R. Crumb – Fritz the Cat

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Robert Crumb gilt als DER Vertreter der Underground-Comics, die gerne auch Comix genannt werden. Sein unverkennbarer Stil, der sich in so vielen Details ergießt, dass man auch Jahre nach der ersten Begegnung gerne erneut zu seinen Werken greift, um zuvor übersehene Sachen zu entdecken. Seine schmutzigen Fantasien, die im Kontrast mit seinem unscheinbaren bis schüchternem Auftreten erst ihre ganze Wirkung entfalten. Seine Charaktere, die noch Dekaden nach ihrer Entstehung nichts von ihrem Reiz verloren haben. Das alles und noch viel mehr trug dazu bei, dass Crumb auch außerhalb einer eingeschworenen Szene Bekanntheit erlangte und sich sogar im klassischen Kunstbetrieb seine Sporen verdient hat.

Seine wohl berühmteste Figur, die wie die meisten anderen seinere Kreationen in den 60ern entstand, war Fritz the Cat. Wie der Name schon verrät, handelt es sich um einen Kater und da wir über das Crumbsche Universum sprechen, defintiv kein normaler. Unser Hauptcharakter befindet sich in einer fiktiven, von vermenschlichten Tieren bewohnten Welt, die in ihrer popkulturellen und politischen Ausrichtung ein Spiegelbild der US-amerikanischen Gesellschaft darstellt. Da wir uns in der Entstehungszeit von Fritz befinden, sind die Themen natürlich Sex, Drogen, Hippies, Polizeigewalt, die Bürgerrechtsbewegung und der damit einhergehende Lebensstil. Es wäre aber natürlich keine Crumb-Kreation, wenn der Rahmen dafür nicht aus einem Spiel mit den genannten Elementen bestehen würde, die darauf hinauslaufen, keinerlei Respekt vor nichts zu haben.

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© Reprodukt / R. Crumb

Nun ist die Sache eine ganze Weile her, aber die Figur und ihre Erlebnisse immer noch relevant. Daher haben sich Reprodukt dazu entschlossen eine Neuauflage (Hardcover mit Leinenrücken, 29€) auf den Markt zu bringen, nachdem sie schon zuvor CrumbsMister Nostalgia„, „Mein Ärger mit den Frauen„, „Nausea“ und seine „Kafka„-Adaption veröffentlicht haben.

Schon gleich bei der ersten Geschichte (sowohl im Band als auch real im Jahr 1964), begegnen wir Fritz auf eine Art, die so ziemlich das vorausnimmt, was ihn die nächsten Jahre definieren sollte. Nachdem er seinen Job in der Stadt geschmissen hat, kommt er zu seiner Mutter zu Besuch, die ihm natürlich kostenfrei eine warme Mahlzeit auf den Tisch zaubert. Währenddessen nutzt der heimgekehrte Sohn die Gelegenheit seine nun zu einer Frau gewachsene Schwester zu begutachten und den ein oder anderen Kommentar zu ihrem nun „weiblicheren“ Aussehen abzulassen. Schon hier wird klar, wohin die Reise geht und was Fritz große Ziele im Leben sind: schnorren, saufen, ficken. So kommt es wie es kommen muss und er „vergnügt“ sich bei einem Seeausflug mit seiner Schwester – willkommen in der Gedankenwelt des Robert Crumb!

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© Reprodukt / R. Crumb

In diesem Stil geht es nun weiter, nachdem eine Rahmenhandlung vorgegeben wird: Fritz zieht in eine fiktive Großstadt um zu studieren und mit seinen WG-Kumpels das Leben zu genießen. Dabei konzentriert sich seine Energie hauptsächlich auf den zweiten Teil, der durch ständige Frauen-Geschichten, Drogenkonsum und dem Spaß an Eskalation definiert wird.

Das spannende daran ist der konsequente Opportunismus, mit dem sich der Kater all das erschleicht, was er sich vorstellt. So biedert er sich an Bürgerrechtler an oder erzählt all seinen Eroberungen die gleiche dünne Geschichte um ein Alibi als treuer Single-Mann zu wahren.

So geht es von einer Eskapade in die nächste, wobei die Storys konstant unterhaltsam bleiben und man die stilistische Entwicklung Crumbs fast schon live über die Jahre hinweg verfolgen kann. In der Zeit von 1964 bis Anfang der 70er-Jahre wird der Strich kontrollierter, entfernt sich Stück für Stück mehr von der „Sketchbuch-Ästhetik“ und geht immer mehr in den plastischen Darstellungen auf, die man heutzutage kennt. Nicht zu vergessen, dass ein großer Teil der Abenteuer von Fritz the Cat tatsächlich einem Skizzen-Büchlein entspringt, dass aber ab einem gewissen Zeitpunkt druckreife Zeichnungen beinhaltete.

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© Reprodukt / R. Crumb

Alles in allem bekommt man mit dieser erweiterten Neuauflage (ursprüngliche Veröffentlichung von 1999 mit 76 Seiten, die aktuelle Fassung mit 128) sowohl ein Stück Comic-Geschichte, die Menschen damals wie heute zu provozieren weiß, als auch etwas vom Zeitgeist der wilden 60er, der in der Form nur aus der Feder eines Genies wie Robert Crumb stammen kann. Eine klare Kaufempfehlung für Nostalgiker, Anarchisten und heimliche Perverse – also eigentlich für jeden Comic-Leser, der dem Kindesalter entwachsen ist.

Love Addict

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Vor ein paar Jahren war der legendäre Zeichner Robert Crumb zu Gast beim Münchner Comicfestival und all jene die sein Werk nicht kannten, waren vermutlich leicht verblüfft als sie seine Bilder sahen. Hier saß nun dieser träumerisch wirkende alte Mann und als Kontrast waren da diese Bilder, die alle möglichen Sex-Fantasien eines Nerds repräsentieren. Das typische Motiv ist dabei der unattraktive Eigenbrötler, dem eine in allen physiognomischen Merkmalen übertriebene Frau gegenübersteht. Ein auf Papier gebannter Wunsch nach körperlicher Nähe ohne Verpflichtungen, aufgeladen mit der Angst der Abweisung. Das machte Crumb besonders und genau diesem Stil blieb der Mann über Jahrzehnte hinweg treu. Das Problem daran war und ist der oft fehlende Bezug zur aktuellen Generation an „Liebe“ suchenden Außenseitern. Seine Motive sind den 60ern entsprungen und wirken auch heutzutage noch wie aus der Zeit gefallen.

Zwar ist der Wunsch des Underdogs nach sexueller Zuneigung natürlich gleich geblieben, aber die Umstände haben sich insbesondere in den letzten Jahren extrem gewandelt. Apps wie „tinder“ verändern das „Balzverhalten“ der Menschen zu einer bizarren Form des Einkaufserlebnisses. Fleischbeschau wäre noch nett ausgedrückt. Genau in dieses Umfeld schickt der gebürtige Israeli Koren Shadmi seine Hauptfigur K. (Kafka lässt grüßen). Der Gute wurde von seiner Freundin verlassen und gerät in ein schwarzes Loch, welches Männer, die Probleme haben Frauen anzusprechen nur allzu gut kennen. Frustration, Selbstzweifel und der Sex ist schon so lange her, dass man sich fast an den Zustand gewöhnt hat. Genau zu diesem Zeitpunkt kommt K.s Mitbewohner Brian ins Spiel, der ihn auf die Plattform „Lovebug“ aufmerksam macht. Diese ist im Endeffekt das selbe wie „tinder“ und lässt unseren Helden in die unverbindliche Welt der (auf Sex zumindest ausgerichteten) Dates des 21. Jahrhunderts abtauchen.

Zunächst geht er unbedarft an die Sache heran, verhält sich eher ungewöhnlich für solche Arrangements und trifft entsprechend seltsame Gestalten. Diejenige, die sich noch am ehesten der Sparte „normal“ zurechnen lassen, sind jedoch von seiner nerdigen Aura angetan. Nach mehreren Anläufen fängt er an das Spiel zu verstehen und entwickelt etwas wie Kalkül bei den Treffen mit Frauen. Plötzlich werden aus interessanten Gesprächen komplett auf Sex-Dates zugeschnittene Dialoge, die nur ein Ziel verfolgen. Teilweise werden sogar Phrasen auswendig gelernt, Namen verwechselt und der kleine Freundeskreis wird dank ständig wechselnder Begleitung verwirrt. Er entwickelt sogar ganze Pläne vom ersten Kontakt, über die Hinführung zu bestimmten Orten bis zum großen Finale im Bett. Um diesen Zustand zu verdeutlichen, werden die einzelnen Kapitel mit immer größer werdenden Zahlen in Bezug auf realisierte Treffen überschrieben, Namen der Gespielinnen kommen einem mit der Zeit vor wie Dekor und mit wenigen Ausnahmen rückt der Charakter so weit in den Hintergrund, dass nur noch der Körper als funktionelle Hülle übrig zu sein scheint.

Damit wird auf eine gelungene Art und Weise die Gefühlswelt des K. bzw. die Wahrnehmung seiner Umwelt auf den Leser übertragen, der jedoch das Glück hat als Beobachter noch den Unterschied zwischen Spaß und egoistischer Befriedigung der eigenen Lust zu erkennen. Diese Grenze scheint die Hauptfigur nämlich mit fortschreitendem „Erfolg“ immer öfter zu streifen und in einem Fall sogar beinahe zu übertreten. Ein Punkt, der ihn seine bis dato absolvierte Odyssee überdenken lässt, den Leser aber schlussendlich doch im unklaren lässt, ob die Abwendung von seiner Sucht endgültig oder nur eine Phase ist. Ein insgesamt sehr starker Story-Bogen, der trotz offenem Ende einen zufrieden die letzte Seite umblättern lässt. Dafür sind vor allem die vielen witzigen Situationen verantwortlich, die das im Kern unappetitliche Thema der aktuell grassierenden Vermittlungsplattformen treffend umschreiben und ein deutliches Statement dazu setzen. Eine wirklich runde Geschichte, die ohne Hänger durchgehend zu unterhalten weiß.

Koren Shadmi übernimmt dabei neben dem Autoren-Teil auch die Aufgabe der Visualisierung seiner Ideen. Hier lehnt er sich teils sehr deutlich an den zu Anfang erwähnten Robert Crumb an, der viel mit Schraffur arbeitet und damit seine Figuren extrem plastisch wirken lässt. Während eines Kapitels besucht K. sogar mit einer Bekanntschaft eine Ausstellung des Künstlers. Es folgt selbstverständlich eine Bett-Geschichte, die aber insbesondere bei der dargestellten Frau keinen Zweifel an der Inspiration durch den alten Meister lässt. Trotzdem behält sich Shadmi eine Eigenständigkeit bei, die ihn vor einer Degradierung zu einer simplen Kopie bewahrt. Körpersprache und Mimik der Charaktere wirken durchwegs lebendig und dem Thema entsprechend passend in Szene gesetzt. So wird Verzweiflung und Komik gleichermaßen Rechnung getragen, die beide Grundbausteine dieses Werks sind.

Alles in allem handelt es sich bei „Love Addict“ um eine Pflichtanschaffung für alle Fans der Crumb-Charaktere, Nerds mit „Träumen“ und alle, die sich gepflegt durch eine Graphic Novel unterhalten lassen wollen, die diesen Namen allemal verdient.

Hier könnt ihr euch das Buch besorgen.