[Rezension] The Stan Lee Story (TASCHEN Verlag)

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Es gibt Personen der Öffentlichkeit, die uns schon so lange begleiten, dass wir oft zu vergessen scheinen, dass sie eines Tages nicht mehr unter uns weilen könnten und in dem Moment, in dem sie von uns gehen, eine so große Lücke hinterlassen, dass niemand genau weiß, wie man damit umgehen soll. 

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Hierzu gehört auch ein Mann wie Stan Lee. Als sich die Nachricht von seinem Tod am 12.11.2018 verbreitete, schien die Welt still zu stehen und nicht nur die Comic-Branche die Luft anzuhalten. Trotz seines hohen Alters von 95 Jahren konnte man sich kaum vorstellen, wie jemand, der nicht nur durch seine Co-Kreationen für das Marvel-Universum Berühmtheit erlangte, sondern ganze Generationen an Fans und Künstlern inspirierte, nicht mehr da sein sollte. Die Timelines der Social Media-Seiten und Nachrichtenportale aus aller Herren Länder wurden auf einen Schlag vom Ableben Lees dominiert. Ein Umstand, der mit Nachdruck zu verdeutlichen schien, dass nicht einfach ein Autor mit reger Fantasie, sondern ein Mensch der unter anderem das was wir unter Popkultur verstehen definiert hat, verstorben ist.

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Um dieser Legende ein Denkmal zu setzen, machten sich der ehemalige Marvel-Chefredakteur Roy Thomas („75 Years of DC Comics„) mit dem TASCHEN-Verlag vor rund zehn Jahren daran die Geschichte von Stan Lee, angefangen bei seinen Anfangstagen als Laufbursche bei „Timely Comics“ (aus denen später „Marvel Comics“ hervorgehen sollte), bis hin zu seinen sage und schreibe 57 Cameo-Auftritten, die ihn einem Publikum außerhalb der Comic-Leserschaft bekannt machten, in Buch-Form zu bringen und im standesgemäßen Überformat herauszubringen. Nur zehn Tage vor seinem Tod konnte Lee das fertige Werk aus den Händen des TASCHEN-Verlegers Benedikt Taschen empfangen und in seiner gewohnt verschmitzten Art kommentieren („Ich bin da sicherlich voreingenommen“, sagte Lee, „aber das ist das schönste Buch, das ich je gesehen habe.“).

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Dieser Band wird dabei den Erwartungen mehr als gerecht und ist definitiv keine Art Sekundärliteratur, die man schon seit vielen Jahren im Zusammenhang mit Stan Lee kennt. Auf ganzen 444 Seiten wird jeder Lebensabschnitt des Mannes in aller Ausführlichkeit beleuchtet und mit zahlreichen, in Teilen bislang unveröffentlichten, Fotografien unterstrichen. Dabei wird erfreulicherweise auch genug Raum für seine Anfänge als Schreiber gelassen, in denen Figuren wie „Spider-Man„, die „Avengers“ oder die „X-Men“ nicht mal im Ansatz denkbar waren. Dadurch wird einem deutlich vor Augen geführt, dass die unfassbare Karriere von Stan Lee kein plötzlicher Selbstläufer, sondern das Produkt einer über Dekaden verlaufenden harten Arbeit war, dass in Kombination mit einer ordentlichen Portion Charme und leichter Selbstüberschätzung zu dem wurde, was uns als Leser seit seinem Tod als Erinnerung bleibt.

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Die informativen Texte zu seinen Arbeiten werden darüber hinaus nicht nur mit den vielen ikonischen Covern der Serien bebildert, die unter seiner Führung entstanden sind, sondern auch mit einigen auf Archivpapier gedruckten Original Tusche-Zeichnungen. Damit wird nicht nur ein Einblick in die Biografie eines bedeutenden Mannes, sondern in die Historie eines ganzen Mediums gewährt, dass durch Lee wie kaum einen anderen geprägt wurde.

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Um dabei das Sammler-Herz zu erfreuen, dass insbesondere in Comic-Enthusiasten zu schlummern scheint, erscheint „The Stan Lee Story“ nicht nur als informative Lektüre, sondern bietet darüber hinaus viele weitere Anreize für einen Kauf, die auch den größten Skeptiker überzeugen sollten. So bekommt man diesen Prachtband nicht nur in einem edlen Acrylschuber, sondern inklusive Faksimiles mit Lees bedeutendsten Geschichten geliefert, die man in Original-Format genießen kann. Das was posthum wohl den bedeutendsten Aspekt dieses Sammlerstücks darstellt, ist die Tatsache, dass die auf 1000 Stück limitierte Ausgabe von Stan Lee persönlich unterschrieben und damit zu einem echten Stück Comic-Geschichte gemacht wurde. Natürlich hat diese Exklusivität ihren Preis, den sich mit 1250€ nicht jeder leisten kann und will. Nichtsdestotrotz gibt es es durch die angesprochenen Punkte, genug Argumente sich als Liebhaber für eine Anschaffung zu entscheiden. Darüber hinaus ist man auch als Fan mit kleinem Budget gut beraten sich diesen Titel zu notieren, denn bei der zu erwartenden Nachfrage, ist es gesetzt, dass eine reguläre Ausgabe folgen wird, die zwar sicherlich nicht mit den zahlreichen Extras der Luxus-Version aufwarten, inhaltlich dem Original aber in nichts nachstehen wird.

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Daher wäre es nicht übertrieben von „The Stan Lee Story“ als Denkmal zu sprechen, dass in der einen oder anderen Fassung in jedes Regal eines Lesers gehört, der sich nicht nur für die Geschichten, sondern für das Medium an sich zu begeistern weiß. Dieses wird zurecht auf ewig mit dem Namen Stan Lee verbunden bleiben.

The Stan Lee Story (Affiliate Link)
Verlag: TASCHEN
Autor: Roy Thomas
Sprache: Englisch
Format: Hardcover im Acrylschuber 31,5 x 47 cm
Seitenzahl: 444
Preis: 1250 EUR

ALIENS Classic Omnibus

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1979: Das Jahr in dem Ridley Scott der Welt ein Stück immerwährende Popkultur schenkte und mit dem Großmeister H.R. Giger Alpträume erschuf, die auch fast 40 Jahre später Relevanz haben. Natürlich spreche ich von der legendären ALIEN-Reihe, die zum einen bis heute auf der Kinoleinwand existiert und zum anderen auch andere, vor allem visuelle Medien, immer noch in Beschlag nimmt. Dazu zählen selbstverständlich Comics, die neben Filmen wohl die logischste Form darstellen, wenn es um die Vermittlung des visuellen Schreckens der Xenomorphe geht.

In ihrer minimalistischen Farbgebung und fast schon eleganten Formen liegt es nahe, dass sie in einer schwarz-weißen Umgebung um einiges bedrohlicher wirken, als in „klassisch bunten“ Bildchen. Diesen Gedanken fassten wohl auch vor 10 Jahren die Leute von Cross Cult um die „nur“ getuschten Versionen großartiger Geschichten unters Volk zu bringen, die allesamt während der 90er ihren ursprünglichen Release feierten. Nicht weiter verwunderlich, wenn man bedenkt, welcher Zeitgeist in Popkultur und Medien herrschte und dabei natürlich Comics nicht außen vor ließ.

2007 und 2008 noch in drei Teilen veröffentlicht, beschenkt uns der Verlag diesmal mit einem Omnibus in Übergröße und Limitierung auf 999 Stück. Dieses edel designte Buch, dass wohl den Schrank eines jeden Minimalisten Platz finden würde, ist hierbei nicht nur eine schöne Ergänzung für Fans des kultigen Franchise, sondern auch für Kenner der Comic-Szene ein Must-Have. Hier gibt sich nämlich das „Who-is-Who“ der Zeichner und Autoren die Klinke in die Hand und beglückt damit das Nerd-Herz.

Man kann getrost von Legenden sprechen, wenn Leute wie Mike Mignola (Hellboy), David Lloyd (V for Vendetta), Eduardo Risso (100 Bullets), Kelley Jones (Sandman) oder Richard Corben (Underground-Veteran) den Zeichenstift schwingen und dabei mit ihren Trademarks nicht hinterm Berg halten. Jede, der von ihnen realisierten Storys bekommt den Stempel verpasst, der sie wiederum sofort an ihren Schöpfer bindet. Daher ermüdet das Auge bei der 500 Seiten starken Lektüre nicht so schnell, wie man bei ihrem Design zunächst denken könnte. Man entdeckt dadurch sogar einzelne Aspekte, die bei einer „Farbkur“ wohl untergegangen wären.

Inhaltlich gibt es bezüglich der Geschichten natürlich auch genug zu entdecken. Mal finden wir uns in einem bitterernsten Szenario wieder, dass an die bedrückende Atmosphäre der Filme erinnert, mal klingt so etwas wie zynischer Humor durch die Panels, um dann in vollkommen übertriebenem Splatter aufzugehen. Damit wird jede Spielart des Horrors bedient und genau solche Attribute erwartet man, wenn man zu einer Veröffentlichung dieser Art greift. Beim Kauf des ALIENS Classic Omnibus findet der Leser die Essenz der Reihe, die ohne zu übertreiben in jedes Regal eines Fans gehört, wenn dieser sich selbst für einen hält.