An American Odyssey

ANDO_UPDATED_2010_XL_INT_3D.TIF

Wenn ihr meinem Blog seit einiger Zeit folgt, werdet ihr sicher über meinen Artikel zu „Deutschland um 1900“ gestolpert sein. Falls nicht, empfehle ich dem Link zu folgen! 😉

Hier habe ich ganz offen über meine Faszination bezüglich dieses Buches berichtet. Farbfotografien aus einer Zeit, die über 100 Jahre zurück liegt, wirkten auf mich wie ein Fenster in eine andere Welt. Orte, die ich kenne waren fremd und doch vertraut. Wie ein Paralleluniversum, festgehalten für die Ewigkeit. Einen ähnlichen Eindruck kann man auch bei Marc Walters „An American Odyssey“ gewinnen, welches zwar schon vor meiner bereits besprochenen Ausgabe (ebenfalls bei TASCHEN) erschien, aber nun glücklicherweise ebenfalls seinen Weg in meine Hände gefunden hat.

Um diejenigen abzuholen, die sich gerade darüber wundern, dass es farbige Aufnahmen aus der eben erwähnten Epoche gibt, möchte ich etwas weiter ausholen und erklären wie das möglich sein kann. Die zu sehenden Photographien nennt man „Photochrome“. Schwarzweiß-Negative, die man dank eines lithografischen Verfahrens serienmäßig in Farbe produzieren konnte. Dabei wurden 14 Tintentöne in verschiedenen Farben eingesetzt, um das unglaubliche Ergebnis abliefern zu können. Diese Technik wurde von der Schweizer Druckerei Orell Füssli (auch heute noch als Holding existent) im Jahr 1889 in Zürich eingeführt und fand nachvollziehbar schnell Anklang in der Bevölkerung.

xl_american_odyssey_062-063

Durch den immensen Erfolg war es bald möglich weltweit Zweigstellen zu eröffnen und damit die Produkte einer größeren Masse zur Verfügung zu stellen. Eine davon war die Detroit Photographic Company, die noch bis in die 1920er Jahre millionenfach Postkarten mit den im Buch zu sehenden Motiven produzierte. Das Geschäft brummte vor allem durch die Tourismus-Industrie, die schon damals wußte wie man Erinnerungsstücke an den Mann bringt. So wurden neben Karten und großen Drucken, zum Beispiel ganze Alben an den Verkaufsstellen der zahlreichen Sehenswürdigkeiten angeboten. Davon gab und gibt es nach wie vor mehr als genug. Der Unterschied liegt darin, dass gegen Ende des 19 Jahrhunderts die letzten Entdeckungen des Landes erst wenige Jahre zurück lagen. Ein Grand Canyon war zur Entstehungszeit der Bilder erst seid ca. 20 Jahre bekannt und für die meisten die davon gehört hatten schier unvorstellbar. Nun konnte man nicht nur von den Schätzen Nordamerikas berichten, sondern diese auch zeigen.

Hierbei folgen wir dem selben geografischen Prinzip wie bei „Deutschland um 1900„. Im Klartext begeben wir uns auf eine visuelle Reise vom östlichen Ende des Landes bis an die Westküste. Dabei wird den einzelnen Städten und Staaten unterschiedlich viel Platz eingeräumt. Zum einen vermutlich abhängig von der Frequentierung durch Touristen und andererseits durch die Auswahl der Sehenswürdigkeiten. Während New York faktisch an jeder Straßenecke etwas zu zum Entdecken bietet, müssen einige Landstriche wie Iowa mit nur wenigen Abbildungen auskommen, da Landwirtschaft und Industrie natürlich weniger Reize bieten als Naturspektakel oder aufregende Architektur.

xl_american_odyssey_390-391

Von beidem findet man auf seiner Reise zuhauf. Die Niagara-Fälle, Wüstenlandschaften, an die jeweilige europäische Abstammung der Siedler erinnernde Gebäude und ihre Bewohner faszinieren von der ersten bis zur letzten Seite. Insbesondere Bilder, die man zwar erstmals sieht, die einem aber seltsamerweise bekannt vorkommen, haben eine ganze besondere Anziehungskraft. Wenn man die Cowboys auf ihren Pferden, die schwarze Bevölkerung auf den Baumwollplantagen oder die fast schon als exotische Tiere abgelichteten Indianer sieht, fühlt man sich in einen Film versetzt, bei dem man nicht genau weiß ob man den Anblick genießen darf oder nicht. Meine Faszination für historische Aspekte von Photographien sog alles genüßlich auf, während meiner rationale Seite bewusst wurde, dass ich ehemalige Sklaven und vertriebene Bevölkerungsgruppen beobachte. Doch genau dieser Zwiespalt, der von den Photographen sicherlich nicht beabsichtigt war, stellt einen ganz besonderen Pluspunkt dieser Veröffentlichung dar.

Während man nämlich bei dem Band zum Deutschland des 19. Jahrhunderts aufgrund der stilisierten Ausrichtung die Schattenseiten des Lebens und die Konfliktherde dieser Gesellschaft nicht mal erahnen konnte, gibt uns „An American Odyssey“ tatsächlich die Möglichkeit etwas reflektierter auf die dargestellten Orte und Menschen zu blicken.

xl_american_odyssey_588

Als Fazit kann ich ziehen, dass dieses schwergewichtige Buch (selbes Kaliber wie „The Charlie Chaplin Archives“ oder „Deutschland um 1900„) nicht nur für Nordamerika-Fans, sondern für jeden Interessenten der Geschichte geeignet ist, der sich auf eine einzigartige Zeitreise begeben möchte. Hier erlebt man einen Hauch dessen, was einst als der „American Dream“ bekannt wurde und die Menschen noch heute über alle Maßen fasziniert. Ein Buch, welches mit 612 Seiten und über 2000 Aufnahmen nichts anderes als ein Abtauchen in die Geschichten hinter den Motiven zulässt. Eine klare Empfehlung meinerseits!

 

[Rezension] Ai Weiwei (TASCHEN)

ai_weiwei_trade_ju_int_3d_43420_1601191043_id_1029325

Es gibt da diesen Spruch, der besagt, dass der Unterschied zwischen Kunst und Abfall eine Meinung ist. Diese Sichtweise wird vermutlich durch die sogenannte „moderne Kunst“ gespeist, die sich außerhalb der Norm bewegt, die die Gesellschaft als „wertvoll“ oder nachvollziehbar erachtet. Wenn man in eine entsprechende Pinakothek geht, steht man tatsächlich oft vor bestimmten Werken und weiß nichts mit ihnen anzufangen, da der Kontext einfach aus dem Stegreif nicht zu erschließen ist. Hierfür wird viel Hintergrundwissen benötigt, welches insbesondere über mehrere Kreative hinweg nicht immer vorhanden ist.

Eine Ausnahmeerscheinung bildet dabei der wohl berühmteste zeitgenössische Künstler Ai Weiwei. Der Chinese, der sich nicht auf eine bestimmte Richtung in der Gestaltung seiner visualisierten Aussagen festlegen will, hat trotz jahrzehntelanger Teilhabe am Geschehen in der Szene, vor allem durch seine Aktionen als Dissident international Aufmerksamkeit erregt. In einem Blog und über soziale Medien verbreitete er seine Kritik an der Regierung und bekam als Quittung eine Haftstrafe, die ihn komplett von der Außenwelt abschnitt. Während dieses Zeitraums landete sein Name regelmäßig in namhaften Publikationen, die ihn einem großen Publikum bekannt machten. Natürlich fand er schon zuvor Erwähnung. Vor allem das als „Vogelnest“ bekannte Stadion zu den Olympischen Spielen in Peking blieb in kollektiver Erinnerung.

ce_ai_weiwei_089_1404281109_id_810384

Dementsprechend ist der Name inzwischen zwar in aller Munde, aber konkrete Projekte des Künstlers sind bis dato nur einem entsprechenden Klientel bekannt, welches zwar über die üblichen Verdächtigen hinaus geht, aber der breiten Masse leider immer noch keine Assoziation mit Ai Weiwei erlaubt. Nachdem vor geraumer Zeit bei TASCHEN schon eine limitierte Fassung der Monografie zu diesem Band erschien (entweder signiert und in Seide eingeschlagen oder mit einem Buchständer aus Marmor(!)), kommen nun auch Interessenten mit etwas weniger Budget in den Genuss des Buches.

Dieses steht vom Umfang her, dem imposanten Schaffen des Künstlers in nichts nach. Auf 600 Seiten bekommt man einen Einblick in das Gesamtwerk der Ausnahmeerscheinung. Angefangen bei Malereien und kleineren Installationen in New York bis hin zu den gigantischen Bauten, die nach Weiweis Rückkehr in seine Heimat zu seinem Markenzeichen wurden, wird nichts ausgelassen. Das diese Aussage keine Übertreibung ist, kann man selbst am Ende anhand eines Registers überprüfen, welches neben der Biografie und einer Liste der bekannten Ausstellungen auch eine Auflistung aller Werke des Künstlers beinhaltet.

ai_weiwei_ce_int_open_0256_0257_03122_1501061224_id_678894

Seinen prestigeträchtigen Projekten wird gebührend viel Platz eingeräumt, die auf ganzseitigen Abbildungen ihre ganz eigene Faszination entfalten und die Fantasie des Betrachters anregen. Installationen wie „Sunflower Seeds“, bei denen 100 Millionen handbemalte(!) Sonnenblumenkerne aus Porzellan das Greifbare sprengen, zeugen eventuell von einem gewißen Wahnsinn, während Projekte wie „Straight“ an den Moralvorstellungen und dem Obrigkeitsverständnis der Chinesen rütteln. Hierbei wurden verbogene Stahlstangen aus den zerstörten Häusern in Sichuan (ein gewaltiges Erdbeben verwüstete Teile der Stadt im Jahr 2008) herangeschafft, um diese gerade zu biegen und in eine bestimmte Reihenfolge auszulegen. Im ersten Moment nur ein imposanter Anblick, der einem mulmigen Gefühl weicht, nachdem einem bewusst wird, dass mehrere tausend Menschen aufgrund von Bestechung und Vetternwirtschaft sterben mussten. Die Gebäude wurden mit mangelhaftem Baumaterial ausgestattet. Insbesondere die Schulen in dem Gebiet waren betroffen und mussten infolgedessen mehr als 1000 verstorbene Kinder beklagen. Im Zuge einer parallel laufenden Recherche nach den Namen der Toten, da die Regierung keine Liste herausgeben wollte, bekamen sowohl Ai Weiwei als auch sein Team die Härte des Staates sowohl auf psychischer als auch physischer Ebene zu spüren. Allein diese Geschichte verdeutlicht den brisanten politischen Aspekt an der Arbeit des Künstlers. Viele seiner Werke nehmen Bezug auf aktuelle Ereignisse in seinem Heimatland oder das Verhalten der herrschenden Klasse gegenüber der Bevölkerung. Das hat ihm lokal viele Feinde und international umso mehr Anhänger beschert.

Weitere Themen, die er nicht ausspart sind der Konsum (beispielhaft ist die Foto-Serie um die „Coca-Cola Vase“), zerstörtes Kulturerbe und chinesische Identität („Template“, ein gigantisches Konstrukt aus Türen abgerissener Tempel und „Fairytale“, das Einfliegen von 1001 Chinesen aus verschiedensten Milieus auf die Documenta 2007, auf der beide Projekte präsentiert wurden). All diese Motive ziehen sich bis heute durch sein Schaffen und erinnern den Betrachter, dass Kunst mit und ohne offensichtlicher Aussage einen grundlegenden Zweck erfüllt: das Anregen von Gedanken und damit Ideen. Ob diese eine kulturelle, sozial relevante oder nur unterhaltsame Komponente haben, bleibt dem Individuum überlassen. Trotzdem bleibt Ai Weiwei ganz Exot, da ihm für seine ambitionierten Ideen, die finanziellen Mittel für die entsprechende Umsetzung zur Verfügung stehen. Das macht die Ergebnisse im Vergleich zu anderen beeindruckender in ihrer Wirkung, kompensiert damit aber keinesfalls potentiell billige Ideen oder nutzt Effekthascherei.

ai_weiwei_ce_int_open_0446_0447_03122_1501061225_id_679372

Strukturiert wird das Buch dabei in chronologischer Reihenfolge durch Kommentare des Künstlers zu einzelnen Werken. Dazwischen kommt man in den Genuss andere Blickwinkel kennen zu lernen, da langjährige Wegbegleiter Ai Weiweis ebenfalls zu Wort kommen. Unter anderem Uli Sigg, ehemaliger Schweizer Botschafter in China, Roger M. Buergel, Kurator der documenta 2007 und die Experten für chinesische Kultur und Politik Carlos Rojas, William A. Callahan und James J. Lally. Jeder hat etwas interessantes zum Entstehungsprozess vieler Installationen beizutragen und gewährt damit eine noch intensivere Auseinandersetzung mit den abgebildeten Kunstwerken. Ein weiteres erfreuliches Detail ist, dass viele der Bilder noch nie zuvor veröffentlicht wurden. Im Klartext bedeutet es, dass man als Leser indirekt der Entstehung zahlreicher Konstrukte beiwohnen kann.

Zunächst könnte man denken, dass die pure Masse an visuellen Eindrücken erschlagend wirken kann. Persönlich habe ich jedoch festgestellt, dass ich mit jeder Seite begeisterter und interessierter den Werdegang Ai Weiweis anhand seiner Arbeit verfolgt habe und tagelang über kaum etwas anderes reden, geschweige denn denken konnte. Dieses Buch eignet sich perfekt um seine eingerostete Begeisterung für moderne Kunst wieder zu beleben oder sogar absolute Laien an die Materie heran zu führen. In meinem Fall hat diese Monografie einen ganz besonderen Platz in meinem Schrank verdient, aus dem ich sie immer wieder gern hervor hole um mich in die abstrakten und zeitgleich doch in der Realität verwurzelten Bilder fallen zu lassen.

Ai Weiwei
Verlag: TASCHEN 
Herausgeber: Hans Werner Holzwarth
Sprache: Deutsch 
Format: Hardcover, 25 x 33,4 cm 
Seitenzahl: 600
Preis: 60 EUR

Mick Rock. The Rise of David Bowie, 1972-73

rock_david_bowie_ce_int_3d_004_03136_1504231622_id_947412
Anfang diesen Jahres verstarb eine der schillerndsten Figuren des Pop, die das letzte Jahrhundert hervorgebracht hat. David Bowie, Vorbild und Inspiration für Musiker über alle Genre-Grenzen hinweg. Während sich einige Bands musikalisch an seinem Schaffen orientierten, ebnete der Brite auch visuell anderen Legenden den Weg.
Im absoluten Mainstream erschuf sich Lady Gaga immer wieder aufs Neue und passte in diesem Zuge ihre Optik auf mehr oder minder kreative Weise an. Die deutlichsten Anleihen finden wir jedoch bei Marilyn Manson, der sich am offensichtlichsten bei Bowies frühen Auftritten bediente. Ob es sich um die rasierten Brauen, die verschiedenen Augenfarben (bei Bowie von Natur aus, bei Manson durch eine milchige Linse) oder verwendeten Symbole (Ziggy Stardust vs. Antichrist Superstar) handelt ist irrelevant, wenn man sich das Gesamtkonstrukt als Verneigung vor einem Genie vorstellen darf. In jedem Fall, sieht man den Einfluss, den der Mann über Jahrzehnte hinweg auf die gesamte Branche ausübte.
rock_david_bowie_ce_int_box003_03136_1506231559_id_977287
Den Anfang dieses Prozesses oder eher gesagt den Beginn der explosionsartigen Karriere Bowies fing der ebenfalls namhafte Fotograf Mick Rock ein, der als ständiger Begleiter, Video-Regisseur und Freund an der Seite des Musikers stand und damit den Aufstieg von Ziggy Stardust (eines der viele Alter Egos und Kunstfiguren David Bowies) dokumentierte. Damit fing auch Rocks unglaubliche Karriere an, die Lou Reed, Iggy Pop, die Ramones, Queen oder die Sex Pistols im Portfolio umfasste und damit das Bild ganzer Generationen definierte.
Um die Masse an ikonenhaften und teils bisher unveröffentlichten Aufnahmen den Fans zugänglich zu machen, brachte der TASCHEN-Verlag im letzten Jahr den Foto-Band „Mick Rock. The Rise of David Bowie, 1972-73“ heraus, den man typisch für die Unternehmenspolitik zunächst in limitierter Auflage anbot. Diese kam aber nicht von ungefähr: die 1.972 Exemplare wurde allesamt von Rock und Bowie handsigniert. Davon konnte man wiederum 200 Versionen mit einem signierten Pigmentdruck erwerben. Die Preise waren dementsprechend einem Segment zuzuordnen, welchem sich der Normal-Verdiener vermutlich nicht mal nähern würde. Trotzdem war es nicht weiter verwunderlich, dass nach Bowies Tod alle Exemplare restlos vergriffen waren. Nur noch wenige sind in den TASCHEN-Stores verfügbar und in ihrem Wert gestiegen.
rock_david_bowie_ce_int_box005_03136_1506231601_id_977307
Nun haben auch alle Anhänger mit kleinerem Budget, die Möglichkeit sich die Bilder im XL-Format zu Gemüte zu führen. Seit diesem Monat liegt nämlich die „Standardausgabe“ der Buchs aus, welches inhaltlich keinen Unterschied zu den großen Brüdern aufweist. Man findet beim Aufschlagen des Werks wirklich alles was das Fan-Herz begehrt. Angefangen bei Konzert-Aufnahmen, die im Vergleich zu späteren Verhältnissen ein geradezu winziges Publikum zeigen, Standbilder aus Promofilmen und Musik-Videos, private Abbildungen (beim Schlafen, essen, umziehen) und Fotos für die Ewigkeit, auf die auch in Zukunft zurückgegriffen wird, um den Urknall des Glam zu visualisieren.
Eingeleitet werden die einzelnen Bildreihen von Überschriften in Form der Titel des damals erschienenen Albums „The Rise and Fall of Ziggy Stardust and the Spiders from Mars“. Diese geben mit einem kleinen Lyrics-Zitat jeweils eine Grundstimmung vor, die das gesamte Buch angenehm strukturiert und es dadurch nicht zu einem Sammelsurium verkommen lässt.
Dem wird noch eine wunderbare Einleitung samt Interview mit dem Fotografen vorangestellt, die den Werdegang der beiden Männer nachzeichnet und eine Perspektive der Protagonisten bietet, die den aufkommenden Erfolg hautnah miterleben und vor allem gestalten durften. Dabei werden Einblicke in eine Zeit gewährt, die eine Jugendkultur erst ermöglicht und heute als Alltag angesehene Grenzen definiert hat, indem alte Barrieren niedergerissen wurden. Als jemand, der weit nach dieser Ära das Licht der Welt erblickt hat, beschleicht mich tatsächlich eine Art Wehmut, so etwas nicht selbst erfahren zu dürfen.
Im Gesamten kann man diesen Band wirklich jedem ans Herz legen, der sich als Fan des legendären David Bowie bezeichnet. Eine vergleichbare Sammlung aus der Zeit des Ziggy Stardust und damit dem Beginn einer unvergleichbaren Karriere, wird man kein zweites mal finden. Für alle anderen können die handwerklich perfekt in Szene gesetzten Motive ein Anreiz sein, sich an die Musik des Künstlers heranzuwagen und sich selbst von der Legitimation seines Erfolgs zu überzeugen.
rock_david_bowie_ce_int_as001_03136_1503241130_id_921406

Hieronymus Bosch. Das vollständige Werk

bosch_ju_d_3d_43422_1512181555_id_1023252

Selbst diejenigen, die sich mit Malerei nur am Rande beschäftigen oder deren Wissen
um berühmte Werke sich auf die Mona Lisa beschränkt, haben sicherlich mindestens eines der Werke des Hieronymus Bosch (* um 1450; † August 1516), bürgerlich Jheronimus van Aken, zu Gesicht bekommen, es unterbewusst als (vermeintlichen) Surrealismus eingeordnet und sich über die vielen teils schockierenden Elemente gewundert.

Einige handelten den aus ’s-Hertogenbosch (daher sein Künstlername) in den Niederlanden stammenden Künstler aufgrund der durch ihn dargestellten Höllenvisionen als Ketzer oder schlimmeres. Nun weiß man aber seit geraumer Zeit, dass er Teil der lokal ansäßigen Liebfrauenbruderschaft war, die einen elitären und vor allem religiös geprägten Kreis an einflussreichen Männern bildete. Dort hätte er nur beim Hauch der Blasphemie keinen Einlass gefunden und die darauf einsetzenden Karrieresprünge, dank der in dieser Gemeinschaft gut gepflegten Kontakte, wären ausgeblieben. So dienten seine bizarren Darstellungen vor allem als moralischer Wegweiser, der die Quallen aufzeigt, die einen Sünder zu erwarten hätten. In diesem Zusammenhang erlangte er auch über Landesgrenzen hinweg schon während seiner Lebenszeit Berühmtheit und fertigte dadurch auch Auftragsarbeiten für sie städtische Oberschicht, den nationalen sowie internationalen Adel an.

preview_xl_bosch_05_1311221130_id_756097

Der Garten der Lüste, um 1503; Mitteltafel: Die Menschheit vor der Sintflut

Aus seiner Schaffenszeit sind der Nachwelt aber nur wenige Bilder bekannt, die allesamt auf Holztafeln verewigt wurden, obwohl während der frühen Renaissance textile Bildträger schon vorhanden waren. Dieses kleine Erbe gibt aber glücklicherweise einen Überblick von den Anfängen in Form klassisch sakraler Darstellungen, die jedoch schon die ersten auffälligen Elemente aufwiesen, über den Höhepunkt seiner Schaffenszeit durch die berühmten Triptychen „Der Heuwagen“, „Der Garten der Lüste“ oder „Die Versuchung des heiligen Antonius“ bis hin zu seinem Spätwerk sowie Zeichnungen bzw. Entwürfen. Das besondere an all den vorhandenen Motiven, außer der übergreifenden Groteske, sind die schier unendlichen Verweise auf folkloristische Elemente in Form von Sprichwörtern, damals gegenwärtigen Vorstellungen von Himmel und Hölle und Hinweise auf Bibelstellen, die Bosch als sattelfester Kenner des Buches auch in die abwegigsten Szenen hinein malen konnte. All das wird durch visuell aufbereitete Metaphern wie fliegende Fische, nackte Leiber, monströse und bisweilen witzige Fantasiegebilde dargestellt und diente dabei nicht nur als Mittel zum Zweck, sondern zusätzlich der persönlichen Freude des Künstlers, wie man an den überlieferten Entwürfen erkennen kann. Viele dieser Ideen zog er aus der zeitgenössischen Literatur und eröffnete damit gänzlich neue Ansätze für die Entfaltung der Fantasie durch die Malerei.

Welch immensen Einfluss er auf die Nachwelt hatte und was für revolutionäre Ansätze in seinem Handwerk zu entdecken sind, sieht man an allerlei Zitaten durch Zeitzeugen, die wie die Nachwelt kaum Möglichkeiten hatten das Gesamtwerk von Bosch wirklich zu deuten. Diese damit verbundene Ehrfurcht blieb offensichtlich auch nach seinem Tod bestehen. So eröffnete er eine Werkstatt, die aufgrund seines inzwischen zu stattlicher Größe angewachsenen Vermögens mit Mitarbeitern besetzt werden konnte. Diese unterschrieben zum Teil post mortem mit dem legendären Namen. In diesem Zusammenhang gilt Bosch ebenfalls als Vorreiter, da er einer der ersten Künstler war, der seine eigenen Werke signierte und damit das Motiv ohne Zweifel mit dem Erschaffer verknüpfte.

preview_xl_bosch_08_1311221131_id_756142

Die Versuchung der heiligen Antonius, um 1502

Nun können Interessenten seine kurze aber interessante Biografie, sämtliche ihm zweifellos zugewiesenen Werke, die Produktionen seiner Werkstatt und alle entdeckten Zeichnungen in TASCHENs „Hieronymus Bosch. Das vollständige Werk“ selbst erkunden. Neben den vom Bosch-Experten Stefan Fischer verfassten informativen Texten zu jedem Lebensabschnitt des Visionärs, findet man viele vergrößerte Ausschnitte, aus den vor Details überquellenden Bildern, die man in der Form sonst niemals zu Gesicht bekommen würde. Kleinste Szenen wirken dabei, bevor man das Gesamtkonstrukt aufschlägt, schon für sich alleine beeindruckend und entfalten bei der Gegenüberstellung zum ganzen Bild eine einzigartige Faszination. Genuagenommen wirkt alles bei der chronologischen Aufarbeitung von Boschs Lebenswerk in sich schlüssig und angenehm konstruiert. Nachdem man den Hauptteil des Buches genoßen hat, gibt es im Anhang zusätzlich die Möglichkeit alle Werke nochmals komprimiert in einer kleiner Fassung zu betrachten und einen kurze Text, der diese einordnet um das gelesene nochmals Revue passieren zu lassen.

Ursprünglich erschien auch dieses Buch in einem für den Verlag typischen XL-Format, welches sich für Malerei dieser Größenordnung geradezu anbietet aber natürlich in einer entsprechenden Preisklasse zu verorten ist. Zum 500. Geburtstag des Künstlers gibt es nun auch für Fans oder die, die es noch werden wollen eine kleinere aber ebenfalls wunderschön gebundene Ausgabe, die inhaltlich dem großen Bruder in nichts nachsteht, aber der breiten Masse auch auf finanzieller Ebene den Zugang zu Hieronymus Bosch gewährt. Hier stimmen wieder sowohl Quantität als auch Qualität, die mich immer wieder gerne rein blättern lassen um neue Sachen zu entdecken. Das ist eine Anschaffung, die man auch nach einiger Zeit gerne erneut hervor holt.

preview_xl_bosch_06_1311221130_id_756112

Der Garten der Lüste, um 1503; Rechter Innenflügel: Die Hölle

Für diejenigen unter euch, die entweder in der Nähe der niederländischen Grenze wohnen, in Spanien ansäßig sind oder sich ohnehin gerne in der Weltgeschichte treiben lassen, gibt es dieses Jahr zwei Ausstellungen, wovon die aktuell durchgeführte vermutlich die beste ist. Sie findet in Boschs Heimatstadt statt und vereint, die zuvor auf verschiedenen Museen verteilten Teile seiner Triptychen. Ein Trip, der sich durchaus lohnt. Hier wären die Details:

 

13. Februar 2016 – 08. Mai 2016

Bosch

Het Noordbrabants Museum, ’s-Hertogenbosch, Niederlande

 

31. Mai 2016 – 11. September 2016

Bosch. The Centenary Exhibition

Museo Nacional del Prado, Madrid, Spanien

 

TASCHEN Sale!

phpThumb_generated_thumbnailjpg

Ihr habt sicherlich bemerkt, dass ich in regelmäßigen Abständen Bücher des TASCHEN-Verlags rezensiere. Diese sind dabei bezüglich der behandelten Themen oftmals sowohl quantitativ als auch qualitativ außer Konkurrenz!

Das Problem, dass Otto-Normalverbraucher beim Erwerb der Bücher haben könnte, ist der bei einigen Ausgaben happige Preis! Nun könnt ihr euch aber so richtig eindecken, denn TASCHEN haben soeben einen Sale mit bis zu 75% Rabatt gestartet!

Ihr findet hier alles von Gesamtwerken berühmter Maler und Fotografen über Best-Of-Sammlungen zu Musik und Film bis hin zu Nischen wie Erotik-Werken wie „The Big Butt Book“ oder die mit dem „Peng“-Preis ausgezeichnete Enzyklopädie „75 Years of Marvel“

Beeilt euch! Das Kontingent ist begrenzt! Hier geht es zum Sale!

The James Bond Archives. SPECTRE Edition.

james_bond_archives_fp_gb_3d_03416_1510011046_id_1000343

Nachdem ich vor geraumer Zeit den Prachtband „The Charlie Chaplin Archives“ besprochen habe, konnte ich nun meine Hände an die erweiterte Neuauflage von „The James Bond Archives“ legen.

Neuauflage? Ja, richtig gehört. Zum 50. Jubiläum von „007“ im Jahre 2012 erschien das Werk schon einmal im Überformat und hatte mit der ersten Auflage einen weiteren Kaufanreiz: Einen Filmstreifen mit einer halben Sekunde aus dem Bond-Erstling „Dr. No“ (1962)! Wenn man sich als wahren Fan und Kenner der Reihe bezeichnet, wären auch die 150€ für dieses Schmuckstück eine lohnende Investition gewesen. Wenn man darüber hinaus einen Schritt weiter gegangen wäre, könnte man sich für 2500€ zu den 250 Besitzern des Prints einer Entwurfzeichnung und einer Signatur des aktuellsten Agenten ihrer Majestät Daniel Craig zählen. Beides stolze Summen, die aber durch die restlos vergriffenen Auflagen beider Editionen den Beweis ihrer Berechtigung liefern. Nun haben auch die letzten Fans die Möglichkeit in die Entstehungsgeschichte jedes (!) einzelnen Abenteuers einzutauchen und sich auch die Hintergrundinformationen des aktuellsten Streifen „Spectre“ zu Gemüte zu führen. Mit einem handlicheren Format, erweitertem Inhalt und einem für das dargebotene angenehmen Preis, findet man in diesem Buch wirklich alles was das Cineasten-Herz begehrt.

preview_xl_james_bond_archives_04_1209261529_id_614078

Wie man es vom Verlag gewöhnt ist, wird hier definitiv geklotzt und nicht gekleckert! Angefangen mit einem ausführlichen Playboy-Interview mit dem Bond-Schöpfer Ian Fleming aus dem Jahr 1964, werden der Entstehungsprozess, die Gedankengänge hinter den „007“-Charakteristika und die Bezüge zur persönlichen Geschichte des Autoren ausführlich dokumentiert.

Dem folgt auch schon die Story des Beginns einer Film-Legende, indem der schwierigen Frage der Rechte, der Besetzung des Stabs und den weiterführenden Plänen zur damaligen Zeit auf den Grund gegangen wird. Nachdem die formalen Themen jedoch geklärt sind, steigt man als Leser sofort in die Kult-Streifen wie „Liebesgrüße aus Moskau“ (1963), „Goldfinger“ (1965) oder „Moonraker“ (1979) ein. Sie alle werden mit einer kurzen Erklärung des Plots eingeleitet und daraufhin mit Kommentaren der Beteiligten Produzenten, Regisseure und Schauspielern vom ersten bis zum letzten Drehtag erläutert. Da dies aus so vielen verschiedenen Perspektiven geschieht, gibt es einem das Gefühl der vollständigen Durchdringung der Materie. Szenen, Stunts und Produktionsbedingungen erhalten dadurch eine viel größere Bandbreite an Facetten, die man nach der Lektüre beim erneuten Genuss der Filme viel mehr oder sogar zum ersten mal wahrnimmt.

preview_xl_james_bond_archives_09_1209261537_id_614159

Um dabei jeden Teil dieses gewaltigen Konstrukts um die Figur zu erfassen, werden auch parallel und eigentlich nicht zum Kanon gehörende Werke wie das Sean Connery-Comeback in „Sag niemals nie“ (1984) oder die Parodie „Casino Royale“ (1967) (ja, es gab schon mal einen) mit Woody Allen besprochen. Die persönliche Note bekommen die Geschichten um die Entstehung aller Filme auch durch Erzählungen über das Jahrzehnte kreisende Besetzungs-Karussel der Hauptrolle. Es wird nicht ausgespart, warum George Lazenby nur ein Auftritt gewährt wurde und wie knapp manch anderer schon früher eine Rolle hätte ergattern können. Des Weiteren werden auch hässliche Seiten wie Unfälle am Set und interne Streitereien bei den hauptsächlich fröhlichen Drehs nicht ausgespart. Damit avanciert dieses inhaltlich makellose Buch zu einem authentischen Stück Dokumentation und umgeht der oft doch so naheliegenden Selbstbeweihräucherung der Macher.

Das ganze mündet wie schon am Anfang der Besprechung erläutert, im aktuellsten Auftritt von Daniel Craig in „Spectre“, der zum Zeitpunkt der Veröffentlichung dieses Beitrags sogar noch im Kino läuft. Da der Film ja naturgemäß ein visuelles Medium ist, werden die Kommentare selbstverständlich um großflächige Bilder in Form von Set-Aufnahmen und Produktionsnotizen ergänzt. Diese zeigen, teils nur im vorliegenden Band zu sehen, ikonische Szenen aus alternativen Blickwinkeln, unbeschwerte Momente außerhalb der Sichtweite der Kamera oder auch das gewaltige Ausmaß mancher Sets, die schier unglaubliche Summen verschluckten, dafür aber ein umso beeindruckenderes Ergebnis darstellten.

fp_james_bond_spectre_1511051849_id_1012021

Zusammengefasst kann man sagen, dass die Anschaffung dieses Buches als Fan schier unausweichlich ist. Keine Publikation schafft es nur im Ansatz diese Fülle an exklusiven Einblicken in Wort und Bild zu vermitteln. Dementsprechend kann man hier bedenkenlos zugreifen und bekommt dafür nicht nur eine lückenlose Chronologie, sondern auch ein unterhaltsames Stück Literatur, welches den Inhalt fast schon beiläufig aber einprägsam vermittelt.

Ich wünsche euch einen guten Rutsch!

Letztes Rezi-Exemplar für dieses Jahr im Briefkasten gelandet! Es handelt sich um das Prequel zum schon vor einiger Zeit erschienenen Comic zum aktuellsten Konzept-Album von apRon !

In diesem Sinne wünsche ich euch allen einen guten Rutsch ins neue Jahr! In den ersten Wochen werdet ihr neben einer Rezi zu dieser Ausgabe auch Reviews zu einem Band über Tim Burton vom Hatje Cantz-Verlag und „The James Bond Archives“ von TASCHEN auf ZOMBIAC entdecken! Bis dahin!

21630_430467390491028_7473956737608587889_n

Deutschland um 1900 – Ein Porträt in Farbe

germany_1900_photochroms_xl_int_3d_01137_1510271049_id_1008848

Ich denke, dass ich nicht alleine bin wenn ich beim Betrachten von schwarz-weiß-Fotografien, insbesondere aus dem 19. Jahrhundert, das Gefühl bekomme auf eine gänzlich andere Welt zu blicken. Es scheint fast ein fremder Planet zu sein, mit ganz eigenen Riten und Bräuchen, so wie der dazu passender Optik.

Das liegt vor allem an der industriellen Revolution, die sich zum damaligen Zeitpunkt erst zu entfalten begann und damit nach und nach Traditionen und über Jahrhunderte gereifte Stadtbilder verschlang. Festgehalten wurden ursprüngliche Szenerien höchstens auf Gemälden und Fotografien, die ohne Farbe einen Teil des Bezugs zur Realität einbüßen mussten.

Demenstprechend kam es einem Wunder gleich, als das Schweizer Unternehmen „Orell Füssli“ den sogenannten Photochromdruck im Jahr 1888 patentieren ließ. Mit diesem Verfahren war es nun plötzlich möglich Fotografien in Farbe (14 an der Zahl) serienmäßig abzudrucken. Was könnte da am ehesten in Betracht kommen, als Postkarten in dieser Form herzustellen und damit die schönsten Plätze des jeweiligen Landes zu porträtieren?

022a_germany_1900_photochroms_xl_01137_1510271141_id_1008937

Dom und Friedrichsbrücke

Genau dieser Gedanke ließ um die Jahrhundertwende auch in Deutschland einen Boom entstehen, aus dem sehr viele Abbildungen hervorgegangen sind, die uns einen interessanten Einblick in die „gute alte Zeit“ gewähren. Und genau hier ist der kleine Wermutstropfen zu finden. Da es sich großteils um Bilder für Tourismuszwecke handelt, werden dunkle Kapitel der Geschichte, wie die teils katastrophalen Arbeitsbedingungen der Unterschicht, Antisemitismus (auch schon im Kaiserreich ein eklatantes Problem) sowie soziale Unruhen gänzlich ausgeblendet. Was bleibt sind Idyllen im wahrsten Sinne des Wortes.

Dies kann dem Prachtband, der diese Bilder eindrucksvoll versammelt, jedoch auf keinen Fall zu Lasten gelegt werden, da die rund 800 Photochrome auf über 600 Seiten ein Bild Deutschlands um 1900 vermitteln, welches durchaus existiert hat und zu recht eine gewisse Faszination mit sich bringt.

276a_germany_1900_photochroms_xl_01137_1510271128_id_1008868

Eisenach, Hohe Sonne mit Blick auf die Wartburg

Diese sind einer Rundreise gleich in einer gewissen geografischen Chronologie angeordnet. Angefangen bei Berlin, der Nord- und Ostseeküste, über die am Rhein gelegenen Städte, den Schwarzwald bis hin nach Bayern. Dabei begegnet der Betrachter monumentalen Schlössern und Burgen, ländlichen Gebieten, wie entrückt wirkenden Straßenszenen, sowie schier unfassbar schönen Naturlandschaften, die einem Märchen entstammt sein könnten. Es ist kein Wunder, dass sich eine Vielzahl an Kreativen in das Herz Europas verirrte. Romantiker wie Lord Byron konnten hier der Natur so nah sein, wie sonst kaum an einem anderen Ort. Autoren wie Mark Twain wurden durch ihre Reisen auch nachhaltig in ihrem Schaffen geprägt und Künstler ergötzten sich an der Inspiration, die im Überfluss vor ihren Füßen lag.

Auch heute noch kommt man aus dem Staunen kaum mehr raus, kann fast nicht glauben, dass solche Orte existiert haben könnten und verfällt in eine Art Wehmut, da all die dargestellte Schönheit in ihrer Pracht unwiederbringlich verloren ist.

Neben den heutzutage längst zerstörten Gebieten, ziehen vor allem die uns besonders vertrauten Abbildungen ihre Aufmerksamkeit auf sich. In meinem Fall wäre es die Stadt München, die zwar ihre klassischen Charakteristika beibehalten hat, aber vor über 100 Jahren eine gänzlich andere Ausstrahlung besaß, als es heute der Fall ist. Es fühlt sich fast so an, als würde man durch dieses Buch in ein Paralleluniversum blicken und genau das macht es zu einer lohnenden Anschaffung. Es bietet die Möglichkeit in die Vergangenheit des eigenen Landes zu reisen und sich selbst auszumalen, wie das heutige Deutschland aussehen würde, wenn es nicht seine Identität und Kultur, die es sich mit Architektur und Landschaften aufgebaut hat, mit dem 2. Weltkrieg in den Abgrund gestoßen hätte. Hier kommen sowohl Leser mit großem Interesse an Geschichte als auch Fans der Foto-Kunst auf ihren Geschmack.

504a_germany_1900_photochroms_xl_01137_1510271133_id_1008897

Schloss Neuschwanstein, Schlafzimmer mit Bildern aus der Tristan-Sage

Das Buch kann bei TASCHEN bestellt werden.

The Little Books of Batman, Superman & Wonder Woman

dc_comics_batman_pi_gb_3d_48602_1509221523_id_998584

Der TASCHEN-Verlag fand vor kurzem schon Erwähnung auf meinem Blog, als er endlich die Aufarbeitung der Historie von DC Comics mit „The Bronze Age Of DC Comics“ fortführte. Dieser und die zwei zuvor erschienenen Bände zur „Golden“ und „Silver Age“ beleuchteten die prägendsten Epochen bis in die 70er Jahre. Die noch kommenden Sammlungen „The Dark Age“ und „The Modern Age Of DC Comics“, werden zusammen ein Konvolut ergeben, welches ganze 75 Jahre an Comic-Literatur abdecken wird.

DC_COMICS_BATMAN_PI_INT_OPEN-0118-0119_48602

In gesammelter Form erschien vor ein paar Jahren schon die Gesamtausgabe, die jedoch mit einem enormen Überformat und entsprechendem Preis zu Buche schlug, dabei aber sowohl inhaltlich als auch visuell seines gleichen suchte. Die Vielzahl an Auszeichnungen, mit denen „75 Years Of DC Comics“ dekoriert wurde, sprechen hierbei für sich selbst. Entsprechend dem gigantischen Umfang wurden Unmengen an Figuren beleuchtet, die entweder im Laufe der Zeit einen kleinen aber stabilen Fankreis vorzeigen konnten, gänzlich von der Bildfläche verschwanden oder zur unvergleichlichen Größe aufstiegen. Diese Bandbreite an Informationen ist selbstverständlich primär für Kenner der Materie interessant und klammert dabei den Mainstream an Lesern aus. Das ist jedoch nicht negativ zu bewerten, denn es spricht für Paul Levitz und sein Team, dass sie sich nicht auf ohnehin schon bekannte Themen stürzen und diese langatmig präsentieren, nur um eine Illusion von Fülle zu erzeugen.

dc_comics_superman_pi_int_3d_48601_1509221525_id_998609

Um jedoch die Leser, die sich vielleicht nur für die größten Helden die der Verlag vorzuweisen hat  interessieren, davon zu überzeugen, dass es sich lohnt auch die Entstehungsgeschichte von Batman, Superman und Wonder Woman zu entdecken, wurden ihnen nun die „Little Books Of…“ in die Regale gelegt.

DC_COMICS_SUPERMAN_PI_INT_OPEN-0168-0169_48601

Diese sind jeweils um die 200 Seiten lang und mit 17×12 cm perfekt für die Jacken- oder Hosentasche geeignet. In allen drei Bänden wird die gesamte Geschichte von den Anfangstagen bis kurz vor Beginn der „New 52“ dargestellt und repräsentativ durch die wichtigsten Storys und Titelbilder der letzten Jahrzehnte unterstrichen. Diese werden mit einem kurzen Begleittext versehen, der auf den Zeichner, Autor und die Besonderheit der Geschichte hinweist. So wird die visuelle Reise durch die Bilder der letzten Jahrzehnte informativ aufgewertet ohne aufdringlich zu sein oder den Kunstwerken den Raum zu nehmen, den sie dringend brauchen um zu wirken.

Eingeleitet werden die Bücher durch ein kleines Essay, welches die Frage stellt, warum wir die jeweilige Figur so lieben und teilweise über mehrere Generationen hinweg begleiten. Darauf finden sich teils sehr pointierte Antworten, überlassen aber dem Leser selbst zu entscheiden, warum er eine solche Begeisterung für den jeweiligen Charakter hegt. Allein wenn man sich die Evolution im Bereich der Erzählstruktur und der damit einhergehenden optischen Veränderung ansieht, kann man sich eine schier unendliche Liste an Gründen vorstellen, eine Liebe für Superhelden zu entwickeln.

dc_comics_wonder_woman_pi_int_3d_48603_1509221520_id_998559

Angefangen beim rohen Charme der ersten Ausgaben, die stark an Comicstrips und den kurzen, abgeschlossenen Abenteuern in den Zeitungsausgaben orientiert waren, über die gegenseitige Beeinflussung von Film und Comic, die sich wohl am deutlichsten bei Batman in den 60ern und der Serie mit Adam West niederschlug, bis hin zur brutalen Realität der Gegenwart, die auch weltpolitische Themen nicht ausklammert, ist wirklich alles dabei. Dementsprechend sind die drei Ausgaben nicht nur Einstiegsliteratur für interessierte oder angehende Comic-Fans, sondern auch interessante Nachschlagewerke für langjährige Leser.

DC_COMICS_WONDER_WOMAN_PI_INT_OPEN-0024-0025_48603

Auch für Cineasten könnten diese Veröffentlichungen eine lohnende Angelegenheit sein. Wie den meisten schon bekannt sein sollte, werden exakt diese drei Superhelden in wenigen Monaten auf der Leinwand aufeinander treffen und in „Batman v. Superman“ epische Kämpfe austragen. Zusätzlich sind für die nächsten Jahre Spielfilme angekündigt worden, die sich gänzlich auf die einzelnen Figuren konzentrieren wollen. Zum Beispiel dürfen wir uns auf Wonder Woman mit Gal Gardot im Jahr 2017 freuen. Die kleinen Büchlein könnten hierfür als die perfekte Vorbereitung auf potentielle Easter-Eggs und Verweise aus der Historie der jeweiligen Charaktere dienen. Ich persönlich besitze alle Teile der DC-Veröffentlichungen bei TASCHEN und kann trotzdem die neuen Ausgaben als perfekte Ergänzung und wunderbare Zusammenfassung mit voller Überzeugung weiterempfehlen. Wer sich schon immer eine Art Enzyklopädie für zum Beispiel Batman gewünscht hat (wie ich), dessen Gebete wurden nun erhört!

The Bronze Age Of DC Comics

Batman No. 251 Interiors, “The Joker’s Five-Way Revenge”; script, Denny O’Neil; pencils and inks, Neal Adams. © DC Comics

Als jahrelanger Fan des Verlags besitze ich mit „75 Years Of DC Comics“ selbstverständlich den ultimativen Prachtband zur Historie des Unternehmens. Inhaltlich sowohl in Bezug auf Informationsgehalt als auch Visualisierung nicht zu übertreffen, hat dieses 7-Kilo-Ungetüm von Paul Levitz einen „kleinen“ Ehrenplatz in meinem Schrank ergattert. Der einzige Nachteil, den eine Ausgabe in Über-Format mit sich bringt ist jedoch der fehlende Komfort beim lesen. Natürlich entfalten Titel-Seiten und legendäre Szenen eine ganz eigene Strahlkraft, wenn man diese auf fast einem halben Meter ausbreitet. Trotzdem muss man sich dafür den perfekten Ort und Zeitpunkt suchen um den Inhalt genießen zu können.

va_dc_comics_bronze_age_press_013a_02834_1509021704_id_992336

GREEN LANTERN No. 76 Cover art, Neal Adams, April 1970. © DC Comics

Dieses Kriterium hat sich TASCHEN zu Herzen genommen und legt nach „The Golden Age“ und „The Silver Age Of DC Comics“ den nächsten Band in die Regale. „The Bronze Age Of DC Comics“ kommt im Vergleich zur Urfassung ebenfalls mit nur knapp der halben Größe aus, zeigt sich aber parallel mit in der titelgebenden Farbe gebundenem Umschlag von der schönsten Seite, nur um auf den noch prachtvolleren Inhalt hinzuweisen. Denn hier handelt es sich keineswegs nur um eine Wiederverwertung bekannter Texte und Bilder, sondern um eine stark erweiterte Fassung, die dem Leser einen Einblick in die vielleicht prägendste Ära der Superhelden-Geschichten bietet. Zum ersten mal wurden sozial relevante Themen wie Rassismus, Drogenmissbrauch und zwischenmenschliche Verwerfungen in den Raum gestellt und mit Fingerspitzengefühl einer breiten Basis zugänglich gemacht. Insbesondere der Zeichner Neal Adams und der Autor Danny O’Neil liefen mit ihrem „Green Arrow/Green Lantern“-Run zur nie wieder erreichten Höchstform auf und ebneten damit den Weg für eine erwachsenere Sichtweise auf diese Kunstform. Ohne die Vorarbeit durch solche Werke sind legendäre Titel wie „The Dark Knight Returns“, „Watchmen“ oder „V wie Vendetta“ schier unvorstellbar.

MACY’S THANKSGIVING DAY PARADE Photograph, Superman balloon, New York City, Thanksgiving ca. 1982. © DC Comics

MACY’S THANKSGIVING DAY PARADE
Photograph, Superman balloon, New York City,
Thanksgiving ca. 1982. © DC Comics

Weitere prägende Ereignisse, die die Comiclandschaft nachhaltig verändern sollten, sind des Weiteren die zum Teil verlagsübergreifenden Crossover wie zum Beispiel „Superman vs. Spider-Man“ oder das Aufeinandertreffen von Muhammad Ali mit dem Mann aus Stahl. Dieser feierte zum damaligen Zeitpunkt auch sein Leinwand-Debüt, welches mit bis dato kaum vorstellbarer Tricktechnik und produktionstechnischem Aufwand zum Blockbuster avancierte und damit die Zielgruppe deutlich erweiterte. Parallel mischte Lynda Carter als „Wonder Woman“ die Fernsehwelt auf und nahm nach der übertriebenen „Batman“-Serie der 60er Jahre einen festen Platz im Nachmittags-Programm und in den Herzen der Zuschauer ein.

Doch es geht in diesem Buch selbstverständlich primär um die bunten Heftchen, die wir alle lieben. Dementsprechend würdigt Levitz im Großteil des Werks die kreativen Köpfe hinter den Geschichten. Darunter befinden sich unter anderem Bernie Wrightson, dem wir „Swap Thing“ zu verdanken haben. Eine waschechte Horror-Serie, die bis zum heutigen Tag Relevanz hat und mit den „New 52“ sogar einen Reboot feiern durfte. Des Weiteren konnte DC sogar die Marvel-Legende Jack Kirby unter Vertrag nehmen und damit visuell gänzlich neue Wege beschreiten. Das sind nur zwei der vielen Namen, die „The Bronze Age Of DC Comics“ prägten und denen hier auch der gebührende Platz eingeräumt wird. Um das Ganze zu verdeutlichen leitet ein Interview mit einem der bedeutendsten Kreativen der jeweiligen Ära jedes der Bücher dieser Reihe ein. Hier wäre es Danny O’Neil, der interessante und persönliche Einblicke in die damalige Zeit gibt und dabei das Erlebte launisch Revue passieren lässt.

va_dc_comics_bronze_age_press_064a_02834_1509021711_id_992356

Batman No. 251 Interiors, “The Joker’s Five-Way Revenge”; script, Denny O’Neil; pencils and inks, Neal Adams. © DC Comics

Ich muss hier wirklich anmerken, dass es vermutlich nie eine so umfassende Aufarbeitung bezüglich DC gab und geben wird und jeder der nur im Ansatz ein Interesse verspürt auch hinter die Kulissen dieser Industrie blicken zu wollen, keine Wahl hat als zuzugreifen. Insbesondere die Möglichkeit sich die Geschichte Stück für Stück zuzulegen ist im direkten Vergleich zur Urfassung ein Argument für die Anschaffung. Ich für meinen Teil freue mich schon riesig auf die zwei ausstehenden Kapitel in Form von „The Dark Age“ und „The Modern Age Of DC Comics.“