„Make Europe Great Again“-Tour (live in München; 05.06.2016)

Es ist schon eine Zeit lang her, seit ich das letzte mal meine Leser an gute Musik heranführen durfte. Nun ist es wieder soweit und es gibt gleich die Möglichkeit über vier Kappellen zu schreiben, die das Münchner Backstage beehrt haben.

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Rabia Sorda

Unter dem Motto „Make Europe Great Again“ teilen sich Erk Aicrags (Hocico) Nebenprojekt Rabia Sorda, die deutschen Dark-Rocker Lord of the Lost, die legendären Filtersowie der Headliner in Form der von Aggro-Tech zu Metal gewechselten Combichrist die Bühne.

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Rabia Sorda

Hierbei wurde nichts dem Zufall überlassen und etwaige Sound-Experimente im Rahmen des Line-Ups sind mit der Lupe zu suchen. Durften früher klassische Glühstäbchen-wirbelnde Pool-Nudel-Träger die Shows von Combichrist eröffnen, lassen sich diesmal alle Gruppen unter Gitarren-Musik mit Elektro-Einschlag einordnen. Passend zur homogenen Ausrichtung, hat sich auch die Fanbase der Bands deutlich gewandelt. Man findet zwar immer noch überwiegend Leute aus dem Gothic-Bereich, aber die Metal-Heads sind eindeutig auf dem Vormarsch. Nebenprojekte und Support-Slots in diesem Genre scheinen einen bleibenden Eindruck bei den Musikern und damit der Schreibweise der Songs hinterlassen zu haben. Einen Einbruch des Erfolgs muss deswegen aber keiner befürchten, wenn man die gut gefüllte Halle betrachtet.

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Lord of the Lost

Leider kam genau das dem Trio um Rabia Sorda nur bedingt zugute, denn der Einlass und der Beginn des Konzerts lagen gerade mal 30 Minuten auseinander. Dementsprechend mussten die Musiker zunächst vor halb leerer Halle spielen, machten ihre Sache aber sehr gut. Die Mischung aus Punk und Industrial war der perfekte Einstieg um die ersten Hände hoch gehen zu lassen und einige zu den ersten Tanzschritten zu bewegen. Netter Sound, den man sich merken darf, falls der Name der Band dem Leser noch kein Begriff sein sollte.

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Lord of the Lost

Dem folgte das Dark-Rock-Phänomen Lord of the Lost. Optisch irgendwo zwischen Black Metal, Marilyn Manson und Murderdolls zu verorten, lieferte das Quintett eine überzeugende Mischung aus Metal, Pop und Punk, die erstaunlich gut funktioniert. Nach den ersten paar Minuten war ich zwar drauf und dran die Band als humorbefreite Grufti-Gang abzustempeln, wurde aber recht schnell eines besseren belehrt. Die Texte zu Tracks wie „Blood for Blood“, „Sex on Legs“ oder „Black Lolita“ klingen zwar zunächst ungewollt klischeehaft, aber mit einem gewissen Augenzwinkern im Bereich der Performance kann man den bubenhaften Spaß am Spiel mit der Symbolik erkennen. Der eindeutigste Beweis dafür, dass die düstere Optik nicht gleich mit Dauerdepression gleichzusetzen ist, wird wohl das Backstreet Boys-Cover von „Everybody“ (1997) sein. Wer hätte gedacht, dass martialisch bis barock anmutende Gestalten so textsicher bei Bubblegum-Kost sein könnten? Im Gesamten setzen die Jungs zwar keine musikalische Revolution in Gange, unterhalten aber auf ganzer Linie, wirken sympathisch und sind sowohl tanz- als auch moshbar. Ganz klare Empfehlung für die kommende Konzert-Planung.

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Filter

Nun war ich mehr als gespannt, als mit Filter die prominentesten Gestalten im Tour-Tross die Bühne betraten und wurde gleich mal vor den Kopf gestoßen. Richard Patrick, ehemaliger Gitarrist der Nine Inch Nails, liefert mit seinem Projekt zwar einen soliden Sound, den man in der Form auch erwartet, aber die Darbietung des Ganzen war jenseits von gut und böse. Wenn man die Frage des Song-Titels „Can you trip like I do?“ beantworten möchte, muss ich im direkten Vergleich zum Frontmann der Band ganz klar „Nein“ sagen. Ich kann gar nicht so viel von was auch immer konsumieren, um so drauf zu sein wie er.

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Filter

Es gehört ja als Musiker eigentlich zum guten Ton eine leicht zerstörerische Aura zu haben bzw. sich mal etwas daneben zu benehmen. Trotzdem muss man dabei so viel Professionalität ausstrahlen, dass man nicht minütlich mit einem Abbruch des Gigs rechnen muss. Ein offensichtlich zugedröhnter Patrick diskutierte technische Probleme live am Mikro aus, nuschelte seine Ansagen mehr als sie wirklich an das Publikum zu richten und hatte wohl Spaß daran Fans aus der ersten Reihe mit Bier und Wasser zu übergießen, da sie seiner Meinung nach nicht genug für die Band abgingen. Das sie eventuell für die nachfolgenden Combichrist da sein könnten, ist ihm wohl nicht in den Sinn gekommen. Die Enttäuschung erreichte bei mir persönlich den traurigen Höhepunkt, als ich realisierte, dass der gute Mann seine Texte von einem eigens für ihn an einer Halterung montierten Tablet ablesen musste. Sorry, aber man kann von einem Profi, der seit fast 30 Jahren im Business ist verlangen, ein Set von einer Stunde im Kopf zu haben, welches nicht mal wie geplant zu Ende gespielt werden konnte. Andererseits sah man auch deutlich warum er sie sich nicht merken konnte. Drogen gehören irgendwo zum Rock’n’Roll aber man muss dabei fähig sein seinen Job erledigen zu können. Da ich Filter zum ersten mal gesehen habe, kann ich nur von meinen Erfahrungen in München berichten und kann dadurch nicht auf den Rest der Tour schließen. Ich lasse mich gerne eines besseren überzeugen, aber das war schlicht und ergreifend eine traurige Vorstellung.

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Combichrist

Damit man jedoch nicht enttäuscht nach hause gehen musste, haben Combichrist exakt das abgeliefert, was man von ihnen schon seit Jahren erwarten kann. Eine brachiale und energiegeladene Show, die man sowohl im Pit als auch beim tanzen genießen kann. Da ich ihre Entwicklung nun schon seit knapp sieben Jahren mitverfolge, freue ich mich von mal zu mal etwas mehr, wenn ich sie live erleben kann. Angefangen mit einer aggressiven Machart des Industrial samt Shouts, die eher unüblich in der Szene sind, über die ersten Versuche „klassische“ Band-Instrumente einzuführen, bis zur finalen Formation als mit Percussions unterstütze Metal-Truppe habe ich alles miterlebt. Zwar haben sich dadurch zwangsläufig einige Old-School-Fans abgewandt, aber dafür sind deutlich mehr Leute aus anderen Sparten dazu gestoßen und der immer größer werdende Erfolg gibt ihnen offensichtlich recht. Zwar gibt es nun das Problem, dass ursprünglich als reine Elektro-Arrangements konzipierte Tracks wie „Get Your Body Beat“ vom Band kommen und dadurch Spielereien mitten im Song ausfallen müssen, aber das tut dem Spaß der Fans keinen Abbruch. Und so befeuerte das norwegisch-amerikanische Projekt die Halle bis weit nach Mitternacht und kramte dabei in der weitreichenden Diskografie um sowohl alte Perlen als auch neue Stampfer präsentieren zu können. Mit „What the Fuck is Wrong With You“ entließen sie schlußendlich ein wie immer zufriedenes Publikum in die Nacht und machten damit fast unverzüglich den Aussetzer des Co-Headliners ungeschehen. Es war wie immer eine Freude, an die ich beim nächsten Besuch der Band gerne anschließen werde!

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Combichrist

Mehr Fotos vom Konzert findet ihr hier!

apRon – Der Punch beginnt

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Mit dieser Rezension ist eine kleine persönliche Geschichte verbunden.

Vor einigen Jahren entdeckte ich die Münchner Underground-Band „apRon„, die einen Sound zwischen Nu-Metal/Crossover, Hardcore und Rock fabrizierte und damit exakt meinen Geschmack traf. Als ich neben ihrer großartigen Musik auch noch ihre Bühnenoutfits in Form von sich teils von Gig zu Gig wandelnder Schminke, und viel Konfetti entdeckte, war ich hin und weg.

Natürlich musste ich mir dieses Gebräu erstmal live ansehen und wurde
wie zu erwarten von ihrer unbändigen Energie umgeblasen, die sich aus der ständigen Bewegung und ihrem fast schon choreographiert wirkenden Zusammenspiel speiste. Theater in seiner schönsten Form!

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Nur kurze Zeit später wurde ich mit meiner damaligen Band gefragt, ob wir Lust hätten an einem fast schon irren Weltrekordversuch teilzunehmen und sagten selbstverständlich zu. Damit wurden wir Teil eines 67-stündigen und damit längsten Konzerts der Welt. Weiter ging es im Vorprogramm der Band in Passau und nach der Auflösung unserer Kapelle als Zuschauer auf fast allen Konzerten in München. Da der Kontakt auch auf privater Ebene sporadisch erhalten blieb, wurde ich als Fan und Kenner der Musik dazu eingeladen am Video „IDGAF“ als Darsteller mitzuwirken und machte selbstverständlich mit, indem ich einen Clown mit „Gilf“-Fetisch mimte.

Es ist nicht schwer zu erkennen, dass sich hier viele meiner Leidenschaften  in Form einer Band und ihrer Aktionen manifestierten. Als dann noch eines Tages die Ankündigung kam, dass zu einem kommenden Konzept-Album ein passender Comic erscheinen würde um die Story des „Mr. Punch“ durch verschiedene Medien erzählen zu können, schloss ich mich mit vielen anderen der parallel gestarteten Kickstarter-Kampagne an, die das ambitionierte Werk finanzieren sollte. Als kleine Belohnung in meinem Package, wurde ich als Figur sowohl in das Heft als auch Booklet integriert.

Die Lieder auf „Der Punch“ (apRons erstes deutschsprachiges Werk) drehen sich um den Spießbürger Kleinmann, der die fiese Handpuppe Mr. Punch findet, die von seinem Puppenspieler sofort Besitz ergreift und ihn auf eine Jahrmakttour nimmt, die wohl keiner so schnell vergessen wird…
Die Songs wirken dabei dem Ambiente der Erzählung und des Cover-Artworks (von Streetartist Michael „Fester“ Heinz-Fischer) entsprechend wie Zirkusmusik aus einem Horrorfilm und schwanken dabei von dicken Brettern bis zur melancholischer Ballade. Die einzelnen Tracks werden dabei durch einen Erzähler miteinander verbunden. Niemand geringeres als Stefan Linder, seines Zeichens Sänger der Band Schandmaul führt hierbei von Stück zu Stück.

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Die Visualisierung in Form des gleichnamigen Comic-Bandes folgt dabei parallel dem Geschehen und wurde vom Künstler Andi Papelitzky in Szene gesetzt, die wie das Leben Kleinmanns in Grautönen dargestellt wird. Die Figuren und die dazu passende Umgebung wirken der Erzählung (von apRon-Drummer Andreas „Medusa“ Kuhn getextet) entsprechend recht bizarr und werden nur durch vereinzelte Farbtupfer in Form des „Mr. Punch“ und bestimmter Körperflüssigkeiten aufgebrochen. Wie aber die Puppe dorthin gelangt ist, wo sie gefunden wurde und ob es eine Vorgeschichte zum bösartigen Innenlebens des Punch gibt, wurde nie geklärt.

Um diese Rätsel zu lösen hat das bestehende Kreativteam sich eines Prequels angenommen, welches vor kurzem als „Der Punch beginnt“ beim nun jährlichen „Punchfest“ (Konzert mit lokalen Bands im Münchner Backstage) Premiere feiern durfte. Während visuell fast alles beim gleichen bleibt (Papilitzkys Strich erscheint nur etwas weniger rau), begleiten wir zwei tragische Figuren in Person eines Professoren (Kleinmann ) der Literaturwissenschaften (Der Punch stammt ursprünglich aus einer britischen Erzählung) und einer Studentin, deren Wege sich einem Kreislauf gleich, am Anfang und am Ende der Geschichte kreuzen und dabei einen Übergang zum ursprünglichen Strang der Geschichte markieren. Garniert werden die Panels dabei mit allerlei Anspielungen auf die Münchner Alternativ-Szene und deren Protagonisten, wobei es einem „Außenstehenden“ nicht negativ auffallen sollte.

Alles in allem bleibt auch diese Ausgabe dem Underground treu und genießt dadurch sowohl auf Seiten der Story als auch auf künstlerischer Ebene Freiheiten, die im Mainstream unmöglich erscheinen. Trotzdem wirkt das Ergebnis sowohl von der Aufmachung als auch vom Inhalt her professionell genug, um auch die „Laufkundschaft“ in Comic-Läden anzusprechen. Der Stil erinnert mehr an einen Burton als an die Comix-Verfechter, die mehr durch Provokation als sicheren Umgang mit ihrem Werkzeug glänzten. Dementsprechend lege ich euch ans Herz das gesamte „apRon“-Package in Form der CD, des ursprünglichen Comics und des Prequels zuzulegen. Neben dem Genuss fürs Auge und Ohr, unterstützt ihr hierbei nämlich den Underground gleich zweier Szenen, die beweisen, dass dickes Budget und große Plattenfirma/Verlag noch lange nicht der einzige Garant für Qualität sind.

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Das Album findet ihr hier. Hier wäre der passende Comic und dort das Prequel.

Review: Mustasch + Deville (22.10.2015, live in München)

An einem Donnerstag, nach 10 Stunden Uni, Arbeit und Schlafmangel bewegen mich wirklich sehr wenige Dinge aus dem Haus. Eine berechtigte Ausnahme kam am 22.10. in Form der schwedischen Rock/Metal-Combo „Mustasch“, die in ihrer Heimat unglaubliche Erfolge feiern, sich aber auch außerhalb der Grenzen eine treue Fan-Gemeinschaft erspielt haben.

© Fuchse Fotografie

© Fuchse Fotografie

Zunächst war ich recht verwundert über die recht wenigen Zuschauer, die zum Einlass da waren, da ich es gewohnt bin einen harten Kern an Fans anzutreffen, der sich um die Plätze in der ersten Reihe prügelt. Hier trudelten jedoch einzelne Grüppchen ein, die sich jedoch bei Beginn des Konzerts zu einer riesigen Masse zusammengefunden haben, um die Münchner Backstage Halle von vorne bis hinten auszufüllen.

Nun zum eigentlichen Geschehen. Natürlich ist das Quartett nicht alleine angereist, sondern hat sich einen Support aus Malmö in Form von „Deville“ eingepackt. Die Jungs machten mit ihrem an „Godsized“ erinnernden Stoner Rock einen echt guten Job als Anheizer. Während bei den ersten Tracks nur vereinzelt zustimmendes Nicken im Publikum zu verorten war, gingen die Leute gen Ende richtig steil und ließen die Matten kreisen. So schön aufgewärmt, waren die Fans perfekt auf einen bierseligen Abend mit den Mannen um Ralf Gyllenhammar vorbereitet. Mit dem neuen Album „Testosterone“ in der Hinterhand, ließen „Mustasch“ es sich natürlich nicht nehmen, ihre Setlist mit der Auskopplung „Breaking Up With Disaster“ einzuleiten.

© Fuchse Fotografie

© Fuchse Fotografie

Weiter ging es mit treibenden Nummern wie „Down In Black“ oder „Heresy Blasphemy“, die von Verschnaufpausen in Form ruhigerer Songs wie „Deep In The Woods“ durchzogen wurden und damit einer eventuellen Eintönigkeit entgegenwirkten. Dazwischen agierte die Band so nah an den Fans, dass man meinen könnte ein paar gute Freunde auf der Bühne spielen zu sehen. Ein immer wieder ausgestoßenes Prost und eine wandernde Whisky-Pulle taten ihr übriges um die Stimmung während und um Songs wie „Speed Metal“, „Thank You For The Demon“ und „Borderline“ zum überkochen zu bringen. Als Sahnehäubchen enterten auch noch „Deville“ nur in Unterhosen bekleidet die Bühne, um mit ihren Kollegen ein paar Schnäpse zu kippen. Bei der tollen Atmosphäre und den motivierten Musikern war es schlußendlich auch kein Wunder als man nach dem bunten Strauß an alten und neuen Hits eine Zugabe mit „Tara’s Song“ und „Parasite“ zum besten gab und ein zufriedenes München zurück ließ, welches sicherlich kaum die nächste Tournee erwarten kann.

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Mehr Fotos vom Konzert findet ihr hier bei „Fuchse Fotografie„.

Setlist

  1. Breaking Up With Disaster
  2. Down In Black
  3. Heresy Blasphemy
  4. Mine
  5. Black City
  6. Testosterone
  7. Deep In The Woods
  8. Bring Me Everyone
  9. Drum Solo
  10. Speed Metal
  11. Thank You for the Demon
  12. I Hunt Alone
  13. Down to Earth
  14. Borderline
  15. Homophobic/Alcoholic
  16. Be Like a Man
  17. Double Nature

Zugabe

  1. Yara’s Song
  2. Parasite