XCT

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Inzwischen sollte Timo Wuerz so gut wie jedem Leser meines Blogs und Comic-Fans im Allgemeinen ein Begriff sein, obwohl sich der Gute primär als Maler sieht, der zufällig auch Comics macht. Wenn euch schon mal eines seiner Werke in die Hände gefallen ist, wisst ihr sicherlich was ich meine.

Zwar fand Timo erst nach endlos langen Jahren wieder zu dem von uns geliebten Medium zurück, aber sein Output der aktiven Comic-Zeiten hat genügend Umfang um eine Werkausgabe zu veröffentlichen. Dieser Aufgabe nahm sich POPCOM an und liefert beginnend mit Ghost Realm, über Lula & Yankee bis Aaron & Baruch ein brachiales oder/und charmantes Werk nach dem anderen ab.

Klar, dass die Reise durch Timos Schaffen noch lange nicht vorbei ist. Mit XCT liegt eine weitere Geschichte in Zusammenarbeit mit Niki Kopp vor, die wie ein Zeitsprung in die Köpfe der Generation X anmutet, die offensichtlich Pate für die Namensgebung des Comics stand.

Im Detail betreten wir eine utopisch anmutende Welt, die befreit von Waffen, Aids und all den anderen Geißeln der Menschheit in vollendeter Selbstgefälligkeit vor sich hin lebt. Mitten drin sticht jedoch eine Stadt heraus, die nur von Jugendlichen bewohnt und verwaltet wird: Die titelgebende XCT!

Entsprechend des Alters der Protagonisten und vor allem wegen dem Entstehungszeitpunkt der Geschichte, sieht die dortige Umgebung ziemlich nach der Musikvideo-Generation der 90er aus, die sich durch Anleihen an Grunge, Goth, Techno und Industrial definiert und damit die Realität des Jahrzehnts recht genau widerspiegelt.

Basierend auf der nihilistischen Grundstimmung der erwähnten Subkulturen, sind wir Zeugen von Drogenexzessen, Sex und Musik in Hülle und Fülle. Im Endeffekt das Traumabziehbild eines jeden Teenagers, der die Luft dieser Zeit atmen durfte.

Das benannte Konzept gerät aber plötzlich in Gefahr, als eine Gruppe mit Hilfe der verbotenen Waffen die Macht in der Stadt der Jugend an sich reißen möchte. Die zu den Gründervätern XCTs gehörende Corky lässt das Ganze natürlich nicht auf sich sitzen und macht sich bereit ihr Paradies mit allen Mitteln zu verteidigen.

So überdreht wie sich das anhört, liest es sich auch. Ein greller Adrenalinrausch, der sich über die gesamte Länge der über 100 Seiten erstreckt und kaum Zeit zum Durchatmen lässt. Zu der damit einhergehenden Gewalt, wird der Geschichte darüber hinaus ein sozialkritisches Korsett umgeschnallt, welches sich die dystopischen Elemente der dargestellten Exzesse schnappt und sie zu einem pervertierten Spiegelbild unserer realen Gesellschaft umfunktioniert.

Die popkulturelle Ebene kommt ebenfalls nicht zu kurz. Im Comic begegnet man zum Beispiel einer autoaggressiv anmutenden Band, deren Sänger gewisse Ähnlichkeiten mit einem Superstar aufweist, der einst als der Enfant Terrible der Musikwelt Bekanntheit erlangte. Die Rede ist von Marilyn Manson, der in Bezug auf Verhalten und Optik als Vorbild fungierte. Dabei handelt es sich nicht einfach um eine von mir aufgestellte Theorie, denn im reich mit Extras befüllten Anhang wird diese Annahme rasch durch die Macher bestätigt, die den „God of Fuck“ während der Tour zu „Antichrist Superstar“ persönlich erleben durften und dadurch nachhaltig inspiriert wurden.

Was die generelle visuelle Umsetzung anbelangt, bewegt sich Timo Wuerz im stilistischen Bereich von „Aaron & Baruch„, wobei er sich deutlich experimentierfreudiger zeigt.

Sowohl was die Farbgebung, als auch „Special Effects“ wie Unschärfen- und Lichteffekte anbelangt, war XCT seiner Zeit weit voraus. Digitale Bearbeitung steckte zu dem Zeitpunkt in den Kinderschuhen und selbst die großen Verlage und ihre Künstler übten sich in Zurückhaltung. Noch bis heute ist eine Nachbearbeitung realer Malerei eher selten anzutreffen, während komplett am Computer entstandene Welten zur Regel geworden sind. Daher sticht dieser Band auch 20(!) Jahre nach seiner (ursprünglich für zwei Ausgaben konzipierten) Erstveröffentlichung aus der Masse der 90er-Releases heraus und wirkt trotz der nostalgischen Note zu keinem Zeitpunkt altbacken.

Als Fazit kann ich entsprechend ziehen, dass XCT auf keinen Fall einen Lückenfüller für die Gesamtausgabe des Ausnahmekünstlers Timo Wuerz darstellt, sondern einen lupenreinen Pflichtkauf! Wenn ihr schon angefixt seid, müsst ihr nicht lange auf seinen nächsten Output warten: Ghost Realm 2 steht schon in den Regalen und die passende Besprechung findet ihr wie üblich bald hier auf ZOMBIAC!

PS: Wer sich persönlich eine Signatur abholen oder sich eines seiner Sketche anfertigen lassen möchte, hat dazu auf dem Comicfestival München die Gelegenheit. Am 25. und 26.05. ist Timo Wuerz in der Alten Kongresshalle der bayerischen Landeshauptstadt anzutreffen!

 

Lula & Yankee, Band 01: Frühstücksbier & Mixtape

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Langsam aber sicher nimmt die Gesamtausgabe des Ausnahmekünstlers Timo Wuerz auch im Schrank Gestalt an. Nachdem die Reihe in umgekehrter Reihenfolge mit dem neuesten Werk „Ghost Realm“ eröffnet wurde, schloss sich nicht lange danach der Erstling des Zeichners um die abstrakte Killer-Geschichte „Aaron und Baruch“ an. Schon hier konnte man feststellten, dass sein Stil extrem wandelbar, aber konstant im Bereich der Malerei zu verorten ist. Wie der hier zu besprechende Band jedoch zeigt, kann er auch ganz anders an seine Arbeit herangehen.

Bei POPCOM ist nämlich eine der wohl ungewöhnlichsten Veröffentlichungen erschienen, die man so auf den ersten Blick kaum dem eben erwähnten Künstler zuordnen könnte. Und doch handelt es sich sogar um das selbe Team, welches „Aaron und Baruch“ heraus brachte und mit Asp Spreng (Ja, der Sänger der gleichnamigen Band!) um einen weiteren Autoren erweitert wurde.

Zunächst aber mal zur Story und dem Hintergrund der Geschichte. „Lula & Yankee“ erschien ursprünglich Mitte der 90er Jahre und behandelt den Alltag der in einer Rock-Band spielenden Lula und ihres Freundes Yankee. Die beiden führen eine glückliche Beziehung, die natürlich nicht arm an kleineren und größeren Eskapaden ist. Das Ganze reicht dabei von sinnieren über das gemeinsame Leben, Besuche bei den Schwiegereltern, Partys mit den gemeinsamen Freunden, bis hin zu einem Ausflug nach Paris. Die hierbei auftretenden Schwierigkeiten meistern die beiden mit eher ungewöhnlichen und bisweilen urkomischen Methoden, die aber (gefühlsmäßig) so nah an der Realität sind, dass man immer wieder wissend in sich hinein schmunzeln muss. Ob die auf jeweils wenigen Seiten dargestellten Ereignisse einen wahren Kern haben, kann ich natürlich nicht beantworten, aber wenn man selber schon einige Beziehungen hinter sich gebracht hat (oder in einer steckt), sollte einem so einiges vertraut vorkommen. Trotzdem schaffen es die beiden Autoren in ihren Storys den Kitsch außen vor zu lassen und damit die Geschehnisse selbst in den absurdesten Situationen greifbar zu machen. Das wirkt sehr sympathisch und nutzt sich glücklicherweise auch nicht ab. Vor allem die immer wieder textlich eingestreuten Passagen aus Rock-Songs der 80er und 90er Jahre geben dem Ganzen eine schöne Note, wenn sich der Soundtrack beim lesen im Kopf abspielt.

Um dieser Sammlung des täglich Wahnsinns unter Liebenden einen Rahmen zu verpassen, haben sich Asp und Timo erneut zusammen getan um einen Prolog  zu spinnen, der alles was diesem folgt als wortwörtlich schöne Erinnerung darstellt. Eine nette Idee, die nicht nur kurz abgehandelt wird, sondern mit Liebe zum Detail an den Leser herangeführt wird. Ein Kniff, der mich schon zur visuellen Aufmachung des Buches führt, verdeutlicht zudem den zeitlichen Abstand zwischen Neuveröffentlichung und Original. Der neue Handlungsstrang spielt in der Gegenwart, ist komplett in Farbe gehalten und leitet als Übergang in die schwarz-weiße Welt der ursprünglichen Geschichten ein.

Und hier kommen wir schon zu dem Punkt, der wohl jeden erstaunen sollte, der Timo bei der Arbeit auf Comic-Veranstaltungen oder zum Beispiel seine fertigen Produkte in Form von CD-Covern gesehen hat. „Lula & Yankee“ ist nur gezeichnet/getuscht und verzichtet wie eben angedeutet auf Farben und die Darstellung der Figuren ist beinahe cartoonesk. Wer die teils extrem realistischen Charaktere in „Ghost Realm“ bewundern konnte, wird von der erstaunlichen Bandbreite überrascht sein. Trotz des ungewohnten Anblicks, passt dieser bodenständige Stil ungemein gut zur Handlung der kleinen Geschichten und verleiht dem Ganzen einen Hauch von Underground und damit einen Charme, der diesem Band ein Alleinstellungsmerkmal verpasst.

Ich für meinen Teil habe mich sehr gut unterhalten gefühlt und freue mich schon auf die Fortsetzung, die ebenfalls für diese Reihe angekündigt wurde!

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Aaron und Baruch

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Da ich mich gerade mitten in den Prüfungsvorbereitungen befinde, verteilen sich meine Beiträge in den letzten Wochen eher sporadisch über die schnell dahinziehenden Tage.

So ist es auf auf dem Zeitstrahl meiner Reviews gar nicht so lange her, als ich über „Ghost Realm“ von Timo Wuerz berichten durfte, der gemeinhin sowohl vom Auftreten als auch von der Optik her (sowohl vom Werk als auch der Person) als Rockstar der deutschen Szene gilt. Das besondere an diesem Band ist, dass es die erste Veröffentlichung nach vielen Jahren der Abstinenz in Bezug auf die uns lieb gewordenen bunten Heftchen ist und zeitgleich der ausschlaggebende Punkt für den POPCOM-Verlag eine Werkausgabe des Künstlers auf den Markt zu bringen.

Um Timos kreative Entwicklung chronologisch nachvollziehen zu können, beginnt das Ganze mit dem 1993 erschienenen „Aaron und Baruch„, welches mit Niki Kopp als Autor umgesetzt wurde. Man merkt, dass sich die Zeiten gehörig ändern, wenn man sich die Geburtsdaten der Macher zur damaligen Zeit ansieht. So machten sich Niki mit 20 und Timo mit zarten 17 Jahren ans Werk und zauberten eine Geschichte hervor, die in der Form vermutlich selbst von alteingesessenen Veteranen mit Schwierigkeiten umgesetzt worden wäre. Vielleicht ist das Alter aber auch genau die Variable, die diesen Band so ungestüm aggressiv, erotisch und zeitgleich intelligent erscheinen lässt. Die Gefühle der Jugend waren schon immer zeitlos und genau das könnte der Grund dafür sein, dass „Aaron und Baruch“ immer noch frisch wirkt, obwohl der erste Release schon geschlagene 23 Lenze  zurück liegt.

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©Timo Wuerz

Aber eins nach dem anderen. Damit ihr diese Einschätzung besser verstehen könnt, setze ich erstmal bei der Geschichte an. Gleich zu Anfang werden uns Aaron, der seinen Lebensunterhalt als Waffenhändler bestreitet und Baruch, dessen Geschäft ebenfalls der Tod ist, aber in Bezug auf sein Profil als Auftragskiller eher der illegalen Schienen zuzuordnen ist, vorgestellt. Durch seltsame Umstände scheinen sich die Wege der beiden immer wieder zu kreuzen, während Aarons Frau ein Scharnier zwischen beiden Welten zu bekleiden scheint…

Technisch wird uns von der Erzählweise wie zu erwarten kein Popcorn vorgesetzt, sondern ein Patchwork aus Szenen, Dialogen und Textfetzen, die trotzdem gekonnt in eine logische Reihenfolge gesetzt werden. Hier wird durchaus eine gewisse Konzentration des Lesers vorausgesetzt, der dem Ablauf fokussiert folgt und das Gebotene nicht nur als Snack-Lektüre konsumiert. Innere Monologe, die erst Stück für Stück ihren Sinn preisgeben und Tauchgänge in die chaotische Psyche der Hauptprotagonisten heben das Geschehen auf eine durchgängig anspruchsvolle Ebene, während man durch viel nackte Haut und Gewaltdarstellungen gut unterhalten wird. So halten sich Pop und Art-House in der Waage, ohne zu sehr in die verkopfte oder stumpfe Ecke abzurutschen. Ich denke als Teenager oder junger Mensch, der sich an dieses Medium heranwagt und nicht von vornherein in die Unterhaltungs-Schublade gesteckt werden möchte, ist so eine Umsetzung mehr als nachvollziehbar. Das erstaunliche ist, dass es funktioniert, ohne zu viel künstlichen Pathos reinpumpen zu müssen.

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©Timo Wuerz

Nun zur visuellen Umsetzung, die ja unter dem Motto des Gesamtwerks des Künstlers den wichtigeren Part darstellt. Da ich nun sowohl die frischeste als auch älteste Arbeit mein Eigen nennen kann, ist ein direkter Vergleich angebracht. Man merkt natürlich, dass 23 Jahre an Erfahrung nicht spurlos an einem Kreativen vorbei gehen und eine Entwicklung zwangsläufig stattfinden muss. Das diese jedoch ihren Ausgangspunkt auf einem so hohen Niveau hat, darf als ungewöhnlich gelten. Zwar haben aktuelle Bilder in Bezug auf Gestik, Mimik und Raum mehr Dynamik, Details und gewagtere Perspektiven, die Qualität dieser Punkte war aber auch Anfangs der 90er schon vorhanden. Experimentelle Brüche der Panels, interessante Farbenspiele und die attraktive Darstellung der Figuren gehörten schon damals zum Standardrepertoire. Zu der Selbstkontrolle eines talentierten Malers kommt die gehörige Wut eines gerade so dem Teenager-Alter entwachsenen Menschen, die man oft im rohen Strich herauslesen kann. Ob dies nun gewollt oder intuitiv zustande kam sei dahingestellt. Das Ergebnis spricht für sich. Ich müsste lügen, wenn nicht ein klein wenig Neid in Bezug auf das fertige Produkt mit einfließen würde. Neun(!) Jahre jünger als ich es aktuell bin und schon einen Grundstein für eine steile Karriere gelegt, die weit über Comics hinausgeht und schlußendlich wieder dort landet. Kein Wunder, dass in den letzten Jahren die Schlangen auf Conventions für einen Sketch (was für ein Wort für das was auf dem Papier landet) nicht kleiner wurden, obwohl nichts neues (zumindest in Bezug auf Comics) aus der Feder des Meisters kam.

Neben der großartigen Geschichte, findet sich im hinteren Abschnitt des Bandes ein üppiger Bonus-Teil, der mit ersten Skript-Entwürfen und Test-Seiten aufwartet, kurze Storys, die in keinem Zusammenhang mit „Aaron und Baruch“ stehen und ein sehr unterhaltsames Interview mit den Machern, samt damaligen Wegbegleitern aus der Comic-Szene. Eine wirklich schöne Ergänzung, die dem Leser einen Einblick in die Entstehungsgeschichte der Ausgabe bietet und zeitgleich zum tieferen Verständnis der Handlung beiträgt.

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©Timo Wuerz

Als Fazit kann ich ziehen, dass man hier eine immer noch aktuelle Geschichte geboten bekommt, die sowohl die grauen Zellen anstrengt, als auch den Durst nach Gewalt und Erotik stillt. Eine Kombination, mit der man auch nach mehreren Dekaden punkten kann, ohne dass es altbacken oder ausgelutscht wirkt. Ein perfekter Einstieg in die Welt von Timo Wuerz, der Lust auf mehr macht. Glücklicherweise ist das erst der Anfang und wir dürfen uns auf weitere Neuauflagen freuen, die teilweise ebenfalls mit dem Autor Niki Kopp realisiert wurden.

Wenn ihr aus unerfindlichen Gründen noch nicht überzeugt sein solltet, geht es hier zur Leseprobe!

Timo Wuerz beglückt mein Sketchbuch

Wie einige von euch durch meine letzten Beiträge mitbekommen haben, war ich mit dem Team vom Comicfestival München beim Comic-Salon Erlangen um für die größte Comic-Veranstaltung im nächsten Jahr zu werben.

Dabei habe ich natürlich die Chance genutzt und mir bei so manchem Künstler etwas in mein Sketchbuch malen oder zeichnen lassen. Dazu gehörte auch Timo Wuerz, dessen neuestes Werk „Ghost Realm“ vor kurzem hier besprochen wurde.

Als ich endlich an der Reihe war, wurde Timo von einer mir zunächst nicht näher bekannten Person bei der Arbeit gefilmt. Ein paar Minuten später wurde ich von eben jenem Mann angesprochen, ob ich denn mein Bild kurz in die Kamera halten kann. Gesagt, getan. Dabei sind wir ins Gespräch gekommen und siehe da – es handelte sich um Emu, den Betreiber von bizzaroworldcomics.de! Ich habe mich zwar schon öfter auf seiner Plattform rumgetrieben und bin bei der Suche nach neuem Lesestoff mehrfach über die Seite gestolpert, habe ihnaber nicht gleich erkannt. Schaut doch mal auf seiner Seite vorbei und lasst einen Gruß von mir da! 😉

Auf jeden Fall ist das an dem besagten Tag entstandene Video endlich auf dem frisch gelaunchten YouTube-Kanal von bizzaroworldcomics.de zu finden! Hier könnt ihr euch nicht nur einen Eindruck von Timo Wuerzs unglaublichem Talent, sondern vom gesamten Festival gewinnen. Viel Spaß beim gucken!

Ghost Realm

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Als ich vor ein paar Jahren das erste mal auf dem Comicfestival München war, fiel mir ein Künstler ganz besonders auf: Timo Wuerz. Das erste, was einem ins Gesicht springt ist seine extrovertierte Optik samt flächendeckenden Tattoos, Iro und punkigem Outfit. Als er dann an seinem Platz anfing in unglaublicher Geschwindigkeit mit seinem Pinsel kleine Meisterwerke aufs Papier zu bringen, war es nur eine Frage der Zeit, bis sich jeder ein Bild nach Hause mitnehmen wollte. Es schien als ob sein Pinsel von alleine hin und her tänzelt und dabei aus zunächst undefinierbaren Farbklecksen Figuren entstehen, die in der gegebenen Zeit nicht plastischer sein könnten. Im Großen und Ganzen also ein Ausnahmetalent, welches sowohl als Person als auch Künstler positiv auffällt.

Was mich jedoch gewundert hat, war die komplette Abwesenheit seiner Werke. Üblicherweise werden Zeichner von den zuständigen Verlagen mit einem Katalog oder Neuerscheinungen unterstützt bzw. der Verkauf durch die Anwesenheit des Gastes angekurbelt. Hier saß nun jemand, um dessen „Sketche“ sich die Menschen rissen, aber nichts mit nach hause nehmen konnten, um seine Arbeit als Produkt ins Regal stellen zu können.

Später fand ich heraus, warum das der Fall war. Timo ist eine Legende, die schon mit 14 die erste Ausstellung hatte und nur wenige Jahre später den ersten Comic veröffentlichte. Es folgten weitere Projekte in dieser Sparte, bis er sich plötzlich komplett aus diesem Bereich zurück zog und anderweitig kreativ austobte. Dabei scheint er keine Grenzen zu kennen, wenn man sich sein erstaunliches Portfolio ansieht: Briefmarken, Freizeitpark-Entwürfe, Lack-Designs für Sportwägen, CD-Cover für Bands (Rock und Metal sind seine Steckenpferde und damit noch ein Sympathie-Punkt), Logos, Cover usw. Man könnte diese Liste praktisch bis ins unendliche weiter führen.

Nun meldet er sich endlich mit einem Comic in Form von „Ghost Realm“ in der Szene zurück und der hat es in sich. Zunächst zur Story von Robert Franke: Die Hauptcharaktere Elvira und Sam sind beide jugendliche Underdogs, die konstant mit Problemen in ihrem privaten Umfeld zu kämpfen haben. Elvira muss sich mit ihrer alkoholkranken Mutter auseinandersetzen, die den Tod ihres Mannes nicht verarbeiten kann und Sam steht unter dem Erwartungsdruck seines akademisch in höchsten Sphären schwebenden Vaters. Eines Abends müssen die beiden vor einer Gruppe Schläger fliehen, die die beiden scheinbar schon länger auf dem Kieker haben. Dabei geraten sie per Zufall in den mysteriösen Laden eines Doktor Wang, in dem verstörende Dinge vor sich gehen, die sowohl die Rowdys als auch die Haupt-Protagonisten an ihren Sinnen zweifeln lassen. Ab hier gerät das Leben der beiden völlig außer Kontrolle, als sie sich unabhängig voneinander in einer seltsamen Welt, dem titelgebenden „Ghost Realm“, wiederfinden. Dieser wird von Wesen aus den wildesten Fantasien bevölkert. Von Fabelwesen, über Voodoo bis Science-Fiction scheint hier alles aus jeder Ecke des Surrealen vertreten zu sein um Elviras und Sams Welt gänzlich auf den Kopf zu stellen…

Illustriert wird das Geschehen wie schon erwähnt von Timo Wuerz, der die Grenzen des Mediums Comic durchgehend sprengt. Klassische Panels? Fehlanzeige! Nur selten müssen sie mit Linien typisch getrennt werden. Hier werden Umgebung, Gegenstände oder einfach nur Bewegung genutzt um eine Struktur zu schaffen. Größtenteils starrt man jedoch ehrfürchtig auf Seiten füllende Layouts, die vor Details nahezu überlaufen. Dieser Stil erinnert mich persönlich sehr an die Arbeiten von Dave McKean, wobei hier auf Fotografien und Collagen mit Gegenständen verzichtet wird und der gemalte Strich im Vordergrund steht. Die Darstellung der Figuren lässt mich hingegen an Lee Bermejo denken, der ebenfalls viel und schnell mit großen Farbflächen arbeitet und die Charaktere sehr realistisch rüberbringt. Wenn man es genau nimmt, kann man kaum in Worte fassen,   wie großartig und vor allem einfallsreich jede einzelne Seite umgesetzt wurde. Natürlich wird der Künstler selbst eine ganz eigene Meinung zu seinem Schaffen haben. Als außenstehender Betrachter gibt es aber rein gar nichts zu bemängeln. Der einzige Grund die Illustrationen schlecht zu finden, wäre ein abweichender Geschmack.

Eine ähnliche Meinung scheint übrigens auch Popcom zu vertreten, die nach Timos Comeback eine Werksausgabe veröffentlichen wollen. Zunächst darf man sich freuen, dass es eine zweite Ausgabe von „Ghost Realm“ geben wird. Um sich bis dahin an weiteren Bänden zu erfreuen, kommt zum Beispiel im Juni “Aaron und Baruch”. Hier geht es um den Waffenhändler Aaron, der von ständigen Albträumen gequält wird und den Serienkiller Baruch, der Vergnügen am Töten gefunden hat. Ich lege mir nach dem persönlichen Einstand mit dem hier besprochenen Band mit Sicherheit alle seine Bücher zu und freu mich schon auf das nächste Mal, wenn ich mich erneut an den fantastischen Bildern laben kann.

Wer sich ein eigenes Bild von den von mir beschriebenen Bildern uns Szenen machen möchte, hat bei dieser Leseprobe die Möglichkeit dazu.