Aaron und Baruch

13123120_10208012310798672_3164974583770730284_o

Da ich mich gerade mitten in den Prüfungsvorbereitungen befinde, verteilen sich meine Beiträge in den letzten Wochen eher sporadisch über die schnell dahinziehenden Tage.

So ist es auf auf dem Zeitstrahl meiner Reviews gar nicht so lange her, als ich über „Ghost Realm“ von Timo Wuerz berichten durfte, der gemeinhin sowohl vom Auftreten als auch von der Optik her (sowohl vom Werk als auch der Person) als Rockstar der deutschen Szene gilt. Das besondere an diesem Band ist, dass es die erste Veröffentlichung nach vielen Jahren der Abstinenz in Bezug auf die uns lieb gewordenen bunten Heftchen ist und zeitgleich der ausschlaggebende Punkt für den POPCOM-Verlag eine Werkausgabe des Künstlers auf den Markt zu bringen.

Um Timos kreative Entwicklung chronologisch nachvollziehen zu können, beginnt das Ganze mit dem 1993 erschienenen „Aaron und Baruch„, welches mit Niki Kopp als Autor umgesetzt wurde. Man merkt, dass sich die Zeiten gehörig ändern, wenn man sich die Geburtsdaten der Macher zur damaligen Zeit ansieht. So machten sich Niki mit 20 und Timo mit zarten 17 Jahren ans Werk und zauberten eine Geschichte hervor, die in der Form vermutlich selbst von alteingesessenen Veteranen mit Schwierigkeiten umgesetzt worden wäre. Vielleicht ist das Alter aber auch genau die Variable, die diesen Band so ungestüm aggressiv, erotisch und zeitgleich intelligent erscheinen lässt. Die Gefühle der Jugend waren schon immer zeitlos und genau das könnte der Grund dafür sein, dass „Aaron und Baruch“ immer noch frisch wirkt, obwohl der erste Release schon geschlagene 23 Lenze  zurück liegt.

13482907_10208343205110823_9059714019923208340_o

©Timo Wuerz

Aber eins nach dem anderen. Damit ihr diese Einschätzung besser verstehen könnt, setze ich erstmal bei der Geschichte an. Gleich zu Anfang werden uns Aaron, der seinen Lebensunterhalt als Waffenhändler bestreitet und Baruch, dessen Geschäft ebenfalls der Tod ist, aber in Bezug auf sein Profil als Auftragskiller eher der illegalen Schienen zuzuordnen ist, vorgestellt. Durch seltsame Umstände scheinen sich die Wege der beiden immer wieder zu kreuzen, während Aarons Frau ein Scharnier zwischen beiden Welten zu bekleiden scheint…

Technisch wird uns von der Erzählweise wie zu erwarten kein Popcorn vorgesetzt, sondern ein Patchwork aus Szenen, Dialogen und Textfetzen, die trotzdem gekonnt in eine logische Reihenfolge gesetzt werden. Hier wird durchaus eine gewisse Konzentration des Lesers vorausgesetzt, der dem Ablauf fokussiert folgt und das Gebotene nicht nur als Snack-Lektüre konsumiert. Innere Monologe, die erst Stück für Stück ihren Sinn preisgeben und Tauchgänge in die chaotische Psyche der Hauptprotagonisten heben das Geschehen auf eine durchgängig anspruchsvolle Ebene, während man durch viel nackte Haut und Gewaltdarstellungen gut unterhalten wird. So halten sich Pop und Art-House in der Waage, ohne zu sehr in die verkopfte oder stumpfe Ecke abzurutschen. Ich denke als Teenager oder junger Mensch, der sich an dieses Medium heranwagt und nicht von vornherein in die Unterhaltungs-Schublade gesteckt werden möchte, ist so eine Umsetzung mehr als nachvollziehbar. Das erstaunliche ist, dass es funktioniert, ohne zu viel künstlichen Pathos reinpumpen zu müssen.

13391632_10208282157344667_1174139962323703482_o

©Timo Wuerz

Nun zur visuellen Umsetzung, die ja unter dem Motto des Gesamtwerks des Künstlers den wichtigeren Part darstellt. Da ich nun sowohl die frischeste als auch älteste Arbeit mein Eigen nennen kann, ist ein direkter Vergleich angebracht. Man merkt natürlich, dass 23 Jahre an Erfahrung nicht spurlos an einem Kreativen vorbei gehen und eine Entwicklung zwangsläufig stattfinden muss. Das diese jedoch ihren Ausgangspunkt auf einem so hohen Niveau hat, darf als ungewöhnlich gelten. Zwar haben aktuelle Bilder in Bezug auf Gestik, Mimik und Raum mehr Dynamik, Details und gewagtere Perspektiven, die Qualität dieser Punkte war aber auch Anfangs der 90er schon vorhanden. Experimentelle Brüche der Panels, interessante Farbenspiele und die attraktive Darstellung der Figuren gehörten schon damals zum Standardrepertoire. Zu der Selbstkontrolle eines talentierten Malers kommt die gehörige Wut eines gerade so dem Teenager-Alter entwachsenen Menschen, die man oft im rohen Strich herauslesen kann. Ob dies nun gewollt oder intuitiv zustande kam sei dahingestellt. Das Ergebnis spricht für sich. Ich müsste lügen, wenn nicht ein klein wenig Neid in Bezug auf das fertige Produkt mit einfließen würde. Neun(!) Jahre jünger als ich es aktuell bin und schon einen Grundstein für eine steile Karriere gelegt, die weit über Comics hinausgeht und schlußendlich wieder dort landet. Kein Wunder, dass in den letzten Jahren die Schlangen auf Conventions für einen Sketch (was für ein Wort für das was auf dem Papier landet) nicht kleiner wurden, obwohl nichts neues (zumindest in Bezug auf Comics) aus der Feder des Meisters kam.

Neben der großartigen Geschichte, findet sich im hinteren Abschnitt des Bandes ein üppiger Bonus-Teil, der mit ersten Skript-Entwürfen und Test-Seiten aufwartet, kurze Storys, die in keinem Zusammenhang mit „Aaron und Baruch“ stehen und ein sehr unterhaltsames Interview mit den Machern, samt damaligen Wegbegleitern aus der Comic-Szene. Eine wirklich schöne Ergänzung, die dem Leser einen Einblick in die Entstehungsgeschichte der Ausgabe bietet und zeitgleich zum tieferen Verständnis der Handlung beiträgt.

13450705_10208350279007666_317157313410166568_n

©Timo Wuerz

Als Fazit kann ich ziehen, dass man hier eine immer noch aktuelle Geschichte geboten bekommt, die sowohl die grauen Zellen anstrengt, als auch den Durst nach Gewalt und Erotik stillt. Eine Kombination, mit der man auch nach mehreren Dekaden punkten kann, ohne dass es altbacken oder ausgelutscht wirkt. Ein perfekter Einstieg in die Welt von Timo Wuerz, der Lust auf mehr macht. Glücklicherweise ist das erst der Anfang und wir dürfen uns auf weitere Neuauflagen freuen, die teilweise ebenfalls mit dem Autor Niki Kopp realisiert wurden.

Wenn ihr aus unerfindlichen Gründen noch nicht überzeugt sein solltet, geht es hier zur Leseprobe!

An American Odyssey

ANDO_UPDATED_2010_XL_INT_3D.TIF

Wenn ihr meinem Blog seit einiger Zeit folgt, werdet ihr sicher über meinen Artikel zu „Deutschland um 1900“ gestolpert sein. Falls nicht, empfehle ich dem Link zu folgen! 😉

Hier habe ich ganz offen über meine Faszination bezüglich dieses Buches berichtet. Farbfotografien aus einer Zeit, die über 100 Jahre zurück liegt, wirkten auf mich wie ein Fenster in eine andere Welt. Orte, die ich kenne waren fremd und doch vertraut. Wie ein Paralleluniversum, festgehalten für die Ewigkeit. Einen ähnlichen Eindruck kann man auch bei Marc Walters „An American Odyssey“ gewinnen, welches zwar schon vor meiner bereits besprochenen Ausgabe (ebenfalls bei TASCHEN) erschien, aber nun glücklicherweise ebenfalls seinen Weg in meine Hände gefunden hat.

Um diejenigen abzuholen, die sich gerade darüber wundern, dass es farbige Aufnahmen aus der eben erwähnten Epoche gibt, möchte ich etwas weiter ausholen und erklären wie das möglich sein kann. Die zu sehenden Photographien nennt man „Photochrome“. Schwarzweiß-Negative, die man dank eines lithografischen Verfahrens serienmäßig in Farbe produzieren konnte. Dabei wurden 14 Tintentöne in verschiedenen Farben eingesetzt, um das unglaubliche Ergebnis abliefern zu können. Diese Technik wurde von der Schweizer Druckerei Orell Füssli (auch heute noch als Holding existent) im Jahr 1889 in Zürich eingeführt und fand nachvollziehbar schnell Anklang in der Bevölkerung.

xl_american_odyssey_062-063

Durch den immensen Erfolg war es bald möglich weltweit Zweigstellen zu eröffnen und damit die Produkte einer größeren Masse zur Verfügung zu stellen. Eine davon war die Detroit Photographic Company, die noch bis in die 1920er Jahre millionenfach Postkarten mit den im Buch zu sehenden Motiven produzierte. Das Geschäft brummte vor allem durch die Tourismus-Industrie, die schon damals wußte wie man Erinnerungsstücke an den Mann bringt. So wurden neben Karten und großen Drucken, zum Beispiel ganze Alben an den Verkaufsstellen der zahlreichen Sehenswürdigkeiten angeboten. Davon gab und gibt es nach wie vor mehr als genug. Der Unterschied liegt darin, dass gegen Ende des 19 Jahrhunderts die letzten Entdeckungen des Landes erst wenige Jahre zurück lagen. Ein Grand Canyon war zur Entstehungszeit der Bilder erst seid ca. 20 Jahre bekannt und für die meisten die davon gehört hatten schier unvorstellbar. Nun konnte man nicht nur von den Schätzen Nordamerikas berichten, sondern diese auch zeigen.

Hierbei folgen wir dem selben geografischen Prinzip wie bei „Deutschland um 1900„. Im Klartext begeben wir uns auf eine visuelle Reise vom östlichen Ende des Landes bis an die Westküste. Dabei wird den einzelnen Städten und Staaten unterschiedlich viel Platz eingeräumt. Zum einen vermutlich abhängig von der Frequentierung durch Touristen und andererseits durch die Auswahl der Sehenswürdigkeiten. Während New York faktisch an jeder Straßenecke etwas zu zum Entdecken bietet, müssen einige Landstriche wie Iowa mit nur wenigen Abbildungen auskommen, da Landwirtschaft und Industrie natürlich weniger Reize bieten als Naturspektakel oder aufregende Architektur.

xl_american_odyssey_390-391

Von beidem findet man auf seiner Reise zuhauf. Die Niagara-Fälle, Wüstenlandschaften, an die jeweilige europäische Abstammung der Siedler erinnernde Gebäude und ihre Bewohner faszinieren von der ersten bis zur letzten Seite. Insbesondere Bilder, die man zwar erstmals sieht, die einem aber seltsamerweise bekannt vorkommen, haben eine ganze besondere Anziehungskraft. Wenn man die Cowboys auf ihren Pferden, die schwarze Bevölkerung auf den Baumwollplantagen oder die fast schon als exotische Tiere abgelichteten Indianer sieht, fühlt man sich in einen Film versetzt, bei dem man nicht genau weiß ob man den Anblick genießen darf oder nicht. Meine Faszination für historische Aspekte von Photographien sog alles genüßlich auf, während meiner rationale Seite bewusst wurde, dass ich ehemalige Sklaven und vertriebene Bevölkerungsgruppen beobachte. Doch genau dieser Zwiespalt, der von den Photographen sicherlich nicht beabsichtigt war, stellt einen ganz besonderen Pluspunkt dieser Veröffentlichung dar.

Während man nämlich bei dem Band zum Deutschland des 19. Jahrhunderts aufgrund der stilisierten Ausrichtung die Schattenseiten des Lebens und die Konfliktherde dieser Gesellschaft nicht mal erahnen konnte, gibt uns „An American Odyssey“ tatsächlich die Möglichkeit etwas reflektierter auf die dargestellten Orte und Menschen zu blicken.

xl_american_odyssey_588

Als Fazit kann ich ziehen, dass dieses schwergewichtige Buch (selbes Kaliber wie „The Charlie Chaplin Archives“ oder „Deutschland um 1900„) nicht nur für Nordamerika-Fans, sondern für jeden Interessenten der Geschichte geeignet ist, der sich auf eine einzigartige Zeitreise begeben möchte. Hier erlebt man einen Hauch dessen, was einst als der „American Dream“ bekannt wurde und die Menschen noch heute über alle Maßen fasziniert. Ein Buch, welches mit 612 Seiten und über 2000 Aufnahmen nichts anderes als ein Abtauchen in die Geschichten hinter den Motiven zulässt. Eine klare Empfehlung meinerseits!

 

Rob Zombies „31“-Trailer veröffentlicht

Als großer Fan von Rob Zombie, egal ob nun Musik oder Filme, freue ich mich ganz besonders auf den Release seines neuesten Streifens „31„. Dieser wurde nämlich größtenteils durch eine Crowdfunding-Kampagne finanziert und ist entsprechend von künstlerischer Seite an fast keine Zwänge in Bezug auf die Umsetzung gebunden. Im Klartext heißt es, dass man sich nicht sicher sein kann, ob wir ihn in Deutschland überhaupt zu sehen bekommen, aber Indizierungen halten Fans ja bekanntlich nicht auf! 😉

Die Story sieht folgendermaßen aus: Am 30 Oktober 1975 wurden fünf Karneval-Arbeiter gekidnappt und bis zur folgenden Nacht (Halloween) in einem Käfig gefangen gehalten. Ihnen wird erzählt, dass sie an einem Spiel mit dem Namen „31“ teilnehmen müssen, dessen Ziel es ist die kommenden 12 Stunden zu überleben. Das Ganze gestaltet sich jedoch etwas schwierig, da sie nicht alleine sind. Eine Gang von bösen (etwas untertrieben, ich weiß) Clowns ist ebenfalls da und verfolgt die Gefangenen.

In jedem Fall gibt es ab heute in Form des ersten Trailers einen kleinen Ausblick auf das frische Massaker aus dem Hause Zombie:

Rover Red Charlie

ROVERREDCHARLIESOFTCOVER_Softcover_348

©Panini Comics Deutschland

Im Bereich des Films findet schon seit knapp 15 Jahren ein Revival des Zombie- bzw. Apokalypse-Genres statt und es sieht nicht so aus als ob dieser Trend demnächst abebben würde. Einen nicht geringen Anteil an der Popularität der Endzeit-Szenarios haben auch sicher die „The Walking Dead“-Comicreihe und die gleichnamige Serie samt Spin-Off zu verantworten.

Der Ablauf vom Ende der Welt bleibt dabei aber über die meisten Veröffentlichungen hinweg der gleiche. Ein Virus, eine Krankheit oder ein gescheitertes Experiment dezimiert die Bevölkerung und lässt nur einen Haufen nach Menschenfleisch gierender Zombies zurück. Die Helden folgen zeitgleich ebenfalls einem bekannten Muster. Ein Anführer, ein Verräter, ein alter weiser Mann, der Situationen kurz vor der Eskalation entschärft usw.

Nun bin ich in diesem Zusammenhang auf etwas ganz besonderes gestoßen. Zunächst muss ich sagen, dass mir das Cover der zu besprechenden Geschichte einen etwas anderen Eindruck vermittelt hat, als am Ende geboten wurde, aber dazu gleich etwas mehr. In jedem Fall ist „Rover Red Charlie“ auf mehreren Ebenen etwas ganz spezielles.

Dann muss ich auf den irischen Skandal-Autor eingehen, der hinter der Story steckt. Selbst wenn ihr Garth Ennis nicht sofort vom Namen her kennt, sind euch sicherlich einige seiner Werke bekannt. Zum Beispiel läuft im Angebot von Amazon Prime aktuell die auf seinem Comic „Preacher“ basierende Serie und regelmäßige Leser der Panini Preview sind bestimmt über die Crossed-Reihe gestolpert, die aufgrund ihrer Brutalität in Bild und Text ganz gerne mal geschwärzt angekündigt wird. Beide Publikationen geben von ihrer Art her schon den Ton an, dem sich Ennis generell treu bleibt. Das heißt im Klartext: brutal, zynisch, aufwühlend, lustig und dabei intelligent.

Einen nicht zu übersehenden Bruch gibt es dennoch. Die Hauptcharaktere sind die titelgebenden Hunde „Rover“, „Red“ und „Charlie“. Die drei Kumpel finden sich mitten in der obligatorischen Apokalypse wieder, bei der es zwar keine wandelnden Untoten gibt, aber eine sich selbst massakrierende Bevölkerung, die sich entweder selbst verbrennt, von Häusern stürzt, gegen Wände läuft und alle um sich herum mit in den Tod reißt. Der unvermittelte Einstieg gibt dem Leser das Gefühl, welches die Protagonisten gleichermaßen empfinden: Verwirrung, Schock und Panik.

Wie durch ein Wunder schaffen es die drei aus dem Chaos ihrer Stadt (vermutlich New York) und stehen vor den selben Herausforderungen wie die Charaktere aus anderen Reihen dieser Art. Die Menschen („Fütterer“ genannt) haben sich selbst ausgerottet, geben in der Folge keine Anweisungen mehr, können im Fall der Fälle nicht für die Hunde da sein. Nun müssen die Tiere selbstständig Nahrung suchen, sich zurechtfinden und Pläne für ihre eigene Zukunft schmieden. Dementsprechend fassen sie nach kurzer Zeit den Entschluss ihr Glück am „größeren Platsch“ (Westküste) zu suchen und begeben sich auf eine einzigartige Reise im Stile eines Road-Movies.

red-rover-charlie-1-ennis-dipascale-avatar-02

©Avatar Press

Nun könnte man in Versuchung kommen zu glauben, dass alles irgendwie drollig abläuft und die Grundstimmung trotz der Ausgangslage eine witzige Komponente hat. Weit gefehlt. Zwar werden den Figuren menschliche Eigenschaften wie der Dialog untereinander zugestanden, aber dieses Werkzeug wird nur so viel wie nötig eingesetzt. So wird die Gefahr einer Parabel auf menschliche Charaktere vermieden und der damit einhergehende individuelle Ansatz noch weiter verfestigt. Selbst die menschlich anmutenden Verhaltensweise und die Sprache selbst werden genutzt um den Fokus auf die jeweilige Tierrasse und ihre Charakteristika zu lenken. Hunde besitzen ein geringes Vokabular („Ich bin ein Hund! Ich bin ein Hund!“ als Äquivalent zum Bellen), Katzen interessieren sich nur für sich selbst, sind verschlagen und deutlich intelligenter als ihre anderen vierbeinigen Genossen (auch vom Sprachgebrauch), während zum Beispiel Hühner an der Grenze zur Debilität wandern. Das Ganze funktioniert so unglaublich gut, dass man am liebsten dem Autor persönlich zu dieser Leistung gratulieren möchte. Vor allem wird nichts grundlos dargestellt. Alle Handlungen bringen die Geschichte voran und zementieren zeitgleich die dargestellten Protagonisten.

Es läuft im Übrigen typisch für Garth Ennis, in einer leicht Pathos-geschwängerten Atmosphäre ab, die gelegentlich von seinem schwarzen Humor aufgebrochen wird. Hierbei gelingt es ihm immer wieder, dass einem das Lachen im Halse stecken bleibt, wenn zunächst lustig anmutende Situationen in bestialischer Grausamkeit münden. In einem Wort: genial! Vor allem schafft er es, dass man mit den zunächst doch leicht cartoonesk wirkenden Figuren mitfiebert und teilweise sogar mitleidet. In meinen Augen mit den gegebenen Mitteln ein Kunststück, welches andere Schreiber nicht mal mit klassischen Methoden hinkriegen.

img_1159

©Avatar Press

Auf der visuellen Ebene finden wir Michael DiPascale, der mit seinem sehr eigenen Stil eine Welt erschafft, die ständig zwischen abwegig surreal und photorealistisch schwankt und dabei die Story in ihrer Wucht umso mehr unterstreicht. Da er hierbei ausschließlich digital arbeitet, gelingen ihm hier Farbkombinationen und Darstellungen, die man am Zeichentisch vermutlich nie zu sehen bekommt. Zwar gehen andersrum Aspekte verloren, die man im Medium Comic üblicherweise findet, doch allein schon wegen dem ungewöhnlichen Setting passt die Umsetzung wie die Faust aufs Auge.

Zusammengefasst muss ich euch diese Veröffentlichung unbedingt ans Herz legen. Es ist ungelogen eine der besten Geschichten, die ich in den letzten Monaten lesen durfte. Aufregend, emotional aufwühlend und durchwegs eigenständig. Kein Wunder, dass Panini Comics sich an einen Release des Indie-Verlags Avatar Press heran getraut hat um die deutschen Leser zu beglücken. So etwas wie „Rover Red Charlie“ darf man einfach niemandem vorenthalten. In diesem Sinne: Entweder gleich im Internet bestellen oder zum Comic-Händler eueres Vertrauens rennen! Es lohnt sich!

RRC-1-Pg-10-11-colored-3

©Avatar Press

 

 

 

 

„Make Europe Great Again“-Tour (live in München; 05.06.2016)

Es ist schon eine Zeit lang her, seit ich das letzte mal meine Leser an gute Musik heranführen durfte. Nun ist es wieder soweit und es gibt gleich die Möglichkeit über vier Kappellen zu schreiben, die das Münchner Backstage beehrt haben.

DSC_0071

Rabia Sorda

Unter dem Motto „Make Europe Great Again“ teilen sich Erk Aicrags (Hocico) Nebenprojekt Rabia Sorda, die deutschen Dark-Rocker Lord of the Lost, die legendären Filtersowie der Headliner in Form der von Aggro-Tech zu Metal gewechselten Combichrist die Bühne.

DSC_0094

Rabia Sorda

Hierbei wurde nichts dem Zufall überlassen und etwaige Sound-Experimente im Rahmen des Line-Ups sind mit der Lupe zu suchen. Durften früher klassische Glühstäbchen-wirbelnde Pool-Nudel-Träger die Shows von Combichrist eröffnen, lassen sich diesmal alle Gruppen unter Gitarren-Musik mit Elektro-Einschlag einordnen. Passend zur homogenen Ausrichtung, hat sich auch die Fanbase der Bands deutlich gewandelt. Man findet zwar immer noch überwiegend Leute aus dem Gothic-Bereich, aber die Metal-Heads sind eindeutig auf dem Vormarsch. Nebenprojekte und Support-Slots in diesem Genre scheinen einen bleibenden Eindruck bei den Musikern und damit der Schreibweise der Songs hinterlassen zu haben. Einen Einbruch des Erfolgs muss deswegen aber keiner befürchten, wenn man die gut gefüllte Halle betrachtet.

DSC_0225-2

Lord of the Lost

Leider kam genau das dem Trio um Rabia Sorda nur bedingt zugute, denn der Einlass und der Beginn des Konzerts lagen gerade mal 30 Minuten auseinander. Dementsprechend mussten die Musiker zunächst vor halb leerer Halle spielen, machten ihre Sache aber sehr gut. Die Mischung aus Punk und Industrial war der perfekte Einstieg um die ersten Hände hoch gehen zu lassen und einige zu den ersten Tanzschritten zu bewegen. Netter Sound, den man sich merken darf, falls der Name der Band dem Leser noch kein Begriff sein sollte.

DSC_0180

Lord of the Lost

Dem folgte das Dark-Rock-Phänomen Lord of the Lost. Optisch irgendwo zwischen Black Metal, Marilyn Manson und Murderdolls zu verorten, lieferte das Quintett eine überzeugende Mischung aus Metal, Pop und Punk, die erstaunlich gut funktioniert. Nach den ersten paar Minuten war ich zwar drauf und dran die Band als humorbefreite Grufti-Gang abzustempeln, wurde aber recht schnell eines besseren belehrt. Die Texte zu Tracks wie „Blood for Blood“, „Sex on Legs“ oder „Black Lolita“ klingen zwar zunächst ungewollt klischeehaft, aber mit einem gewissen Augenzwinkern im Bereich der Performance kann man den bubenhaften Spaß am Spiel mit der Symbolik erkennen. Der eindeutigste Beweis dafür, dass die düstere Optik nicht gleich mit Dauerdepression gleichzusetzen ist, wird wohl das Backstreet Boys-Cover von „Everybody“ (1997) sein. Wer hätte gedacht, dass martialisch bis barock anmutende Gestalten so textsicher bei Bubblegum-Kost sein könnten? Im Gesamten setzen die Jungs zwar keine musikalische Revolution in Gange, unterhalten aber auf ganzer Linie, wirken sympathisch und sind sowohl tanz- als auch moshbar. Ganz klare Empfehlung für die kommende Konzert-Planung.

DSC_0284

Filter

Nun war ich mehr als gespannt, als mit Filter die prominentesten Gestalten im Tour-Tross die Bühne betraten und wurde gleich mal vor den Kopf gestoßen. Richard Patrick, ehemaliger Gitarrist der Nine Inch Nails, liefert mit seinem Projekt zwar einen soliden Sound, den man in der Form auch erwartet, aber die Darbietung des Ganzen war jenseits von gut und böse. Wenn man die Frage des Song-Titels „Can you trip like I do?“ beantworten möchte, muss ich im direkten Vergleich zum Frontmann der Band ganz klar „Nein“ sagen. Ich kann gar nicht so viel von was auch immer konsumieren, um so drauf zu sein wie er.

DSC_0293

Filter

Es gehört ja als Musiker eigentlich zum guten Ton eine leicht zerstörerische Aura zu haben bzw. sich mal etwas daneben zu benehmen. Trotzdem muss man dabei so viel Professionalität ausstrahlen, dass man nicht minütlich mit einem Abbruch des Gigs rechnen muss. Ein offensichtlich zugedröhnter Patrick diskutierte technische Probleme live am Mikro aus, nuschelte seine Ansagen mehr als sie wirklich an das Publikum zu richten und hatte wohl Spaß daran Fans aus der ersten Reihe mit Bier und Wasser zu übergießen, da sie seiner Meinung nach nicht genug für die Band abgingen. Das sie eventuell für die nachfolgenden Combichrist da sein könnten, ist ihm wohl nicht in den Sinn gekommen. Die Enttäuschung erreichte bei mir persönlich den traurigen Höhepunkt, als ich realisierte, dass der gute Mann seine Texte von einem eigens für ihn an einer Halterung montierten Tablet ablesen musste. Sorry, aber man kann von einem Profi, der seit fast 30 Jahren im Business ist verlangen, ein Set von einer Stunde im Kopf zu haben, welches nicht mal wie geplant zu Ende gespielt werden konnte. Andererseits sah man auch deutlich warum er sie sich nicht merken konnte. Drogen gehören irgendwo zum Rock’n’Roll aber man muss dabei fähig sein seinen Job erledigen zu können. Da ich Filter zum ersten mal gesehen habe, kann ich nur von meinen Erfahrungen in München berichten und kann dadurch nicht auf den Rest der Tour schließen. Ich lasse mich gerne eines besseren überzeugen, aber das war schlicht und ergreifend eine traurige Vorstellung.

DSC_0432

Combichrist

Damit man jedoch nicht enttäuscht nach hause gehen musste, haben Combichrist exakt das abgeliefert, was man von ihnen schon seit Jahren erwarten kann. Eine brachiale und energiegeladene Show, die man sowohl im Pit als auch beim tanzen genießen kann. Da ich ihre Entwicklung nun schon seit knapp sieben Jahren mitverfolge, freue ich mich von mal zu mal etwas mehr, wenn ich sie live erleben kann. Angefangen mit einer aggressiven Machart des Industrial samt Shouts, die eher unüblich in der Szene sind, über die ersten Versuche „klassische“ Band-Instrumente einzuführen, bis zur finalen Formation als mit Percussions unterstütze Metal-Truppe habe ich alles miterlebt. Zwar haben sich dadurch zwangsläufig einige Old-School-Fans abgewandt, aber dafür sind deutlich mehr Leute aus anderen Sparten dazu gestoßen und der immer größer werdende Erfolg gibt ihnen offensichtlich recht. Zwar gibt es nun das Problem, dass ursprünglich als reine Elektro-Arrangements konzipierte Tracks wie „Get Your Body Beat“ vom Band kommen und dadurch Spielereien mitten im Song ausfallen müssen, aber das tut dem Spaß der Fans keinen Abbruch. Und so befeuerte das norwegisch-amerikanische Projekt die Halle bis weit nach Mitternacht und kramte dabei in der weitreichenden Diskografie um sowohl alte Perlen als auch neue Stampfer präsentieren zu können. Mit „What the Fuck is Wrong With You“ entließen sie schlußendlich ein wie immer zufriedenes Publikum in die Nacht und machten damit fast unverzüglich den Aussetzer des Co-Headliners ungeschehen. Es war wie immer eine Freude, an die ich beim nächsten Besuch der Band gerne anschließen werde!

DSC_0418

Combichrist

Mehr Fotos vom Konzert findet ihr hier!

Timo Wuerz beglückt mein Sketchbuch

Wie einige von euch durch meine letzten Beiträge mitbekommen haben, war ich mit dem Team vom Comicfestival München beim Comic-Salon Erlangen um für die größte Comic-Veranstaltung im nächsten Jahr zu werben.

Dabei habe ich natürlich die Chance genutzt und mir bei so manchem Künstler etwas in mein Sketchbuch malen oder zeichnen lassen. Dazu gehörte auch Timo Wuerz, dessen neuestes Werk „Ghost Realm“ vor kurzem hier besprochen wurde.

Als ich endlich an der Reihe war, wurde Timo von einer mir zunächst nicht näher bekannten Person bei der Arbeit gefilmt. Ein paar Minuten später wurde ich von eben jenem Mann angesprochen, ob ich denn mein Bild kurz in die Kamera halten kann. Gesagt, getan. Dabei sind wir ins Gespräch gekommen und siehe da – es handelte sich um Emu, den Betreiber von bizzaroworldcomics.de! Ich habe mich zwar schon öfter auf seiner Plattform rumgetrieben und bin bei der Suche nach neuem Lesestoff mehrfach über die Seite gestolpert, habe ihnaber nicht gleich erkannt. Schaut doch mal auf seiner Seite vorbei und lasst einen Gruß von mir da! 😉

Auf jeden Fall ist das an dem besagten Tag entstandene Video endlich auf dem frisch gelaunchten YouTube-Kanal von bizzaroworldcomics.de zu finden! Hier könnt ihr euch nicht nur einen Eindruck von Timo Wuerzs unglaublichem Talent, sondern vom gesamten Festival gewinnen. Viel Spaß beim gucken!

Drei Steine

DreiSteineCover-web

Die folgende Rezension befasst sich mit einer Herzensangelegenheit meinerseits. Ich habe das Glück in eine Generation hineingeboren worden zu sein, die faschistisches Gedankengut als etwas so fremdartiges und verabscheuungswürdiges empfindet, dass allein der Gedanke daran mit so etwas menschenfeindlichem zu sympathisieren vollkommen abwegig erscheint. Diese Aussage lässt sich natürlich nicht verallgemeinern und die Stadt in der ich lebe bietet einen so hohen Lebensstandard, dass sich Unzufriedenheit eher selten in Angriffen gegen Minderheiten kanalisiert. Trotzdem hat insbesondere in den letzten zwei Jahrzehnten ein gewisses Umdenken stattgefunden, welches auch durch das Aussterben der ursprünglichen Nazi-Generation vorangetrieben wird.

Leider scheint der natürlich voranschreitende Abstand zu den Ereignissen der Hitler-Jahre  auch dazu zu führen, dass ein gewisses Klientel trotzdem zu vergessen scheint, was zu der Terrorherrschaft unter dem Diktator geführt hat. Abgehängte und diejenigen, die Angst davor haben zu diesen zu gehören, laufen Menschen hinterher, die in Bezug auf Rhetorik und unterschwelligem (bis teils offenem) Fremdenhass in nichts der frühen NSDAP nachstehen. Irrationale Ängste brechen sich Bahn, dumpfe Ressentiments werden wieder salonfähig und ein brauner Flächenbrand, der halb Europa erfasst hat, ermutigt die Akteure in Nadelstreifen und Thor Steinar-Kluft gleichermaßen in ihrem Bestreben alles „fremde“ sowohl politisch als auch auf der Straße zu eliminieren.

drei-steine-friedhof_web

Dementsprechend erscheint mit „Drei Steine“ sowohl thematisch als auch bezüglich des aktuellen Zeitgeists die passende Graphic Novel bei Panini Comics. Die autobiographische Geschichte des Autoren und Zeichners Nils Oskamp spielt in den achtziger Jahren in Dortmund-Dorstfeld, eine bis heute berüchtigte Hochburg der Glatzen in Deutschland. Ein Gebiet welches sich der oberflächlichen Anpassung an das Bürgertum, wie es die NPD pflegt, verweigert und sich immer noch als Repräsentant der stiernackigen Schläger, deren Argumente durch Faustrecht entschieden werden sieht. Hier wird Oskamp während seiner Schulzeit mehrfach Opfer rechter Gewalt, welche im fast das Leben gekostet hätte. Diese physische und psychische Einschüchterung hat ihn jedoch nicht zum Täter umgepolt, sondern zu einem entschiedenen Gegner der Rechten werden lassen, der mit der vorliegenden Graphic Novel ein Zeichen gegen politisch motivierte Gewalt setzt.

Das Buch beginnt in der Gegenwart, in der der Autor seinem Sohn aus seiner Jugend in den achtziger Jahren berichtet. Er wächst in einer Zeit auf, als die Stahlindustrie im Ruhrgebiet ihren Niedergang findet und die Zechen schließen. Dazu schießt die Arbeitslosenquote in die Höhe und die Wut über die Lebensumstände findet generationenübergreifend ein Ventil in der extremen Rechten. Dieses wird während des Jahrzehnts immer noch von ehemaligen Mitgliedern des SS und fanatischen Anhängern des „Führers“ weiter aufgedreht. Dabei suchen diese Leute gezielt verführbare Jugendliche, die damals entsprechend konditioniert noch heute Terror und Angst in der Bundesrepublik verbreiten. Ein weiterer Faktor waren die immer noch von Alt-Nazis besetzten Stellen des öffentlichen Dienstes (wie Lehrer) und die Mentalität des Vergessens in der restlichen Bevölkerung. In so einer Umgebung aufgewachsen, stellt sich Nils Oskamp konsequent dem Status Quo entgegen, um dafür mehrfach fast mit dem Leben zu bezahlen. Nur wenige Menschen solidarisieren sich mit dem jungen Mann und helfen ihm dabei standhaft zu bleiben und dem braunen Mob entgegen zu treten. Die Öffentlichkeit und das Elternhaus ignorieren die Gefahr zeitgleich konsequent und zeigen die krankhaften Symptome einer Nation, die scheinbar erst nach der Aufdeckung der NSU-Morde aus ihrem Dornröschenschlaf erwacht ist. Wenn man sich Stück für Stück durch diese Story vorarbeitet erkennt mit Schrecken die zeitlose Aktualität der Ereignisse wieder. Junge Menschen, die aus Perspektivlosigkeit heraus ein Feindbild suchen, welches ihnen mehr oder minder subtil durch AfD (z.B. die Causa Gauland im Fall Boateng) oder PEGIDA (Flüchtlinge als Invasoren) vorgesetzt wird. Das Ergebnis sind brennende Flüchtlingsheime und ein an das 3. Reich erinnernder Gestus à la Björn Höcke. Zwar agiert die Dortmunder Szene nach wie vor im Vergleich zum restlichen deutschen Gebiet extrem brutal, die treibenden Gedanken hinter den Aktionen bleiben jedoch ein bundesweites Phänomen.

dreisteine-kammeraden1-web

In diesem Sinne handelt es sich um eine graphisch aufbereitete Mahnung an die Provokateure und eine helfende Hand für die Jugend, hinter der die Aufforderung steht: Lasst euch nicht von den Rattenfängern verführen! Stellt euch Rassismus, Antisemitismus und Nazis offen entgegen! Sie sind die laute Minderheit, die simple Antworten auf komplizierte Lösungen geben möchten und dabei die Probleme erst selber erschaffen.

Den aufwühlenden Ereignissen folgt ein ausführliches Nachwort, welches das Thema nochmal von sachlicher Seite aus beleuchtet. Zunächst wird die jüdische Tradition der „drei Steine“ erklärt, die auch titelgebend für das Werk ist. Danach sehen wir eine Auseinandersetzung mit der „Kontinuität des Hasses“, die einem Zeitstrahl folgend die einschneidendsten Ereignisse rechter Gewalt und Anstöße für die Szene beleuchtet und am lokalen Beispiel Dortmund nochmals zeigt, dass der Kampf noch lange nicht ausgestanden ist.

dreisteine-kammeraden2-web

Aufgrund der Relevanz des Themas wird durch die Amadeu Antonio Stiftung auch eine auf 96 Seiten gekürzte Schulausgabe als Softcover publiziert, damit junge Leser durch das Medium Comic einen leichteren Zugang zu der Materie bekommen und eine Auseinandersetzung anhand eines realen Beispiels fast schon spielerisch erfolgen kann. Diese Fassung kann über die Webseite www.dreisteine.com für Schulen bestellt werden. Dort findet man auch passendes pädagogisches Begleitmaterial, welches im Unterricht eingesetzt werden kann.

Ich kann dementsprechend eine eindeutige Empfehlung für all jene aussprechen, die sich für das Thema „rechte Gewalt“ interessieren, für Eltern die ihre Kinder vor der allgegenwärtigen Gefahr bewahren und für Pädagogen, die ihre Schützlinge aufklären wollen, ohne auf trockene Broschüren oder immer wieder gekaute Phrasen zurück greifen zu müssen.

Panini Comics und Nils Oskamp können stolz darauf sein, auch im Bereich der neunten Kunst ein Zeichen gegen Rechts gesetzt zu haben.

Hier können sowohl Schulen als auch alle anderen das Buch bestellen.

drei_steine_logo_web

We Stand on Guard

WeStandOnGuard_Dummy_rgb

Insbesondere seit dem „Kampf gegen den Terror“, den die USA unter George W. Bush eröffnet haben, traut man der Weltmacht alles zu, wenn es um das Eröffnen neuer Konfliktherde geht. Dabei wurden und werden vorzugsweise Länder infiltriert, die reich an Rohstoffen und arm in Bezug auf militärische Schlagkraft sind. Bis dato gilt das primär für Nationen im Nahen Osten, die auf begehrten Öl-Reserven sitzen. Doch was bringt die Zukunft? Das schwarze Gold wird noch zu Lebzeiten meiner Generation zur Neige gehen, während die Natur parallel bis an die Belastungsgrenze ausgenutzt wird. Das Ergebnis wird aller Wahrscheinlichkeit nach ein Kampf um lebenswichtige Ressourcen sein, der neue Fronten nach sich ziehen wird, die wir uns heutzutage nicht mal vorstellen können…oder wollen.

We Stand on Guard_08

Genau in diese Kerbe schlägt „We Stand on Guard“ von Cross Cult, welches hundert Jahre in der Zukunft spielt und einen (bis jetzt) imaginären Konflikt zwischen Kanada und den Vereinigten Staaten von Amerika beleuchtet. Aufgrund von drastischen Klimaveränderungen, die wir schon heute spüren können, gehen die Wasservorräte der USA zu Ende und lassen das Land zu den uns schon bekannten Werkzeugen der Machterweiterung greifen. Durch einen als Gegenschlag inszenierten Angriff wird der wasserreiche Nachbar aus dem Norden überrannt. Infolgedessen ziehen sich verschiedene Gruppen in die dichten Wälder zurück und kämpfen als Guerilla-Einheiten gegen die gnadenlos agierenden Invasoren. Im Mittelpunkt steht dabei die Hautprotagonistin Amber, die den ersten Angriff als Kind miterlebt hat und aufgrund zahlreicher persönlicher Verluste in der Konfrontation mit den Amerikanern ihren Rachedurst zu stillen versucht.

We Stand on Guard_09

Die Story ist dabei weder ein schwülstiger Anti-Kriegs-Roman, noch reines Ami-Bashing, sondern eine Warnung, die in ein futuristisches Gewand gekleidet ist. Die Rhetorik der Amerikaner gegenüber ihren Freunden und Verbündeten wird in all ihrer Fragilität präsentiert und lässt den Leser mit der Frage zurück, ob ein solches Szenario in einer ähnlichen Form nicht vielleicht doch irgendwann Realität werden könnte. Folter zum Zwecke der angeblichen Wahrheitsfindung, politisches Kalkül und der Verzicht auf moralische Abwägung finden alle ihren Platz in einer Science-Fiction-Welt, spiegeln jedoch durchgehend reale Umstände, bei denen man nur die Namen der Nationen und den umkämpften Rohstoff auswechseln müsste um einen Bericht der Tagesschau konstruieren zu können. Das dies ohne Durchhänger, geschweige denn einem Abfall der Spannung geschieht, ist dem Star-Autoren Brian K. Vaughan zu verdanken, den Fans auch als Macher hinter der „Saga“-Reihe kennen.

Am Zeichentisch wird er dabei durch niemand geringeren als den Story-Board-Artist Steve Skroce unterstützt, dessen Arbeiten an „Matrix“ oder „V wie Vendetta“ sich in Bezug auf atmosphärische Perspektiven und emotionale Szenen in jedem Panel widerspiegeln. Feste Konturen und detailverliebte Umgebungen leisten einen nicht geringen Anteil daran, dass man in der Geschichte so oft mit den Figuren mitfiebert und ihr persönliches Schicksal zu Herzen nimmt.

WeStandOnGuard_Banner

Eine nicht zu vernachlässigende Ergänzung bietet der Kolorist Matt Hollingsworth, der mit „Preacher“ und „Hawkeye“ seinen Ruf erarbeitet hat, den er mit „We Stand on Guard“ weiter festigt. Die relativ blassen Farben, die auch mal gänzlich ohne Outlines Seiten füllen können, unterstreichen die erzeugte Stimmung, in der sie nicht in eine gefällig knallige Form der Superhelden-Geschichten abdriften und das Ganze damit unverdienterweise in eine belanglose Action-Ecke stellen.

Als Fazit kann ich ziehen, dass die an realen Ängsten angelehnten Begebenheiten, samt die kontinuierlich auf höchstem Niveau illustrierten Panels eine Kombination ergeben, die man sich nicht entgehen lassen sollte. „We Stand on Guard“ sticht mit einem frischen Ansatz, der alte Themen neu bearbeitet heraus und unterhält auch beim erneuten Aufschlagen der Seiten.

Curse of the Spawn – Band 1

CURSEOFTHESPAWN1_Hardcover_386

Seit geraumer Zeit bringen Panini Comics die beliebte „Spawn“-Reihe als Hardcover-Version heraus, die alle Hefte der Serie ab dem Release Anfang der 90er vereint und uns noch mindestens ein Jahr erhalten bleibt. Denn dann kommt das letzte Buch, welches in den USA einen unwillkürlichen Abschluss der „Origins Collection“ markierte. Da es in Deutschland jedoch bezüglich der Nachfrage mehr als rund läuft, munkelt man über eine Fortsetzung, die unabhängig von Veröffentlichungspolitik im Heimatland der Serie realisiert werden soll.

Bis diese Frage geklärt ist, haben wir als Fans natürlich immer noch Heißhunger auf Geschichten rund um den titelgebenden Höllen-Krieger und werden glücklicherweise in regelmäßigen Abständen bedient. So wurden uns im Laufe der Zeit einige Spin-Offs in Form von „Violator“ und „Blood Feud – Blutfehde“ spendiert und verschönern jede auf Vollständigkeit ausgelegte Sammlung. Nun kommt der Nachschlag durch „Curse of the Spawn – Band 1„, welcher es vor allem durch Masse und Hintergrundinfos zu allerlei Figuren in sich hat. Im Detail finden wir in diesem schönen Hardcover (passt perfekt neben die „Origins Collection“, hebt sich aber durch die schwarze Färbung ab) vier Geschichten, die Al Simmons (der Spawn der regulären Reihe) gänzlich vernachlässigen, aber dafür mit umso mehr Freiheiten daherkommen.

Die erste spielt ungefährt 400 Jahre in der Zukunft, während die Apokalypse auf Erden ihren Lauf nimmt. Der Antipapst herrscht mit eiserner Hand über die verwüsteten Flächen der Erde, über die seine Helfer unter dem Kommando des Monstrums Abaddon marodieren. Über allem steht jedoch der Teufel Phlegethonyarre, der den neuen Hellspawn Daniel Llanos aus seinem ewigen Schlaf befreit und auf die Welt los lässt. Dieser erkennt den ersten Menschen den er trifft als seine Schwester wieder und rettet sie samt ihren Sohn vor einem Ansturm der Untoten. Das ist natürlich nicht der Plan, den die Kreaturen des Bösen mit ihm umsetzen wollten und nun damit einem neuen Feind aus ihren Reihen gegenüberstehen.

Die nächste Story dreht sich um die uns schon bekannten Privatdetektive Sam und Twitch (die Handlung spielt während ihrer Suspendierung in der regulären Reihe), die einem perversen Serienmörder auf der Spur sind, als plötzlich eine erneute Mordserie einsetzt, der jedoch die psychopathischen Killer und Schänder New Yorks zum Opfer fallen und zeitgleich den korrupten Polizeiapparat eines Departments in Bedrängnis bringt.

Die dritte Handlung beleuchtet die Entstehungsgeschichte des Engels „Angela“, eine besonders in den ersten Jahren oft wiederkehrende Figur, die von ihrem Schöpfer Neil Gaiman nach seinem Abgang zu Marvel mitgenommen wurde und seitdem auch nicht mehr Teil des Geschehens rund um das blutrünstige Image-Universum ist. Hier können wir uns aber sogar an dem Charakter als Hauptprotagonisten erfreuen und uns über Beweggründe und innere Abgründe Angelas informieren.

!!! ACHTUNG SPOILER !!!

Im letzten Teil des Bandes begegnen wir Al Simmons Mörderin „Priest“, die ihn zu dem machte was er ist. Erstaunlicherweise begegnen wir ihr das erste mal in der Realverfilmung von 1997, während in den Comics weiterhin „Chapel“ als der wahre Killer präsentiert wurde. Da er jedoch aus rechtlichen Gründen im Film nicht auftauchen durfte, hat man sich für eine neue Figur entschieden, die später auch in der Serie als wahre Mörderin der Hauptfigur enthüllt wurde. Hier sehen wir ihre Kindheit, die erste Verknüpfung zu Jason Wynn und ihr schizophrenes Leben als immerwährenden Strom des Wahnsinns.

!!! SPOILER VORBEI !!! 

Während der Lektüre bekommt man durchgehend die Spawn-Kost, die man erwartet. Pathosgeschwängerte Umschreibungen des dargestellten Geschehens, teils an Peinlichkeit grenzende Dialoge, aber selbstverständlich auch die unglaubliche Brutalität in Wort und Bild, nach der es die Fans seit bestehen der Figur giert. Diese Freiheit war der ursprüngliche Grund eine Handvoll Künstler den Verlag zu gründen, der die Serie heraus brachte und genau das spürt man auf jeder dieser Seiten. Es kommt mir sogar vor, als ob dieses Spin-Off in mancher Hinsicht noch weiter geht als die regulär erschienenen Ausgaben. Selbst als hartgesottener Leser zieht es einem dabei doch einiges zusammen (Mord an Kindern, Nekrophilie, Vergewaltigung usw.). Doch genau dieses Spiel mit Tabus ist das was Spawn ausmacht und genau das kriegt man auch geliefert. Qualitativ befinden sich alle Storys auf einem ähnlichen Niveau, während die erste leicht abfällt, wobei es auch an dem recht ungewöhnlichen Setting liegen kann, welches einen extremen Cut zu den anderen Geschichten bietet. Diese wurden übrigens allesamt von Alan McElroy umgesetzt, der auch für das Drehbuch des Spielfilms zum Comic verantwortlich war.

Mit dem Zeichenstift bewaffnet ist Dwayne Turner, der sich vom Stil her nur minimal vom Großmeister Todd McFarlane oder Allzweckwaffe Greg Capullo unterscheidet. So bleiben uns die rohen, vor Details strotzenden Panels erhalten, die von Figuren bevölkert werden, die ganz dem Design des Schöpfers entsprechen. Würde am Anfang nicht ein anderer Name stehen, würde ich behaupten Capullo wäre der Mann hinter dem Projekt. Zwar wird dadurch keine eigene Handschrift erkennbar, aber in dem Fall ist es vermutlich sogar die bessere Lösung.

Alles in allem bietet uns „Curse of the Spawn – Band 1“ die perfekte Ergänzung zu den schon erschienenen Bänden und gibt der Hauptgeschichte noch mehr Tiefgang und Erkenntnisse für den Leser. Wenn sich jemand anschickt die „Origins“-Ausgaben zu holen, kommt an der hier besprochenen Veröffentlichung jedenfalls nicht vorbei!

Section Eight

SECTION8_Softcover_850

Es gibt nicht oft die Möglichkeiten das Wort „asozial“ positiv konnotiert verwenden zu können, aber heute ist es endlich soweit! Mit „Section Eight“ erreicht uns der asozialste, derbste und perverseste Release, den DC bzw. hierzulande Panini Comics seit Jahren auf die Leser losgelassen hat. Aber eins nach dem anderen.

Für diejenigen, denen der Titel nichts sagt, wäre hier eine kleine Geschichtsstunde in Sachen Comics. Im Jahre 1997 tauchte in der DC-Reihe „Hitman“ ein neues Superhelden-Team auf, welches das Konzept der Cape-Träger unter der Gürtellinie aufs Korn nahm. So wurde es zum einen von „Sixpack“ angeführt, dessen besondere Fähigkeit darin besteht sich auf unnatürliche Weise betrinken zu können und Leute mit einer zerbrochenen Schnapsflasche zu vermöbeln. Ihm folgten „Bueno Excellente“, ein fetter haariger Latino, der nur seinen Namen aussprechen kann und das Böse durch die Macht der Perversion besiegen will. Dazu kamen „der Fensterstürzer“, der alle seine Gegner durch eine mitgebrachte Fensterscheibe wirft, der „Hundschweißer“, der tote Hunde an seine Gegner…naja…schweißt? Ebenfalls dabei waren Freundes-Feuer (er kann nur auf Verbündete schießen), der Schüttler (ein stotternder Penner, den es ständig schüttelt), „Jean de-Baton“ (kämpft mit der Macht des „französisch-seins“) und „Speister“ (verteidigt sich mit hochgewürgtem Rotz). Diese Freak-Versammlung wurde nach einem Einsatz fast gänzlich ausgelöscht und fristete bis jetzt ein Dasein in den nostalgischen Erinnerungen der alten Fans der Serie.

Nun kann sich auch die aktuellste Generation an Lesern an den widerlichsten Protagonisten der Verlagsgeschichte erfreuen, denn das original Team um Garth Ennis (Autor) und John McCrea (Zeichnungen) hat sich erneut zusammen getan um den Ernst aus dem DC-Universum raus zu kitzeln. Es beginnt damit, dass der temporär vom Alkohol losgekommene „Sixpack“ einen Rückfall erleidet und daraufhin sein Alter Ego erneut das Licht der Welt erblickt. Im Rausch beschließt er eine große Bedrohung für die Welt abzuwenden (die er sich eventuell nur einbildet). Dafür muss er aber laut eigner Aussage eine neue „Section Eight“ zusammenstellen um eine Chance gegen das Böse zu haben. Dafür rekrutiert er zunächst den ebenfalls überlebenden „Bueno Excellente“ und holt sich neue Verstärkung durch „Baytor“ (Dämon der Kriminellen und Barkeeper in „Sixpacks“ Stammbar), den „Greiffa“ (eine mit einem Greifhaken ausgestattet Nervensäge, die ihren Mund nicht halten kann), „Bauhauser“ (hat eine Bohrmaschine an seinen Helm montiert) und „Därm“ (ein weiblicher Haufen innerer Organe ohne Körper). Dazu kommt ein von „Hundschweißers“ Ausrüstung besessener Afro-Amerikaner, der seine Stelle im Team einnimmt. Da „Sixpack“ davon überzeugt ist, dass die Gruppe aus genau acht Mitglieder bestehen muss, versucht er den letzten Platz mit jemanden aus der „Justice League“ zu besetzen und damit fängt das ganze Schlamassel erst richtig an.

Um nicht allzu viel vorweg zu nehmen, möchte ich mich einfach mal auf die Hauptereignisse beziehen. „Batman“ ist die erste Wahl, wird jedoch als Rassist hingestellt und dampft sauer ab. „Green Lantern“ hat von Kyle Rayners Schicksal (Stichwort „Bueno Excellente“ und „date-rape“) gehört und lehnt das Angebot ab, „Martian Manhunter“ ist interessiert und „Wonder Woman“…ich will nicht weiter ins Detail gehen.

Während all dieser Geschehnisse scheint es, als ob der Autor versucht sich Stück für Stück in Sachen dreckiger Humor zu steigern und schreckt dabei vor rein gar nichts zurück. Ich meine ein belesener überdimensionaler Bandwurm der gegen unseren perversen Latino um das Herz von „Därm“ kämpft!? Und das ist nur die Spitze des Eisbergs. Ich habe mich selten so gut amüsiert, während unsere Lieblingshelden ganz offiziell und nicht allzu zimperlich durch den Kakao gezogen wurden (Superman schenkt „Sixpack“ eine Flasche Fusel um ihn aufzuheitern! WAS?). Es fühlt sich einfach gut an, wenn man nicht mal im Ansatz vermuten kann was auf den nächsten Seiten passieren wird und verschluckt sich manchmal bei dem Gedanken, dass gewisse Szenen wirklich zu Papier gebracht wurden. Einfach eine große Kunst der Grenzüberschreitung, die insbesondere in Bezug auf das doch recht biedere Genre mehr als ausgiebig zelebriert wird. Wer auf seichte Unterhaltung mit einem Anspruch an Moral steht, sollte schleunigst die Finger davon lassen. Für alle anderen ist das hier eine Pflichtanschaffung, die in meinen Augen das Juwel der „DC You„-Reihe darstellt.

Visuell wird uns eine ordentliche Portion Ekel serviert, die man sich genüsslich von Panel zu Panel einverleibt. Ob klassische Superhelden-Darstellung, groteske Geschöpfe wie aus einem Cartoon oder einfach nur jede erdenkliche Körperflüssigkeit – McCrea weiß von der ersten bis zur letzten Seite zu überzeugen. Man kann förmlich spüren wie sich der Künstler austoben konnte. Jede Linie versprüht einen unwirklich Spaß am Schabernack und nimmt den Betrachter sofort in ihren Bann. Alles in allem einfach eine großartige Arbeit.

Anhand der Lobhudelei ist es für euch wahrscheinlich ersichtlich, aber ich muss es einfach nur wiederholen. „Section Eight“ ist ein durchgehendes Vergnügen am Rande der Perversion, welches zwar nichts für zarte Gemüter aber auf jeden Fall etwas für alle mit einem dehnbaren Begriff von Humor ist! Auf zum nächsten Comic-Shop und viel Spaß beim lesen!