[Rezension] Black Hammer Bd. 3: Age of Doom – Buch 1 (Splitter)

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Schon seit der Ankündigung des neuen Black Hammer-Bands „Age of Doom – Buch 1„, habe ich dem Tag der Veröffentlichung entgegen gefiebert, denn kaum eine Comic-Reihe hat es geschafft mich so sehr in ihren Bahn zu ziehen wie der ungewöhnliche Superhelden-Epos von Jeff Lemire.

Diesmal steigen wir sofort nach den Ereignissen des Vorgänger-Bands „Das Ereignis“ ein. Lucy, die Tochter von Black Hammer, ist auf der Suche nach ihrem verschwundenen Vater und seinem Team aus Superhelden, die nach einem Kampf gegen den sogenannten Anti-Gott in ihrer Heimatstadt Spiral City wie vom Erdboden verschluckt sind. Von der Welt für tot gehalten, in Wirklichkeit jedoch in einer geheimnisvollen Kleinstadt gefangen, fristen die Überlebenden der Schlacht nun ihr Dasein, in der Hoffnung eines Tages ihre alte Heimat wiedersehen zu können. Als Lucy eines Tages den Hammer ihres Vaters findet, der auch namensgebend für sein Alter Ego ist, teleportiert sie dieser zur geheimnisvollen Farm, an der sie den erstaunten Abraham Slam, Barbalien, Golden Gail und Madame Dragonfly begegnet. Doch als sie nach einer plötzlichen Erkenntnis der Gruppe eröffnen will, warum sie alle hier gelandet sind, verschwindet sie so schnell wie sie aufgetaucht ist.

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Dabei hat es sie nicht einfach wieder zurück in ihre eigene Welt, sondern in eine seltsame Absteige verschlagen, die scheinbar als Drehscheibe für allerlei bizarre Gestalten aus den unterschiedlichsten Realitäten fungiert. Von hier aus versucht sich Lucy durch verschiedenste Welten durchzuschlagen, die mal die wortwörtliche Hölle, eine Zombie-Stadt oder einfach unbeschreiblich obskure Gestalten beheimaten, um die Freunde ihres Vaters zu retten. Der Weg dorthin ist jedoch mit Gefahren und Geheimnissen gespickt, die erst überwunden werden müssen.

In der Zwischenzeit geschehen in der Kleinstadt in der Nähe der gestrandeten Helden lauter unerklärliche Dinge, wie die Rückkehr totgeglaubter Einwohner, die Erwiderung zunächst abgelehnter Liebe und so manch andere seltsame Ereignisse, die einen Teil der Gruppe ihre Situation plötzlich akzeptieren lassen, während ein anderer die neuen Umstände skeptisch beäugt. Eines ist jedoch klar: Mit rechten Dingen scheint es nicht zuzugehen und nicht alle Helden scheinen so unwissend zu sein, wie sie vorgeben…

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Wie schon bei den Vorgänger-Bänden wird die auf der deskriptiven Ebene simpel erzählte Geschichte beim Lesen zu einem modernen Superhelden-Epos, der seine Stärke aus intelligent verbauten Plot-Twists und glaubhaften Charakteren zieht. Die entsprechende Tiefe kriegen sie dabei aus genial konstruierten, sowie natürlichen Dialogen, die nur ein Autor wie Jeff Lemire (Descender, Der Unterwasser-Schweißer, Essex County) seinen Figuren so in den Mund legen kann. Zeitgleich schafft er es erneut mit einer Vielzahl an Anspielungen und offensichtlichen Verneigungen vor den großen Namen der Comic-Industrie einen Spagat zwischen Mainstream und Insider-Kost zu schlagen, der auch der Grund dafür ist, dass die Black Hammer-Reihe sowohl bei Puristen, als auch Gelegenheitslesern auf Anklang stößt.

Erneut dabei ist der Zeichner Dean Ormston (Sandman, Lucifer), der mit seinem sehr individuellen Stil der bizarren Welt von Lemire eine passende visuelle Ebene verpasst, die irgendwo zwischen vertraut und doch distanziert wandert und damit den besonderen Status der Geschichte quasi wortwörtlich zu unterstreichen weiß. Dabei driftet er trotzt einiger augenzwinkernder Momente nie in eine Parodie ab. So schafft er es eine geniale Mixtur aus Ernst und humoristischen Elementen zu kreieren, die in ihrer Gesamtheit wie die Faust aufs Auge der Geschichte passt und damit die Hoffnung schürt, dieses Kreativ-Team noch lange in dieser Form sehen zu können.

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Alles in allem wird hier erneut eine Veröffentlichung präsentiert, die ohne abzusetzen auf einem extrem hohen Niveau bleibt und damit die Hoffnungen vieler Fans nicht nur erfüllt, sondern in Teilen sogar übertrifft. Insbesondere die Tatsache, dass nun Fahrt aufkommt und Stück für Stück die Geheimnisse der Serie gelüftete werden, macht Lust auf mehr. So wie alle anderen Black Hammer-Bände zuvor, handelt es sich bei „Black Hammer Bd. 3: Age of Doom – Buch 1“ um eine Empfehlung, die in keinem Regal eines Comic-Enthusiasten fehlen darf. Ich für meinen Teil kann es jetzt schon kaum erwarten herauszufinden, wie sich das Universum von Jeff Lemire entwickelt.

Black Hammer Bd. 3: Age of Doom - Buch 1 
Verlag: Splitter 
Erschienen am: 19.03.2019 
Autor: Jeff Lemire 
Zeichner: Dean Ormston
Format: Hardcover 
Seitenzahl: 136
Preis: 19,80 EUR

[Rezension] Black Hammer: Doctor Star und das Reich der verlorenen Hoffnung (Splitter)

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Endlich ist es soweit und nach gut 1 1/2 Monaten, die sich wie eine Ewigkeit angefühlt haben, bin ich wieder da und kann euch mit Rezensionen versorgen. Für all jene, die sich gewundert haben sollten, wieso sich diese recht große Lücke zwischen den Beiträgen aufgetan hat, dem sei gesagt, dass ein Staatsexamen leider doch etwas mehr Vorbereitungszeit verschlingt, als da wäre, um nebenbei Comics zu besprechen. Nun ist der Alptraum jedoch vorbei und der Wiedereinstieg in mein liebstes Hobby wird sogleich mit einem richtigen Leckerbissen versüßt, der schon seit gut einem Monat hier liegt und besprochen werden will: „Black Hammer: Doctor Star und das Reich der verlorenen Hoffnung“ aus dem Splitter Verlag.

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Fleißige Leser meines Blogs wissen längst, dass ich ein großer Fan des immer größer werdenden Universums aus Jeff Lemires Feder bin und auch den Spin-Offs ständig entgegen fiebere, zu denen auch der hier zu besprechende Band gehört. Erstaunlicherweise handelt es sich nach „Sherlock Frankenstein & die Legion des Teufels“ schon um die zweite Auskopplung und damit einen Gleichstand zu der regulären Reihe mit „Vergessene Helden“ und „Das Ereignis„. Im Gegensatz zu anderen Veröffentlichungen mit verzweigtem Release-Muster, ist jedoch das „Black Hammer„-Universum so sehr ineinander verzahnt, dass man bei der Lektüre der zusätzlichen Geschichten das Gefühl hat, nicht in die Breite, sondern in die Tiefe der Handlung einzusteigen.

Das ist auch diesmal in der rührenden Story um den Helden „Doctor Star“ gelungen, der zunächst als Dr. Jim Robinson in den 1940er Jahren wortwörtlich daran arbeitet nach den Sternen zu greifen. Währenddessen sitzt seine Frau Joan daheim mit dem gemeinsamen Kind Charlie und hofft auf emotionale und greifbare Unterstützung, die der vollkommen auf seine Arbeit fokussierte Jim zu keinem Zeitpunkt bieten kann und damit fast wie in Zeitlupe sein Familienleben gegen die Wand fährt.

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Auf der anderen Seite feiert er immer größere Erfolge seiner Forschung, die schon nach kurzer Zeit Regierungsmitarbeiter auf den Plan rufen, die nicht ganz uneigennützig ihre Hilfe anbieten: Sie wollen im Gegenzug für finanzielle Spritzen, seine Erkenntnisse für den Bau einer Waffe nutzen und stürzen Jim damit, nachdem er zustimmt, in einen Arbeitswahn, der ihm schlussendlich die Macht beschert, eine sogenannte „dimensionale Membran“ zu durchbrechen. Dieser Vorstoß gibt ihm nun die Macht, die von ihm so heiß geliebte Energie der Sterne einzufangen. Durch diesen Schritt gelingt es ihm unvorstellbare Kräfte über Raum und Zeit zu gewinnen und dadurch zu einer personifizierten Verneigung vor Alan Moores Dr. Manhatten („Watchmen„) zu werden, dessen Geburt offensichtlich durch einzelne Panels zitiert wird. Genauso wie das erwähnte Original, schließt sich nun Dr. Star den zu dem Zeitpunkt aktiven Superhelden an, um sowohl auf der Erde, als auch in anderen Galaxien für Recht und Ordnung zu sorgen. Dabei vergisst er aber nicht nur seine Pflichten als Vater und Ehemann, sondern im wahrsten Sinne des Wortes auch die Zeit, die wie ein Bumerang mit ihrer Erkenntnis der Unumkehrbarkeit auf den Helden zurückzufliegen scheint. Wie sich diese äußert, muss der geneigte Leser dann aber selbst für sich herausfinden, denn wie all die anderen „Black Hammer„-Releases, lebt auch der vorliegende Band von Überraschungen, ungewöhnlichen Charakteren und mit menschlichen Tragödien verbundene Verneigungen vor den großen Titeln der Comic-Historie.

Diese dadurch entstehende emotionale Achterbahnfahrt aus Familiendrama und Action, die nur wenige Autoren wie Lemire beherrschen, wird dabei mit visueller Wucht durch Max Fiumara (u.a. „Abe Sapien„) in Szene gesetzt, der es schafft sowohl fulminante Action-Sequenzen, als auch stille Momente der intimen Trauer einzufangen und damit den Charakteren, die er porträtiert auf jeder Ebene gerecht zu werden. Einen nicht geringen Anteil daran hat auch der Kolorist Dave Stewart, der durch seine vorangegangene Arbeit an der Hauptreihe schon den Fans ein Begriff sein sollte und seinen Ruf mit „Doctor Star und das Reich der verlorenen Hoffnung“ nun weiter zu festigen weiß.

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Dabei ist es eigentlich erstaunlich, dass die einzelnen Elemente der Geschichte für sich genommen das Rad nicht neu erfinden und trotzdem in ihrer Gesamtheit überzeugen. Durch die Kombination der an sich so unterschiedlichen Genres gelingt es dem Kreativ-Team um Lemire eine Handlung zu spinnen, die von der ersten bis zur letzten Seite unter die Haut geht und noch lange in Verstand und Herz nachhallt. Ich kann bloß immer wieder in diesem Zusammenhang betonen, dass „Black Hammer“ eine der qualitativ besten Comic-Reihen der letzten Jahre darstellt. In diesem Sinne kann ich garnicht anders, als mich jetzt schon auf die angekündigten zwei Bände der Haupt-Storyline mit den Titeln „Age of DoomTeil 1 und 2, sowie das dritte Spin-Off „The Quantum Age“ (der deutsche Titel steht noch nicht final fest) zu freuen wie auf ein zweites Weihnachten. Bis dahin kann ich jedem von euch empfehlen „Black Hammer: Doctor Star und das Reich der verlorenen Hoffnung“ beim Händler eures Vertrauens zu ordern. Ihr werdet es nicht bereuen!

Doctor Star und das Reich der verlorenen Hoffnung 
Verlag: Splitter Verlag 
Erschienen am: 01.01.2019
Autor: Jeff Lemire 
Zeichner: Max Fiumara
Format: Hardcover 
Seitenzahl: 128
Preis: 19,80 EUR

Sherlock Frankenstein und die Legion des Teufels

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Wie schon so viele andere Comic-Leser zuvor, bin auch ich ab dem ersten Band der „Black Hammer„-Reihe in den Bann der von Jeff Lemire geschaffenen Welt gezogen worden und kann mich immer noch nicht von ihr lösen.

Selten hat man ein so geniales Storytelling gesehen, dass sich zwar offen an Versatzstücken der Superhelden-Geschichten aus den letzten 80 Jahren orientiert, aber trotzdem eine eigene Note beibehält, die nur wenige Reihen für sich beanspruchen können. Ähnlich wie bei „Watchmen„, könnte man durch eine explizit zur Schau gestellte Meta-Ebene eine unterschwellige Kritik an der Maschinerie hineininterpretieren, die uns seit Dekaden mit Helden in Unterwäsche versorgt. Hier verhält es sich jedoch anders. Inzwischen sind sich die Leser, genauso wie die Künstler und Autoren, durchaus der Geschichte des Mediums und ihrer Umbrüche bewusst. Daher ist die Story um eine Gruppe gestrandeter Superhelden, die allesamt jeweils einen Archetypen repräsentieren, eher als eine nostalgische Geste zu betrachten, die als Rahmen für eine spannende Handlung mit fast greifbarer Tiefe dient. Das diese entsteht, ist kein Wunder, wenn man die Pläne für die Erweiterung des „Black Hammer„-Universums betrachtet. Lemire sieht in diesem Projekt die Möglichkeit ein nach seinen Regeln gestaltetes Werk zu erschaffen, dass sowohl seine Liebe zu Superhelden, als auch klassischem Drama vereint und sich über einen unbestimmten Zeitraum ausdehnt. In diesem Sinne ist „Black Hammer“ nicht weniger als sein Magnus Opus.

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Daher scheint es fast schon natürlich, dass nach zwei Haupt-Bänden, nun ein erstes Spin-Off ins Haus steht. Mit dem Titel „Sherlock Frankenstein und die Legion des Todes“ folgt der Autor seiner selbst gewählten Tradition und legt mit ihr (und dem dazu passenden Cover) eine falsche Fährte, die den Leser zunächst an trashige Zeiten des Comics erinnern soll, aber inhaltlich einen ganz anderen Weg einschlägt.

Wie schon bei „Vergessene Helden“ und „Das Ereignis“ wird Action mehr angedeutet, als präsentiert, während persönliche Tragödien und bizarre Alltagssituationen im Mittelpunkt stehen. So merkt man recht schnell, dass es sich nicht um eine eigenständige Geschichte über den titelgebenden Antagonisten handelt, sondern um die Suche von Black Hammers Tochter Lucy nach ihrem Vater und damit die Erklärung, wie sie auf der abgelegenen Farm bei seinen verschwundenen Helden-Kollegen landen konnte. Sherlock Frankenstein spielt dabei zwar eine Schlüsselrolle, doch wie diese genau aussieht, kann schon im Rahmen von Spoiler-Gefahren nicht genauer definiert werden. Es sei nur so viel verraten: Wie schon bei so gut wie allen Figuren, denen man bei der Lektüre dieser Reihe begegnet, liegen die Dinge nicht immer so, wie man sie zunächst erwartet.

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Bis man jedoch an diesen Punkt gelangt, begleitet man Lucy auf der Suche nach Antworten durch das berüchtigte Sanatorium von Spiral City, der Heimatstadt der verschwundenen Helden und ihres Vaters. Dort sind die gefährlichsten Schurken des Ortes untergebracht, die ihr helfen sollen, dass Puzzle Stück für Stück zu vervollständigen. Dabei erfährt sie nicht nur immer mehr über Sherlock Frankenstein und was genau beim finalen Kampf gegen „Anti-Gott“ passiert ist (der Punkt des Verschwindens), sondern auch etwas mehr über die Bewohner dieser Welt, die zum einen die Umgebung wirklich lebendig werden lassen und zum anderen auch immer wieder humoristische Elemente preisgeben, die klar machen, dass neben der voranschreitenden Handlung auch die Hommage an Comics nicht zu kurz kommen soll. Eine Figur mit dem Namen „Cthu-Lou„, die eine Mischung zwischen Klempner und kettenrauchenden Version des von H.P. Lovecraft erdachten Monstrums darstellt, sollte in der Hinsicht alles sagen. Doch auch hier werden Klischees und Querverweise an die Popkultur mit einem Twist versehen, der einem das Lachen schnell im Hals stecken bleiben lässt und den Leser daran erinnert, dass nicht alles schwarz und weiß ist. Eine in diesem Sinne tiefsinnige Geschichte, die Elemente verwendet, die zunächst nicht darauf schließen lassen. Ein cleverer Zug von Jeff Lemire, der damit die Qualität seiner Kreation zu unterstreichen weiß.

Was die gegebene Klasse anbelangt, steht auch der Mann am Zeichenbrett dem Autoren in nichts nach. Schon bei einem kleinen Tie-In im zweiten Band, konnte man David Rubíns Können mit Staunen betrachten, während er im Vorliegenden Spin-Off den gesamten Band zeichnen und kolorieren durfte. Dabei schafft er fast schon spielerisch die eigenartige Atmosphäre der Geschichte einzufangen, indem er einen Stil-Mix präsentiert, den ich in der Form noch nie gesehen habe. Eine Mischung aus klassischer Superhelden-Kost, angereichert mit cartoonesken Einschüben, die den benötigten Ernst mit einer Prise Humor versehen. Dadurch schafft Rubín einen Balanceakt, der die Story vorantreibt, den Leser aber immer wieder verweilen lässt, um sich an den meisterhaft arrangierten Bildern zu erfreuen.

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In dieser Kombination lässt sich nur feststellen, dass „Black Hammer“ sowohl als eigenständige Geschichte, als auch als Spin-Off-Material eine so hohe Qualität beibehält, dass man nicht umhin kommt festzustellen, dass man einer wahren Legendenbildung beiwohnt. Es wäre nicht übertrieben zu sagen, dass man diese Reihe in wenigen Jahren zu dem klassischen Kanon zählen wird, die man als Comic-Leser im Regal stehen haben muss.

Sherlock Frankenstein und die Legion des Teufels 
Verlag: Splitter Verlag
Erschienen am: 20.08.2018 
Autor: Jeff Lemire
Zeichner: David Rubín
Format: Hardcover 
Seitenzahl: 152
Preis: 19,80 EUR

Black Hammer (Bd. 2) – Das Ereignis

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Black Hammer. Ein Titel der schon bei der Ankündigung des Lizenzerwerbs durch den Splitter-Verlag hohe Wellen schlug, durch die Vorschau am Gratis Comic Tag einem breiteren Publikum zugänglich gemacht wurde und schlussendlich, durch die renommiertesten Auszeichnungen der Comicbuch-Branche, einen wahren Hype um den Tausendsassa Jeff Lemire ausgelöst hat. Als auch noch genannter Autor viel gelobter Serien wie „Sweet Tooth„, „Der Unterwasser-Schweisser“ oder auch „Old Man Logan“ sein Kommen zum Comic-Salon Erlangen und damit zur größten Comic-Veranstaltung Deutschlands ankündigte, drehten Szene und Feuilleton endgültig durch.

Doch woher kommt die Begeisterung für eine Geschichte, die sich vordergründig erneut dem unendlich oft bespielte Thema der Superhelden annimmt? Nun, zunächst einmal sollte festgestellt werden, dass die Hauptprotagonisten zwar tatsächlich dem klassischen Bild der Kämpfer für die Gerechtigkeit entsprechen, aber in Bezug auf die Bedienung von Klischees, ungefähr so viel mit dem üblichen DC- und Marvel-Aufgebot zu tun haben, wie die Gruppe kaputter Gestalten in Watchmen.

Noch immer befinden sich Abraham Slam, Golden Gail, Colonel Weird, Madam Dragonfly, Talky-Walky und Barbalien auf der abgelegenen Farm in der Nähe einer Kleinstadt, die nicht so normal scheint, wie man zunächst glauben möchte. Vor allem eine unsichtbare Barriere um das Areal macht der Gruppe sorgen. Da sie eine bestimmte Grenze nicht überschreiten können, ohne in ihre Bestandteile zerfetzt zu werden, versucht der Roboter Talky-Walky Kontakt mit der Außenwelt über eigens gebaute Sonden herzustellen, scheitert aber regelmäßig.

Als zum Schluss des ersten Sammelbandes aber Lucy Weber, die Tochter des verstorbenen Helden und Namensgebers der „Black Hammer„-Reihe, plötzlich wie aus dem nichts auftaucht und ab Beginn des nun erschienenen zweiten Teils („Das Ereignis„) versucht das Geheimnis um den Tod ihres Vaters und der Stadt zu lösen, offenbaren sich langsam Motive und Hintergründe, die zumindest den Ansatz einer Erklärung bieten.

Dabei treten zeitgleich die Beweggründe mancher der Hauptfiguren deutlicher zutage, da die immer wieder eingestreuten Rückblenden und Origin-Geschichten so einige noch im Dunkeln liegende Geheimnisse hervorholen und damit regelmäßig für „Aha“-Effekte sorgen.

Insbesondere wenn es sich dabei um Themen wie Sexualität oder den psychischen Zerfall einzelner Charaktere handelt, spielt die Geschichte ihre Stärken aus, da zu keinem Zeitpunkt das Gefühl aufkommt, dass hier nur ein Mittel zum Zweck genutzt wird, sondern die Handlung real vorangetrieben wird, während sich das gesamte Konzept angenehm deutlich durch seine Tiefe von den uns schon bekannten Konsorten der Mitbewerber-Verlage abhebt.

Mehr möchte ich an dieser Stelle zum Inhalt nicht verraten, da dieser wirklich eine Klasse für sich ist und es dementsprechend nicht verwundert, dass schon mehrere Spin-Offs und noch kein Ende der Hauptreihe angekündigt wurden. Auch visuell wird nicht mit den üblichen Zutaten gekocht, was wiederum dem erwähnten Gefühl zuträglich ist, keinen klassischen Superheldenstoff durchzuackern. Mit dem ungewöhnlichen, aber sehr passenden Look von Dean Ormston nimmt man in meinen Augen das „spezielle“ der Figuren und der Umgebung viel einfacher auf, als muskelbepackte Halbgötter mit angedichtetem Makel und statischem Setting. In Kombination mit Dave Stewarts Farbenspiel ergibt sich schlussendlich ein erfrischendes Gesamtprodukt, von dem man nicht genug kriegt. Auch David Rubín sorgt für Abwechslung, indem er einen fast cartoonesk wirkenden Abenteur-Stil anwendet, um ein ganzes Kapitel als Rückblende zu gestalten und damit dem subjektiven Gefühl der Erinnerung Rechnung trägt.

Alles in allem kann man daher sagen, dass es sich, wie schon beim ersten Band um ein Must-Have handelt, über das man noch in vielen Jahren sprechen wird. Ähnlich wie bei Mark MillarsKick-Ass“ oder Mike MignolasHellboy„, wird vor unseren Augen live ein Universum erschaffen, dass die Fans nicht nur aufgrund des klingenden Namens des Autors, sondern primär wegen der immens hohen Qualität an sich bindet. Ich persönlich sitze schon auf heißen Kohlen und kann kaum erwarten, was in knapp einem Jahr der dritte Band mit dem klingenden Titel „Age of Doom“ (04/2019) zu bieten hat. Da es ja doch noch etwas dauert, kann man sich dazwischen aber auch die Zeit mit den Spin-Offs „Doctor Star“ (01/2019) und „Sherlock Frankenstein“ (09/2018) versüßen. Falls ihr aber allen Ernstes noch nicht mal den ersten Band euer Eigen nennt, empfehle ich dringendst einen Ausflug in den nächstgelegenen Comic-Shop eures Vertrauens!

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Mit Jeff Lemire beim Comic-Salon Erlangen

Black Hammer (Bd. 2): Das Ereignis
Verlag: Splitter Verlag 
Erschienen am: 22.05.2018 
Autor: Jeff Lemire 
Zeichner: Dean Ormston, David Rubín
Kolorist: Dave Stewart
Format: Hardcover 
Seitenzahl: 176 
Preis: 24,80 EUR

 

 

 

Old Man Logan – Band 5: Blutige Erinnerung

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Endlich ist es wieder soweit und wir dürfen wieder die postapokalyptische Welt von „Old Man Logan“ betreten, der zum aktuellen Zeitpunkt der einzige lebende Wolverine des Marvel-Universums (ja, nur das Standard-Kontinuum) ist und sich als gealterte Version seiner selbst auf dem vermeintlichen Weg zur Erlösung begeben hat.

Zunächst einmal sei gesagt, dass man nicht umhin kommt den Vorgängerband zu lesen. Es werden sicherlich auch neue Leser Spaß an der Handlung haben, aber ohne die Vorgeschichte bleibt am Ende trotzdem primär Verwirrung als dominierendes Gefühl zurück. Für all jene, die entweder zu faul sind oder aufgrund der teils verlagsvergriffenen Ausgaben ohnehin nicht alle Nummern im Schrank stehen haben, helfe ich aber gerne weiter:

Wie schon die Inhaltsangabe verrät, hat Logan sein Mündel (den Sohn von Hulk) alleine in der Obhut einer Freundin zurückgelassen und versucht mit Hilfe des (kein Witz) Magiers Asmodeus seinen Fehler rückgängig zu machen. Als ihn der Zauberer jedoch hintergeht, wird Wolverines Geist durch den Strom der Zeit zurückgeschleudert, während sein Körper als Hülle zurückbleibt und an höchstbietenden Gangster übergeben werden soll.

Genau hier steigt der Band „Blutige Erinnerung“ ein und versetzt Hauptfigur und Leser in die chronologisch frühesten Epochen, in denen Logan seine Abenteuer erlebte. Angefangen in Kanada des 19. Jahrhunderts, über die erste Begegnung mit dem Hulk, bis hin zu seiner anfänglichen Zusammenarbeit mit den X-Men ist alles dabei was das Herz der Nostalgiker höher schlagen lässt. Dabei scheut der Autor Jeff Lemire in seinem Abschlussband, trotz des eher düsteren Settings nicht vor Selbstreferenzen aus der langen Geschichte des Mutanten zurück, die sich nicht nur in Optik, sondern gerne auch in Stimmung und Dialogen widerspiegeln. Ich sag nur so viel: Cheesy Sprüche aus den 90ern werden definitiv auch serviert und lassen dem geneigten Leser einen wohligen Schauer über den Rücken laufen!

Trotzdem ruht sich der Autor dieser Rückschau nicht auf der bewegten Historie von Wolverine aus, die als Fan-Service wohl für einige ausreicht hätte, sondern garniert die Szenerie mit gehörig Emotionen, die einen in regelmäßigen Abständen den Frosch im Hals spüren lassen. Es ist in meinen Augen immer noch ein relativ seltenes Phänomen in Superhelden-Comics tiefergehende Emotionen beim Leser auszulösen, doch hier geschieht es wie nebenbei und damit umso eindrucksvoller.

Was die visuelle Umsetzung anbelangt, sehen wir nun zum ersten Mal einen anderen Künstler am Werk als Andrea Sorrentino, der mich immer noch extrem begeistert und zu meinen absoluten Favoriten der Branche gehört. Diesmal sehen wir Eric Nguyen am Zeichenbrett, der stilistisch durchaus in der Ecke von Sorrentino zu verorten ist, aber durch seinen „klassischeren“ Stil in Bezug auf Panel-Aufbau und Charakterzeichnung eine individuelle Note setzen kann. Zwar darf man deswegen nicht mehr die teils extrem abstrakten Splash-Pages und andere ungewöhnliche Experimente erwarten, wird aber immer noch mit einer Dynamik versorgt, von der die Bilder einer solche Geschichte leben.

Dementsprechend kann ich schon, wie bei den Ausgaben zuvor, meine wärmste Empfehlung für diesen Band und für die Reihe insgesamt aussprechen, die mit zu dem besten Output gehört, den Marvel (bzw. Panini Comics) aktuell zu bieten hat. Ich für meinen Teil bin sowohl erstaunt, als auch begeistert, dass Lemire die Qualität der Handlung über den gesamten Run halten konnte und bin in dem Zusammenhang auch sehr gespannt darauf, wie sich ein komplett neues Kreativteam bei der Fortsetzung schlägt, die für den 5. Juni angekündigt wurde. Bis dahin habt ihr aber genug Zeit, euch an den schon schon veröffentlichten Bänden (1, 2, 3, 4) zu erfreuen!

 

 

Old Man Logan – Band 4

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Es ist schon wieder soweit und ich kann mich wirklich nur wiederholen: Die Old Man Logan-Serie (Bd. 1, 2, 3) ist eine der besten Comic-Reihen, die in den letzten Jahren verlagsübergreifend erschienen ist. Es ist schier unglaublich, wie es Jeff Lemire schafft die Qualität der Geschichten auf einem konstant hohen Level zu halten, während der Zeichner Andrea Sorrentino auf jeder Seite die Grenzen dessen ausreizt, was das Medium Comic ausmacht.

In dieser Runde ist der sieben US-Hefte umfassende Band in zwei Story-Stränge unterteilt, die sich bezüglich Stimmung, Optik und Setting extrem unterscheiden, dadurch aber die Bandbreite dessen aufzeigen, was man mit der Figur und ihrer Welt alles anstellen kann.

Im ersten Teil wird Logans alte Freundin Jubilee vermisst, deren Spur ins ferne Rumänien führt. Dort trifft der ehemalige X-Man auf eine Spezialeinheit, die gefühlt einem Kuriositäten-Zirkus entstammt. Ein amphibisches Alien, ein Werwolf (der sich Warwolf nennt), ein zum Killer ausgebildeter Affe und ein paar andere Freaks der selben Größenordnung.  Mit diesen versucht Logan nun seine Freundin aus einem Schloss zu befreien. Nun denkt über den Schauplatz nach und ihr könnt sicherlich erraten, gegen wen die seltsame Gruppe in den Kampf ziehen muss…richtig: Dracula!

Der Plot klingt zunächst wie ein Witz, spielt aber bewusst mit Trash-Klischees und schöpft tatsächlich auch reichlich aus der Marvel-Historie, in dem die ein oder andere Figur aus den längst vergessenen Experimentier-Phasen des Verlags ausgegraben wird. Als Ganzes eine sehr unterhaltsame Story, die als One-Shot überzeugt und Lust auf weitere kleine Episoden aus der Welt des alternden Wolverine macht.

Ihr schließt sich als Kontrast-Programm eine Geschichte aus der „Old Man Logan„-Kontinuität an die, so viel darf man vorausschicken, die Messlatte wieder ein Stück höher hängt. Wir begegnen unserem Helden plötzlich in der ursprünglich zurückgelassenen „Einöde“ wieder, die das Ursprungs-Universum des Charakters darstellt und diesen dementsprechend irritiert zurücklässt. Seine letzten Erinnerungen beziehen sich auf einen Notfalleinsatz auf einer Raumstation. Trotzdem überschneiden sich parallele Erinnerungen einer veränderten Realität der Gegenwart mit Ereignissen aus der Zukunft. Was ist real? Was Fiktion?

Mit diesen Fragen stürzt man sich als Leser mit Logan in eine fast schon an den Film „Inception“ erinnernden Plot, der nichts vom Ausgang vorausnimmt, der die Spannung ersticken könnte. Sorrentinos meisterhafte visuelle Umsetzung tut ihr Übriges, indem Panels gekonnt als Spiegelbilder verschiedener Realitäten vermengt werden, Überschneidungen über das klassische „gleiche Figur im selben Winkel auf verschiedenen Seiten“-Rezept hinaus gehen und Farben nicht als reines Mittel zum Zweck verwendet werden.

Diese Mixtur ergibt eine unglaublich spannende Geschichte, die mich ungeduldig mit den Hufen bis zur Fortsetzung im Februar nächsten Jahres(!) warten lässt. Eine erneut klare Empfehlung an alle bisherigen Leser und die es noch werden wollen. Sollte man sich für eine Anschaffung entscheiden, sollte man jedoch schnell sein. Der vorherige Band ist verlagsvergriffen und das aus gutem Grund!

Der Unterwasser-Schweisser

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Mit dem vorliegenden Band ist ein Verlag in mein Blickfeld gerückt, den ich zuvor nicht mit Comics assoziiert habe. Nun freue ich mich umso mehr, dass sich Hinstorff dazu entschieden hat, das Gefilde der graphischen Geschichtenerzählung zu betreten.

Dank ihnen liegt nun endlich der schon 2012(!) in Nordamerika erschienene Band Der Unterwasser-Schweisser vor,  der dank Ryan Gosslings Interesse an der Verfilmung des Stoffs auch in den Blick der Masse geraten ist. Wenn man sich die Story des Künstlers und Ausnahmeautoren Jeff Lemire zu Gemüte führt, versteht man die Begeisterung, die sowohl bei der stetig gewachsenen Anhängerschaft des Kanadiers, als auch Rezensenten ausgelöst wird.

Wie schon bei anderen seiner Werke (z.B. Sweet Tooth), ist Lemire neben dem Storytelling auch für die visuelle Umsetzung verantwortlich und versorgt den Leser mit einem optischen Rahmen, der perfekt zur introvertierten Atmosphäre und den leisen Tönen dieser großartigen Geschichte beiträgt:

Die Hauptfigur Jack Joseph arbeitet, wie der Titel schon andeutet, als Unterwasser-Schweißer auf einer Ölplattform vor der Küste Neu-Schottlands. In der einnehmenden Einsamkeit des Meeres verrichtet er dieselbe Arbeit wie schon zuvor sein Vater,
der vor vielen Jahren bei einem Tauchgang ertrank. Dieses Unglück ist für ihn sowohl Antrieb als auch Bürde zugleich. Wie manisch taucht er immer wieder in die Tiefe um sein Kindheitstrauma zu verarbeiten, während zeitgleich seine hochschwangere Frau an der Küste wartet und immer verzweifelter wird, umso näher der Geburtstermin rückt. In dieser erdrückenden Lage sieht sich Jack gezwungen, sich seiner Vergangenheit im wahrsten Sinne des Wortes zu stellen und damit seinem Leben einen Sinn in der Zukunft zu geben,  statt in verflossenen Zeiten zu ertrinken.

In so einer kurzen Beschreibung wirkt der Plot vllt. nicht sonderlich auffällig, aber die Weise in der er gesponnen wird, berührt ab der ersten Seite Herz und Verstand. In schwarz/weiß gehalten, sprühen auch Passagen ohne Text nur so vor Emotionen, die sich alle auf die uns ureigenen Ängste von Verlust und Selbstzweifel zurückführen lassen. Darüber hinaus wird hier erneut unter Beweis gestellt, dass eine solch auf persönlicher Ebene dramatische Geschichte, durch eine graphische Umsetzung die gewisse Note bekommt, die weder Buch noch Film umsetzen könnten. Beide Formen des Geschichtenerzählens haben ihre eigenen Vorteile, die sie von anderen abgrenzen. Das Herz mit einer kleinen Bilderfolge für sich einzunehmen, bleibt aber immer noch das Metier der Comic-Kunst.

Ich vermute in diesem Zusammenhang, dass die angekündigte Umsetzung in einen Kinofilm für nicht wenige erstaunte Gesichter sorgen wird, wenn ihnen bewusst wird eine Comic-Verfilmung zu sehen, die weder etwas mit Fantasy noch einem Superhelden-Universum zu tun hat.

Neben dem positiven Anklang bei den Filmstudios, freut es mich natürlich auch persönlich, dass ein Drama so bravourös als Graphic Novel umgesetzt wurde. In meinen Augen bis jetzt eines der Highlights 2017 und damit ein Pflichtkauf! Die Nominierung als „Bester nordamerikanischer Comic“ beim PENG!-Preis des Münchner Comicfestivals war mehr als verdient und für euch vllt. ein Ansporn selbst einen Blick in Der Unterwasser-Schweisser zu werfen.

Old Man Logan – Band 2

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Und wieder eine Geschichte vom Mutanten mit Aggressionsproblemen. Und wisst ihr was? Ich krieg einfach nicht genug davon. Zwar muss ich gestehen, dass ich mich in den letzten Jahren eher vereinzelt mit seinen Abenteuern beschäftigt habe, da mich das Marvel-Bubblegum-Universum die meiste Zeit abturnt, aber ihre psychopathischen bis lustigen (Howard the Duck, Deadpool usw.), sowie getriebenen Vertreter (wie eben Wolverine) locken mich in regelmäßigen Abständen hinter dem Ofen hervor.

Das war auch bei „Old Man Logan“ der Fall. Das Original kann getrost als die Marvel-Version von The Dark Knight Returns angesehen werden, welche so meisterhaft von Mark Millar umgesetzt wurde, wie 99% seiner anderen Werke. Daher ist es eigentlich nicht weiter verwunderlich, dass das Franchise zwar ein paar Jahre später aber konsequent weiter getrieben wurde. Mit dem ersten Band gelang schon ein sehr atmosphärischer Einstieg, der eine Brücke zwischen zwischen der postapokalyptischen Welt des alten Logan mit dem modernen Universum schlug, welches nach dem Marvel Now-Reboot eingesetzt wurde.

In der Fortsetzung hat Wolverine sich langsam aber sicher an den Umstand gewöhnt, dass er sich nicht mehr in seiner gewohnten Umgebung befindet, hat aber immer noch Zweifel, dass seine neue Heimat nicht das selbe Schicksal ereilt, wie seine ihm bekannte Umgebung. Daher versucht er gleich auf mehreren Ebenen präventiv zu agieren. Zum einen versucht er seine neuen Verbündeten für einen potentiellen Angriff ihrer Gegner zu sensibilisieren, zum anderen möchte er sich soweit wie möglich von der Zivilisation bzw. den Leuten entfernen, die ihm etwas bedeuten, da er das Gefühl hat alles zu zerstören, womit er in Berührung kommt.

In letzter Konsequenz zieht er sich deswegen in die Grenzsiedlung Killhorn Falls nahe Alaska zurück, die neun Monate im Jahr eingeschneit und entsprechend von der Welt abgeschnitten ist. Hier versucht er sich unauffällig einzugliedern und seinen Beitrag für die kleine Gemeinschaft zu leisten. Doch es bleibt nicht unbemerkt, dass der in dieser Realität tote Logan plötzlich unter den Lebenden wandelt. Nun sehen einige alte Widersacher ihre Zeit gekommen, um Rache an dem alten Mann zu üben. Erneut steht Wolverine mit dem Rücken zur Wand und im Begriff sein neu aufgebautes Leben ein weiteres Mal, samt der ihm ans Herz gewachsenen Menschen, zu verlieren. So muss er nicht nur sich selbst, sondern auch die Dorfbewohner vor dem drohenden Angriff schützen. Keine leichte Aufgabe, da seine Feinde fest entschlossen sind, ein gewaltiges Blutbad anzurichten.

Die Geschichte des Autoren Jeff Lemire ist während dem Verlauf der Lektüre durchgehend schlüssig und trotz bekannter Versatzstücke anzutreffender Genres (Science Fiction, Western, usw.) stets erfrischend. Er schafft es eine melancholische Atmosphäre aufzubauen, die perfekt zur Weltsicht des Hauptprotagonisten passt, der seine seelischen Wunden für alle sichtbar vor sich hin trägt. Gleichzeitig bedient er fast nebenbei den Wissensdurst der Fans, indem er Logan zum Beispiel erinnern lässt, was exakt in der Nacht geschah, als die Helden starben.

Hinzu kommt der wunderschön malerische Stil des Zeichners Andrea Sorrentino, der sich nicht mit klassischem Panel-Aufbau begnügt, sondern immer wieder mit dem gegebenem Medium in all seinen Facetten spielt und sich nicht scheut symbolhafte Darstellungen einzustreuen, die das gezeigte sofort auf ein höheres Niveau heben.

Mit dieser Kombination aus mitreißender Geschichte und perfekter Visualisierung, wurde ein wahrer Pflichtkauf auf den Markt geworfen, dessen Nachfolger ich kaum erwarten kann!

Old Man Logan – 1

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Ich bin wieder da! Nach all den großen Pausen zwischen den Beiträgen, habe ich schon langsam an mir selbst gezweifelt, werde aber von nun an versuchen wieder öfter zu schreiben. Die Unterbrechungen sind definitiv nicht aufgrund von Schreibblockaden oder fehlender Lust passiert, sondern wegen einer Summe an privaten Schwierigkeiten entstanden. Eine Trennung, die diffuse Angst in dem Zusammenhang die eigene Wohnung zu verlieren, Arbeit und Studium weiterhin unter einen Hut kriegen…Ihr seht, es gibt durchaus Dinge, die meine Leidenschaft für Comics, Kunst und Literatur in den Hintergrund rücken lassen.

Nun, gut. Ich möchte euch nicht mit privaten Storys langweilen, sondern euch gleich mal auf eine neue Comic-Reihe aufmerksam machen, die mit einem One-Shot vor acht Monaten ihren Einstand feierte: Old Man Logan!

Wir setzen ziemlich genau da ein, wo wir mit der abgeschlossenen Geschichte aufgehört haben. Logan aka Wolverine landet nackt im New York des heutigen Marvel-Universums. Wie einige von euch wissen könnten, existieren mehrere Versionen davon parallel um verschiedene Erzählstränge zu legitimieren und diese bei Bedarf (wie hier) überschneiden zu lassen. Logan stammt ursprünglich aus seiner eigenen Geschichte von Mark Millar, in der er 50 Jahre in der Zukunft zurückgezogen auf einer Farm mit Frau und Kind lebt, während die Welt von Bösewichten beherrscht wird. Nachdem seine Familie von der Hulk-Gang (die Sprösslinge des irre gewordenen Bruce Banner) ermordet wurde, macht er sich auf um Gerechtigkeit zu üben…

Hier möchte ich ungern auf Details eingehen um Lesern, die das erste Mal mit der Story in Berührung kommen, den Spaß nicht zu verderben. Im schon angesprochenen One-Shot befinden wir uns in den Nachwehen des „Secret War“. Das Multiversum wurde zerstört und nur ein Planet blieb übrig, der eine Art Patch-Work der vielen Welten repräsentiert. Logan verschlägt es hierbei in mehrere Fassungen seiner eigenen Realität, bis er auf den letzten Seiten am Times Square landet und uns in die erste Ausgabe seiner eigenen Reihe entführt.

Da er zunächst nicht versteht, dass es sich nicht um die Vergangenheit handelt (Helden am leben, Gebäude intakt), sondern um eine gänzlich andere Welt, sinnt er darauf seine eigene Zukunft zu verändern, in dem er alle Personen umbringt, die seine Familie und ihn selbst bedroht oder schlussendlich getötet haben. Erst Stück für Stück kommt er dahinter, dass es ein sinnloses Unterfangen ist. Bis dahin begegnet er einem Großteil der Riege aus der neuen Marvel-Generation. Darunter dem neuen Hulk, der jungen Hawkeye oder dem alten Steve Rogers (Captain America). Wie das Ganze von statten geht, möchte ich hier aufgrund von Spoiler-Gefahr nicht erörtern und gehe nun auf die Macher des Werkes ein.

Im Gegensatz zum Einstieg am Anfang des Jahres, übernimmt hier nicht Brian Michael Bendis das texten, sondern Jeff Lemire. Ihr könntet ihn als Autoren hinter „Sweet Tooth“, „Justice League Dark“ und vielen weiteren Veröffentlichungen kennen, da er durchaus umtriebig ist. Es erfolgt jedoch kein wirklicher Bruch was den Schreibstil anbelangt. Sollte man den Vorgänger zuvor gelesen haben und nicht auf die Namen der Macher achten, sollte es ein smoother Übergang sein. Die Stimmung ist immer noch düster, brutal und trotzdem versehen mit dem gewohnten Feeling des Verlags. Das könnte aber auch zu großen Teilen am Zeichner Andrea Sorrentino liegen, der im Gegensatz zum Autoren bei der Figur geblieben ist. Und eins ist sicher: wir können ihm dafür nur dankbar sein! Ich habe zwar schon von Leuten gehört, die mit seinem abstrakten Stil nicht viel anfangen können und eher zu „klassischer“ Kost in Bezug auf die visuelle Umsetzung greifen. Trotzdem kann ich mir kaum eine bessere Fassung für den rachedurstigen Mutanten vorstellen, als die hier vorliegende. Malerisch springt Sorrentino von üblichen Panel-Abfolgen zu ganze Seiten sprengenden Szenen, die oftmals sogar Geräusche als füllendes Stil-Element aufweisen. Schwer zu erklären, aber wunderschön anzusehen.

Ich bin nach der Lektüre auf jeden Fall hungrig auf das was noch kommen mag und kann jedem, der den Vorgänger gelesen hat oder zumindest das Original von Mark Millar sein eigen nennt empfehlen, sich schleunigst auf den Weg ins nächste Comic-Geschäft zu machen oder gleich bei Panini zu bestellen. Ich bleibe Logan auf jeden Fall treu!