[Comic Review] Venom: Dark Origins (Panini Comics)

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Kaum kommt ein neuer Film in die Kinos, der eine Figur aus dem Marvel-Universum zum Thema hat, darf man sicher davon ausgehen, dass zeitgleich ein ganzer Haufen an Neuauflagen in die Läden gespült wird. Wie man an Venom sieht, macht dieses Konzept auch vor Antihelden nicht halt und beschert uns neben den wahrlich „klassischen“ Auftritten des Symbionten mit Aggressionsproblemen, auch eine modernere Geschichte wie „Dark Origin“ von Autor Zeb Wells und Zeichner Angel Medina. Insbesondere der zweite Name hat mich aufhorchen lassen, da ich mit dem Künstler die „Spawn„-Reihe entdeckt habe, die mir eine dunklere Ecke des Mediums Comic eröffnet hat. Wenn man nun bedenkt, dass sein Stil sich sehr eindeutig an Todd McFarlane orientiert, der als Co-Erfinder von Venom gilt, dann darf man sich durchaus auf gewaltiges Bildmaterial einstellen.

Inhaltlich nimmt der Titel schon die Basis der Geschichte voraus. Wir sehen nämlich eine klassische Ursprungs-Geschichte, die aber erstmals schon in der Kindheit des Hauptprotagonisten ansetzt und dem Leser gleich vor Augen führt, dass Eddie Brock, der spätere Wirt des Alien-Symbionten, schon sehr früh seine, sagen wir mal „besondere“ Art entwickelt hat. Das sind vor allem die Momente, in denen die subtilen Horror-Elementen aus Medinas Feder besonders zur Geltung kommen und der Wells-Geschichte einen für Marvel-Verhältnisse ungewöhnlichen Spin geben. Nicht nur einmal hat man das Gefühl, dass jeden Moment etwas unsagbar verstörendes passieren wird.

Das zieht sich auch bis ins Erwachsenenalter von Eddie, der gefühlt jeden Aspekt seines Lebens auf Lügen aufbaut und dabei fast durchgehend am Abgrund entlang balanciert. Dabei macht er keinen Unterschied zwischen seinem Privat- und Berufsleben, denn seine Sucht nach Anerkennung, die man auch in Spider-Man-Heften zu Genüge sehen konnte, kennt nur ein Ziel, für dessen Erreichung ihm jedes Mittel recht zu sein scheint.

So stößt er als Laufbursche einer Zeitungsredaktion zufällig auf einen Mann, der sich als gesuchter Serienkiller ausgibt. Brock nutzt diese Chance, um selbst als Reporter aktiv werden zu können und schlachtet die Geschichte schamlos aus, ohne die Opfer der Morde nur einen Moment in sein Blickfeld zu rücken. Nur dumm, dass sich die Story doch etwas anders darstellt, als er sich das Ganze vorgestellt hat. Dabei gibt er niemand geringerem als der freundlichen Spinne aus der Nachbarschaft die Schuld an seiner neuen Misere, die den Verlust seiner fast gesamten Existenz mit einschließt. Und so wie es der Zufall will, ist am untersten Ende seines Seins  der Symbiont zur Stelle, um aus seinem Hass auf die Welt und sich selbst die Kraft zu schöpfen, die es braucht, um sich an der Welt und an all denen zu rächen, die in seinen Augen für seine Situation verantwortlich sind…

Dieser Aufbau macht die Geschichte im Allgemeinen sicherlich nicht zu etwas, dass als zukünftiger Klassiker durchgeht, aber der Unterhaltungswert bleibt konstant so hoch, dass man einer Achterbahnfahrt gleich, von der ersten bis zur letzten Seite am Band klebt und sich an den meisterhaft gestalteten Panels von Medina ergötzt. Deswegen ärgere ich mich umso mehr, mir bei Release nicht die Hardcover-Version von „Dark Origin“ geholt zu haben, die sich auch als Hingucker in meinem Regal gemacht hätte. In der Kombination mit dem mehr als fairen Preis von 12,99€ für eine in sich abgeschlossene Geschichte, kann ich den Band daher jedem Neueinsteiger, langjährigen Fan und denen, die es nach einem Besuch des passenden Filmes werden, von ganzem Herzen empfehlen.

Venom: Dark Origin 
Verlag: Panini Comics 
Erschienen am: 04.09.2018 
Autor: Zeb Wells 
Zeichner: Angel Medina 
Format: Softcover 
Seitenzahl: 142 
Preis: 12,99 EUR

Carnage – Blutrausch

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Vor nicht allzu langer Zeit habe ich über den 90er-Re-Release von „Maximum Carnage“ berichtet. Ein eher durchwachsenes Werk, welches zwar visuell überzeugen konnte, aber durch Dialoge, die zum Fremdschämen einluden, faktisch gegen die Wand gefahren wurde.

Der Popularität des titelgebenden Antagonisten tat es jedoch keinen Abbruch. Durch regelmäßige Auftritte in Haupt- und Nebenserien, erfreute uns der von einem Symbionten befallene Irre immer wieder aufs Neue mit seinen Eskapaden. Da „Carnage“ so gut wie alles mitbringt, was einen psychopathischen Gegenspieler ausmacht und auch optisch etwas her macht, verwundert es fast schon, wie lange es gedauert hat bis er seine eigene Reihe spendiert bekommen hat.

In dieser (in den USA immer noch laufenden Serie) bildet die Geschichte „Blutrausch“ den fulminanten Auftakt. Hier wird dem flüchtigen Irren durch das FBI, John Jameson (Der Sohn von J.J. Jameson) und Eddie Brock („Venom“) eine Falle gestellt, indem eine Überlebende seines ersten Massenmords als Köder genutzt wird. Dabei wird er in eine alte Mine gelockt, die mehr zu sein scheint, als man auf den ersten Blick vermuten könnte. Zeitgleich bildet sie den perfekten Ort um Schrecken zu verbreiten, welcher nicht nur vom mordlüsternen Killer ausgeht.

Diese Konstellation verdanken wir Leser übrigens keinem Unbekannten. Als Autoren konnte man den legendären Gerry Conway gewinnen, der sich als Erfinder von „The Punisher“ verdient gemacht und in den 70ern auch das Marvel-Aushängeschild „Spider-Man“ in Abenteur gestürzt hat. Außerdem war er verantwortlich für einen der ersten Annäherungsversuche zu DC Comics, der mit dem Crossover „Superman vs. the Amazing Spider-Man“ (1976) besiegelt wurde. Man merkt der Story jederzeit die Souveränität des Machers an, die er sich in den letzten Dekaden zu Eigen gemacht hat. Zeitgleich scheint zwar auch ein gewisser Zeitgeist durch, den man insbesondere gegen Ende der Geschichte als „cheesy“ bezeichnen könnte, aber alles in allem tut es der durchgehenden Unterhaltung keinen Abbruch. Es ist zwar keine Handlung, die auf Jahre hin Aufsehen erregen könnte, aber die Fans mit Leichtigkeit zufrieden stellen kann.

Das liegt nicht zuletzt an der grandiosen visuellen Umsetzung durch den Tausendsassa Mike Perkins. Fans kennen ihn als Künstler hinter der Stephen King-Adaption „The Stand“, der ersten homosexuellen Hochzeit der „X-Men“ (bzw. im generellen Mainstream-Comic-Universum), sowie einigen „Captain America“-Titeln. Im vorliegenden Fall bleibt er zwar dem Superhelden-Genre treu, geht aber einen eher „malerischen“ Weg, der den Figuren (vor allem „Carnage“ selbst) eine ganz eigene Aura verleiht. Hier merkt man wie viel Spaß es gemacht haben muss, all die schlingenden Teile des Symbionten in den Panels zu verteilen und dabei eine ganz eigene Dynamik frei zu setzen. Im Endeffekt ganz die Klasse, die man von dem Mann erwartet, der jedoch eine neue Nuance beigemischt wird.

Als Fazit lässt sich ziehen, das es sich bei „Carnage – Blutrausch“ um extrem unterhaltsame und optisch ansprechende Comic-Kost handelt, die zwar das Rad nicht neu erfindet, aber auch nicht den Anspruch hat mehr zu sein als „Entertainment“.

Deswegen kann ich guten Gewissens jedem ans Herz legen mal reinzublättern und sich selbst ein Bild von der Ausgabe zu machen. Ich kann sie nur empfehlen!

Spider-Man: Maximum Carnage

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Und wir haben wieder eine Neuauflage der 90er! Diesmal befinden wir uns aber im Marvel-Universum oder genauer gesagt in den Sphären des Aushängeschilds „Spider-Man“, der sich diesmal mit titelgebenden „Carnage“ herumschlagen muss. Neben der Tatsache, dass es sich hier um die wiederholte Veröffentlichung eines Klassikers handelt, kann der Release auch als Trigger für die zeitnah erscheinende Reihe von Mike Perkins durchgehen, der den Bösewicht als Hauptprotagonisten nutzt. Zusätzlich ist es immer gut sich über Figuren zu informieren, die sich schon bald auf der großen Leinwand tummeln könnten. Wie ihr vielleicht wisst, bekommt der Spidey-Widersacher „Venom“ seinen eigenen Streifen und wer bietet sich hier mehr als Antagonist an, als der ebenfalls vom Symbionten beherrschte Serienkiller mit Hang zur Farbe „Scharlachrot“?

Nun aber erstmal zur Geschichte, die in zwei Bänden als „Maximum Carnage“ aufbereitet wird. Für diejenigen, denen die titelgebende Figur nichts sagt, möchte ich kurz erklären wer oder was es ist. Bürgerlich heißt der Gute Cletus Cassidy und kann wohl als leidenschaftlicher Serienkiller bezeichnet werden, der im Laufe der Spidey-Storys von dem Symbionten befallen wird, der den Reporter Eddie Brock zu „Venom“ werden lässt. In dieser Ausführung kann er nun seinem liebsten Hobby noch erfolgreicher nachgehen als zuvor. Genau das macht ihn zu einem der brutalsten und ikonischsten Charaktere aus der Riege der Marvel-Tunichgute.

In der vorliegenden Geschichte wird er (augenscheinlich getrennt vom Symbionten) in ein Irrenhaus/Gefängnis eingeliefert, aus dem er dank der am Körper gut versteckten Alien-Masse unverzüglich ausbricht. Wie es das Schicksal so will, trifft er bei seiner blutigen Flucht auf einen Fan (und ehemaligen Band-Groupie) namens „Shriek“, deren Fähigkeiten dem Namen entsprechend auf Schall ausgerichtet sind. Es entwickelt sich daraus wie zu erwarten eine wirre Version von „Natural Born Killers“. Die Zweisamkeit währt aber nur recht kurz, da sich im Laufe der Zeit immer mehr Mitstreiter zum Mörder-Duo gesellen. Die Spider-Man-Monster-Fassung „Doppelganger“, der bei Berührung tödliche „Carrion“ und der „Hemo-Goblin“ bilden zusammen ein Team um Angst, Schrecken und primär den Tod in New York zu verbreiten. Das kann die freundliche Spinne aus der Nachbarschaft so nicht stehen lassen und stürzt sich immer wieder in den Kampf um seine Stadt zu retten.

Was die Umsetzung der Handlung durch die Autoren David Michelinie, J. M. DeMatteis, Tom DeFalco anbelangt, bin ich ehrlich gesagt nicht wirklich überzeugt. Klar, liest sich der Stoff recht flüßig, sogar teils unbekümmert und hier finden wir auch schon mein größtes Problem mit der Ausgabe. Die 90er waren ein Jahrzehnt, in dem die Gesellschaft und Popkultur sich an künstlerisch aufbereiteter Brutalität und Psychosen labte. Vorreiter dieses Lebensgefühl in der Comic-Welt war definitv Todd McFarlanes „Spawn“, der durch seinen immensen Erfolg etliche Nachahmer nach sich zog. Leider nicht immer in erfolgreicher Art und Weise. Man sieht, dass „Carnage“ als irrer Killer, samt flappsigen Sprüchen bei seinen Taten inszeniert werden sollte. Nur kommt es echt trashig rüber, wenn er und die anderen Figuren immer wieder betonen müssen, wie wahnsinnig brutal sie doch sind und welch Chaos sie anrichten würden. Hinzu kommen seltsam anmutende Dialoge wie der folgende:

Peter: „Mary Jane…das Rauchen…Denk doch daran was du deinem Körper antust! Wir waren eben bei einem Begräbnis! Ich will nicht zu deinem gehen!“

Mary Jane: „Bring nichts durcheinander! Harry würde vielleicht noch leben, wenn er geraucht hätte, statt Kobold zu spielen!“

Ernsthaft? Würde es um Deadpool gehen, würde ich das noch als humoristischen Seitenhieb auf politische Korrektheit deuten, aber wenn es hier der Fall sein sollte, haben sie den doppelten Boden vielleicht etwas zu gut kaschiert. Solche Szenen tauchen leider des öfteren auf und ziehen das gesamte Werk zu einem gewissen Teil ins lächerliche. Klar, es bringt selbstverständlich auch etwas von Nostalgie, aber im Jahr 2016 zieht es einem die Fingernägel hoch. Das ist vor allem deswegen schade, weil die Optik der Geschichte exakt der klassischen Darstellung entspricht, die die meisten Fans im Kopf haben, wenn sie an den Netzschwinger denken. Ein ernsthafterer Anstrich hätte dem Ganzen durchaus gut getan, aber wie ich schon oft angebracht habe: Dieses Werk fängt den Zeitgeist zwar ein, aber ob dieser gut umgesetzt wurde steht auf einem anderen Blatt. Entweder man pumpt so viel Pathos rein, dass jedem klar sein sollte, dass man es hier mit einer selbstreflektierten Auseinandersetzung zu tun hat oder packt es von vornherein etwas seriöser an (zumindest oberflächlich). Vielleicht ist es auch mein ganz persönlicher Standpunkt, der von der Meinung der Masse abweicht, aber genau solche Storys haben Comics einen Ruf eingebracht, der die Forcierung des Begriffs Graphic Novel befeuerte. Während es bis in die 60er hinein nachvollziehbar war etwas Kitsch einzustreuen, hatte man ein Jahrzehnt später schon ganz andere Möglichkeiten, die zwar manchmal genutzt aber meistens ignoriert wurden um den Markt zu befriedigen.

Natürlich ist es einfach vom jetzigen Standpunkt aus über eine Geschichte zu urteilen, die veröffentlicht wurde, als manche der heutigen Leser noch nicht mal auf der Welt waren. Aber da es sich um eine Neuauflage und keinen Flohmarkt-Einkauf handelt, muss sich der Titel dieser Kritik stellen.

Zusammengefasst muss ich daher sagen, dass ich „Spider-Man: Maximum Carnage“ nur einem gewissen Klientel empfehlen kann. Diejenigen, die an der Historie des Marvel-Recken und seiner Widersacher interessiert sind, Leute mit einem ohnehin auf „seichtere“ Releases ausgerichtetem Geschmack und junge Fans (Teenys, für Kinder vielleicht doch zu heftig) können jederzeit zugreifen. Fans, die von modernen Handlungsstrukturen und (teils vorgespieltem aber irgendwo vorhandenem) Anspruch verwöhnt sind, sollten zumindest ein mal reingeblättert haben, bevor sie zur Kasse laufen.