The Charlie Chaplin Archives

Um es sogleich vorweg zu nehmen: Der TASCHEN-Verlag hat es mal wieder geschafft sowohl Qualität als auch Quantität in Perfektion verschmelzen zu lassen. Der vorliegende Prachtband „The Charlie Chaplin Archives“ ist alles und vielleicht sogar etwas mehr als sich so mancher Fan wünschen kann.

Den glücklichen Umstand, als Laie einen detaillierten Blick hinter die Kullisen der Entstehungsgeschichte aller(!) Werke Chaplins werfen zu können, verdanken wir seinen beiden Halbbrüdern Sydney Chaplin und Wheeler Dryden. Die beiden waren dafür verantwortlich, die Chaplin-Studios zu räumen als die Familie in die Schweiz umzog. Nun liegt dieser gewaltige Schatz nach 10 Jahren Arbeit, in denen die geretteten Dokumente und Schriftstücke katalogisiert und eingescannt wurden, in all seiner Schönheit vor.

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Paul Duncan, der schon das James Bond-Archiv zusammenstellte, trug für diesen Band in Überformat die wichtigsten Informationen und Aufnahmen zusammen um ein detailliertes Bild zu schaffen, welches das Genie eines Charlie Chaplin sowohl in der Arbeit als auch im privaten Umfeld einfängt.

Dabei fängt er schon bei den ersten Schritten auf der Bühne als Kind an, welches ein paar Groschen für die Familie dazu verdienen will. Schon damals erkannte man in ihm das schlummernde Talent, dass eine Tages zu einem der größten Schauspieler aller Zeiten avancieren sollte. Ausgeschmückt mit allerlei teils unbekannten Ablichtungen, erfährt die Beschreibung etwas Greifbares, welches durch die durchgehenden Zeitzeugen-Aussagen an Tiefe gewinnt. Diese setzen sich aus Beschreibungen Chaplins und seiner Weggefährten zusammen, die um einige Details durch Einwürfe der Macher des Bandes ergänzt werden.

Durch diesen Stil, der sich durch das gesamte Buch zieht, werden in schönster Weise private Momente mit denen am Set in Verbindung gebracht. Im Detail wären es Umbesetzungen, Liebschaften, Entdeckungen von Talenten, Verhältnisse zu Personen des öffentlichen Lebens, sowie Tragödien, die das Leben Charlie Chaplins vom Anfang bis zum Ende durchziehen.

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Es werden dabei in chronologischer Abfolge alle Stationen auf den Bühnen dieser Welt erfasst, bewertet, kommentiert und in einen überspannenden Zusammenhang gesetzt. Angefangen bei einem Varieté-Ensemble, über Chaplins persönliche Entdeckung des Mediums Film in den USA, bis hin zu seinen Einsätzen für „Keystone“, „Essanay“, „Mutual“, sowie „First National“, die ihn einem größeren Publikum zugänglich machten. Dabei kommen viele Anekdoten ans Licht, die eine Erklärung für viele Entscheidungen in seiner Karriere liefern und dem Leser die Entwicklung seiner berühmtesten Figur, des Tramps, lebendig vor Augen führen.

Danach folgen die Werke, die vermutlich jeder, egal ob Cineast oder Gelegenheitskonsument, gleichermaßen kennen und lieben sollte: „A Woman In Paris“ (1923), „Goldrausch“ (1925), „Circus“ (1928), „Lichter der Großstadt“ (1931), „Moderne Zeiten“ (1936) sowie einer der legendärsten Filme überhaupt – „Der große Diktator“ (1940).

Hier wird sich wie schon bei den Kurzfilmen, am Set-Geschehen, dem fast schon manischen Perfektionismus Chaplins und den Reaktionen auf die jeweilige Veröffentlichung abgearbeitet, die vieles in einem neuen Licht erscheinen lassen.

Selbstverständlich werden hier auch die Spätwerke „Monsieur Verdoux – Der Frauenmörder von Paris“ (1947), „Rampenlicht“ (1952), „Ein König in New York“ (1957), sowie die letzte vollendete Arbeit „Die Gräfin von Hongkong“ (1967) berücksichtigt. Insbesondere letzteres Kapitel ist äußerst amüsant im Bezug auf Chaplins Verhältnis zu den Hauptdarstellern Sophia Loren und Marlon Brando, welcher vom Großmeister wie ein Schuljungen getadelt wird.

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Als Abschluss kann man sich die nie vollendeten oder nie veröffentlichten Filme in Form von Skripten, Fotografien und Hintergrundinformationen zu Gemüte führen. Es ist zum Beispiel erstaunlich festzustellen, dass ein komplett fertiges Werk wie „A Woman of the Sea“ vernichtet wurde, aus der Idee Napoleon zu spielen „Der große Diktator“ wurde und sich die letzten Gedanken Chaplins in Form von „The Freak“ in ein Drama mit Fantasy-Einschlag hätten manifestieren können.

Als Fazit lässt sich ziehen, dass dieser Band ein unumgängliches Must-Have für jeden Charlie Chaplin-Fan und Cineasten darstellt. Wie so einige Veröffentlichungen bei TASCHEN zuvor, schlägt der Preis von 150 Euro zwar so manche Geldbörse durch, ist aber jeden Cent wert. Wir reden hier von einem 560 starken, im Überformat gelieferten Werk, dass mit seinen 7 Kilo deutlich macht was in ihm steckt. Wer der englischen Sprache im Übrigen nicht mächtig sein sollte, kann in dem komplett auf deutsch gedruckten Beiheft in die Archive abtauchen. Als zusätzlichen Anreiz enthalten die ersten 10.000 Exemplaren einen kostbaren Filmstreifen mit 12 Einzelbildern aus Lichter der Großstadt (1931), der aus einem 35-mm-Film aus dem Chaplin-Archiv geschnitten wurde.

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