalen Trends zu verorten ist. Bis dato gab es jedoch zu diesem Thema nur wenige Publikationen, die man unter seriöser Auseinandersetzung einordnen könnte. Selbstverständlich gibt es weltweit zahlreiche Zeitschriften, oft von den Künstlern selbst veröffentlichte Artbooks und eine insbesondere im Westen erhöhte Akzeptanz von Tattoos. Trotzdem blieb in der klassischen Literatur der Hautmalerei meistens die Nische der Anthropologie oder die Geschichte der Kriminalität. Die erste große Ausnahme, die ich in der Hinsicht zu Gesicht bekam war das beliebte von Henk Schiffmacher herausgegebene 1000 Tattoos, welches bei TASCHEN im Rahmen der Bibliotheca Universalis-Reihe (klein, kompakt und informativ) erschien und bis heute zu den Standard-Auslagen in Tattoo-Studios gehört. Trotzdem fehlte im Verlag, der doch eigentlich seit jeher für Blicke über den Tellerrand bekannt war, ein Werk in der inhaltlichen und physischen Größe, wie es schon anderen Kunstgattungen vergönnt war. Nun ist es aber endlich soweit und TATTOO. 1730s-1970s. Henk Schiffmacher’s Private Collection kann endlich in den Buch-Regalen der Republik gefunden werden. Dank Corona ist das Stöbern durch Läden, die es im Angebot haben könnten aber natürlich eher schwierig. Daher sei an dieser Stelle schon auf taschen.com verwiesen, wo es erstanden und sicher nachhause geliefert werden kann.

Zurück zum Buch. Wem zunächst der Name Henk Schiffmacher nichts sagen sollte, dem sei versichert, dass das Wort Legende alles andere als unangebracht ist. Man kann sagen, dass Tätowierer sich selbst in Handwerker und Künstler aufteilen. Die einen erlernen durch händisches Geschick eine Technik, die sie abhebt und erfolgreich macht, andere brillieren darüber hinaus mit einer kreativen Ader und mit tiefgründigem Wissen um die Arbeit, die sie verrichten. Schiffmacher gehört zur zweiten Sorte und stellt das seit nun über 50 Jahren unter Beweis. Seit den 70ern ist er nicht nur aktiver Tätowierer, sondern auch Besitzer einer der weltweit größten Sammlungen zeitgenössischer und historischer Tattoo-Ephemera. Darüber hinaus könnte er auch Freunden der Rock- und Popmusik der letzten 30 Jahre ein Begriff sein. Unter seinen prominenten Kunden befanden sich nämlich unter anderem klingende Namen wie Anthony Kiedis, Kurt Cobain, Lemmy Kilmister, Adam Levine oder auch Lady Gaga. Allein diese Riege sollte einen Hinweis darauf geben, dass sich Menschen nicht ohne Grund unter seine Nadel begeben. Der ultimative Beweis für seine Relevanz im Hinblick auf die Kunst, die er sammelt und der er sich selbst als Tätowierer verschrieben hat, war die Verleihung des Ritterordens von Oranien-Nassau durch das niederländische Königspaar im Jahr 2017. Dabei handelt es sich um eine der höchsten Auszeichnungen des Landes für Zivilisten. Daher ist es nur folgerichtig, dass der gebürtige Niederländer sich an die aktuell umfangreichste und zeitgleich edelste Veröffentlichung zum Thema Tattoos gemacht hat. Jemand besseres hätte man dafür wirklich nicht finden können.

Schon von Kindesbeinen an war der Amsterdamer fasziniert von Radierungen und Hautbildern, da er sie als Legastheniker auch als Kommunikationsinstrumente verstand, die über Kultur- und Klassengrenzen hinweg zu funktionieren schienen. Man betrachtete die Person, die ihre Geschichte als Tattoos zur Schau trug und konnte dadurch etwas über sie erfahren. Eine Erkenntnis, die ihn dazu trieb die Welt zu bereisen und nicht nur einer simplen Sammelleidenschaft mit exklusivem Themenbezug nachzugehen, sondern die Menschen in unterschiedlichen Kulturkreisen kennenzulernen und zu verstehen. Dabei ist das besagte „kennenlernen“ durch einen Zugang vollzogen worden, dem sich nur wenige Personen öffnen. Daher ist Schiffmachers Blick auf die Welt der Tattoos nicht der eines Außenseiters, sondern Teilnehmers an einem globalen Austausch. Auf seinen Reisen erfuhr er aus erster Hand etwas über die Geschichte eines Handwerks, das sich über Jahrhunderte und ganze Kontinente spannte. Dabei beließ er es nicht nur bei Erzählungen, sondern wollte die Historie wortwörtlich spüren. Darum ist sein Körper nicht einfach nur von lebenslangen Souvenirs, sondern gelebter Geschichte übersät, die er nun in seinem Buch der Öffentlichkeit präsentiert. Hierbei teilt er es in mehrere durch goldfarbene Seiten getrennte Kapitel auf, die zunächst auf Länderebene Tribals in Neuseeland und Samoa, aber auch klassische „Suits“ wie in Japan betrachten. Dabei werden nicht nur Fotografien von Tattoos (entsprechend des Zeitraums ab 1730 verständlich), sondern auch eine Vielzahl an Originalzeichnungen, Instrumenten, Illustrationen, Gemälden und Lithographien präsentiert, die in ihrer Gesamtheit die Tiefe dieser Kunstgattung erfassen. Zeitgleich wirken die Darstellungen in Kombination mit dem Text nie wie ein entrückt anthropologischer Blick auf „das Fremde“, sondern wie ein Rückblick auf etwas, an dem der Autor selbst in seiner Tradition teilnimmt, ohne sich anzumaßen sich die beschriebenen Kulturen aneignen zu können.

Natürlich richtet Schiffmacher seinen Blick aber auch direkt auf die westliche Kultur und ihren anfänglichen Umgang mit Tattoos, als diese zunächst nur einem bestimmten Klientel zugeschrieben und entsprechend sozial assoziiert wurden. Wer kennt nicht die alten Geschichten von „nur Kriminelle und Seemänner lassen sich Bilder unter die Haut stechen“? Nun, eine zeitlang war es der Wahrheit nicht allzu fern und kann durch eine Vielzahl an Flashs und Fotografien bewiesen werden. Natürlich dürfen dabei auch nicht die sogenannten Performer während der durch den Autoren als „Zeit des Exhibitionismus“ bezeichneten Ära fehlen. Eine Zeit in der Menschen aus dem Unterhaltungsgewerbe ihre Haut nutzten, um aus der exotischen Anziehung einen finanziellen Nutzen zu schlagen. Hierbei, wie kann es auch anders sein, waren insbesondere Damen ein beliebtes „Ausstellungsstück“, die im Kontext von Tattoos unüblich viel Haut zeigen und damit eine sexuelle Komponente einbauten, die für das Ende des 19. und den Beginn des 20. Jahrhunderts mehr als ungewöhnlich war. Natürlich gibt es aber auch einen Ausblick auf das, was noch kommen würde. Die ersten professionellen Tätowierer alter westlicher Schule, Clubs und vieles mehr deuteten schon ab den 1950ern auf eine gewisse Akzeptanz hin, die sich jedoch erst nach der Jahrtausendwende in der Breite der Gesellschaft festigen konnte.

Betrachtet man nun diese Masse an bildlichem und inhaltlichem Input, dann erkennt man, dass dieses gut 440 Seiten dicke Buch nicht nur zur reinen Information dient, sondern wie die Tattoo-Kunst selbst Geschichte, Kunst und persönliche Erinnerung in einem Schmelztiegel zusammenführt. Deswegen gilt die Empfehlung für eine Anschaffung nicht nur für Tätowierer und Tätowierte, sondern auch für all jene Interessenten, die keine Scheuklappen aufsetzen, wenn es um die Auseinandersetzung mit Kunstformen geht, die üblicherweise nicht in Galerien zu bestaunen sind. Ein weiterer kleiner Anreiz ist die Tatsache, dass es sich bei dem Band um eine auf 10.000 Stück limitierte, sowie nummerierte Erstauflage handelt, die ganz der Sammelleidenschaft von Henk Schiffmacher entsprechend, jedes Bücherregal mit seiner Exklusivität verschönert.

TATTOO. 1730s-1970s. Henk Schiffmacher's Private Collection
Verlag: TASCHEN 
Mehrsprachige Ausgabe: Englisch, Deutsch, Französisch
Autor: Henk Schiffmacher
Herausgeberin: Noel Daniel
Format: Hardcover, 29 x 38,8 cm, 6,13 kg
Seitenzahl: 440
Preis: 125 EUR
Limitierung: 10.000 Exemplare (Erstauflage)

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