Old Man Logan – Band 4

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Es ist schon wieder soweit und ich kann mich wirklich nur wiederholen: Die Old Man Logan-Serie (Bd. 1, 2, 3) ist eine der besten Comic-Reihen, die in den letzten Jahren verlagsübergreifend erschienen ist. Es ist schier unglaublich, wie es Jeff Lemire schafft die Qualität der Geschichten auf einem konstant hohen Level zu halten, während der Zeichner Andrea Sorrentino auf jeder Seite die Grenzen dessen ausreizt, was das Medium Comic ausmacht.

In dieser Runde ist der sieben US-Hefte umfassende Band in zwei Story-Stränge unterteilt, die sich bezüglich Stimmung, Optik und Setting extrem unterscheiden, dadurch aber die Bandbreite dessen aufzeigen, was man mit der Figur und ihrer Welt alles anstellen kann.

Im ersten Teil wird Logans alte Freundin Jubilee vermisst, deren Spur ins ferne Rumänien führt. Dort trifft der ehemalige X-Man auf eine Spezialeinheit, die gefühlt einem Kuriositäten-Zirkus entstammt. Ein amphibisches Alien, ein Werwolf (der sich Warwolf nennt), ein zum Killer ausgebildeter Affe und ein paar andere Freaks der selben Größenordnung.  Mit diesen versucht Logan nun seine Freundin aus einem Schloss zu befreien. Nun denkt über den Schauplatz nach und ihr könnt sicherlich erraten, gegen wen die seltsame Gruppe in den Kampf ziehen muss…richtig: Dracula!

Der Plot klingt zunächst wie ein Witz, spielt aber bewusst mit Trash-Klischees und schöpft tatsächlich auch reichlich aus der Marvel-Historie, in dem die ein oder andere Figur aus den längst vergessenen Experimentier-Phasen des Verlags ausgegraben wird. Als Ganzes eine sehr unterhaltsame Story, die als One-Shot überzeugt und Lust auf weitere kleine Episoden aus der Welt des alternden Wolverine macht.

Ihr schließt sich als Kontrast-Programm eine Geschichte aus der „Old Man Logan„-Kontinuität an die, so viel darf man vorausschicken, die Messlatte wieder ein Stück höher hängt. Wir begegnen unserem Helden plötzlich in der ursprünglich zurückgelassenen „Einöde“ wieder, die das Ursprungs-Universum des Charakters darstellt und diesen dementsprechend irritiert zurücklässt. Seine letzten Erinnerungen beziehen sich auf einen Notfalleinsatz auf einer Raumstation. Trotzdem überschneiden sich parallele Erinnerungen einer veränderten Realität der Gegenwart mit Ereignissen aus der Zukunft. Was ist real? Was Fiktion?

Mit diesen Fragen stürzt man sich als Leser mit Logan in eine fast schon an den Film „Inception“ erinnernden Plot, der nichts vom Ausgang vorausnimmt, der die Spannung ersticken könnte. Sorrentinos meisterhafte visuelle Umsetzung tut ihr Übriges, indem Panels gekonnt als Spiegelbilder verschiedener Realitäten vermengt werden, Überschneidungen über das klassische „gleiche Figur im selben Winkel auf verschiedenen Seiten“-Rezept hinaus gehen und Farben nicht als reines Mittel zum Zweck verwendet werden.

Diese Mixtur ergibt eine unglaublich spannende Geschichte, die mich ungeduldig mit den Hufen bis zur Fortsetzung im Februar nächsten Jahres(!) warten lässt. Eine erneut klare Empfehlung an alle bisherigen Leser und die es noch werden wollen. Sollte man sich für eine Anschaffung entscheiden, sollte man jedoch schnell sein. Der vorherige Band ist verlagsvergriffen und das aus gutem Grund!

R. Crumb – Fritz the Cat

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Robert Crumb gilt als DER Vertreter der Underground-Comics, die gerne auch Comix genannt werden. Sein unverkennbarer Stil, der sich in so vielen Details ergießt, dass man auch Jahre nach der ersten Begegnung gerne erneut zu seinen Werken greift, um zuvor übersehene Sachen zu entdecken. Seine schmutzigen Fantasien, die im Kontrast mit seinem unscheinbaren bis schüchternem Auftreten erst ihre ganze Wirkung entfalten. Seine Charaktere, die noch Dekaden nach ihrer Entstehung nichts von ihrem Reiz verloren haben. Das alles und noch viel mehr trug dazu bei, dass Crumb auch außerhalb einer eingeschworenen Szene Bekanntheit erlangte und sich sogar im klassischen Kunstbetrieb seine Sporen verdient hat.

Seine wohl berühmteste Figur, die wie die meisten anderen seinere Kreationen in den 60ern entstand, war Fritz the Cat. Wie der Name schon verrät, handelt es sich um einen Kater und da wir über das Crumbsche Universum sprechen, defintiv kein normaler. Unser Hauptcharakter befindet sich in einer fiktiven, von vermenschlichten Tieren bewohnten Welt, die in ihrer popkulturellen und politischen Ausrichtung ein Spiegelbild der US-amerikanischen Gesellschaft darstellt. Da wir uns in der Entstehungszeit von Fritz befinden, sind die Themen natürlich Sex, Drogen, Hippies, Polizeigewalt, die Bürgerrechtsbewegung und der damit einhergehende Lebensstil. Es wäre aber natürlich keine Crumb-Kreation, wenn der Rahmen dafür nicht aus einem Spiel mit den genannten Elementen bestehen würde, die darauf hinauslaufen, keinerlei Respekt vor nichts zu haben.

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© Reprodukt / R. Crumb

Nun ist die Sache eine ganze Weile her, aber die Figur und ihre Erlebnisse immer noch relevant. Daher haben sich Reprodukt dazu entschlossen eine Neuauflage (Hardcover mit Leinenrücken, 29€) auf den Markt zu bringen, nachdem sie schon zuvor CrumbsMister Nostalgia„, „Mein Ärger mit den Frauen„, „Nausea“ und seine „Kafka„-Adaption veröffentlicht haben.

Schon gleich bei der ersten Geschichte (sowohl im Band als auch real im Jahr 1964), begegnen wir Fritz auf eine Art, die so ziemlich das vorausnimmt, was ihn die nächsten Jahre definieren sollte. Nachdem er seinen Job in der Stadt geschmissen hat, kommt er zu seiner Mutter zu Besuch, die ihm natürlich kostenfrei eine warme Mahlzeit auf den Tisch zaubert. Währenddessen nutzt der heimgekehrte Sohn die Gelegenheit seine nun zu einer Frau gewachsene Schwester zu begutachten und den ein oder anderen Kommentar zu ihrem nun „weiblicheren“ Aussehen abzulassen. Schon hier wird klar, wohin die Reise geht und was Fritz große Ziele im Leben sind: schnorren, saufen, ficken. So kommt es wie es kommen muss und er „vergnügt“ sich bei einem Seeausflug mit seiner Schwester – willkommen in der Gedankenwelt des Robert Crumb!

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© Reprodukt / R. Crumb

In diesem Stil geht es nun weiter, nachdem eine Rahmenhandlung vorgegeben wird: Fritz zieht in eine fiktive Großstadt um zu studieren und mit seinen WG-Kumpels das Leben zu genießen. Dabei konzentriert sich seine Energie hauptsächlich auf den zweiten Teil, der durch ständige Frauen-Geschichten, Drogenkonsum und dem Spaß an Eskalation definiert wird.

Das spannende daran ist der konsequente Opportunismus, mit dem sich der Kater all das erschleicht, was er sich vorstellt. So biedert er sich an Bürgerrechtler an oder erzählt all seinen Eroberungen die gleiche dünne Geschichte um ein Alibi als treuer Single-Mann zu wahren.

So geht es von einer Eskapade in die nächste, wobei die Storys konstant unterhaltsam bleiben und man die stilistische Entwicklung Crumbs fast schon live über die Jahre hinweg verfolgen kann. In der Zeit von 1964 bis Anfang der 70er-Jahre wird der Strich kontrollierter, entfernt sich Stück für Stück mehr von der „Sketchbuch-Ästhetik“ und geht immer mehr in den plastischen Darstellungen auf, die man heutzutage kennt. Nicht zu vergessen, dass ein großer Teil der Abenteuer von Fritz the Cat tatsächlich einem Skizzen-Büchlein entspringt, dass aber ab einem gewissen Zeitpunkt druckreife Zeichnungen beinhaltete.

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© Reprodukt / R. Crumb

Alles in allem bekommt man mit dieser erweiterten Neuauflage (ursprüngliche Veröffentlichung von 1999 mit 76 Seiten, die aktuelle Fassung mit 128) sowohl ein Stück Comic-Geschichte, die Menschen damals wie heute zu provozieren weiß, als auch etwas vom Zeitgeist der wilden 60er, der in der Form nur aus der Feder eines Genies wie Robert Crumb stammen kann. Eine klare Kaufempfehlung für Nostalgiker, Anarchisten und heimliche Perverse – also eigentlich für jeden Comic-Leser, der dem Kindesalter entwachsen ist.

Mord im Orient-Express (Film 2017)

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Der Herbst ist zwar langsam aber dafür sicher angebrochen. Eine Zeit, in der man sich am liebsten in die eigene Decke verkriechen und stundenlang Bücher und Filme verschlingen möchte. Natürlich muss man dafür das passende Genre finden, dass die grauen Zellen nicht unterfordert, aber zeitgleich die Schwere unserer Zeit außen vor lässt, um mit einem wohligen Gefühl die immer dunkler werdenden Tage zu begehen.
Ein prototypisches Beispiel für solch ein Werk, finden wir in der neusten Verfilmung des Agatha Christie-Klassikers „Mord im Orient-Express“. Sich ganz einer längst vergangenen Epoche verschrieben, stellt der Streifen eine Detektiv-Geschichte dar, die in ihrem unbeschwerten Charme eine angenehme Ausnahme im dystopischen Output der letzten Jahre bildet.
Wir begegnen hierbei Anfang der 1930er Jahre dem legendären belgischen Ermittler Hercule Poirot (Kenneth Branagh), der nach einem spektakulär gelösten Fall in Jerusalem, seinen wohl verdienten Urlaub antreten möchte. Durch Umstände muss er für seinen Weg über Istanbul bis London den sogenannten Orient-Express in Anspruch nehmen, der zufällig von seinem alten Freund Bouc (Tom Bateman) betrieben wird, der ihm sogleich ein Abteil für die Fahrt beschafft.
Gleich zu Anfang seiner Reise wird er von einem geheimnisvollen Mann namens Samuel Edward Ratchett (Johnny Depp) angesprochen, der Poirot darum bittet ihn während des gemeinsamen Transports zu beschützen. Der scharfsinnige Detektiv lehnt jedoch ab, da er ein kriminelles Geheimnis hinter Ratchetts Fassade vermutet.
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© 2017 Twentieth Century Fox

Dem unbeständigen Wetter geschuldet, bleibt der Zug kurz darauf im Schnee Jugoslawiens stecken und muss auf die Hilfe von Gleisarbeitern warten, die sich nach der Verspätung auf den Weg zum verunglückten Express machen. Währenddessen wird der zuvor um Schutz suchenden Mr. Ratchett ermordet in seinem Abteil aufgefunden.
Aufgrund der Situation im Zug, muss einer der Passagiere der Täter sein und Poirot beginnt nach kurzem Zögern sofort mit den Ermittlungen vor Ort.
In Frage kommt eine ganze Reihe von Personen. Unter anderem die Gouvernante Mary Debenham (Daisy Ridley), der Arzt Dr. Arbuthnot (Leslie Odom Jr.), die spanische Missionarin Pilar Estravados (Penélope Cruz), die Witwe Caroline Hubbard (Michelle Pfeiffer), der Professor Gerhard Hardman (Willem Dafoe), sowie eine ganze Reihe weiterer Verdächtiger, die schnell befragt werden müssen, bevor der Mörder erneut zuschlagen kann.
Dieses Star-besetzte Aufgebot schafft es dabei im natürlich wirkenden Zusammenspiel, die angenehme Atmosphäre alter Krimis heraufzubeschwören, die vor allem durch die wunderschöne Kulisse des Zugs, sowie die Garderobe der Schauspieler befeuert wird. Trotzdem ruht sich der Film nicht auf den prominenten Namen, sowie der noch berühmteren Buch-Vorlage aus, sondern schafft es mehrere Plot-Twists einzubauen, die den Zuschauer aus der gemütlichen „ach, ich weiß doch eh wer es ist“-Attitüde reißen. Insbesondere Kenneth Branaghs Darstellung der Hauptfigur mit all ihren autistisch anmutenden Ticks in Bezug auf Ordnung, weiß diese Momente authentisch zu transportieren.
Zwar handelt es sich bei der 2017-Ausgabe von „Mord im Orient-Express“ definitiv nicht um eine Veröffentlichung, die auf prestigeprächtige Preise schielt, dafür aber um ein voll und ganz angenehmes Film-Erlebnis, dass man sich gerne mit Freunden und Familie ansieht, welches sich dabei aber nicht selbst zum visuellen Hintergrundrauschen degradieren lässt.
Eine klare Empfehlung für all jene, die ab und zu mal Abstand von Apokalypsen und mentalen Zusammenbrüchen brauchen und sich daher für Unterhaltung entscheiden, deren einziger Zweck es ist, dieser Bezeichnung gerecht zu werden.
Hier die Details:
Film: Mord im Orient-Express
Starttermin: 09. November 2017
Laufzeit: 1 Std. 54 Min.

Hiroshige & Eisen. Die neunundsechzig Stationen des Kisokaido

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Japan, das Land meiner Träume. Von frühester Kindheit an, fasziniert mich die exotische Kultur der Insel, die sich über einen immens langen Zeitraum ohne Einflüsse von außen entfalten konnte. Selbst heutzutage wirkt die industrie-Nation wie ein Hybrid aus Ost und West, der uns in einigen Elementen vertraut, jedoch in den meisten fremd erscheint.

Die dominierenden Bilder Japans, welche uns Europäern als erstes in den Sinn kommen, sind aller Wahrscheinlichkeit nach die legendären Farbholzschnitte in der Tradition des ukiyo-e von Künstlern wie Utagawa Hiroshige. Landschaften, die zu Träumen anregen und die uns in einer popkulturellen Fassung auch im Manga und Anime begegnen.

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© Collection of Georges Leskowicz/TASCHEN
Die Station Urawa, 1835 (Eisen, Tafel 4)

Einer der bekanntesten Vertreter dieser Kunst-Gattung ist Keisai Eisen. Ihn beauftrage der japanische Kaiser im Jahr 1835 mit der Anfertigung einer Reihe von Holzschnitten, die  die sogenannte Kiso-Straße abbilden sollten. Sie wurde im 17. Jahrhundert durch den damaligen Herrscher Tokugawa Ieyasu als alternative Route zwischen Edo (dem heutigen Tokio) und Kyoto durch das Landesinnere angelegt. Um den beschwerlichen Weg attraktiver zu gestalten, wurden an der mehrere hundert Kilometer langen Strecke Gasthäuser, Läden und Restaurants eröffnet.

Als Eisen 24 Werke abgeschlossen hatte, wurde er von Utagawa Hiroshige abgelöst, der im Jahr 1843 die nun insgesamt 70 Schnitte vollenden konnte. Diese stellen Momentaufnahmen der 69 Stationen auf der Kisokaido genannten Straße dar. In diesen begegnen wir in Naturlandschaften und Stadt-Ansichten sowohl Reisenden, lokalen Arbeitern, als auch Passanten, die ihren Alltag bestreiten. Mit einem Augenzwinkern wird dabei dem Betrachter der Weg als sinnliche Erfahrung präsentiert, die das authentische Leben Japans widerspiegeln soll. Ob Menschen beim Beschlagen eines Pferdes, Fegen der Straße oder in einer angeregten Unterhaltung – alles scheint überzeichnet aber im Kern doch in der Realität verwurzelt.

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© Collection of Georges Leskowicz/TASCHEN
Die Station Itahana, 1836/37 (Eisen, Tafel 15)

Insbesondere die atemberaubenden Naturschauplätze lösen fast augenblicklich Fernweh nach einem Land aus, welches zum Zeitpunkt der Anfertigung der vorliegenden Bilder noch nicht von der Industrialisierung erfasst und in der Folge eine idealisierte Welt der Entschleunigung darstellt.

Nun ist beim TASCHEN-Verlag das einzige bekannte Exemplar dieser Serie erschienen, welches fast ausschließlich aus Erstdrucken besteht und in seinem XL-Format die Pracht entfaltet, die es verdient. Darüber hinaus wird mit der Veröffentlichung von „Hiroshige & Eisen. Die neunundsechzig Stationen des Kisokaido“ erneut unter Beweis gestellt, dass Bücher in ihrer physischen Form kein Auslaufmodell, sondern die einzige Möglichkeit sind, Inhalte mit allen Sinnen zu erleben. Vor Beginn des eigentlichen Lesens, muss man den auf japanische Art in Leinen gebundenen Band aus einer  kunstvoll gestalteten Box heben, die nicht als reine Verpackung, sondern als Teil des Erlebnisses gelten muss. Wenn man nun beginnt Seite für Seite die einzelnen Stationen zu begehen, mit gefärbten Fotographien aus dem 19. Jahrhundert tiefer in die Materie einzutauchen und am Ende mit aufschlussreichen Textpassagen ein Verständnis für die Kunstform und ihre Vertreter zu entwickeln, merkt man was für ein Schatz in Bezug auf Qualität als auch Quantität vor einem liegt. Ein Kunstwerk, welches als Produkt in den Hintergrund tritt, um den alten Meistern als Träger ihres Schaffens die Ehre zu erweisen.

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© Collection of Georges Leskowicz/TASCHEN
Die Station Seba, 1836/37 (Hiroshige, Tafel 32)

In diesem Sinne ist dieser Bildband nicht nur eine Pflichtanschaffung für jene, die sich für eine längst vergangene Epoche eines faszinierenden Landes interessieren, sondern auch für Leser, die den Prozess der Betrachtung als Genuss in einer Zeit wahrnehmen können, die das Lesen an sich zu einem simplen Abtasten von Wortkombinationen auf einem Bildschirm degradiert hat. Für sie liegt hier ein in jeder Hinsicht wahrhafter Gegenentwurf vor, den man zum Beweis oder persönlicher Freude immer wieder gern aus dem Regal ziehen möchte.

Asterix in Italien

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Offenbar hat sich bei Jean-Yves Ferri und Didier Conrad ein Rhythmus eingeschlichen, auf den sich die Fans verlassen können. Unter dem wachenden Auge von Albert Uderzo haben sich der neue Autor und Zeichner schon zum dritten Mal an die gewaltige Aufgabe gewagt, das französische Kulturerbe in Form von „Asterix“ fortzuführen.

Mit „Asterix in Italien“ wagt sich das Kreativ-Team nach einer politisch angehauchten Geschichte in „Der Papyrus des Cäsar“ nun an den Rennsport heran, der typisch für die Reihe nicht ohne Seitenhiebe auf das aktuelle Zeitgeschehen auskommt.

Trotz in dieser Hinsicht bekannter Elemente, ist doch nicht alles beim Alten. Inzwischen scheinen die neuen Macher den Mut gefunden zu haben, einen realen Bruch mit der Vergangenheit zu vollziehen. Ob dieser nun nötig ist und an der ursprünglich ohnehin hohen Qualität etwas positiv verändern kann, sei mal dahingestellt. Die erste Neuerung fällt schon beim ersten Aufschlagen des Bandes auf. Wo ist die lieb gewonnene Auflistung der Hauptcharaktere? Wo die Landkarte mit Lupe und dem kleinen, gallischen Dorf? Alles weg und für einen raschen Einstieg in die Handlung geopfert.

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Quelle: Asterix® und Egmont Ehapa Media (Softcover)

Ob diese an die Klassiker ansatzweise heran reicht, ist eine Frage, die ich unter Bauchschmerzen leider mit einem „Nein“ beantworten muss. Es geht gleich mit einem Politikum in Rom los, welches den schlechten Zustand der Straßen zum Inhalt hat (Wir wissen ja: „Alle Wege führen nach Rom“). Um von seinem vernachlässigten Verantwortungsbereich abzulenken, schlägt der zuständige Senator Lactus Bifidus vor, ein international besetztes Wagenrennen durch Italien abzuhalten, um der Welt zu beweisen, wie gut doch die römischen Straßen in Schuss seien. Begeistert von der Idee, stimmt Cäsar unter der Bedingung zu, dass der Sieg definitiv einem Römer zufallen muss, da in einem anderen Fall Lactus in eine weit entfernte römische Kolonie zwangsversetzt wird.

Zeitgleich befinden sich unsere Helden Asterix und Obelix auf dem alljährlichen Markt für Celtisches Brauchtum und Innovative Technik (CEBIT), um ihren Freund Methusalix zu einem „Zahnarzt“ zu bringen. Während Asterix dem gallischen Rentner zur Seite steht, schlendert unser Hinkelsteinklopfer mit dem festen Körperbau über den Markt, bis er einer Wahrsagerin über den Weg läuft. Diese sagt ihm eine Zukunft als siegreicher Rennfahrer voraus, die er mit dem Spontankauf eines gefiederten Wagens sogleich in Angriff nimmt. Zu allem Überfluss bekommt unsere Gruppe noch Wind von dem nun „Transcaliga“ getauftem Rennen und die Entscheidung bei diesem anzutreten ist gefallen.

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Quelle: Asterix® und Egmont Ehapa Media (Softcover)

Beim Ausgangspunkt in Modica (dem heutigen Monza) treffen die Freunde auf alte Bekannte in Form von Stellvertretern ihrer Völker. So sehen wir erneut die Goten oder Briten, sowie neue Figuren aus dem Sudan, die nun alle gegeneinander, aber schlussendlich doch nur gegen einen mysteriösen Römer, samt Grinsemaske antreten müssen. Der als geheimnisvoller Favorit präsentierte Caligarius prescht schon zu Anfang voran und lässt die anderen ratlos zurück. Damit stachelt er den Ehrgeiz seiner Konkurrenten erst recht an und entfesselt eine Rivalität unter ihnen, die sich meist in Slapstickeinlagen entlädt und Verweise auf italienische Eigenheiten (kulinarisch, geografisch usw.) beinhaltet.

Dabei wirkt das Ganze wie ein Aneinanderreihung von Witzen, die kaum etwas zum Voranschreiten der Geschichte beitragen. Die Nebenfiguren dienen währenddessen primär als wandelnde Easter-Eggs aus der Vergangenheit, die aber nicht den ursprünglichen Charme versprühen, der so typisch für Charaktere des Asterix-Universmus ist.

Dadurch entsteht ein Gefühl, dass man zwar in gewisser Weise schon ein Original in der Hand hält, aber mehr Hülle als Inhalt präsentiert bekommt. Conrads Zeichnungen wirken zwar noch einen Tick sicherer in ihrem Stil als in den letzten zwei Bänden, verzichten aber auf die unzähligen Details, die Uderzos Strich weltbekannt gemacht haben. Inhaltlich fehlt leider ebenfalls der doppelte Boden, der die Reihe eigentlich attraktiv für mehrere Altersklassen macht. Man konnte sich als Kind köstlich über gut getimten Slapstick amüsieren, der seine volle Wirkung in aufeinander aufbauenden Panels entfaltete. Als Erwachsener nahm man Nuancen wahr, die unsere moderne Gesellschaft widerspiegelten und auch mit Verweisen auf die Weltgeschichte nicht sparten. Beide Zielgruppen werden vermutlich nur zum Teil befriedigt werden, da sich „Asterix in Italien“ primär auf den Begriff des „Klamauk“ verlässt und dabei die lieb gewonnen Elemente, die die Reihe von Konkurrenten unterschied, teils über Bord wirft.

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Quelle: Asterix® und Egmont Ehapa Media (Softcover)

Es ist selbstverständlich schwierig als Nachfolger eines legendären Künstler-Gespanns den Erwartungen der Fans und Kritiker gerecht zu werden. Trotzdem ist es legitim ein Rezept einzufordern, welches über Dekaden funktioniert hat und auch heutzutage anwendbar ist. Insbesondere ist die Forderung durch die Tatsache begründet, dass die Geschichten von Goscinny und Uderzo zeitlos sind und auch nachrückende Generationen begeistern.

Alles in allem muss man daher sagen, dass „Asterix in Italien“ auf zu vieles verzichtet, um in eine Reihe mit den Klassikern gestellt zu werden. Die Story weiß durchaus zu unterhalten, bleibt aber durchgehend so belanglos, dass man Angst haben muss, den zukünftigen Bänden auf dem selben Qualitäts-Level begegnen zu müssen, weil der Absatz trotzdem stimmt. Daher kann ich Band 37 als Ergänzung der eigenen Sammlung empfehlen, muss aber als Einstieg für Neuleser dann doch auf die schon erschienenen Abenteuer verweisen.

 

David LaChapelle kommt nach Berlin!

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Es ist wieder einer dieser Tage, an denen ich wünschte mich teleportieren zu können. Wie oft ist es schon passiert, dass der TASCHEN-Verlag in die Räume seiner Flagshipstores eingeladen hat um Neuveröffentlichungen zu zelebrieren und dabei die dazu passenden Künstler im Gepäck hatte. Ob Christo, Steve Schapiro oder Peter Lindbergh – Jeder Name stellvertretend für ein legendäres Lebenswerk. Auch am 28.10. diesen Jahres darf ich neidisch gen Norden blicken, während eine weitere Koryphäe sich in Berlin die Ehre gibt.

Niemand Geringeres als der Ausnahme-Fotograf David LaChapelle wird an dem Tag von 18 bis 20 Uhr anwesend sein, um seine neuesten zwei Bildbände zu präsentieren und zu signieren. Es hätte kein besserer Zeitpunkt gewählt werden können, da mit „Lost + Found, Part I“ und „Good News, Part II“ eine fünfteilige Reihe abgeschlossen wird, die mit „LaChapelle Land“ (1996) begann, mit „Hotel LaChapelle“ (1999) fortgeführt und vor über zehn Jahren mit „Heaven to Hell“ (2006) einen vorläufigen Höhepunkt fand.

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Die glücklichen Besitzer dieses Werks können sich über eine Signatur und den Händedruck eines Mannes freuen, der es wie kein zweiter versteht Gesellschaftskritik mit Popkultur zu vermengen und dabei die Gesichter einer Armada von Prominenten vor die Linse zu kriegen. Dadurch kreiert er Motive, die uns vertraut und doch, in seiner ganz eigenen Vision, fremd erscheinen. Diese Mixtur ist es auch, die es schafft, den Zeitgeist ganzer Dekaden einzufangen und dem Betrachter als Spiegel vorzuhalten.

Dabei kriegen Käufer der finalen zwei Bände sogar die Möglichkeit, erstmalig einen Blick auf zuvor unveröffentlichtes Material zu werfen, welches es zuvor nicht mal in einschlägigen Galerien zu sehen gab, sowie erstmals in Buchform veröffentlichte Abbildungen.

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Solltet ihr wie ich kein Glück haben und am 28.10. nicht in Berlin sein, gebe ich euch zumindest die Möglichkeit den edlen vierten Band „Lost + Found, Part I im Wert von 49,99€ euer Eigen zu nennen. Was ihr dafür tun müsst, erfahrt ihr hier:

  1. Lasst ein „Like“ auf meiner Facebook-Seite
  2. Lasst ein „Like“ unter diesem auf der FB-Seite geposteten Beitrag
  3. Markiert einen Freund unter dem eben genannten Beitrag

Dadurch kommt ihr in den Los-Topf aus dem ich danach den glücklichen Gewinner ziehen werde.

Ich wünsche euch viel Glück beim Gewinnspiel und ganz viel Spaß beim schmökern!

Teilnahmebedingungen
1. Teilnahmeberechtigte
Teilnehmen kann jede(r) Volljährige, ausgenommen Mitarbeiter der TASCHEN GmbH.
Eine Teilnahme über Gewinnspiel-Agenturen oder sonstige Dritte, die den Teilnehmer bei einer Vielzahl von Gewinnspielen anmelden, ist ausgeschlossen.
2. Teilnahmemöglichkeiten
Eine Teilnahme ist nur über Facebook möglich, indem der im Text angegebene Beitrag und die Facebook-Seite von ZOMBIAC mit einem „Like“ versehen und öffentlich geteilt wird. Das Gewinnspiel erfolgt ohne Zusammenarbeit mit Facebook.
3. Teilnahmeschluss
Teilnahmeschluss ist der 27.10.2017 um 23:59 Uhr.
4. Gewinnermittlung
Der Gewinner wird per Los ermittelt.
5. Art der Gewinnbenachrichtigung
Der oder die Gewinner/in wird über eine persönliche Facebook-Nachricht schriftlich kontaktiert.
6. Veröffentlichung der Gewinner
Der Name des Gewinners wird nach seiner Ermittlung in anonymisierter Form auf zombiac.blog und der angeschlossenen Facebook-Seite veröffentlicht.
7. Der Rechtsweg
Eine Barauszahlung der Gewinne ist ebenso wie der Rechtsweg ausgeschlossen.

ÜBER: DAS LETZTE AUFGEBOT – Band 3

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Ich bin wieder da! Entschuldigt bitte die längere Abstinenz, aber die letzten Wochen haben bei mir privat sowohl Zeit als auch Nerven gekostet. Zwar denkt man sich vielleicht, dass Semesterferien die perfekte Zeit sind um zu entspannen und sich von Stress und Verantwortung abzukapseln, aber weit gefehlt.

Ein verpflichtendes Praktikum, kombiniert mit regulärer Arbeit (Miete muss bezahlt werden), resultieren in über 50 Stunden pro Woche, die ich zu keinem Zeitpunkt für mein liebstes Hobby nutzen konnte. Wochenenden fielen aus familiären Gründen regulär flach.

Wenn ich es doch mal versucht habe, endete es meistens in Erschöpfungszuständen wie Übelkeit und Kopfschmerzen, aber hey: Alles ist temporär! 😉

Nun beginnt das neue Semester und damit tatsächlich weniger Stress (klingt verrückt, ich weiß). Nach dem in der Zwischenzeit erfolgten „Rechtsruck“ im Bundestag in Deutschland und dem Nationalrat in Österreich, habe ich mit dem folgenden Band wohl den perfekten Einstieg in eine neue Phase von ZOMBIAC gewählt: Über – Das letzte Aufgebot, welches bei Panini Comics mit dem dritten Band noch tiefer in die fiktiven Geschehnisse eines zweiten Weltkriegs einsteigt, der in der vorliegenden Version wohl als „alternatives Historiendrama“ bezeichnet werden kann.

Um eure Erinnerungen bezüglich der zwei Vorgänger-Bände (Bd.1, Bd.2) aufzufrischen, möchte ich euch einen kleinen Rückblick geben. Die deutsche Wehrmacht hat einen Weg gefunden ihre Soldaten in mit übermenschlichen Kräften ausgestattete „Panzermenschen“ zu verwandeln, die mit ihrer zerstörerischen Macht hunderte „normale“ Kämpfer ersetzen können. Um den „Endsieg“ schneller zu erreichen, versorgen die Nazis darüber hinaus ihre Verbündeten in Japan mit der streng geheimen Rezeptur, die die Alliierten in Zugzwang versetzt. Diese schaffen es durch Spionage und Eigenkreationen ihre eigenen „Monster in Menschengestalt“ zu erschaffen und in die Schlacht ziehen zu lassen.

Diese wird an verschiedenen Orten des realen Kriegsgeschehens ausgetragen und findet immer wieder unterschiedliche Ausgänge, die die Story im Eiltempo vorantreiben.

Auch im dritten Band bleibt Kieron Gillen als Autor seiner Linie treu und treibt den Leser von einer Kampfhandlung zur nächsten, die dazwischen von Enthüllungen und Strategie-Plänen begründet wird. Dabei fällt einem immer wieder auf, wie sehr das Konstrukt kurz davor steht in den Bereich des Trash abzuwandern. Wegen quasi nicht existenter Bezugnahme zu den echten Verbrechen während des Weltkriegs und vollkommen übertriebener Gewaltexszesse (die auf die Kräfte der mutierten Menschen zurück zu führen sind), beschleicht einen regelmäßig ein unangenehmes Gefühl in der Bauchgegend.

Darf man so an die Thematik herangehen? Wo verläuft die Grenze zwischen Entertainment und Respekt vor den Opfern? Wo setzt man die richtigen Akzente, um darzustellen, dass die Nazis die Katastrophe des 20. Jahrhunderts zu verantworten haben?

Beides scheint für Gillen nicht ganz einfach zu sein, da man oft den Eindruck hat, dass man als Zuschauer einem Kampf des Kampfes willen beiwohnt und nicht einer Schlacht um die Zukunft der halben Welt. Insbesondere die Ideologie der Faschisten rückt fast gänzlich in den Hintergrund, während primär mit den Hauptakteuren wie Hitler, Goebbels und Co. hantiert wird. Es ist ein gefährliches Spiel, wenn man sich darauf verlässt, dass der Leser gebildet genug ist, um zu wissen, dass diese Personen unfassbares Leid verursacht haben. Natürlich hat die gesamte Reihe (auf 120 Einzelhefte ausgelegt) nicht den Anspruch ein politisches Medium zu sein, aber eine andere Akzentsetzung hätte dem Ganzen sicherlich gut getan. Zwischen den einzelnen Kapiteln merkt man Gillens Gedanken zum Schaffungsprozess durchaus an, dass ihm seine Gratwanderung bewusst ist, aber eine konsequente Umsetzung seiner Ängste vor der Grenzüberschreitung in Taten bleibt er den Lesern schuldig.

So vergisst man bisweilen, dass es sich bei „Über“ um eine veränderte Geschichtsschreibung des zweiten Weltkriegs handelt, während der Ursprung der „Panzermenschen“ und ihren Abwandlungen erklärt wird.

Es wirkt in dem Zusammenhang wie das Spiel eines vom Gesamtkonzept dieser Zeit faszinierten Teenagers, der sich zwar auf Fakten stützt, aber sich am Ende doch zu sehr in die eigene Fan-Fiction fallen lässt. Hatte man am Anfang der Reihe noch das Gefühl sich im Rahmen realer Ereignisse mit fiktivem Ausgang zu bewegen, könnten die Geschichte aktuell auch auf einem fremden Planeten spielen.

Immer wieder eingesponnene Cliffhanger lassen einen zwar weiterblättern, aber der zu Anfang hochgehaltene Gedanke zur Entstehung der Reihe verliert sich immer mehr. Ich für meinen Teil, werde „Über“ weiterhin verfolgen, hoffe aber, dass die Geschichte zur anfänglichen Stärke zurück findet und sich nicht schlussendlich in belanglosen Massakern und wild eingestreutes Namedropping verirrt, bevor sie in der Bedeutungslosigkeit versinkt.

 

Mark Millar Collection 4: Genosse Superman

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Nachdem wir Mark Millars wahnsinniges Genie in reinen Eigenkreationen wie Wanted und Kick-Ass bewundern durften und sahen wie er auch im Superhelden-Korsett mit Wolverine eine gute Figur macht, kommen Leser endlich in den Genuss das legendäre „Genosse Superman“ in der Mark Millar-Collection von Panini eingeordnet zu sehen.

Wie Fans sicherlich wissen, ist es für Autoren und Zeichner schwierig eigene Ideen in ihre Werke einfließen zu lassen, ohne von Verlagen die Pistole auf die Brust gesetzt zu bekommen. Kein Wunder, wenn bei Figuren wie Superman eine gigantische Maschinerie im Hintergrund läuft, die nur darauf bedacht ist, die breite Masse an Lesern zufrieden zu stellen.

Um dabei nicht als reine Fabriken ohne real kreativen Output zu gelten, wird den Kreativen manchmal ein kleines Fenster in die „Elseworld“ geöffnet, in der sie sich fast gänzlich nach Belieben austoben dürfen und der Fantasie keine Grenzen setzen müssen. So ein Fall liegt auch hier vor. Wie der Titel schon mehr als deutlich zu verstehen gibt, erleben wir den Mann aus Stahl nicht als Vertreter der „Stars and Stripes“, sondern Hüter von Mütterchen Russland oder genauer gesagt der Sowjetunion unter Stalin. Wie kommt es dazu?

Wie Mark Millar mal selbst anmerkte, brauchte es eventuell nur einen späteren Zeitpunkt des Eintritts der Rettungskapsel in die Erdatmosphäre mit dem kleinen Kal-El an Bord, um die Weltgeschichte neu schreiben zu müssen. Wie in einem Spiegelbild des uns bekannten Universums, wird der Kryptonier nicht von Farmern in Kansas, sondern von Bauern in der Ukraine großgezogen. Hier erfährt er ebenso die Liebe einer Familie und stellt seine Kräfte im Erwachsenenalter primär dem Wohle der Menschheit zur Verfügung und erst im zweiten Schritt dem Staat. Das Zünglein an der Waage ist jedoch der Wille Stalins den Stählernen offiziell in den Dienst der UdSSR zu stellen, was Superman gerne annimmt und damit parallel den Zorn der Führungsriege auf sich zieht.

Solche Momente machen unter anderem den Reiz der Geschichte aus, die von jedem anderen Autoren in eine klischeehafte „die bösen Russen/die guten Amerikaner“-Storyline gepresst worden wäre. Millar schafft es jedoch Grautöne einfließen zu lassen, die den brutalen Zwang und die Entbehrungen eines Lebens unter sowjetischer Herrschaft nicht verharmlosen, die Idee des Kommunismus und die Feindschaft mit den USA aber auf eine Ebene jenseits von Propaganda-Schlachten hieven.

Verstrickungen beider Seiten in Machenschaften abseits moralischer Überlegungen und Ausflüge in philosophische Sphären der Moral, tun ihr Übriges um eine ausgewogene Erzählung zu ermöglichen. Als Sahnehäubchen werden reale politische Umstände verändert. Ein Faktum, welches selten in Veröffentlichungen aus dem Haus DC fließt und darum umso mehr hervorzuheben ist. Ein erschossener Nixon, ein mit Marilyn Monroe liierter JFK, sowie ein ihm nachfolgender Lex Luthor bilden dabei nur den äußeren Rahmen einer mit unzähligen Referenzen gefüllten Geschichte.

Auch innerhalb des Kontinuums wird ordentlich der Löffel gerührt, wenn Batman als Rächer im Untergrund gegen das sowjetische Regime kämpft und dabei den ein oder anderen Nachahmungstäter inspiriert, Wonder Womans Sippschaft zumindest anfangs mit Stalin paktiert und Green Lanterns Kräfte einen militärischen Twist spendiert bekommen.

Verdammt ambitioniert und doch erstaunlich funktionsfähig. Es ist immer gefährlich mit realen geschichtlichen Ereignissen zu hantieren, wenn der ursprüngliche Gedanke um eine Figur keine (offen) politischen Färbung hatte. Mark Millar hat sich getraut dort anzusetzen und genau deswegen dürfen wir uns über eine der besten Superman-Storys aller Zeiten freuen, die wohl leider erst außerhalb der üblichen Geschehnisse angesiedelt werden musste, damit sie durchgewunken werden kann. Wenn man so eine spannende und intelligent gestrickte Handlung liest, kommt man nicht umhin den Verlag für seine vorsichtige Herangehensweise zu verfluchen, doch solange regelmäßig ein solcher Diamant auf den Markt geworfen wird, halte ich noch die Füße still. (Einen ähnlichen Weg scheint übrigens auch die DC-Filmsparte eingeschlagen zu haben. So wurde offiziell bestätigt, dass in Zukunft One-Shots außerhalb des Cineverse veröffentlicht werden, an denen sich Regisseure fast nach Belieben austoben dürfen.)

Als Bonus (wie bei all den anderen Collection-Releases) dürfen wir uns über Konzeptzeichnungen und Sketche freuen, sowie einem Vorwort von Tom Desanto, seines Zeichens Regisseur der ersten beiden X-Men-Filme. Alles in allem bekommt ihr damit ein Paket geschnürt, welches sich zum einen als Hardcover wunderbar im Regal macht und zum anderen ein Muss für jeden Comic-Leser darstellt. Auch ich bin kein großer Fan des Boyscouts in blau, wurde aber ab der ersten Seite überzeugt. Also nichts wie hin zum Comic-Shop eures Vertrauens!

David Lagercrantz – Verfolgung

Verfolgung von David Lagercrantz

Ich muss gestehen, dass ich persönlich die Millenium-Trilogie von Stieg Larsson erst lange nach ihrer Veröffentlichung für mich entdeckt habe. Das lag unter anderem daran, dass ich zu einem recht komischen Menschenschlag gehöre, der gerne mal einen Bogen um besonders gehypte Veröffentlichungen gemacht hat.

Die Logik, dass etwas sehr erfolgreich sein kann, weil es von besonders hoher Qualität ist und nicht nur aufgrund von Massentauglichkeit in die Regale von Lesern wandert, hat sich mir erst spät erschlossen. Dabei stellen „Verblendung„, „Verdammnis“ und „Vergebung“ einen traurigen Sonderfall dar. Muss man sich als neuer Leser oft erst über eine gewisse Zeit an das Werk eines Autoren heranwanzen (natürlich immer unter Berücksichtigung des quantitativen Outputs), sind der Nachwelt tatsächlich nur die drei Romane um den Journalisten Mikael Blomkvist und die fast autistisch angehauchte Hackerin Lisbeth Salander geblieben, deren Erfolg Larsson nie persönlich erleben durfte.

Nur ein Jahr nach seinem Tod im Jahre 2004 wurde mit seinem literarischen Nachlass eine solche Begeisterung bei Lesern und (zumindest vielen) Kritikern ausgelöst, dass man unter anderem unweigerlich und unter anderen Vorzeichen an die anfängliche Hysterie um Dan Brown denken musste.

Was danach folgte war mehr Konsequenz als Überraschung. Verfilmungen aus der schwedischen Heimat des Autoren und den USA, Comic-Adaptionen und zahlreiche Neuauflagen fütterten die nicht abzuebben scheinende Begeisterung der Fans. Nicht verwunderlich, dass der Hausverlag und die Familie Larssons auf die Idee kamen die Parallelwelt Stockholms aus dem vorhandenen Kanon ausbrechen zu lassen und die Leserschaft an neuen Verschwörungen, kriminellen Machenschaften und deren Zerschlagung teilhaben zu lassen. Doch wie sollte das möglich sein? Entgegen dem Willen der Witwe des Autors, einigten sich Verlag und Familie auf David Lagercrantz, als denjenigen, der die Fackel auf unbestimmte Zeit weitertragen sollte.

Der Journalist und Schrifststeller war bis dato für Sachbücher wie „Ich bin Zlatan“ bekannt und auf keinem Radar bezüglich einer Kriminalgeschichte erschienen. Umso schwerer muss die Bürde auf seinen Schultern gelastet haben, als er sich an den ersten Nachfolgeroman „Verschwörung“ setzte und die Welt schlussendlich doch eines Besseren belehrte. Nicht nur Fans, sondern auch Kritiker waren überwiegend begeistert und der immense Erfolg gab Lagercrantz auch in puncto Zahlen recht. Allein in Deutschland verkaufte sich das Buch rund 400.000 mal und schlug weltweit in den Bestsellerlisten ein.

Rund zwei Jahre später erscheint mit „Verfolgung“ der zweite Streich, dem man den Vorlauf deutlich anmerkt. Lockerer in der Schreibweise, filigraner im generellen Umgang mit der Sprache (auch im Vergleich zu Larsson), sowie selbstständiger im Ausbau der Handlung, bietet der neueste Roman aus seiner Feder einen spannenden Plot, der dem Erbe alle Ehre macht.

Diesmal fokussiert sich alles etwas mehr auf Lisbeth Salander bzw. ihre traumatische Kindheit und Jugend, die scheinbar eng verstrickt mit anderen Personen zu sein scheint, die aber einen angenehmeren Lebensweg einschlagen durften. Los geht es im Frauengefängnis Flodberga, in dem Lisbeth wegen einer fast schon Nichtigkeit einsitzt und wie viele andere unter der Terrorherrschaft der Nazi-Braut Benito Andersson leidet, die scheinbar auch die Belegschaft unter ihre Kontrolle gebracht hat. Am meisten wird jedoch die junge Faria Kazi unter Druck gesetzt, die in unmittelbarer Nähe von Lisbeth ihre Zelle hat und damit ihren Beschützerinstinkt auf den Plan ruft. Trotz der im Vergleich zu den Vorgänger-Bänden zurückgefahrenen Gewaltdarstellungen, bleibt der Konflikt natürlich nicht ohne eine Zuspitzung, die weitreichende Folgen für alle Beteiligten hat.

Währenddessen bekommt Lisbeths alter Vormund und einer ihrer wenigen Freunde Holger Palmgren Informationen zugespielt, die auf eine ungeheuerliche Vermutung aus Lisbeths Kindheit hinweisen. Dementsprechend bittet unsere Lieblings-Hackerin ihren alten Bekannten und Schwedens besten Investigativjournalisten Mikael Blomkvist um Mithilfe bei der Beschaffung weiteren Inputs. Dieser macht sich zunächst halbherzig auf den Weg, um schlussendlich einen unfassbaren Treffer zu landen, der weiter in gewisse Zirkel reicht, als man es je hätte erahnen können.

Da keine Einführung von Figuren nur um sich selbst Willen geschieht, entspinnen sich gleich zwei Handlungsstränge, die zum einen den klassischen Kanon einer schwedischen Kriminalgeschichte bespielen, als auch deutliche Akzente mit Gegenwartsbezug setzen. So erklingt rund um die zuvor erwähnte Faria Kazi ein ganzer Haufen von gesellschaftskritischen Tönen, die von Parallelgesellschaften bis hin zum Islamismus reichen und damit eine greifbarere Atmosphäre erzeugen.

Alles in allem scheint sich David Lagercrantz in seine Rolle als literarischer Nachlassverwalter eingelebt zu haben, lässt aber genug von seinen eigenen Präferenzen einfließen um nicht als ein besserer Ghostwriter, sondern eigenständiger Schriftsteller zu gelten. Insbesondere sein Fokus auf Lisbeth lässt erahnen wohin die Reise gehen wird, denn das wird sie ganz sicher. Den garantierten Erfolg in der Hinterhand ist schon das nächste Werk in der Mache, welches ich nach der aktuellen Lektüre ohne Umschweife ins Regal stellen werde.

 

 

SPIDER-MAN PAPERBACK 2: VON SHANGHAI BIS PARIS

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Ich persönlich gehöre noch zu der Generation an Spidey-Fans, die dermaßen mit der immer wieder aufgewärmten Rahmenhandlung um den Netzschwinger verschmolzen sind, dass alles jenseits von „bettelarmer Peter Parker„, „naiv-schrullige Tante May“ und „keifender J. Jonah Jameson“ schier abwegig erscheint. Selbiges gilt für Schurken, die sich nicht aus dem klassischen Kanon bis in die 90er speisen.

Nun ist mir der neueste Spider-Man-Run in Form des aktuellsten Trade-Paperbacks mit dem Namen „Von Shanghai bis Paris“ in die Hände gefallen, welches wohl Puristen und Leute, die sich länger nicht mehr mit der Figur beschäftigt haben, verdammt verwundern sollte, was wiederum nicht über die Qualität des Werks aussagt. Aber eins nach dem anderen.

Wir befinden uns hier schon beim zweiten Sammelband und damit mitten im Geschehen. Peter ist schon seit geraumer Zeit kein am Hungertuch knabbernder Fotograf, sondern Geschäftsführer seines eigenen Unternehmens, welches natürlich „Parker Industries“ heißt. Mit diesem versucht er mit modernster Technik die Welt zu einem besseren Ort zu machen und unterstützt dabei sogar ganz offiziell seinen Alter Ego Spider-Man bei der Verbrechensbekämpfung.

Diese Hilfe kann unser Wandkrabbler in diesem Abenteuer auch dringend gebrauchen, wenn er gegen die Zodiac-Organisation in den Ring steigt, die wie der Name andeutet ihre Outfits und bisweilen Kräfte auf Basis von Sternzeichen fußen lässt. Dabei ist diese Bande unter der Führung von Zodiac (ja, der Anführer wollte wohl seine Duftmarke auch in Bezug auf den Gruppen-Namen setzen) auf der Suche nach einer geheimnissvollen Macht, die ihr nicht nur unermesslichen Reichtum, sondern auch Wissen zur Verfügung stellen soll, welches für unseren Helden auf persönlicher Ebene gefährlich werden könnte. Daher scheut Spidey auch keinen Weltraumausflug mit Nick Fury, um schlimmeres zu verhindern, aber mehr soll aufgrund von Spoiler-Freiheit nicht verraten werden.

Dafür gibt es Infos zur zweiten Storyline, die Mr. Negative in den Mittelpunkt stellt. Dieser chinesische Bösewicht hat die Macht, alle die ihn berühren unter seine Kontrolle zu bringen. Leider gehören dazu auch Cloak und Dagger, die unerbittlich gegen alle Feinde des Superschurken vorgehen. Dabei machen sie auch keine Ausnahmen für die freundliche Spinne aus der Nachbarschaft, die für die Rettung ihrer Freunde auch mal ans andere Ende der Welt reist. Die beiden kriegen im Übrigen demnächst ihre eigene TV-Serie spendiert, also haltet Ausschau! 😉

Geschrieben wurden beide Geschichten von Dan Slott, der geschickt einen kurzweiligen Plot zu spinnen weiß (pun intended), in dem Spider-Man auch in einem neuen Setting funktioniert. Für die uns altbekannte Stimmung sind aber natürlich nicht nur Autoren, sondern auch talentierte Zeichner verantwortlich. Hier wären es Matteo Buffagni und Giuseppe Camuncoli, die beide die für eine solche Geschichte nötige Dynamik in die Panels zaubern. Ohne sie würden wir uns als Leser nicht wie mitten in einem Daumenkino fühlen, welches uns in atemberaubender Geschwindigkeit zwischen Häuserschluchten über die Seiten treibt. Genau so muss sich Spider-Man anfühlen und zwar egal in welcher Ära die Story angesiedelt ist.

Alles in allem ist damit ein Cocktail gemixt worden, der sowohl die eingangs erwähnten Zweifler als auch Neueinsteiger zufrieden stellen sollte. Das altbekannte Feeling wird wie in einem maßgeschneidert neuem Gewand auf den Leser losgelassen und funktioniert dementsprechend einwandfrei! Ich für meinen Teil habe nach der Lektüre wirklich Lust die Abenteuer von Spider-Man auch im Jahr 2017 weiter zu verfolgen!