[Rezension] Das Star Wars Archiv. 1977-1983 (TASCHEN)

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Star Wars ist ein Phänomen, dass Generationen verbindet und zu den wenigen Produkten der Popkultur gehört, dass auch nach über 40 Jahren seines Bestehens immer mehr Fans generiert. Dabei sind dafür in erster Linie nicht die neuen Serien, Lizenzen und Neuverfilmungen verantwortlich, sondern die ursprüngliche Trilogie von George Lucas, die nicht nur unser Verständnis von Science-Fiction, sondern die gesamte Filmlandschaft von Grund auf verändert hat.

Genau um diese Filme dreht sich die aktuelle Veröffentlichung des TASCHEN-Verlags von Paul Duncan (Das Charlie Chaplin Archiv, Das James Bond Archiv), die ganz in der Tradition vorangegangener Bände zur Filmgeschichte Das Star Wars Archiv. 1977-1983 benannt wurde.

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Nun könnte man als langjähriger Fan der Reihe anmerken, dass seit dem Urknall in Form von Krieg der Sterne (1977) unzählige Bücher zur Entstehungsgeschichte veröffentlicht wurden. Dabei lässt man jedoch außer Acht, dass wir hier von einem Verlag sprechen, der mit seinen Verbindungen in die Kreativbranche einen deutlich besseren Zugriff auf Material wie Fotografien, Skizzen, Drehbuchentwürfe usw. hat. Hinzu kommt der qualitative Aspekt, der sich auf Umfang, Bindung und Druck bezieht und hierbei die Konkurrenz, insbesondere im Bereich von popkulturellen Themen, de facto unter sich begräbt.

Auch Das Star Wars Archiv. 1977-1983 stellt hier keine Ausnahme dar, welches in enger Kooperation mit George Lucas und Lucasfilm entstanden ist. Das erkennt man vor allem an einem Exklusivinterview mit Lucas und unzähligen selten gezeigten Dokumenten und Fotos, die den Leser mit ihrer Fülle von über 600 Seiten im XXL-Format fast zu erschlagen drohen. Doch wann hat sich jemals ein Star Wars-Fan über zu viel Input beschwert? Zu diesem gehört auch ein eher ungewöhnlicher aber interessanter Einstieg, der basierend auf dem eben erwähnten Interview und Zitaten von Lucas Wegbegleitern, den Werdegang des Regisseurs ab seiner Kindheit, über sein Studium, bis hin zu seinem auch für ihn überraschenden Durchbruch skizziert. Dabei ist die Erzählung seines Lebens kein 0815-Abriss, wie man ihn schon in vielen Feullitons nachlesen konnte, sondern ein detaillierter Einblick in Entscheidungsprozesse, Gedankengänge und Inspirationen für Figuren, Settings und Story-Verläufe.

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Dem folgen den jeweils einzelnen Filmen zugeschriebene Kapitel, die die Entstehung der Saga in aller Ausführlichkeit von der ersten Idee bis zur realen Umsetzung beschreiben. Hierbei kommt, wie im ersten Teil des Bands, primär George Lucas zu Wort, während einzelne Passagen mit Aussagen der beteiligten Schauspieler, Designer, Modellbauer und anderer Beteiligter informativ unterfüttert werden. Zeitgleich werden die zahlreichen Abbildungen mit kleinen Texten versehen, die nicht nur erklären, was man gerade zu sehen bekommt, sondern in den meisten Fällen auch Hintergrundinformationen zur jeweiligen Szene, Skizze oder Drehbuchseite liefern.

Dabei werden auch private Details aus dem Leben der Beteiligten, insbesondere von Lucas, nicht außen vor gelassen, wenn diese einen direkten Einfluss auf die Entstehung der Filme hatten. Dazu gehört natürlich auch das Eheleben, welches nicht unberührt von solch ambitionierten Projekten bleibt. Selbiges gilt auch für den Umgang innerhalb des Filmteams, der bisweilen, basierend auf großen Egos und Unsicherheiten, recht unangenehm sein konnte. Selbstverständlich ist ein Buch dieser Größenordnung und Thematik im Kern eine Hommage an die Star Wars-Reihe, die die positiven Aspekte so weit in den Vordergrund rückt, dass die negativen zu verblassen scheinen. Trotzdem sollte festgestellt werden, dass sich hier nicht vor unschönen Momenten während der Jahre 1977 bis 1983 weggeduckt wird. Zu diesen gehören, der Vollständigkeit halber, auch die seltsamen Auswürfe, die sich in den fast vergessenen Spin-Offs wie den Holiday Specials oder den Ewok-Verfilmungen manifestiert haben. Diese waren ein mehr als offensichtlicher Versuch die Hype-Maschine am Laufen zu halten, was in dem Kontext nicht negiert wird und in einem eigenen Teil am Ende des Buches behandelt wird. In diesem Sinne wird faktisch nichts außen vor gelassen und dem geneigten Leser der wohl umfangreichste Einblick in die Maschinerie von Star Wars gewährt, der jemals veröffentlicht wurde.

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Auf dieser Reise wird des Weiteren (zum Glück) darauf verzichtet eine stringente Abfolge getroffener Entscheidungen und Szenen aneinander zu reihen, sondern darauf geachtet die Entwicklung der drei legendären Filme auch im Hinblick auf Charakterentwicklung genau wiederzugeben, was insbesondere im Kapitel zu Krieg der Sterne spürbar wird. So sieht man, in meinen Augen zum ersten Mal, wie anstrengend und bei weitem nicht so sicher, wie es das Ergebnis suggeriert, der Prozess vom ersten Gedanken zur realen Umsetzung ist.

Wie man an der bisherigen Beschreibung unschwer erkennen kann, ist der Umfang bei dem gegebenen Inhalt und der Seitenzahl auch physisch nicht zu unterschätzen. Wie man es von den TASCHEN-Veröffentlichungen im XXL-Format gewöhnt ist, kommt auch der vorliegende Band mit einem Tragegriff, um sich keinen Hexenschuss zu holen, während man das im Querformat erschienene Buch auf einem Tisch platziert. Denn die Möglichkeit sich diesen Schinken im Sessel zu Gemüte zu führen ist allein schon praktisch eher ein schwieriges Unterfangen. Diesen Umstand würde ich jedoch nicht als Problem begreifen, denn Bilder und Inhalt fordern ein entsprechendes Format, welches der Saga in ihrer Größe erst gerecht wird.

Alles in allem ist Das Star Wars Archiv. 1977-1983 daher nichts anderes als eine Pflichtlektüre für jeden Cineasten und Star Wars-Fan. Man wird keine andere Veröffentlichung finden, die in Sachen Qualität und Quantität im Ansatz an den vorliegenden Band heran reicht. Das Ganze hat mit 150€ zwar auch seinen stolzen Preis, dieser speist sich jedoch nicht allein aus der Lizenz, sondern schlicht und ergreifend aus den schon beschriebenen Aspekten, die eine Anschaffung in jeder Hinsicht rechtfertigen und Lust auf eine potentiell weitere Veröffentlichung zur Prequel-Trilogie machen. Bis dahin sollte man sich auf jeden Fall die Zeit mit dem vorliegenden Werk befassen.

Das Star Wars Archiv. 1977-1983  
Verlag: TASCHEN 
Autor: Paul Duncan 
Sprache: Deutsch 
Format: Hardcover, Halbleinen 41,1 x 30 cm 
Seitenzahl: 604 
Preis: 150 EUR